Sonntag, 3. Dezember 2000

Guter Tag in Clearwater

Jeff Jacobsen

Wir führten gestern von 10 Uhr bis 15 Uhr vor dem Super Power Bau gegenüber dem Ft. Harrison Hotel eine friedliche Demonstration durch. Um sicher zu gehen hielten sich die meisten, wenn nicht alle Demonstranten an die gegen den LMT erlassene gerichtliche Verfügung. Es ergaben sich keine wirklichen Probleme, ausgenommen dass uns die Polizei erst nicht den Raum zwischen dem Strassenrand und dem Fussgängertunnel der Baustelle, der den Rest des Gehwegs belegt, benutzen lassen wollte. Nach einigen Erörterungen und einem Telefonanruf durch Lt. Hall wurde uns erlaubt, diesen Gehweg zu benutzen, nicht jedoch den südlichen Rasenstreifen. Deshalb postierten sich Arnie und ich vor dem Rasen um sicherzustellen, dass hier niemand demonstrierte. Ich schätze die Zahl der anwesenden Demonstrierenden auf etwa 40 Leute. Der Einsatz von 5 Anwälten durch Scientology, die uns vor dem Betreten der Höfe abzuhalten sollten, schlug deshalb fehl. Scientology versucht jedes Jahr etwas Neues um unseren Protest zu stoppen, jedes Jahr scheiterten sie damit.

Gestern Abend hielten wir mit Kerzenlicht die Gedenkwache für Lisa McPherson. Etwa 50 Leute zündeten Kerzen an und nahmen am für diesen Anlass verfassten Gebet teil, hörten dem Dudelsackpfeifer zu und marschierten dann langsam zur Rückseite des Ft. Harrison Hotels, angeführt durch Stacy Brooks mit einem Kranz. Stacy legte den Kranz nahe dem Raum 174 nieder, wo Lisa McPherson festgehalten wurde. Alle Teilnehmer gingen dann in Einerkolonne am Kranz vorbei, wo sie ihre Kerzen ausbliesen und neben diesem niederlegten. Gregg sprach noch einige Worte, der Dudelsackpfeifer spielte eine letzte Melodie, so beendeten wir den Anlass. Einige TV Sender interviewten unmittelbar darnach Lisas Familie, dann gingen wir weg zu einem grossen Abendessen.

Es war ein Ehrentag.

"The idea that one can 'push' Scientology and get no penalty is a false one." Russell Shaw Jeff Jacobsen

"To punish to the fullest extent of my power anyone misusing or degrading Scientology to harmful ends" (The original Code of a Scientologist)


Picket-Report Tag 1

Mit meiner Anreise nach Clearwater will ich hier niemanden langweilen und nur eine Begebenheit erwähnen. Beim Anflug auf London musste der Pilot eine weite Schleife fliegen und dabei East Grinstead überqueren. St. Hill sieht von oben betrachtet wunderbar aus, aber, naja, es ist eine alte Weisheit, dass der erste Schein oft trügt…..

Mein Flugzeug landete nach Mitternacht in Tampa. Von PIs keine Spur, sie schonten sich wahrscheinlich für die kommenden Tage…. D.W. hatte den Shuttle-Dienst übernommen und brachte mich zum Hotel, wo ich todmüde ins Bett fiel.

Am Frühstückstisch gab es dann ein herzliches Wiedersehen mit ein paar Leuten vom letzten Jahr, auch einige neue Gesichter waren dabei. Ich hatte mir eine neue Mütze anfertigen lassen, auf der in gelber Schrift "XENU-CITY" prangt.

Anschliessend hat Jeff Jacobsen einen Van angemietet und mir seinen Privatwagen überlassen, so dass wir alle Picketer relativ komfortabel zwischen Hotel und Fort Harrison transportieren konnten. Andere hatten ebenfalls Wagen angemietet. Jeff's Auto wurde schnell zu überwiegend deutsch-österreichischem vorläufigen Eigentum erklärt :-)). Sein Nummernschild ist übrigens "NO RPF".

Gegen Mittag machten wir uns auf zum LMT, um uns mit Picketschildern auszustatten. Gegenüber dem LMT befindet sich eine mehrstöckige Parkgarage, die sich nicht nur hervorragend eignet um ein Auto unterzustellen, sondern auch den von Scientology engagierten Privatdetektiven einen willkommenen schattigen Unterschlupf bietet, während sie die Eingangstür des LMT im Auge und in der Linse behalten. So waren wir darauf vorbereitet, dort auch jemanden vorzufinden, als wir in die Garage fuhren. Tatsächlich stand dort ein Mann, mit dem Rücken zu uns; er sprang aber schnell in sein Auto, als er uns bemerkte. Nicht schnell genug, denn speedy Tilman gelang es, zwei Fotos von ihm in seinem Auto zu schiessen. Der Mann kurbelte das Fenster herunter und sagte irgendetwas von "Service", bevor er davonbrauste. Häh?

