Einleitung

Sie sind ihnen sicher auch schon aufgefallen, wie sie an einer Strassenecke stehen mit einer Handvoll Flugblätter, die sie aufdringlich an die vorbeigehenden Passanten verteilen. Vielleicht wurden sie von ihnen bisher kaum wahrgenommen, weil sie so gewöhnlich wie jedermann aussehen -- ausgenommen möglicherweise etwas jünger, und manchmal fast ein wenig hippiehaft. Aber wenn sie beim Vorbeigehen eines von diesen Flugblättern mitnahmen, dann konnten sie entdecken, dass sie eingeladen wurden den "Schritt in die spannende Welt der totalen Freiheit" zu machen durch einen Vortrag über Scientology, "der angewandten Philosophie des Wissens". Beim genaueren Durchlesen wäre ihnen aufgefallen, dass Scientology "ihren I.Q. auf über 135 erhöhen kann, ihnen schöpferische Phantasie, erstaunliche Vitalität, tiefe Entspannung und ein gutes Gedächtnis, starke Willenskraft, strahlende Gesundheit, anziehende Persönlichkeit und gute Selbstkontrolle verleiht". Klingt doch gar nicht übel, und so ist es möglich dass sie sich, falls sie an diesem Abend nichts besseres vorhatten, vor einem der Zentren einfinden um in das einzutreten was sie "die spannende Welt der totalen Freiheit" nennen. Einmal in diese Welt eingetreten werden sie sofort eine Anzahl grosser Poster bemerkt haben, die einen väterlich aussehenden Mann zeigen, einen Buchladen mit über 35 Büchern, alle von demselben Mann geschrieben, ein schwarzes Brett, das verschiedene Stufen von "Freiheit" aufführt, und überall herumeilende Leute, mit irgendwelchen unsichtbaren Tätigkeiten beschäftigt, jedoch nie zu beschäftigt, um sich gegenseitig mit Händeschütteln zu grüssen, so auch sie als Neuankömmling, ein "Dankeschön", ein sonderbares Lächeln aufgesetzt, das nicht so richtig zu ihrem Gesicht zu gehören scheint, und einem intensiven starren Blick, der einen Wahnsinnigen erschrecken könnte, der aber jemand erfreuen kann, der sich gerne fixieren lässt.

Nachdem sie sich eingewöhnt haben, werden sie in ein Klassenzimmer gewiesen, wo sie durch einen sich liebenswürdig gebenden Mann in der "Scientology Kirche" willkommen geheissen werden. Der Mann beginnt seinen Vortrag vielleicht eher nervös, da er möglicherweise erstmals vor Publikum spricht seit er in Scientology eintrat und erzählt ihnen, wie Scientology sein Leben veränderte.

"Vor sechs Jahren war ich ein Versager", so könnte er beginnen, "und verdiente $15'000 im Jahr. Ich hatte eine Frau, ein Haus und ein Kind. Ich hasste meinen Beruf, hasste meine Frau, hasste mein Leben. An den Wochenenden lag ich gewöhnlich im Bett und starrte an die Decke und wunderte mich, wie ich in diesen Schlamassel geriet. Doch dann entdeckte ich Scientology."

"Wunderbar", hauchte das an der Tür stehende Mädchen, und jedermann dreht sich, um die attraktive Brünette mit dem seltsamen starren Blick zu sehen, der sie unmittelbar als Scientologin kennzeichnet.

"Jetzt habe ich die Freiheit entdeckt", fährt er fort. "Ich verliess meine Frau. Ich gab meinen Job auf. Und ich verdiene heute $40 in der Woche, indem ich ihnen Vorträge halte. Ich bin beschäftigt. Ich habe wundervolle neue Freunde gewonnen. Ich liebe meine Arbeit hier. Ich habe nun tatsächlich Erfolg durch Scientology."

Ein Mann nimmt seine Aktenmappe und entfernt sich; das entspricht offensichlich nicht seinen Vorstellungen von Erfolg. Aber der Rest bleibt sitzen in der Hoffnung, nun etwas über seine Errettung durch Scientology zu erfahren, eine Rede voll von Blitz und Donner und am allermeisten etwas über den Bezug auf Gott erwartend. Aber nichts dergleichen - die Scientology Kirche erwähnt Gott äusserst selten und die Rede erscheint eher wie ein Warenangebot als eine Erweckungsversammlung. Der Mann will offensichtlich etwas verkaufen, aber es ist schwierig zu sagen, was es genau ist. Er verwendet keine Begriffe wie Preis oder Angebot, Rabatt oder Verkaufspreis; er scheint ein schwer zu erfassendes Produkt namens "Glück" zu verkaufen.

