Tages-Anzeiger
Ausgabe vom 07.02.96

Kampagne gegen Schweizer Papst-Mitarbeiter

Unterstaatssekretär Hans-Peter Röthlin klagt wegen Nötigung - VPM-Anhänger lieferten Unterlagen

Rechtskatholische Kreise haben ein Kesseltreiben gegen den Schweizer Unterstaatssekretär Hans-Peter Röthlin angezettelt. Der Grund: Der Vatikan-Beamte ist Mitglied einer Aids-Stiftung, die Kondome propagiert. Röthlin wurde unter Druck gesetzt. Nun will er sich wehren.

VON HUGO STAMM

Bis zu seiner Berufung nach Rom war Hans-Peter Röthlin Informationsbeauftragter der Bischofskonferenz. In dieser Funktion wurde er in die vom Bund finanzierte Stiftung Aids Info Docu delegiert. Dieses Amt gab er nicht ab, als er 1991 Unterstaatssekretär beim Papst wurde. Rechtskatholische Kreise bekamen Wind davon und gründeten die Initiativgruppe "Feigenblatt". Sie setzten sich zum Ziel, Röthlin unter allen Umständen aus der Aids-Stiftung zu bugsieren. Ein Funktionär des Papstes sei nicht tragbar in einer Organisation, die Kondome propagiere und Broschüren vertreibe, die "aus christlicher Sicht pornographisch" seien.

Drohbrief

Das "Feigenblatt"-Komitee beauftragte den Luzerner Journalisten Manfred Ferrari mit den Recherchen. Er stellte eine Dokumentation über die Aids-Organisation zusammen und forderte den Schweizer Papst-Funktionär in einem Brief vom 27. Dezember auf, innert 48 Stunden aus der Aids-Stiftung zurückzutreten. Das Schreiben enthält auch eine deutliche Drohung: "Wie Sie sicher schon erfahren haben, will die Schweizer Boulevardzeitung (eine Million Leser) dieses Thema ebenfalls aufgreifen. Glückliche Umstände, die wir sicher als Fügung Gottes bezeichnen dürfen, haben dies bis heute verhindert." Ferrari lässt durchblicken, dass die Zeitung in den Besitz der Dokumentation kommen würde, falls Röthlin die Forderung nicht erfülle. Der Journalist verschickte Kopien des kompromittierenden Schreibens unter anderen an Kardinal Deskur und seine rechtskatholischen Auftraggeber.

Hans-Peter Röthlin wertet den Brief als Nötigung und reichte auf Anraten seines Anwalts am 17. Januar Strafklage gegen den Verfasser und seine Auftraggeber ein. Der Unterstaatssekretär sagte gegenüber dem TA, die Dokumentation enthalte Tatsachenbehauptungen, die nachweislich unwahr und ehrenrührig seien.

Ferrari erklärte, Anhänger des Vereins zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis (VPM) hätten die rechtskatholischen Kreise auf Röthlins Engagement bei der Aids Info Docu aufmerksam gemacht. Später habe er von ihnen auch Dokumentationsmaterial dazu bekommen. Möglicherweise zog Röthlin den Unmut von VPM-Anhängern auf sich, weil er eine VPM-kritische Schrift rezensierte.

"Feigenblatt": Wer steckt dahinter?

Die Initiativgruppe "Feigenblatt" benutzt bei ihrem Kesseltreiben gegen Röthlin vor allem die für Homosexuelle bestimmte Aufklärungsbroschüre "Safer Sex für Ledermänner", die 1990 von der Aids-Info-Stelle herausgegeben worden ist. Damals hatten VPM-Anhänger bei rechtsbürgerlichen Parlamentariern interveniert, worauf die Broschüre aus dem Verkehr gezogen wurde.

Zur Initiativgruppe "Feigenblatt" gehören in erster Linie konservative Meinungsträger, "denen die Zukunft der katholischen Kirche sehr am Herzen liegt". Die Urheber der Aktion sind im Umfeld der rechtskatholischen Zeitung "Schweizerisches Katholisches Sonntagsblatt" zu suchen. Die Publikation veröffentlichte am 21. Januar einen Artikel, in dem Röthlin angegriffen wurde. Eine zentrale Rolle spielt auch Gerd J. Weisensee, der redaktionell für das "Sonntagsblatt" arbeitet und Chefredaktor der rechtskatholischen Zeitschrift "Philomena" ist.

Weisensee ist an einer Petition beteiligt, die zur Kampagne gegen Röthlin gehört. Darin fordern die Unterzeichner den Papst auf, Röthlin aus der Aids-Stiftung abzuberufen, weil sieenge Kontakte zum VPM, ist er doch verschiedentlich an VPM-Kongressen als Referent aufgetreten. Er dürfte über die Petition von Röthlins Strafklage tangiert werden.

VPM-Anhänger beim Papst

Zwischen der rechtskatholischen Zeitung und dem VPM gibt es auch personelle Verbindungen. Ein VPM-Beirat gehört zum Mitarbeiterstab des Blattes. Ausserdem hat die Zeitung wiederholt Texte von VPM-Anhängern abgedruckt. Der Journalist Manfred Ferrari bestätigte ausserdem, dass die einst antikirchlich und anarchistisch eingestellten VPM-Mitglieder Verbindungen zum Vatikan suchten.