Tagebuch der Belästigungen

Paulette Cooper (1982)

Teil 2: Wie ich hineingezogen wurde
Die Anmerkungen der Bearbeitung von 1997 sind in [eckige Klammern] gesetzt.

Im Sommer 1968 versuchte ein ehemaliger Freund, der nach meiner Trennung von ihm Scientologe wurde, mich zum Beitritt zu bewegen. Ich besuchte einen Wochenendkurs und entschied, die Sache weiter zu untersuchen. Ich hatte mich zu diesem Zeitpunkt bereits als eine mutige Schriftstellerin etabliert indem ich mich erfolgreich während einer Woche als blinder Passagier auf einem Ozeandampfer versteckte. Aber ich hatte keine Ahnung auf was ich mich da einliess. Die meisten Leute hatten Angst mit mir darüber zu reden, einige erzählten von Todesdrohungen, Belästigungen usw., und schriftliche Unterlagen waren aus den Bibliotheken vollständig verschwunden. Schliesslich fand ich einige Informationen in Gerichtsfällen und an einem Staatsgericht[*], im Dezember 1969 publizierte ich in England meinen ersten Artikel über Scientology. Und im gleichen Monat erhielt ich auch meine erste Todesdrohung.

Während dem ich 1969/70 "The Scandal of Scientology" schrieb wusste ich, dass ich damit später Probleme bekommen würde. (1) Scientology bot mir auch an, mir das Schreiben eines anderen Buches zu ermöglichen, das viel Geld einbringen könnte, falls ich auf dieses verzichten würde; mit anderen Worten versuchten sie, mich zu kaufen. Aber ich wusste, dass alles was ich in dem Buch mitteilte richtig war -- und immer noch ist -- und dass sie im Zugszwang waren um nicht blossgestellt zu werden. Ich ahnte auch, dass sie eine naziähnliche Organisation waren, und ich überlegte, wenn mehr Leute in den 30ern in Deutschland ihre Meinung geäussert hätten, dann wären meine Eltern und Millionen von anderen sicher am Leben geblieben. Aber trotz diesem nach aussen mutigen Auftreten wurde ich 1970 und 1971 schon etwas beängstigt und besorgt, da doch schon einige Belästigungen erfolgten (Verfolgung, Telefonanrufe, Bespitzelung durch Scientology, verleumderische Erklärungen, vier leichtfertige Klagen usw.). Als ich 1972 die Überreste einer Telefonabhöreinrichtung fand, verklagte ich sie in New York -- in der falschen Annahme, dass sie mich dann in Ruhe lassen würden.

Wahrscheinlich wäre ich nach dem Erscheinen meines Buches zu anderen Dingen übergegangen (besonders seit alle vier unter meinem Namen publizierten Bücher innerhalb einem oder zwei Jahren an Interesse verloren), aber ich bekam bald Telefonanrufe und Briefe von Leuten die dringend Hilfe benötigten und die als ehemalige Mitglieder, ihre Familien oder Kritiker durch diesen Kult total zerstört wurden. Ich versuchte ihnen zu helfen -- es gab damals niemand ausser Nan McClean in Kanada, die dadurch zu meiner engen Freundin und Beraterin wurde, aber sie äusserte ihre Meinung bis 1973 nicht öffentlich. Ich versuchte auch mit der Presse und verschiedenen Agenturen zu arbeiten, indem ich ihnen zu Informationen über Scientology verhalf.

Es war im Sommer 1972 -- einige Monate nach meiner Klage gegen sie -- als sie das erste Mal entschieden mich fälschlich zu bezichtigen. (Ich erkannte dies Jahre später aus ihren eigenen Papieren, die 1977 vom FBI beschlagnahmt wurden und die von nun an als 'Washingtoner Dokumente' erwähnt werden). Ihr Ziel war die Zerstörung meiner Glaubwürdigweit durch den Versuch mich zu institutionalisieren (was sie damit zu erreichen hofften, mich entweder als geisteskrank erscheinen zu lassen oder später als sich 1976 jemand für mich ausgab und sich öffentlich als geisteskrank in Szene setzte), oder mich einsperren zu lassen, was offenbar auch meine Glaubwürdigkeit zerstören und meine Aktivitäten einschränken sollte.

Im Sommer 1972 musste ich einen Tumor operieren lassen und war ernsthaft krank. Ich war den ganzen Sommer zur Erholung bei meinen Eltern, wurde jedoch ständig durch Schmerzen von der Operation her geplagt. Zum Teil wurde ich davon etwas abgelenkt durch die Ankunft von L. Ron Hubbard jun., bekannt als 'Nibs', dem Sohn des Gründers von Scientology. Nibs hatte sich gegen seinen Vater gewandt, sagte bei Gerichtsfällen gegen Scientology aus und ich schrieb als 'Ghostwriter' eine 50 seitige Darstellung für ihn (mit dem Titel "1 1/10 of 1%).[**]

(1) Ich erwartete vielleicht ein stürmisches Jahr, aber nicht unerträglich und nicht länger als das. Ich realisierte nur wenig auf was ich mich einliess -- oder sie mit mir!

***

[Fussnoten von 1997:]

[*] Es war die australische Untersuchung, der Anderson Report. Ich erhielt die erste Kopie davon in den Vereinigten Staaten.

[**] Dummerweise zahlte mir Nibs nie meinen Anteil aus, was der Beginn meiner lebenslänglichen Liebe für ihn bedeutete :-). Ich glaube, dass dieser von mir als 'Ghostwriter' verfasste Artikel ins Deutsche übersetzt wurde und in der Einleitung der deutschen Fassung des Buches von Bob Kaufman "Inside Scientology" erschien. Vieles oder alles davon erschien später in verschiedenen von Nibs geschriebenen Artikeln über seine früheren Jahre mit seinem Vater.