Tages-Anzeiger
Ausgabe vom 21.02.96

VPM erneut unterlegen

Ehrverletzende Äusserungen gegen Kinderarzt

Der Kinderarzt Hannes Geiges aus Rüti ist mit seiner Klage gegen den VPM auch vor Obergericht durchgedrungen. Die umstrittene Psychogruppe hatte in einem Flugblatt behauptet, Geiges vernichte die berufliche Existenz von VPM-Lehrerinnen.

VON HUGO STAMM

Hannes Geiges geriet als Kinderarzt und Vorstandsmitglied des Vereins Jugendberatung ins Gehege des VPM. Als in Rüti zwei VPM-Lehrerinnen zur Wiederwahl standen und schliesslich abgewählt wurden, tat Geiges seine unliebsamen Erfahrungen mit dem VPM öffentlich kund.

Die Psychogruppe konterte mit einem Flugblatt, das den Titel "Dr. Geiges - Kinderarzt auf Abwegen" trug. Darin geizte der VPM nicht mit Vorwürfen. Der Arzt hetze Eltern gegen VPM-Lehrerinnen auf und versuche, den VPM mit allen Mitteln zu schädigen und die berufliche Existenz von VPM-Lehrerinnen zu vernichten. Diese Aussagen wertete Geiges als persönlichkeitsverletzend, weshalb er den VPM einklagte.

Auf die Klage von Geiges reagierte der VPM mit einer Gegenklage. Dabei ging es um ein Interview, in dem der Arzt gesagt hatte, die gesundheitlichen Probleme mehrerer Kinder stünden seines Erachtens in direktem Zusammenhang mit dem Schulbetrieb von VPM-Lehrkräften.

Wie vor dem Bezirksgericht Meilen siegte Geiges auch vor dem Obergericht auf der ganzen Linie. Die zweite Instanz wertete die Vorwürfe des VPM als schwerwiegend und als persönliche Diffamierung. Geiges würden nicht nur die beruflichen Qualifikationen abgesprochen, der Arzt werde auch in menschlicher Hinsicht in Frage gestellt. Es stehe sogar die Frage im Raum, ob sich der Arzt an den Kindern vergangen habe.

Persönlichkeitsverletzend ist laut Obergericht auch die Behauptung des VPM, Geiges' Verhalten stehe in krassem Widerspruch zur ärztlichen Ethik. Das Obergericht kritisierte ausserdem die Auffassung des VPM, Geiges' Klage sei rechtsmissbräuchlich, rundweg als abwegig. Es wies in seinem Urteil die Gegenklage des VPM ab. Der öffentlich geäusserte Verdacht von Geiges, einzelne Kinder von VPM-Lehrerinnen hätten gesundheitliche Probleme davongetragen, sei von "eminentem öffentlichen Interesse". Deshalb sei die Behauptung zulässig, auch wenn der Arzt den Wahrheitsbeweis nicht antreten könne.

Die öffentliche Diskussion ist für die Oberrichter wichtig, weil "sie am ehesten geeignet ist, eine Abklärung der Sache herbeizuführen". Es weise auch nichts darauf hin, dass Geiges vorsätzlich die Unwahrheit gesagt habe.

VPM will vor Bundesgericht

Der Prozess kommt den VPM teuer zu stehen. Das Obergericht hob die erstinstanzlichen Gebühren auf 6000 Franken an und verlangt für das zweite Verfahren 5000 Franken. Die beiden Prozesse kosten den VPM zusammen mit den Entschädigungen über 25 000 Franken, die eigenen Anwaltskosten nicht einbezogen. Ausserdem muss der VPM das Urteilsdispositiv im TA veröffentlichen. Der Verein will das Urteil ans Bundesgericht weiterziehen.


Ausgabe vom 14.03.96

"Seelenfalle" zulässig

In Streit um Buchtitel verliert der VPM vor Obergericht

Dass der VPM als "Seelenfalle" bezeichnet werden darf, habe der Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis sich selbst und seinen Methoden zuzuschreiben, erklärte das Obergericht.

