Tages-Anzeiger
Ausgabe vom 10.07.96

VPM: Beim Prozessieren Geld verloren

Zahlreiche Rechtshändel haben den Psychoverein ein Vermögen gekostet

Das Vermögen des VPM ist innert vier Jahren restlos weggeschmolzen. Die vielen Prozesse dürften einen Grossteil der einst 1,5 Millionen Franken verschlungen haben. In jüngster Zeit ging der VPM reihenweise Vergleiche ein. Vermögend ist hingegen die fachliche Leiterin.

VON HUGO STAMM

Der Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis (VPM) war 1989 noch eine reiche Gruppe. Damals wies er ein Vermögen von rund 1,5 Millionen Franken und ein versteuertes Einkommen von über einer halben Million Franken aus. 1992 und 1994 sackte das Vermögen je um eine halbe Million ab, im vergangenen Jahr schmolz es restlos dahin. Das versteuerte Einkommen des VPM schrumpfte von einst 750 000 Franken auf Null.

Auch Stiftungsvermögen schrumpft

Eine ähnliche Entwicklung zeigt auch das Vermögen der Stiftung der Psychologischen Lehr- und Beratungsstelle (PLB), die von Friedrich Liebling gegründet worden war. Liebling hatte die Zürcher Schule aufgebaut, aus der 1986 der VPM hervorgegangen ist. Die Stiftung arbeitet mit dem VPM zusammen: Sie wird teilweise von VPM-Anhängern geleitet und vermietet dem VPM Räume und Häuser. Das Vermögen der Stiftung reduzierte sich von 1993 bis 1995 von 4,8 auf 3,5 Millionen Franken.

Um die notleidende Kasse wieder zu füttern, wollen VPM-Anhänger selbstgebastelte Spielwaren verkaufen. Im neuen Zentrum Hard im Vorarlberg organisieren VPM-Anhänger auch Näh- und Bastelkurse für die Bevölkerung.

Leiterin ist gut gebettet

Mehr finanziellen Erfolg als ihr Verein hatte in den vergangenen Jahren die fachliche Leiterin des VPM, Annemarie Buchholz-Kaiser. Die öffentlichkeitsscheue Frau des Psychovereins versteuerte in den letzten vier Jahren zusammen mit ihrem Ehemann ein Einkommen von 300 000 bis 500 000 Franken. 1990 wies das Ehepaar noch kein Vermögen auf, im vergangenen Jahr versteuerte es bereits 1,1 Millionen Franken.

Der VPM ist nicht bereit, sich in die Karten schauen zu lassen. Auch wenn der Verein kategorisch abstreitet, in finanzielle Nöte geraten zu sein, lässt sich an einer Hand abzählen, wohin ein beträchtlicher Teil des Vermögens und Einkommens geflossen sein muss: Der VPM und seine Anhänger haben in den letzten Jahren mehrere hundert Prozesse, Strafanzeigen, Beschwerden und andere Rechtshändel angezettelt. Darunter befinden sich zivilrechtliche Monsterverfahren mit Klageschriften von mehreren hundert Seiten. Manchmal schleppten die VPM-Anwälte die Unterlagen gleich in zahlreichen Bananenschachteln an.

1800 Zeugen benannt

Im Prozess gegen die Aufklärungsorganisation Psychostroika beispielsweise lieferte der VPM dem Bezirksgericht Zürich eine Zeugenliste mit rund 1800 Namen. Es wäre wohl eine beispiellose Aktion geworden, wenn der Kläger so viele Personen zur Untermauerung des Gegenbeweises hätte aufbieten wollen. Hätte das Gericht alle Zeugen akzeptiert und einvernommen, wäre es monatelang beschäftigt gewesen.

Kostspielig wurden die Prozesse vor allem auch, weil der VPM bis vor kurzem die meisten Verfahren bis zu den höchsten Instanzen weitergezogen hat. Bei umfangreichen Zivilklagen steigen die Kosten rasch auf sechsstellige Frankenbeträge an, zumal der VPM häufig unterlag und meist den Grossteil der Gerichtskosten übernehmen muss. Die rechtlichen Auseinandersetzungen im Umfeld des VPM dürften inzwischen Kosten in Millionenhöhe verursacht haben. Da zahlreiche Verfahren noch nicht entschieden sind, musste der VPM mit weiteren Ausgaben rechnen. Diese ungünstige Finanzperspektive dürfte mit ein Grund sein, weshalb der VPM und seine Anhänger zunehmend Vergleiche eingehen.

