Clearwater Picket Tag 2

Um 9:30 haben wir das Hotel verlassen, um uns auf den Weg zum Ft. Harrison zu machen. Komischerweise schienen uns in diesem Jahr keine PI's zu folgen, oder sie waren bedeutend besser getarnt als im letzten Jahr.....

Am Tag zuvor hatten wir uns neue Picket Zeichen gemacht. In Anbetracht dessen, was ich - nicht zum ersten Mal - in den letzten Monaten erlebte, liess ich von einer begnadeten Graphikerin aus Oesterreich :-) ein Schild mit dem Text "Scientology policies break up families" schreiben. An diesem Tag war das Schild aber leider unauffindbar. Beim LMT sagt man, es wäre im Van, am Van sagte man uns, es wäre beim Trust. Schade, aber eigentlich kein Problem. Denn auf der Rückseite des FH hatte Frank im Van eine Werkstatt für Picket Signs eingerichtet. Er stellte nach Belieben vorgefertigte Zeichen zusammen. Vor ein paar Monaten hatte ich die Idee, Zeichen in Form und Farbe eines Stop-Zeichens zu machen, und Rod hat die möglichen Texte dazu geliefert. Frank hatte dann die Ausführung übernommen. Sie sind wirklich gut gelungen und teils auf der Seite <http://www.parishioner.org/picket/> zu bewundern. Frank hatte auch andere Zeichen vorbereitet, unter anderem einen Kopf von DM, den Arnie auf einen langen Stock trug, und auch ein Photo vom DM in Lebensgrösse, - der mir knapp bis an die Schulter reichte :-))))).

In der gerichtlichen Verfügung war erlaubt worden, direkt gegenüber des FH auf der Seite des Super-Power-Buildings zu demonstrieren (tatsächlich ist es seit dem letzten Jahr ein wenig gewachsen....). Der Bürgersteig dort hatte immer noch den Tunnel vom letzten Jahr, aber er war nicht mehr mit grünem Tuch bedeckt. Vor dem Tunnel zur Strasse hin war der grösste Bereich zementiert, aber es gab auch Flecken mit Gras. Diese gehörten nach Ansicht einiger Polizisten unterschiedlichen legalen Kategorien an. So gab es Gras, das man nicht betreten durfte, und Grünflächen, die freigegeben waren. So wurde immer ein Picketer vor dem "illegalen" Grans postiert, um uns rechtzeitig zu warnen.... - nun gut, Schwamm drüber.....

Der uns zur Verfügung stehende Raum wurde manchmal etwas knapp, da man ja nicht stehenbleiben durfte und sich etwa 50 Picketer ständig entgegenkamen und manchmal mit den Schildern kollidierten. Deshalb beschloss ich vorübergehend die Seiten zu wechseln und pendelte zwischen der Presbytarian Church und dem Clearwater Bank Building hin und her. Dabei geriet ich fast in eine Festnahme, bei der mehrere Polizisten einen jungen Mann aus dem Auto zerrten und abführten. Wie sich herausstellte, hatte dies gar nichts mit unserem Aufmarsch zu tun. Jemand anderes, der bei der Polizei nachfragte, erhielt die Auskunft, dass das Auto als gestohlen gemeldet war. Trotzdem hielt ich es danach für besser, mich nicht so weit von den anderen Picketern zu entfernen; man weiss ja nie......

Kurz darauf gab es noch eine zweite Festnahme. Ein junger Typ ging am Haupteingang des FH vorbei und schimpfte "fuck you" und so etwas wie "you don't believe in christmas, you don't believe in God". Er wurde schnell von einigen Polizisten überwältig, an die Wand gestellt und ebenfalls in Handschellen abgeführt. Gleich danach kam ein Polizist auf "unsere" Seite und drohte einem Picketer ebenfalls mit Festnahme, da er sich angeblich mit Rufen in die Festnahme eingemischt habe. Aber weitere Massnahmen haben sie nicht ergriffen, da der festgenommene Mann bei ihnen bereits bekannt war und sie wussten, dass er nicht zu "uns" gehörte.

Am Ende des Tunnels hatte Grady Ward sich mit einem portablen Stereogerät postiert und spielte Songs wie "We will, we will rock you". Daraufhin formierte sich vor ihm rasch eine Girly Dance Group :-)) mit teils wechselnder Besetzung und schwenkten Körper und Schilder im Takt dazu. Fun!!!!!!

