Selbstmord und Mord in neureligiösen Gruppen
Prof. Zinser: Bundestag soll Gesetz zur Regelung gewerblicher Lebenshilfe unverzüglich verabschieden
An den 20. Jahrestag der Selbstverbrennung von Erika Ruppert und Helmut Kleinknecht, zweier deutscher Mitglieder der Ananda-Marga-Gurubewegung, am 8. Februar 1978 vor der Gedächtniskirche in Berlin erinnerte der Religionswissenschaftler Prof. Dr. Hartmut Zinser bei einem Vortrag in der Berliner Urania.
Vor dem überfüllten Auditorium stellte Prof. Zinser fest, in den letzten zwanzig Jahren hätten "immer neue religiöse Gruppen zu spektakulären Selbstmord- und Mordaktionen" aufgerufen. Gewalt nach innen oder außen sei keine Zufälligkeit, sondern bei einigen Gruppen Programm. Ananda Marga, Heavens Gate, Sonnentempler und die von der Brahma-Kumaris-Lehre inspirierte Diplom-Psychologin Fittkau-Garthe mit ihrer Teneriffagruppe zeigten, daß überall da, wo religiöse Selbstbestimmung zugunsten eines totalitären Konzepts aufgegeben wird, "Wahn, Verzweiflung und Katastrophensehnsucht" regieren.
Zinser, der auch Mitglied der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zu sogenannten Sekten und Psychogruppen ist, stellte fest, es handele sich weniger um ein quantitatives Problem - immerhin "muß man von einer Zahl von mehr als 800.000 Betroffenen ausgehen" - als vielmehr ein "qualitatives Problem unserer Gesellschaft".
Zinser setzte sich auf Grund bisheriger Erfahrungen und aktueller Entwicklungen für das vom Bundesrat beschlossene "Gesetz zur Regelung der gewerblichen Lebenshilfe" ein. Angesichts der Vorfälle um die als "Lebenshelferin" wirkende Diplom-Psychologin Fittkau-Garthe verdiene das Gesetz keinen Aufschub. Es sei unverständlich, warum der Bundestag die praktikablen gesetzliche Regelungen nicht umgehend umsetze. "Nur ein solches Gesetz kann Betroffene vor unseriösen Anbietern und problematischen gewerblichen Lebenshelfern schützen."
Zinser sprach auf gemeinsame Einladung der URANIA und des DIALOG ZENTRUM BERLIN, das sich am Montag, 9. Februar 1998 in der Urania konstituiert hat.
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