Eine auf Rechtshändel mit dem VPM spezialisierte Anwältin rät ihren Klienten in der Regel, solche Vergleiche zu schliessen. "Die Zivilrechtsklagen des VPM sind meist sehr umfangreich und entsprechend aufwendig. Meist dauert es viele Jahre, bis die Verfahren alle Instanzen durchlaufen haben", erklärt sie. Für Beklagte sei der Arbeitsaufwand bei Zivilprozessen sehr gross. Auch das finanzielle Risiko sei hoch, selbst wenn die Beklagten gewinnen sollten. Die Kostengutsprache des Gerichts decke die effektiven Aufwendungen bei solchen Verfahren nicht. Bis das Urteil endlich rechtskräftig sei, interessiere sich kaum mehr jemand für den Fall.

Was heisst "Vergleich"?

Der VPM wertet Vergleiche gern als Sieg. Die spezialisierte Rechtsanwältin kommt zu einem anderen Schluss: "Wenn die Beklagten im Vergleich keine inhaltlichen Eingeständnisse machen oder Behauptungen zurücknehmen müssen, gibt es weder Sieger noch Verlierer", sagt sie. Vergleiche seien unpräjudiziell, also ohne Bedeutung für die Beurteilung eines späteren Sachverhalts. "Wieso hat der VPM überhaupt geklagt", fragt sie,"wenn er dann doch einen Vergleich eingeht? Ohne Urteil ist die Prozessiererei für ihn nutzlos."


Ausgabe vom 15.07.96

VPM-Präsident ausgebootet

Spannungen im Vorstand des Psychovereins

Ralph Kaiser, der langjährige Präsident des VPM, ist offensichtlich nach internen Auseinandersetzungen in die Wüste geschickt worden. Der Psychiater Florian Ricklin übernimmt sein Amt.

VON HUGO STAMM

Der Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis (VPM) macht um die Ablösung von Ralph Kaiser als Präsident eine Geheimniskrämerei. Obwohl der Rücktritt schon vor zwei Monaten erfolgt ist, tut sich das VPM-Kader auch heute noch schwer, über die Mutation im Vorstand zu informieren.

Rücktritt wird vertuscht

Eine entsprechende Anfrage des TA vom vergangenen Freitagmorgen wurde nicht beantwortet. Dafür ergriff der Psychoverein die Flucht nach vorn. Um 21 Uhr verschickte er eine Pressemitteilung an mehrere Medien mit der Kernaussage: "An einer Vorstandssitzung im Mai ist Dr. med. R. Kaiser nach über zehnjähriger Tätigkeit als Präsident des VPM zurückgetreten."

Der Rücktritt wurde offensichtlich auch nach innen heruntergespielt oder gar vertuscht. Als nämlich der TA vor wenigen Tagen eine Auskunft zu den Finanzproblemen des VPM erhalten wollte, verwies die Mitarbeiterin im Hauptquartier den Journalisten an Ralph Kaiser. Dieser reagierte aber sehr erstaunt. Er sei nicht mehr befugt, Fragen zum Thema VPM zu beantworten.

Trotzdem behauptet der VPM in seiner Pressemitteilung, Kaiser verbleibe im Vorstand, der Rücktritt als Präsident sei aus beruflicher Überlastung erfolgt. Ein Insider zeichnet aber ein anderes Bild. Es habe seit längerem "grosse Spannungen und Differenzen gegeben, die jetzt zum Eclat und Rücktritt von Kaiser geführt" hätten.

Kaiser schweigt

Und was sagt der Betroffene selbst zur ganzen Geschichte? Ralph Kaiser ist nicht bereit, über sein Ausscheiden als Präsident zu sprechen. "Ich kann nichts dazu sagen", meinte er lakonisch. Er wollte auch die Frage nicht beantworten, ob er noch gewöhnliches Mitglied des VPM sei. Das allseitige Verwirrspiel stützt aber die Version des Insiders, wonach Kaiser nach internen Auseinandersetzungen das Handtuch geworfen hat oder in die Wüste geschickt worden ist. Dies würde bedeuten, dass er auch nicht mehr dem VPM angehört.

Leiterin bleibt unangetastet

Die starke Frau im Psychoverein ist aber nach wie vor die fachliche Leiterin Annemarie Buchholz-Kaiser, eine Cousine des vormaligen Präsidenten. Ihre Anhänger drückten die Verehrung im Buch "VPM - Was er wirklich ist" mit folgenden Worten aus: "Ihrer fachlichen Kompetenz und überragenden Persönlichkeit haben wir die kontinuierliche Weiterführung des Lebenswerks von Friedrich Liebling zu verdanken. (. . .) Uns fehlen die Worte, das unermüdliche persönliche Engagement und die Bedeutung der Persönlichkeit von Dr. Annemarie Buchholz-Kaiser angemessen zu würdigen."