Kapitel 2

Die Beichten

Wenn Angelegenheiten über Sex und Perversionen zur Sprache kommen ... was häufig der Fall ist, werden diese diskutiert und ergründet und manchmal für Stunden auf ihnen beharrt. Die Beschaffenheit der Schweinereien und Verdorbenheit wird in den Akten aufgezeichnet so wie sie diskutiert wurden ... meistens verächtliche Beschreibungen.
aus dem australischen Untersuchungsbericht

Die "Scientology Kirche", wie sie sich heute selber nennt, behauptet nicht mehr länger, die Leute von ihren emotionalen und physischen Problemen zu heilen. Stattdessen sagt sie, dass sie sich nun mit dem geistigen Wohlbefinden der Leute befasst. Die Methode blieb grundsätzlich dieselbe, ähnlich einer Kombination von Psychotherapie und der katholischen Beichte, obgleich Scientologen heute ihre Ähnlichkeiten mit letzterer betonen. Ein neu eingetretener Scientologe wird "Preclear" genannt, da er noch nicht frei von seinen Problemen und Schwierigkeiten ist wie ein "geclearter" Scientologe. Der "Preclear" enthüllt intime Details seiner Vergangenheit und bespricht seine gegenwärtigen Probleme mit einem "Auditor", der einem Priester ähnlich scheint und häufig "Minister" oder "Reverend" genannt wird in der Scientology Kirche.

Während dieser Scientology-"Beichte", die "Auditing" und manchmal auch "Prozessing" heisst, hält der Preclear mit jeder Hand eine Blechdose, die mit einem gewöhnlichen Widerstandmessgerät verbunden sind, die Scientologen nennen es "E-Meter". Der Preclear glaubt, dass dieses E-Meter ähnlich wie ein Lügendetektor funktioniert. Er wurde dahin informiert, dass dies ein "Wahrheitsdetektor" sei und er enthüllt folglich zunehmend intimere Details seines Lebens vor seinem Auditor, während er mit diesem Messgerät verbunden ist.

Es gibt allerdings bedeutende Unterschiede zwischen der katholischen oder episkopalischen und einer scientologischen Beichte.
Zuallererst, bevor jemand auditiert wird, verlangen die Scientologen vom Beichtenden, dass er ein Entlastungsformular unterschreibt und damit beschwört, sie nie zu verklagen.
Zweitens, die Scientologen verlangen Gebühren für die Möglichkeit sich bei ihnen zu entlasten und sie verrechnen eine Menge Geld für dieses Vorrecht.
Drittens kann der Preclear nur in geringem Masse mitbestimmen, was er "beichten" möchte, da ihm wiederholt nur bestimmte Fragen gestellt werden wie beispielsweise "Haben sie etwas getan, dessen sich ihre Mutter schämen würde, falls sie es herausfindet?" Er muss diese Fragen nicht nur beantworten, er muss sie vollständig und wahrheitsgetreu beantwoerten, sonst wird ihn der "Lügendetektor" verraten.
Viertens werden die intimen Informationen die er seinem Auditor gibt nicht vollständig vertraulich behandelt. Bis zu zehn Personen können diese Akten einsehen, weil die Aufzeichnungen über einen Preclear allen seinen Auditoren zugänglich sind (oft fünf bis sechs Leute), zudem dem Direktor für Prozessing und gelegentlich dem Ethikoffizier, eine Art von internem Polizeioffizier der Scientology Organisation. Zusätzlich hat Hubbard Zugriff auf diese Aufzeichnungen. Teile der Akten des Preclears können dem Scientology Hauptquartier in Saint Hill übermittelt werden, so dass Hubbard diese für seine Forschungen durchsehen kann.

Schliesslich als Ergänzung zum nicht immer gewährleisteten Einhalten der Vertraulichkeit, es sind Fälle vorgekommen (und sie sind bestimmt die Ausnahme und nicht die Regel) bei denen einige der Auditoren auch das Einhalten einer sauberen, professionellen Beziehung mit ihren Preclears verfehlten. Einer der Gründe dafür könnte die erstaunliche physische Intimität sein die zwischen Auditor und Preclear besteht. In mindestens einer Übungen, die Bestandteil des Auditings von Scientology ist, sitzen Auditor und Preclear auf Stühlen ohne Armlehnen eng zusammen, mit ineinandergeflochtenen Beinen. Bei anderen Übungen können die Auditoren die Preclears überall berühren oder bewegen, oder ihre Hände während Stunden halten und in kreisenden Bewegungen langsam bewegen (was nach einer langen Zeitdauer sicher sehr lustvoll wird).