Während wir auf und ab gingen, versuchten wir auch in den Fenstern des FH etwas zu erkennen. Ziemlich in der Mitte des Gebäudes etwa im 4. oder 5. Stockwerk sass ein Mädchen mit einem Buch in der Hand im Fenster und schaute auf uns hinunter. Ich schätze sie auf ungefähr 12 Jahre. Wir winkten hinauf, einige warfen eine Kusshand in ihre Richtung - und sie winkte zurueck. Ich konnte es kaum glauben! Das ging so für eine längere Zeit, dann war sie verschwunden. Ich hatte eine furchtbar schlechtes Gewissen danach, denn natürlich haben die Scientologen auch gesehen, in welche Richtung wir schauten und winkten. Ich befürchtet, sie hätte Ärger bekommen. Aber nach einer Weile erschien sie wieder und hatte ein anderes Mädchen mitgebracht. Gott, war ich erleichtert....

Tory Bezazian trug während der ganzen Demo rote Teufelshörnchen und hatte sich wie Arnie und andere aus Pappe eine Art Megaphon gebastelt. Damit tönten ihre Parolen um so besser :-))

Es waren mehrere TV/Stationen und Zeitungsreporter da, und es gab die üblichen Interviews. Zum Lunch gingen wir abwechselnd in kleineren Gruppen zu "Emilie's". Der Athenian Salad dort ist einfach köstlich und immer für eine Empfehlung gut.

Nach dem Picketing fuhren wir ins Hotel zurück, um uns für die Kerzenlicht-Andacht umzuziehen. Rod Keller und ich hatten in diesem Jahr den Kranz, der eigentlich ein Blumengebinde war, gesponsort, und wir mussten ihn noch abholen. Da Jeffs Auto relativ klein ist und das Gebinde fest auf einem Gestell befestigt war, waren wir zunächst etwas ratlos, wie wir es transportieren sollten. Schliesslich quetschten wir es zu Rod auf den Vordersitz, der dann den Rest der Fahrt mit Blumen im Gesicht verbringen musste. Wie gut, dass er nicht Heuschnupfen hat :-))))

Bei der Kerzenlicht-Andacht waren wie in jedem Jahr auch die Angehörigen von Lisa dabei. Vor der Presbytarian Church haben wir uns versammelt und nach einer kurzen Einführung von Gregg Hagglund unsere Kerzen angezündet. Stacy war dafür vorgesehen, die Blumen zu tragen, aber sie war von ihrer Operation noch sehr geschwächt, und so stand als Alternative Ilse bereit, um das Amt zu übernehmen (Danke, Ilse). Schliesslich jedoch hat Stacy dennoch die Blumen getragen und wurde dabei von Dell Liebreich, Lisa's Tante, unterstützt.

Die Prozession ging zur Rückseite des FH, wo das Gebinde nahe Lisa's Zimmer abgestellt wurde. Gregg sprach ein Gebet, eine Kurzform Thomas Gandows Fassung, dann gingen wir an dem Kranz vorbei, löschten dabei unsere Kerzen und legten sie dort ab. Viele hatten Tränen in den Augen. Ich sah zu Sally und Ed Lottik, die ihren Sohn durch Scientology verloren hatten, und fragte mich, wie die beiden sich wohl jetzt fühlen mögen. Wir machten all dies zwar in Lisa's Namen, aber tatsächlich standen wir dort für alle Opfer, für all das Leid, dass unzähligen Mitgliedern und Familien zugefügt wurde. Ich ging hinüber zu Sally und umarmte sie.

Während dieser Andacht standen zwei OSA(?)-Leute keine fünf Meter von uns entfernt und filmten uns die gesamte Zeit. Gregg (nicht nur er) war deswegen ziemlich aufgebracht und rief ihnen zu, dass dieses Verhalten grausam und pietätlos ist, und ich gebe ihm Recht. Genau in diesem Augenblick war klar und kompromisslos das wahre Gesicht Scientologys zu sehen. Lisa's Onkel, der an diesem Tag Geburtstag hatte, wurde von ganz nah gefilmt, als er mit einem Polizisten sprach. Er schaute direkt in die Kamera und sagte "I love you too". Viel deutlicher kann man den Unterschied zwischen Scientology und deren Gegnern nicht demonstrieren....

Nach der Andacht hatten wir alle zusammen ein wunderbares Dinner bei Ottavio's und fuhren später zum Hotel zurück. Eigentlich wollten wir in der Bar dort noch etwas zu uns nehmen, aber die hatte bereits geschlossen. So machten sich ca. 15 von uns noch auf, um in der nahegelegenen Kneipe einen Nachttrunk zu nehmen. Es blieb nicht ganz bei einem, aber nicht zu spät für eine ausreichende Nachtruhe kehrten wir ins Hotel zurück. Schliesslich wartete eine neuer Picket-Tag auf uns.

Fortsetzung folgt....

Andrea