"Es kam eine Frau hier bei uns vorbei, die seit acht Jahren in psychoanalytischer Behandlung war", erzählt er nun. "Acht Jahre. Aber nach fünf Tagen in Scientology hatte sie keine Probleme mehr."
"Wunderbar" haucht das Scientology-Mädchen wiederum. Aber jetzt scheint ihr der Rest der Zuhörer stillschweigend zuzustimmen, und da ihre Bemerkung nicht mehr deplaziert ist dreht sich auch niemand mehr nach ihr um. Stattdessen setzt sich jedermann zurecht, leicht gespannt auf das nun folgende wartend wie Läufer auf den Startschuss, in der Hoffnung mehr über das Wunder zu hören. Aber sie werden erneut überrascht. Anstelle von genaueren Einzelheiten, wie Scientology dieser Frau oder anderen geholfen haben könnte, lässt sich der Vortragende nun auf eine lange Auseinandersetzung über "Kommunikation" ein. Einige weitere Leute gehen weg; andere, zu höflich oder weniger selbstbewusst, lassen ihre Blicke über die verschiedenen Ausgänge wandern und planen insgeheim ihre Flucht. Ihr Auftritt kommt eine halbe Stunde später, wenn die Lichter ausgehen und ein Film über Scientology auf einer Leinwand flimmert. Vier oder fünf Leute schleichen sich nun davon, tief gedückt, vielleicht nur bestrebt andere nicht mit ihrem Schatten auf der Leinwand zu stören, vielleicht aber auch mit dem Wunsch nicht erkannt zu werden. Für die Zurückgebliebenen warten jedoch noch mehr Überraschungen. Der Film zeigt in der Hauptrolle einen Mann namens L. Ron Hubbard, den sie als denselben Mann erkennen, der all diese Bücher dort draussen geschrieben hatte und wenn L. Ron Hubbard auf der Leinwand erscheint, im offenen Hemd, Schal und einer Art Lächeln, die vermuten lässt, dass er einen Kaugummi im Mund versteckt, stellt das Publikum fest, dass er derselbe väterlich aussehende Mann ist, der draussen auf all den Plakaten zu sehen ist. Nur dass er jetzt nicht mehr so gelassen erscheint. Der Film zeigt ein Interview mit der British Broadcasting Company, während dem Hubbard ständig sein gequältes Lächeln mit einem Ausdruck aufrecht erhält, der denken lässt, dass der Interviewer oder vielleicht auch seine Fragen einen äusserst schlechten Geruch verbreiten. Der Film ist ebenso ermüdend wie der Vortrag, aber zuletzt geht auch das vorüber und der Redner macht sein abschliessendes Verkaufsangebot, nur dass er diesmal etwas Greifbares verkauft, nämlich den ersten Scientologykurs, der wie er sagt ihren I.Q. um fünfzehn oder zwanzig Punkte steigern könne, dennoch wird "garantiert, dass er ihnen hilft ihre Kommunikation zu verbessern oder sie bekommen ihr Geld zurück", das alles für nur $15.

Falls sie eine von dem Dutzend Personen waren die immer noch blieben, ist es möglich, dass sie für diesen Kurs unterschrieben haben, zusammen mit dem Rest der Leute die übrigblieben. Nach alle dem, wo denn sonst auf dieser Welt können sie ein Versprechen von sofortigem Glück finden für nur $15, zudem mit Geldzurück-Garantie? Wo sonst, falls sie einsam sind, können sie eine solche unmittelbare Welt von verheissungsvollen Freunden finden? Falls sie sexuell oder gesellschaftlich frustriert sind, wo sonst können sie so viele junge, ledige und attraktive Leute finden? Falls sie in der Schule nie soweit kamen, wie sie es sich eigentlich wünschten, wo sonst können sie einige Kurse nehmen und sich dann einen (Scientology) Titel an ihren Namen hängen - oder noch besser, nach einigen wenigen weiteren Kursen sich "Doktor" oder "Reverend" nennen lassen? Wirklich, falls sie schon immer ein Doktor, Psychiater oder Priester sein wollten, wo sonst können sie das Entsprechende mit weniger als einem Jahr Training werden? Und falls sie neugierig sind auf diese erregende Welt der totalen Freiheit auf die sie zufällig gestossen sind, wie können sie mehr über sie herausfinden ohne $15 auszugeben...