Ethische Probleme können auch aufgetreten sein weil viele dieser Auditoren noch sehr jung sind. Ein Scientology Direktor schrieb einmal, dass Teenager "die schwungvollsten Auditoren sind". Ungeachtet ihres Alters wird bei diesen Teens vorausgesetzt objektiv und unbeteiligt zu bleiben während dem Anhören von dem, was der australische Untersuchungsbericht als "normale und abnormale sexuelle Angelegenheiten, bei denen häufig in einer erotischen Weise auf genauen Details bestanden wird". Im Verlauf solcher Sitzungen wird der Preclear ermutigt, sich seiner Hemmungen, seiner Zurückhaltung oder seiner Abneigung zu entledigen um die intimsten Dinge aufzudecken, was äusserst entwürdigend sein kann. Die Akten von Scientology enthalten Stellungnahmen wie "PC (Preclear) hat oft den Drang nach unten an seine Sexualorganen zu greifen. Wenn er das ausführt wird er stets restimuliert". Oder "PC hat einen Defekt in bezug auf das Senden sexueller Ausstrahlung zum Auditor" oder sogar "PC ist verwirrt weil er kam, um Auditing zu bekommen und nun Sexualverkehr haben soll".

Anscheinend werden nicht nur die Preclears in dieser Atmosphäre sexuell erregt. Ein männlicher Auditor schrieb in seine Preclear-Akte, dass sie "sexy wie die Hölle" war. In einem anderen Fall leitete Reverend William J. Fisk (ein Scientology Reverend) gerade seine Scientologyklasse in Seattle als Russell Edward Johnson, ein sechunddreissigjähriger Zimmermann und Bauunternehmer, den Raum betrat. Gemäss der Seattle Times schrie Fisk: "Dieser Mann wird mich erschiessen. Geht und holt die Polizei. Bitte, jemand soll einen Cop holen". Aber der Appell kam zuspät. Mit einer Kugel in seiner Brust, abgefeuert von Russell Johnson, starb der Reverend.

Im Verlaufe der Gerichtsverhandlung kam aus, dass der ermordete Reverend Fisk nicht nur mit Johnsons Frau ein Verhätnis hatte, sondern dies Johnson auch noch selber mitteilte, damit prahlend, dass Johnsons Frau gänzlich unter seiner Kontrolle sei. Die Frau erzählte ihrem Ehemann ebenfalls, dass sie eine Affäre gehabt hatte und reichte einen Tag vor dem Mord die Scheidung ein. Die Frau, Mutter von vier Kindern, zahlte Scientology ungefähr $1000, sie suchte dort Hilfe wegen Eheproblemen. (Falls es jemand interessiert, was mit Johnson nachher geschah, dann muss er vergessen was er im Buch "Anatomy of a Murder" gelesen hat. In diesem Buch brachte ein Ehemann den Mann um, der mit seiner Frau Verkehr hatte. Er plädierte "unwiderstehlicher Drang" und wurde freigesprochen. In diesem Fall plädierte Johnson "vorübergehende Geisteskrankheit" und wurde zu fünfzehn Jahre Gefängnis verurteilt.)

Andere ethische Probleme können dadurch entstehen, weil die Auditioren nur gerade im Schnellverfahren trainierte Laien sind. Ihre Vorgeschichten werden nicht überprüft oder untersucht, sie haben nur einen einfachen richtig oder falsch Fragenkatalog über sich zu beantworten. Gemäss einem United States Steuerfall in Chicago, erklärte sich der Scientology Reverend Justin bereit, eine Frau für $1000 zu auditieren unter der Bedingung, dass er mit ihr, ihrem Ehemann und ihren drei kleinen Töchtern ins Haus einziehen könne. Nachdem sich der Reverend im Haus fest niedergelassen hatte, beobachtete der Ehemann, wie er seine Frau anmachte und forderte ihn auf, zu verschwinden. Er weigerte sich. Neun Monate später, nachdem er endlich ging, erfuhren die Eltern, dass der Reverend heimlich versucht hatte zwei ihrer noch jungen Töchter während deren Aufenthalt in einem Pfadfinderinnenlager zu sehen und möglicherweise woanders hinzubringen. Die Leitung der Pfadfinderinnen stoppte ihn und benachrichtigte die Eltern. Die Eltern schöpften weiterhin keinen Verdacht, bis man den Reverend einen Monat später beim Herumstreifen in den Räumen des Gymnasiums ihrer Töchter aufgriff. Die Aufsicht brachte ihn ins Büro des Rektors, fanden heraus was er beabsichtigte und riefen seine Frau an. Wiederum einige Monate später erschienen drei United States Marshals im Haus der Eltern und fragten nach Reverend Justin, sie erzählten, dass anderswo eine Strafanzeige gegen ihn erhoben wurde wegen Belästigung von kleinen Mädchen.