Der Streit ist schon drei Jahre alt: Kaum hatte TA-Journalist Hugo Stamm sein kritisches Buch "VPM - Die Seelenfalle" im März 1993 veröffentlicht, da überzog ihn der streitbare Verein auch schon mit mehreren Klagen. Eine davon betraf den Titel. Der VPM wollte ihn mittels einer vorsorglichen Massnahme schlicht verbieten und alle bereits ausgelieferten Bücher aus dem Verkehr ziehen lassen. Seiner Meinung nach behaupte der Titel, "dass die unsterbliche Seele unfrei gemacht und gefangen werde, was der Teufel mache, die Falle somit gleichsam die Hölle sei".

VPM ist "nicht wissenschaftlich"

In solche theologischen Abgründe mochte sich das Obergericht nicht begeben. Es blieb auf dem Boden der Juristerei und kam zum Schluss, dass der Titel eine "Meinungsäusserung" sei, "rein wertend, und zwar abwertend". Im Fall des VPM-Buches sei die Wertung nicht widerrechtlich, befand das Obergericht. In seiner Klage verglich der VPM sich mit dem C.-G.-Jung-Institut und die Rolle seiner "fachlichen Leiterin" Annemarie Buchholz-Kaiser mit der eines Institutsleiters. Das Obergericht dagegen sprach dem VPM die Wissenschaftlichkeit rundweg ab: wegen der "unüblichen Einseitigkeit und Angriffigkeit, mit der er seine Thesen formuliert", wegen der "unüblichen Schuldzuweisung an ehemalige Mitglieder und Kritiker" und wegen der "Flugblätter polemischen Inhalts". Als vertretbar erachtete das Obergericht die Meinung, es bestehe - aufgrund der Führungsstrukturen des Vereins - innerhalb des VPM "eine psychische Abhängigkeit". Der Buchtitel "Die Seelenfalle" sei daher "nicht unnötig verletzend".

Das Bezirksgericht war im April 1993 zum gleichen Ergebnis gekommen. Das Obergericht aber brauchte für die Abweisung des VPM-Rekurses volle drei Jahre. In der Begründung "bedauert" die II. Zivilkammer die Verzögerung. Wie vom Benteli-Werd-Verlag zu erfahren war, sind in der gleichen Zeit 10 467 Exemplare des Buches ausgeliefert worden. (DS)


Ausgabe vom 29.06.96

Vergleich mit dem VPM

Rechtsstreit beigelegt

Der VPM, der Werd-Verlag und TA-Redaktor Hugo Stamm haben zwei Prozesse durch einen Vergleich erledigt. Streitgegenstand war das Buch "VPM - Die Seelenfalle".

Der Verein zur Förderung Psychologischer Menschenkenntnis (VPM) hat mehrere Klagen gegen den Werd-Verlag und Buchautor Hugo Stamm eingereicht. Auf Vorschlag des Bezirksgerichts Zürich einigten sich die Parteien, "im vernünftigen Bestreben, eine gütliche Erledigung des Verfahrens herbeizuführen", vorerst zwei Prozesse durch einen Vergleich zu erledigen. (Der Vergleichstext ist im Inserateteil des TA vom Freitag publiziert worden.) Die Beklagten haben beim Vergleich keine inhaltlichen Zugeständnisse gemacht, Hugo Stamm muss also keine im Buch "VPM - Die Seelenfalle" gemachten Äusserungen zurücknehmen. Der Verlag und der Autor haben Hand geboten, weil der zeitliche und finanzielle Aufwand der mehrjährigen Prozessiererei in keinem Verhältnis zum allfälligen Nutzen eines rechtskräftigen Urteils stehen.

