BERLINER DIALOG Heft 2-97

Direktmarketing fürs Paradies auf Erden

von Martin Schaarschmidt

Zeugen Jehovas wollen ihr Image aufpolieren -
als höfliche und freundliche Leute aus der Nachbarschaft

In den 50er und 60er Jahren gab es in Ostdeutschland noch Hausierer. Irgendwann blieben sie aus. Fortan waren Unbekannte an der Wohnungstür selten. Höchstens mal für eine Spendensammlung oder eine Unterschrift gegen die Neutronenbombe waren "gesellschaftliche Kräfte" in den Wohngebieten unterwegs. Oder es kamen Zeugen Jehovas.

Offiziell war die Endzeitgemeinschaft in der DDR verboten. Die Zeugen Jehovas arbeiteten mehr oder weniger im Verborgenen. Mit der Bibel in der Handtasche oder im Perlonbeutel kamen sie unauffällig ins Haus und wollten möglichst schnell in die Wohnung. Aus Vorsicht klingelten sie später nicht bei unmittelbaren Nachbarn, sondern gingen lieber um die nächste Häuserecke.

Seit der Wende können die Zeugen Jehovas in der Öffentlichkeit ohne Furcht präsent sein. Auf Ladenstraßen und an Bahnhöfen stehen stumme Statuen mit dem Zentralorgan "Wachtturm" vor der Brust. Aber auch mit Großveranstaltungen machen sie auf sich aufmerksam. Nach eigenen Angaben wurden im Dresdener Rudolf-Harbig-Stadion Ende Juni 1996 14.000 Zeugen gezählt. Inzwischen existieren in Sachsen 21 Versammlungsräume. Mehrere "Königreichsäle" - moderne, verklinkerte Flachbauten - wurden in Schnellbauweise von den Mitgliedern selbst errichtet.

Weltweiter Truppeneinsatz

Wenn Unbekannte vor der Wohnungstür stehen, dann können es durchaus Zeugen Jehovas sein. Mitte Oktober 1996 führte die religiöse Gemeinschaft eine Imagekampagne durch. Nach Mitteilung von Uwe Langhals vom Informationsdienst Sachsen-Ost der Zeugen wurden allein im Großraum Dresden 30.000 Exemplare einer Broschüre verteilt, mit der die Vorurteile gegenüber den "Bibelforschern" ausgeräumt werden sollen. Die Zeugen Jehovas stellen sich darin als höfliche und freundliche Leute aus der Nachbarschaft vor, die sich kaum vom Durchschnittsbürger unterscheiden.

Mancher macht allerdings andere Erfahrungen. Ein Familienvater berichtet: "Sie kommen immer wieder, sind penetrant. Ich habe ihnen schon oft gesagt, daß ich meine Ruhe haben will. Das nächste Mal hole ich die Polizei." Die wird sich allerdings nicht einmischen.

Uwe Langhals selbst entspricht so gar nicht dem herkömmlichen Bild eines Zeugen Jehovas. Er ist zurückhaltend, scheint um Toleranz bemüht, wirkt nicht agitierend. Sicher gebe es einige Zeugen, die ihren Einsatz übertreiben, gibt Langhals zu, schwächt aber gleich ab: Schließlich habe man den Menschen etwas Wichtiges zu sagen. Und in den Schulungen der Prediger würde stets darauf hingewiesen, die Gesprächspartner möglichst "taktvoll" anzusprechen.

Alle Feinde Gottes werden vernichtet

Hier und da hat der Sprachschatz von Langhals militärische Klänge. Angesichts der strikten Ablehnung des Wehrdienstes mag das verwundern, weist aber auf die strenge Organisationsstruktur der Zeugen: "Wir sind eine weltweit funktionierende Truppe." Das deutsche Zentrum liegt in Selters. ... (Anm. der Red.: Nicht dort, wo das Selters herkommt, aus Selters an der Lahn, sondern in Selters im Taunus).