Einige der Leute die für Scientology unterschrieben um ihre Neugier zu stillen hätten besser getan, wenn sie die Zeitungen gelesen hätten. Sie hätten gelesen, dass in England gegenwärtig gegen Scientology ermittelt wird. Sie hätten gelesen dass Scientology in Victoria, Australien, West Australien und Süd Australien verboten wurde. Sie hätten gelesen dass in Scientology einigen Leuten nach nur einigen Monaten Training erlaubt wird, die intimsten sexuellen Geheimnisse von anderen Leuten anzuhören. Sie hätten von den "Todeslektionen" gelesen die einst an von Scientologen gespaltenen englischen Schulen gelehrt wurden. Sie hätten von einer Gruppe gelesen, die sich "The Process" nennt und Sex und den Teufel verehrt und die an jede Art von sexueller Perversion glauben und von Scientologen gegründet wurde. Sie hätten von einem Mann namens Charles Manson gelesen, der des Mordes an Sharon Tate und anderen überführt wurde und der wahrscheinlich auch ein Scientologe war. Sie hätten von einer Gruppe gelesen, die ein "take over" der National Association of Mental Health von England versuchten und die auch aus Scientologen bestand. Sie hätten von einem "Reverend" von Scientology gelesen, der mit einer verheirateten Frau schlief die bei ihm Hilfe wegen Eheproblemen suchte, und der vom Ehemann der Frau erschossen wurde. Sie hätten von einer Gruppe gelesen, die ihre Mitglieder an einen "Lügendetektor" anschliessen, während der Leiter sie über die intimsten Details ihres Sexuallebens befragt, und dann diese Antworten nimmt und an die Führung der Gruppe senden, die eben Scientology heisst.

Meine eigene Einführung in Scientology begann vor anderthalb Jahren. Es war am Tag nach der Ermordung von Robert F. Kennedy und ich war noch ein wenig zitterig, immer noch am Fernseher hängend, immer noch stöhnend, dass eine solche Tragödie sich doch nicht zweimal abspielen konnte. Mitten in meinem Trauern erhielt ich einen verzweifelten Anruf von einem ehemaligen Boss von mir, ein Mann in den Vierzigern den ich seit einigen Jahren nicht mehr gesehen hatte. Er sagte, dass er mich dringend sofort sehen müsste. Als er ankam, einen Blumentopf mit eingestecktem McCarthy Button mitbringend, offerierte ich ihm einen Drink und setzte mich auf den Stuhl ihm gegenüber, um zu hören was so wichtig war.

"Kommen sie herüber und setzen sie sich auf meinen Schoss", meinte er neckisch. "Ich muss ihnen von etwas erzählen."

Ich folgte, nicht realisierend was sich überhaupt abspielte.

"Ich habe eben herausgefunden wer ich bin", sagte er und ich sass still dort, seine Antwort erwartend.

"Gott", erzählte er mir.

Ich sprang schnellstens von seinen Knien. Leider war es nicht ebenso leicht, dieses Subjekt wieder loszuwerden. Er schwatzte in einem fort wie ein Irrer, mir erklärend was es bedeutet wie Gott zu sein.

"Wann entdeckten sie, dass sie Gott sind?" unterbrach ich ihn endlich.

"Seit ich mich Scientology angeschlossen habe" erklärte er mir.

Ich lachte: "Oh, ich denke ich habe ein wenig über sie gelesen. Sind das nicht diejenigen die glauben, dass sie vor 74 Trillionen Jahren reinkarniert wurden?"

Er nickte.

"Ach Unsinn!", begann ich zu schelten. "Das glauben sie doch nicht in Wirklichkeit. Sie sind doch so konservativ, ein Haus in Long Island, nette Kinder, eine Frau."

"Nicht mehr", sagte er. "Ich verliess sie."
"Warum?"
"Sie unterdrückte mich."
"War gegen Scientology?"
"Ja", gestand er. "Aber sie hatte unrecht. Scientology hat mir geholfen."

