Kapitel 4

Es ist keine Angelegenheit des Glaubens oder Nichtglaubens ob sie schon einmal gelebt haben. Es ist vielmehr eine Angelegenheit des Erinnerns oder Nichterinnerns.
aus "Haben sie vor diesem Leben gelebt?"
L. Ron Hubbard

Wenn die vorgeburtlichen Theorien von Dianetik für einige abschreckend erschienen, dann hat Scientology noch etwas viel grundlegenderes zu bieten, nämlich frühere Leben nicht als eine Angelegenheit von Vermutungen sondern als eine Angelegenheit der Gewissheit aufzuzeigen. Zusätzlich zur Erinnerung an ihr Leben im Mutterleib können sich Scientologen an frühere Leben ihres unsterblichen Thetans oder Geistes erinnern, von dem gesagt wird, dass er bisher bereits in vielen Körpern lebte bevor er in den unsrigen kam. Die Existenz dieses Thetans wurde von Hubbard ursprünglich mit 75 Trillionen Jahren angenommen, aber jetzt vermutet er, dass es sogar noch länger war. Ein Scientologe behauptet vor 55'000'000'000'000'000'000 Jahren aus einem Raumschiff gefallen zu sein und die Identität eines Teufelrochens angenommen zu haben, nachdem er durch einen solchen getötet wurde. Dieser Thetan, der einviertel bis zwei Inches im Durchmesser messen soll und anfänglich blind oder schwachsichtig ist, wird sich nach jedem Tod einen neuen Körper suchen, sich manchmal einer Frau anschliessend, die aussieht als ob sie demnächst schwanger würde. Einige Thetane jedoch mussten auf eine "Implantierstation" um einen neuen Körper zu bekommen, und da es dort mehr Thetane als Körper gab, mussten sich einige über 22 Millionen Jahre wartend anstellen.

Nach dem Glauben der Scientologen sind die früheren Leben und Tode ihres Thetans der Grund für einige ihrer heutigen Probleme. Zum Beispiel hielt es Hubbard für möglich, dass sich jemand Psoriasis (eine Hautkrankheit) durch die Überresten der Verdauungssäfte zugezogen haben könnte, als er (oder sein Thetan) in einem seiner früheren Leben von einem Tier gefressen wurde. Wenn eine Person häufig den Kiefer zusammenpresst, dort oder in den Zähnen Schmerzen hat, so könnte dies ein Überbleibsel aus jenen Tagen sein, als ihr Thetan im Körper einer urzeitlichen Muschel war, die Schwierigkeiten mit dem Öffnen und Schliessen ihrer Schale hatte. Wenn die Schmerzen im Kiefer mit Angst vor Versagen verbunden ist, sagt Hubbard, dann könnte die Muschel von einem Vogel aufgehackt worden sein.

Hubbard glaubt, dass vor Millionen von Jahren viele von uns solche urzeitliche Muscheln waren, die er "BooHoo" oder "GrimWeeper" nennt, und wenn ein Scientologe eine Auditingsitzung über sich ergehen lässt und dabei herausfindet dass er nicht weinen kann, so könnte es sein, erklärt Hubbard, "weil er gerade von einer Welle getroffen wird, Sand in seinen Augen hat oder Angst hat seine Schale zu öffnen da er befürchtet in Mitleidenschaft gezogen zu werden". Der Auditor kann versuchen ihn zu behandeln, indem er ihn "Boo-Hoo" vollziehen lässt, dabei muss er ihn dazu bringen "sich vorzustellen, dass seine Augen in seinem Mund sind und hinausschauen" oder körperlich den Anschein zu erwecken zu weinen, um ihn so mit den GrimWeepers oder Boo-Hoo zu "verbinden". Hubbard selber behauptet nicht eine Muschel gewesen zu sein, aber er behauptet vor einigen tausend Jahren im alten Rom gelebt zu haben und dort eine Formel zur mutterbrustlosen Ernährung von Babys gefunden zu haben. Inzwischen hat er diese Formel seinen Anhängern mit einem seiner geschwätzigen Rundschreiben weitergegeben.

