Tages-Anzeiger
Ausgabe vom 24.08.96

VPM-Anhänger spalten die Katholische Volkspartei

Der Streit um sektiererische Gruppen führt zu einem "Religionskrieg" in der KVP

Der Konflikt um Anhänger der St. Michaelsvereinigung und des VPM hat die konservative Katholische Volkspartei (KVP) in ein Chaos gestürzt. Die Absetzung von drei VPM-Mitgliedern endet mit einem gerichtlichen Nachspiel.

VON HUGO STAMM

Der Streit um die Anhänger sektenhafter Bewegungen treibt die rechtskatholische KVP von einer Krise in die nächste. Mit der kürzlichen Absetzung von drei Mitgliedern des umstrittenen Psychovereins VPM aus dem Zürcher KVP-Vorstand ist der Konflikt definitiv eskaliert: Am Montag treffen sich die Exponenten der beiden verfeindeten Lager innerhalb der KVP vor dem Friedensrichter, ein Prozess dürfte nicht mehr abzuwenden sein. Heute ist die Partei gespalten: Die VPM-kritische Zürcher Sektion kämpft gegen die schweizerische Parteileitung.

Der parteiinterne Zwist um Mitglieder mit sektiererischem Hintergrund nahm mit einem Anhänger von Paul Kuhn, dem "Propheten" der Dozwiler Endzeit-Sekte St. Michaelsvereinigung, seinen Anfang. "Parteipräsident Lukas Brühwiler hat den Sektenmann in den Vorstand eingeschleust, obwohl er nicht statutengemäss gewählt worden war", beklagte sich der ehemalige Vizepräsident Martin Hodel. Nach konfliktreichen Auseinandersetzungen gelang es der oppositionellen Fraktion, den Kuhn-Anhänger aus dem Gremium zu komplimentieren.

"Gezielte Unterwanderung"

Kaum war der Streit beigelegt, realisierten die oppositionellen Kräfte aus Zürich, dass sich VPM-Anhänger in mehreren Parteigremien eingenistet hatten - im Vorstand der Zürcher Kantonalpartei beispielsweise gleich deren drei. Da sie auf die Unterstützung von zwei weiteren VPM-freundlichen Vorstandsmitgliedern zählen konnten, dominierten die VPM-Sympathisanten das Gremium und konnten wiederholt ihre Interessen durchsetzen.

Konflikt in der Parteileitung

"Der VPM wollte die KVP Zürich gezielt unterwandern, ihre Mitglieder haben mich sogar für ihre Zwecke missbraucht", sagte ein oppositionelles Vorstandsmitglied. Es fand bei den Zürcher Parteimitgliedern aber Rückhalt, die Abberufung der drei VPM-Mitglieder gelang auf Anhieb.

Die VPM-freundlichen Vorstandsmitglieder akzeptieren den Entscheid aber nicht und fechten ihn mit einer Klage an. Sie behaupten, die Abberufung sei nicht statutenkonform gewesen. Eine Einigung vor dem Friedensrichter am Montag ist angesichts der erstarrten Fronten unwahrscheinlich, der Streit dürfte in einen Prozess münden.

Je mehr sich der Konflikt zugespitzt hat, desto stärker ist auch der Präsident der schweizerischen Partei, Lukas Brühwiler, ins Kreuzfeuer geraten. Der Grund: Er hatte sich stets auf die Seite der Anhänger der St. Michaelsvereinigung und des VPM geschlagen. Vizepräsident Martin Hodel stellte sich deshalb offen gegen ihn und verlangte seinen Rücktritt. Der Präsident berief eilends eine ausserordentliche Parteiversammlung ein, um sich die Unterstützung der Mitglieder zu sichern.

"Radaubrüder und Kommunisten"

Die Zürcher Parteifunktionäre beantragten die Einsetzung eines Tagespräsidenten und die Abwahl von Brühwiler. "Der Parteipräsident ignorierte unsere Anträge und liess die Parteimitglieder nicht darüber abstimmen", sagte Hodel. Den Kampf ums Mikrophon beendeten die Securitas-Wächter. Um die Diskussion über den VPM abbrechen zu können, verzichtete die VPM-Anhängerin in der Parteileitung auf eine erneute Kandidatur.

Brühwiler liess die VPM-Anhängerin ungern fallen. Er lobte ihre "wunderbare Arbeit" in den höchsten Tönen. Die VPM-Gegner in der Parteileitung, die unfreiwillig den Hut nahmen und den Saal aus Protest verliessen, betitelte der Präsident gegenüber dem TA hingegen als Radaubrüder, die Auseinandersetzung mit ihnen nannte er einen Religionskrieg. Von andern Mitgliedern sollen die Zürcher als Kommunisten beschimpft worden sein.

Brühwiler ist überzeugt, dass keine VPM-Leute mehr im neuen Vorstand sitzen. Er will aber die Zusammensetzung des neuen Gremiums nicht bekanntgeben. Recherchen des TA haben jedoch ergeben, dass anstelle des zurückgetretenen VPM-Mitgliedes ein anderer VPM-Anhänger in den Vorstand gewählt worden ist. Er soll die neue Parteizeitung redigieren.