Drei Sekunden später öffnete sich die Tür zum Treppenhaus und drei Leute kamen auf uns zugestürmt. Zwei von ihnen, ein Stallone-Typ und eine ziemlich ungepflegte Frau in einem roten Pullover hatten einen Haufen Papier in der Hand, während der dritte, ein fetter Mann, die Szene auf Video festhielt. Die beiden versuchten uns, einen Packen Papier in die Hand zu drücken, während sie lauthals etwas von einer "injunction" riefen. Gemeint war die gerichtliche Verfügung, die sie am Tag zuvor erreicht haben. Darin wurden namentlich einige Mitarbeiter des Trusts und einige andere Personen erwähnt und mit einer Verfügung belegt, dass sie 10 Fuss Abstand zu allen Scientologen und allen Eingängen zu deren Gebäuden einhalten mussten. Ausserdem enthält die Verfügung Zeichnungen, aus denen hervorgeht, in welchen Bereich sie nicht demonstrieren dürfen. Komischerweise gilt diese Verfügung nicht nur für die benannten Leute, sonder für alle Personen "in concert", also die dies gemeinsam mit ihnen tun. Das war der Grund, warum man versuchte, uns diese Verfügung zu überstellen. In dem Moment, in dem wir sie annehmen, hätten wir sie akzeptiert und uns auch danach richten müssen.

Leider waren wir alle der englischen Sprache nicht mächtig und wussten ühhhhhhhberhaupt nicht, worum es da ging….. Weil sie uns absolut nicht dazu bringen konnten, die Papiere in die Hand zu nehmen, schmissen sie uns diese schliesslich vor die Füsse mit den Worten "now you are served", was Tilman zu der trockenen Bemerkung veranlasste "hey, you are littering..." Wir liessen die Papiere auf dem Boden liegen und gingen hinüber in den Trust. Dort besorgten wir uns Schilder bzw. malten neue und starteten zum ersten Trainingspicket.

Weit kamen wir nicht, nur einmal gerade um die Ecke. Vor dem Bank-Gebäude der $C wurden wir, als wir an der Ampel die Strasse überqueren wollten, von einem Polizisten aufgehalten. Freundlich bat er uns zu warten, weil sein Vorgesetzter gerufen wurde, um einige Dinge abzuklären. Wahrscheinlich hatten sich augenblicklich Scientologen über uns beschwert. Ich weiss nicht, ob er so freundlich geblieben wäre, wenn wir einfach weitergegangen wären, aber wir waren so nett und blieben an der Ecke mit ihm stehen. Da uns die rechtliche Situation in diesem Moment nicht ganz klar war und wir keinen unnötigen Aerger riskieren wollten, haben wir unsere Picketschilder auf dem Boden abgestellt. Als der Polizist das sah, kam er auf mich zu und sagt leise, oh, wir dürften ruhig die Schilder hochhalten, dagegen wäre gaaaar nichts einzuwenden. Naja, das taten wir dann auch…. :-))))) Der Vorgesetzte kam nach 10 Minuten angeradelt, deutete auf sein Exemplar der Verfügung und erklärte geduldig seinen Kollege, wie er die Rechtslage sah. Daraufhin kam der erste Polizist zu uns zurück und gab uns den Weg frei mit den Worten "everything is ok. You can go wherever you want".

Das Picketing selbst fand ohne grosse Aufregung statt. Die Einwohner zeigten uns ihre Zustimmung mit Hupen und hochgehaltenen Daumen oder hielten an und riefen uns Ermunterungen zu.

Nach etwas mehr als einer Stunde machten wir uns auf zu "Schlotzky's" und nahmen ein delikates Sandwichmahl ein. Danach mussten wir Europäer erst einmal eine Ruhepause einlegen, weil der Jetlag einem noch in den Knochen steckt. Abends gab es ein gemeinsames Barbeque- Essen. Ungefähr 45 Picketer kamen, und auch Lisas Familie war dabei . Das Essen war Klasse und wir liessen einen gelungenen Tag an der Hotelbar ausklingen.

Während ich diesen Report schreibe sitze ich gerade im Trust und blockiere einen Mitarbeitercomputer. Deshalb (und weil jede Minute verschwendet ist, die nicht zum Enturbulieren verwendet wird) werde ich erst bei nächster Gelegenheit mit dem zweiten Tag weitermachen (können). Es gibt noch ein paar nette Dinge zu berichten, aber sorry, erst später... Auch für Schreibfehler bitte ich um Entschuldigung: die amerikanische Tastatur macht mich echt waaahnsinnig…..

Viele Grüsse

Andrea