Scientologen bringen während ihren Auditingsitzungen viel Zeit auf, um über ihre früheren Leben zu sprechen oder zu behandeln. Eine Scientologin, so wird erzählt, befiel grossen Kummer als sie erkannte, vor ihrer Geburt die Geliebte ihres Vaters gewesen war. Ein weiterer Scientologe war äusserst betroffen weil seine Frau nun mit einem anderen Mann zusammenlebte der einst ihr Ehegatte war -- in einem ihrer vorherigen Leben. Ein Bostoner Taxifahrer und Teilzeitstudent an Harvard entdeckte während einer Auditingsitzung, dass seine gegenwärtiges Kopfschmerzen 216 v.Chr. während der Schlacht von Cannä begannen, an der er als römischer Centurion beteiligt war. Er glaubte, dass man ihn irrtümlich für tot hielt und jemand vom römischen Bestattungskommando versuchte, seinen Helm mit Fusstritten zurück auf seinen Kopf zu stossen. Trotz dem Durchgehen dieses Ereignisses hat er immer noch Kopfweh, aber das vermag seinen Glauben an Scientology nicht zu erschüttern. Sein Glaube wankte auch nicht als einer seiner Scientologen Freunde, nach hunderten von Gruppenstunden um ihn von seinen Engrammen zu befreien und "Clear" zu werden, nach Albuquerque umzog und dort Selbstmord beging. Er schrieb den Selbstmord nicht Scientology zu, sondern dem Wohnen in Albuquerque.

Hubbard widmete den Geschichten früherer Leben von Scientologen ein eigenes Buch genannt "Haben Sie vor diesem Leben gelebt?: Eine wissenschaftliche Untersuchung". Das Vorwort dieses Buches enthält die Namen und Adressen der am Experiment beteiligten Leute, damit die Zyniker die Fakten überprüfen können. Die angeführten Namen jedoch sind nicht diejenigen der Preclears, die diese Erfahrungen wiedererlebten, sondern die der Auditoren, die ihnen die Geschichten entlockten. Alle diese Auditoren waren fortgeschrittene, eingeweihte und überzeugte Scientologen.

Seltsamerweise dachten wenige Teilnehmer dieses Experiments, dass sie in ihren vorherigen Leben je berühmt waren, ausgenommen ein Brite, der allerdings unsicher war ob er einst Lord Nelson war oder nicht. (Die Details seines Todes, ohne den geringsten Hinweis auf seinen guten Freund Hardy, lassen vermuten dass er es nicht war.) Einige Leute jedoch glaubten, dass sie Tiere waren bevor die in diesem Leben Menschen wurden, und andernorts erzählte Hubbard die Geschichte von einem "psychotischen" Mädchen, das nach dem Durcharbeiten eines früheres Leben sich als Löwe entdeckte, der seinen Wärter aufgefressen hatte. Hubbard äusserte sich auch dahin, dass einige intelligente Hunde oder Pferde einst Generäle oder Staatsminister gewesen sein könnten, die sich nun ein oder zwei Leben lang ausruhen und ihre Magengeschwüre auskurieren.

Die meisten der Scientologen, die in ihre vorherigen Leben zurückkehrten, glaubten einst ganz gewöhnliche Menschen gewesen zu sein, auch sehr oft ausserirdische Menschen und ihre Geschichten lesen sich wie eine Art von sadomasochister Science-Fiction. Viele der Preclears glaubten auf anderen Planeten gelebt zu haben und dass ihnen unvorstellbar schreckliche Dinge passierten während den "Kriegen zwischen den Welten und Raumreisen zu Universien, deren Existenz vor Hubbards Zeit nicht einmal erwartet werden konnte", sagt der australische Untersuchungsbericht.