Ein Gerichtsurteil in Deutschland zwingt aber den Werd-Verlag, auch in der Schweiz ein paar kurze Passagen abzudecken. Der Grund: Ein seit kurzem gültiges Rechtsabkommen zwischen Deutschland und der Schweiz besagt, dass Urteile deutscher Gerichte auch in der Schweiz vollzogen werden müssen. Der VPM war beim Oberlandesgericht Köln mit einzelnen Klagepunkten durchgedrungen. Die beklagten Parteien haben sich verpflichtet, ausschliesslich die Restauflage von 2500 Exemplaren zu verkaufen. Sollte das Thema erneut ins Zentrum des öffentlichen Interesses rutschen, schliesst es der Verlag nicht aus, ein neues Buch über den VPM zu publizieren, wie Verlagsleiter Gian Laube dem TA sagte. (TA)


Ausgabe vom 23.07.96

VPM hat erneut Prozess verloren

"Selbst scharfe Kritik soll erlaubt sein"

Der Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis (VPM) hat zum wiederholten Male einen Prozess gegen den TA-Journalisten Hugo Stamm verloren. Das Obergericht bestätigte ein Urteil des Bezirksgerichtes.

Zwei Prozesse um das Buch "VPM - Die Seelenfalle" endeten kürzlich mit einem Vergleich, ohne dass Buchautor Stamm inhaltliche Zugeständnisse einging. Dennoch musste sich das Obergericht Anfang Juli mit einer weiteren Beschwerde befassen. Im Zusammenhang mit der Buchpublikation hatte der VPM gegen Äusserungen Stamms in einem Interview der "Schweizer Illustrierten" geklagt.

Psychische Manipulation

Auf die Frage, ob der VPM eine Sekte sei, hatte Stamm geantwortet, "im klassischen Sinn nicht. (. . .) In der Umgangssprache ist es eine Gruppierung, die ihre Anhänger psychisch manipuliert und sie in die Abhängigkeit bringt. (. . .) Die Mitglieder im VPM machen eine starke Wesensveränderung durch. VPM-Mitglieder leiden oft unter Realitätsverlust und Wahrnehmungsverschiebungen."

Das Bezirksgericht war zum Schluss gekommen, die Persönlichkeit des Vereins sei nicht verletzt worden. Stamms Äusserungen seien "klare Sachaussagen" und seine Kritik erweise sich "als im Kern durchaus zutreffend". Das 52seitige Urteil zog der VPM ans Obergericht weiter und unterlag auch dort - wenn auch mit zum Teil anderer Begründung. Laut Gericht handelt es sich nicht um reine Tatsachenbehauptungen, sondern um Meinungsäusserungen. Auf Persönlichkeitsverletzung könne nur geklagt werden, wenn sie widerrechtlich erfolge. Widerrechtlich sei ein Werturteil aber nur, wenn es unnötig verletzend sei - "denn selbst scharfe Kritik soll erlaubt sein".

Teilweise nicht klageberechtigt

Dem Satz, VPM-Leute würden psychisch manipuliert, kann "für sich allein keine unnötig verletzende Wirkung zuerkannt werden", entschied das Obergericht. Der Begriff "Manipulation" sei "heute eine gängige Formel, die den Gegner auf pointierte Weise zur Stellungnahme herausfordern soll". Die Klage gegen die zweite Aussage, VPM-Leute würden unter Realitätsverlust und Wahrnehmungsverschiebungen leiden, wies das Obergericht als unbegründet ab. Der Verein, der im eigenen Namen klagte, sei nicht legitimiert, Persönlichkeitsrechte seiner Mitglieder rechtlich durchzusetzen.

Weiterzug noch nicht entschieden

Nach Angaben des Anwalts des VPM ist "noch nicht entschieden", ob das Urteil weitergezogen wird. Der Entscheid könnte nicht zuletzt von finanziellen Überlegungen abhängen. Das Obergericht, wie schon das Bezirksgericht, auferlegte dem VPM sämtliche Prozesskosten. Der Verein allerdings hat grosse Finanzprobleme. Hatte er 1989 noch ein Vermögen von 1,5 Millionen Franken ausgewiesen, schmolz im vergangenen Jahr nicht nur das Vermögen dahin. Auch das versteuerte Einkommen schrumpfte auf Null. Der Verein und seine Anhänger haben ihre Kritiker in den letzten Jahren mit mehreren hundert Prozessen, Strafanzeigen und Beschwerden eingedeckt. (thas.)