Die fünf hauptberuflichen Sondervollzeitprediger im Raum Dresden kommen alle aus dem Westen. Die Sitten sind streng. Kein Gläubiger ist vom Predigerdienst ausgenommen. Methoden sind vor allem der Straßendienst und der Ansprechdienst. Im weltlichen Sprachgebrauch würde man dazu Direktmarketing sagen, eine bewährte Vertriebsstrategie, die - wie auch die Glaubensgesellschaft selbst - aus den USA stammt: Die Leute direkt ansprechen, auf der Straße oder in der Wohnung, sie mit den Lebensproblemen und dem bedauernswerten Zustand dieser Welt konfrontieren und ihnen die Möglichkeit der persönlichen Rettung durch die Zeugen Jehovas bieten.

Das System erinnert an einen Strukturvertrieb. Im Angebot sind "Überlebensversicherungen": Alle Freunde Gottes werden gerettet, alle Feinde vernichtet. Wer möchte schon vernichtet werden? Angesprochene beklagen, wie sie sich durch frontale Argumentation unter Druck fühlten.

Rasterfahndung nach neuen Seelen

Auch wenn sich Zeugen Jehovas moderat gebärden, bleibt die exklusive Grundhaltung. "Wir haben das Vorrecht, mit den Menschen über den wahren Gott zu sprechen", heißt es in einer aktuellen Selbstdarstellung. Sie nehmen die persönlichen Probleme, ängste und Enttäuschungen in dieser gottlosen Welt auf und bieten eine einfache, paradiesische Lösung: Noch zu unseren Lebzeiten wird Gottes Königreich alles Böse von der Erde beseitigen und die Menschen können als vereinte Familie unter gerechten Verhältnissen glücklich zusammen leben. "Seid bereit!" Das Ende der Welt ist nahe. Ein genauer Termin steht allerdings zur Zeit nicht fest.

Bevor die Prediger in die Öffentlichkeit geschickt werden, müssen sie mindestens 120 Kursstunden absolviert haben. In den Kursen werden sie unter Anleitung von sogenannten "Aufsehern" mit Rollenspielen und Elementen der Supervision fit gemacht. Vollzeitprediger durchlaufen die "Pionierdienstschule".

Die Ausbildung besteht nicht nur in der Analyse von Bibelstellen. In einem speziellen Ausbildungsprogramm, der Theokratischen Predigtdienstschule (vergleichbar einem Rhetorikkurs), trainieren die Zeugen zudem psychologische Gesprächsführung.

Der Erfolg der Zeugen Jehovas liegt u.a. in dem zentral durchorganisierten Management von der Watchtower Society in New York bis zur Ortsebene. Der Inhalt der vertriebenen Literatur wird überwacht von der leitenden Körperschaft und ist weltweit gleich, in allen Ländern werden - wöchentlich wechselnd - simultan dieselben Themen besprochen.

In jedem Land existieren Zweigbüros, die allen Versammlungen ein Teilgebiet zuteilen. Diese wiederum teilen das Gebiet in kleinere Bezirke auf. So hängt an der Pinwand im Königreichssaal auf dem Berganderring in Dresden-Reick ein Plan des Stadtteils mit dem Raster, wer für welche Straße verantwortlich ist. Damit wird eine flächendeckende Präsenz erreicht.

Gut vorbereitet an der Wohnungstür

Die Zeugen Jehovas notieren sich bei ihren Besuchen, wo niemand zu Hause war oder wo sie aus irgend einem anderen Grund "kein gründliches Zeugnis" geben konnten. Dort sprechen sie wieder vor, vermerken sich, wer Interesse gezeigt hat, um den Versuch zu wiederholen. "Am besten ist es, aus der Bibel des Wohnungsinhabers vorzulesen oder ihn vorlesen zu lassen und ihm zu zeigen, was drin steht", beschreibt Uwe Langhals die Besuchsregie. Was darauf hindeutet, daß besonders auch die Klientel der kleiner werdenden Großkirchen umworben werden.

Das bleibt nicht ohne Erfolg. Immerhin wächst die Anhängerschar, zwar nicht sensationell, aber doch stetig.