Ein Preclear erinnerte sich an ein anderes Leben, in dem er bereits mit fünf Jahren "ständig nach Bordelle Ausschau hielt", mit vierzehn oder fünfzehn alles über "Sex und Homosexuelle" gelernt hatte und mit sechzehn seinen Vater, sein Baby und den Kommandanten seines Raumschiffes ermordete und den Körper des letzteren zerstückelte bevor man ihn schlussendlich fasste und in die "Zapmaschine" brachte, wo er enthauptet wurde und seine Arme und der Leib in einen Raumsarg gelegt wurden. Ein Mann erinnerte sich, dass er in einem früheren Leben ein römischer Soldat war der seine Frau mit einem Strick erwürgte, einen Sklaven ermordete, mit dem Griff einer Peitsche ins Gesicht geschlagen wurde und dann selber durch einen Löwen in einer Arena getötet wurde. Berichte über andere frühere Leben enthielten:
ein Mann der unabsichtlich seiner schwangeren Frau mit einer Schere in den Bauch stach und dabei sein Baby tötete; einer der absichtlich seine Frau vergewaltigte und ermordete; und einer der irgendwie seine zwölfjährige Tochter mit einer Heugabel ermordete als er sie zum Verkehr zwingen wollte. Oder eine sexualneurotische Frau, die sich während der Geburt eines Kindes weigerte ihre Beine zu öffnene, so dass sie ihr Kind in Seitenlage zur Welt bringen musste, und die ihr Problem auf ein früherers Leben zurückführte in welchem sie, wie sie behauptete, gefoltert und ermordet wurde durch Messerstiche "unten im Zentrum ihrer Genitalien".

In Hubbards Buch über andere Leben wiederholt sich durchgehend das seltsame Thema von Folterung oder Ausstechen der Augen, ein Thema das man auch in anderen Schriften von Hubbard findet. Einer Person wurden die Augen mit einem glühenden Eisen ausgebrannt bevor sie auf der Folterbanck gestreckt wurde; ein anderer erzählt wie sein Kopf in einem Metallrahmen festgeklemmt war als sein linkes Auge mit einem heissen Instrument geblendet (sowie in seinem Ohr das Trommelfell durchlöchert) wurde. Wieder ein anderer stiess sich eine Nadel durch jeden seiner Augäpfel bis in den Vorderlappen des Gehirns; und ein vierter sagt, dass rotglühende Eisen in seine Augen gestossen wurden während er an ein Kreuz gefesselt war.

Genauso wie das Leben eines Preclears im Mutterleib qualvoll war, so war auch sein vorheriges Leben. Ein Preclear kann bis fünfundfünfzig Stunden Auditing für ein einziges früheres Leben aufbringen und beim Wiedererleben oft eine Menge seelischer Qual erleiden. Durch das ganze Buch gibt es Aussagen, dass Leute "krampfhafte Körperbewegungen" zeigten, eine Menge schrieen "beim Verlust ihres Körpers" (mit anderen Worten, bei ihrem Tod), oder dagegen protestierten "Ich kann nicht mehr". Aber sie mussten weitermachen. Der Preclear muss seinem Auditor gehorchen, wenn der Auditor von ihm verlangt "in diesem Ereignis zu bleiben", und ihn dann fragt "welchem Teil dieses Ereignisses kannst konfrontieren?" Der Preclear muss dann die Geschichte noch und noch wiederholen, jedes Mal ein neues Detail aufdeckend, die nicht passenden Teile der Geschichte ausschliessend, und mit dem E-Meter die genauen Daten ermittelnd gemäss denen das Ereignis aus einem früheren Leben angeblich stattfand.

Obschon die Preclears die ganze Sache manchmal mit wenig Enthusiasmus betrachten war Hubbard davon so begeistert, dass er von einer geplanten Fortsetzung des Buches schrieb, die den Titel "Wo wurden sie beerdigt?" bekommen sollte. Er bat seine Auditoren um Mithilfe bei diesem Projekt, sie sollten ihre Preclears auf ihre letzten Tode überprüfen und dann den Beerdigungsort gehen und das Grab aufsuchen oder aber eine Kopie der Todesurkunde aus offizieller Quelle erlangen. Dieses Buch erschien nie, was einer Reihe von Gründen zugeschrieben werden könnte. Vielleicht war Hubbard zu beschäftigt mit seinen übrigen Büchern und Projekten. Die Auditoren könnten solche Experimente mit einem Preclear als zu grausam empfunden haben. Möglicherweise weigerte sich der Preclear, mit dem Ereignis "konfrontiert" zu werden oder gaben keine Erlaubnis zur Veröffentlichung der Daten. Letzendlich könnte die tatsächliche Überprüfung der füheren Leben durch den Gang zum Grab oder zur offiziellen Quelle diese als pure Phantasie anstatt als Erinnerungen erwiesen haben.