"Aber alles kann für eine Person eine zeitlang hilfreich sein, wenn sie daran glaubt", warf ich ein und begann mit ihm über Heilung durch Glauben zu diskutieren.

"Das ist alles falsch", erzählte er mir, "und um ihnen zu beweisen, wie mir Scientology geholfen hat, schauen sie doch wie sehr ich mich verändert habe. Alles was mich bisher interessierte war Geld zu verdienen. Nun beschäftige ich mich nur noch damit, den Leuten zu helfen. Diese Woche habe ich $700 an Leute verteilt, die an den Strassenecken standen und hilfebedürftig aussahen. Sehen sie", forderte er mich auf, und holte verschiedene zerknüllte Papierblätter aus seiner Tasche und begann die Namen, Telefonnummern und Tätigkeiten von allen Personen vorzulesen, denen er in den vergangenen Wochen begegnete, von Hippies im Dorf bis zum Schaffner der seine Fahrkarte entgegennahm.

"Und was fangen sie mit diesen an?", fragte ich ihn.
"Ich helfe ihnen auch", sagte er.
"Und wie?"
"Indem ich die Mafia von ihnen fernhalte."
"Aber die Mafia ist ja gar nicht hinter ihnen her", protestierte ich.
"Nun schon, weil ich ihre Namen notiert habe", erwiderte er.

Ich entschloss mich nicht weiter zu diskutieren; er war zu weit gegangen. Stattdessen sass ich eine Weile dort, hörte mir seinen Wahn von der Verfolgung durch die Mafia an, von seinen Gesprächen mit Gott, von den Veränderungen in seinem Leben seit er Scientology beigetreten war, und auch von all den Gründen warum auch ich mich anschliessen sollte. Nach einer Weile stoppte er gänzlich mit Reden und geriet in Trancezustand. Ich sass still dort bis ich bemerkte, wie seine Blicke an mir klebten. Ich geriet unmittelbar in panische Angst, denn ich hatte nach meinem Collegeabschluss kurze Zeit mit Patienten einer psychiatrischen Klinik gearbeitet. Nach einigen schwierigen Situationen wusste ich, was dieser glasige Blick bedeutete.

Ich hatte recht.
"Gott hat entschieden, dich zu vergewaltigen", sagte er langsam während er mich plötzlich bedrängte.

Ich traute nicht meine Angst zu zeigen. Der Trick im Spital im Umgang mit gefährlich gewordenen Leuten war, sie ständig am Reden zu halten. Nun aber, von seinen beiden Armen wie von einem Schraubstock festgehalten und mit nur einem Gedanken in seinem Kopf, war es sehr schwierig ein anderes ihn interessierendes Thema zu finden.

"Erzählen sie mir mehr über Scientology", sagte ich schlussendlich. Das wirkte. Er löste seinen Griff und fiel in eine andere Trance, nun wiederum erzählend wie sehr ihm Scientology geholfen habe.

"Schauen sie doch mal, was sie aus mir gemacht hat", sagte er, während ich versuchte, ihn vor die Tür zu leiten.
Es war ein langer, harter Anblick.
Zwei Wochen später war er in einer psychiatrischen Klinik.

Nach diesem Abend setzte ich Scientology weit unten auf meine Liste der möglichen Themen, über die ich mal zu schreiben gedachte. Aber ich hatte mich noch nicht wirklich entschieden darüber weiter zu recherchieren, bis ich auf einen weiteren alten Freund stiess, der ebenfalls Scientologe geworden war. Auch er versuchte mich zu überreden mich ihnen anzuschliessen.

"Ich weiss darüber alles", sagte ich und unterbrach ihn so mitten in seinem perfekt inszenierten Verkaufsgespräch. "Erinnerst du dich eigentlich an XY, mit dem wir in unserem Betrieb zusammen arbeiteten? Auch er geriet in Scientology."

"Ich weiss", sagte mein Scientologe stolz. "Schliesslich war ich es ja, der ihn hinein brachte."

"Nun gut", entgegnete ich wütend, "dann weisst du sicher auch, dass er nun in einer psychiatrischen Klinik ist? Als er bei Scientology war entschied er sich, Gott zu sein."

"Möglicherweise ist er es ja tatsächlich", fand mein Scientologe.