Angesichts von Unsicherheit, Arbeitslosigkeit und Vereinzelung ist die Aussicht auf das Paradies für manche ein problemlösendes Angebot. Zeugen Jehovas verzichten deshalb sogar auf Hochschulausbildung, enthalten sich politischen Engagements, ja gehen noch nicht einmal zu Wahlen. Sie werden allerdings auch niemals gegen eine bestehende Regierung rebellieren, verhalten sich politischen Themen gegenüber streng neutral und fügen sich den jeweiligen Machthabern.

Das Leben ist unübersichtlich geworden. Zeugen Jehovas bieten Orientierung. Mit der Analyse von 1100 Bibelstellen gibt es für jede Lebenslage eine Antwort. Die Botschaft ist leicht zu verstehen für die, die sich darauf einlassen. Wer die Bibel als Rezeptbuch nimmt, wer einmal diese Entscheidung getroffen hat, muß sich nicht ständig neu entscheiden zwischen verschiedenen Varianten. Es gibt nur eine.

Vor der Versammlung im Königreichsaal begrüßen sich die Gläubigen herzlich. Es geht keinesfalls sauertöpfisch zu. Die persönliche Verbundenheit mag auf viele anziehend wirken. Auch durch praktische Hilfen im Alltag unterstützen sich die Gläubigen. Voraussetzung, um dazuzugehören, ist jedoch die kritiklose Übernahme der vorgegebenen Lehre.

Durch die Schulungen und den Besuchsdienst hat jeder eine Aufgabe. Auch zuvor am Rande Stehende erlangen wieder Bedeutung, sind herausgefordert, niemand in der Versammlung bleibt anonym. Wer sich an die Regeln hält, wird sich auch nicht an der strengen Führung stoßen. Schließlich sind die Anhänger hier, weil sie eine Autorität suchen, die ihnen genau sagt, was richtig und falsch ist.
Und die anderen? Sie werden von den Ältesten "zurechtgewiesen und in Zucht genommen", so der Sprachgebrauch der Zeugen.

Insider: Gruppendruck und Kontaktverbot

Äußerungen von Aussteigern bringen die Zeugen Jehovas allerdings regelmäßig ins Zwielicht. Berichtet wird von starkem Gruppendruck, einem Kontrollsystem, das bis zum Spitzelwesen reicht, Disziplinierung, Eingriffen ins Privatleben besonders bei der Erziehung der Kinder, Blockierung der Bildungschancen. Es bestehe die Verpflichtung zum "Jünger" machen an Haustüren und zu finanziellen Spenden.

Durch das Kontaktverbot mit Abtrünnigen sei der Ausstieg extrem erschwert. Denn während der Mitgliedschaft breche die Verbindung zur Außenwelt ab und es entstehe meist völlige Abhängigkeit. Außerdem wird der Religionsgesellschaft vorgeworfen, einen weitverzweigten Profitbetrieb mit umsatzstarken Verlags-, Immobilien- und Finanzgeschäften zu unterhalten, der sich insbesondere aus der unterbezahlten Arbeitskraft der Mitglieder finanziert.

17 Stunden pro Woche im Dienst

Für Langhals stammt die Kritik vor allem von religiösen Konkurrenten und von Leuten, die wegen krimineller Delikte ausgeschlossen wurden und der Gemeinschaft jetzt Böses wollen. Er hebt dagegen den freiwilligen Einsatz seiner Schäfchen trotz aller Schmähungen hervor. Im Durchschnitt 17,5 Stunden pro Woche würden sie für ihre religiösen Tätigkeiten aufwenden. "Materielle Werte bedeuten uns nichts. Wir sind ordentlich, gastfreundlich, üben uns in bescheidener Lebensweise, rauchen nicht und fahren nicht aggressiv Auto."

Allerdings: Ein nichtrauchender, defensiver Autofahrer muß nicht zwangsläufig Zeuge Jehovas werden.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Sächsischen Zeitung Leipzig.
Wir danken für die Abdruckerlaubnis.