Leben und Tod einer Scientologin

Nach 13 Jahren und Tausenden von Dollars wurde Lisa Mc Pherson endlich 'Clear'. Daraufhin wurde sie geisteskrank.

By Richard Leiby
Washington Post Staff Writer
Sunday, December 6, 1998

CLEARWATER, Fla.—"Ich bin L. Ron Hubbard" verkündete die Frau im Bett des Hotelzimmers mit roboterhafter Stimme. "Ich wurde vor 3 Milliarden Jahren erschaffen." Sie redete fortwährend zusammenhangloses Zeug, jeder Ausbruch wird pflichtbewusst mitnotiert von den zu ihrer Überwachung zugeteilten.

"Ich kann die Gewalt nicht konfrontieren ... ich brauche meinen Auditor ... ich möchte eine Zahnbürste nehmen und den Boden putzen bis ich eine Erkenntnis habe."

Der Jargon von Scientology war jedermann sofort vertraut, der diesen Raum im Fort Harrison Hotel betrat, Teil eines Ausbildungszentrums der Elite und Rückzugsorts gegründet von Hubbard, dem Science-Fiction Schriftsteller und selbsternannten religiösen Anführer. Es war auch für ihre Mitscientologinnen offensichtlich, dass Lisa verrückt geworden war.

"Ausser Kontrolle" schrieb eine.

Seit dem 18. November 1995 hielten Mitarbeiter von Scientology - Hubbards Anweisungen für den Umgang mit psychotischen Mitgliedern befolgend - McPherson in diesem Raum rund um die Uhr isoliert, weigerten sich, mit ihr zu sprechen, versuchten sie mit Zwang zu ernähren, versorgten sie mit Vitaminen, Kräutergebräu und injizierten ihr Beruhigungsmittel, wie es mehrere Berichte festhalten, die nun Teil der Gerichtsakten sind. Sie widersetzte sich ungestüm: sie hämmerte an die Wände, versuchte zu entfliehen und griff eine Mitarbeiterin mit einem Blumentopf an. Aufzeichnungen belegen, in ihrem Delirium beschmutzte sie sich mit ihren Fäkalien und trank ihren eigenen Urin.

In 17 Tagen sollte McPherson tot sein - sie, die den grössten Teil ihres Lebens als Anhängerin von Hubbards Lehren verbrachte und dafür Zehntausende von Dollars ausgab. Die einst üppige 36jährige - sie mass 1.80 m und trug Kleider der Grösse 12 - verlor rund 20 kg während ihrem Martyrium, wies noch 50 kg auf, ihr geschlagener Körper pockenartig von Insektenstichen und Wundschorf gezeichnet.

Sie wurde während dieser Zeit nie von einem zugelassenen Arzt untersucht. Eine Autopsie führte ihren Tod auf ein Blutgerinnsel verursacht durch "schwere Dehydrierung" und "Bettlägrigkeit" zurück.

Letzten Monat reichte der zuständige Staatsanwalt, nach über zwei Jahren der Untersuchung, Strafanzeige gegen die Scientology Organisation ein, wegen Missbrauch oder Vernachlässigung eines urteilsunfähigen Erwachsenen sowie wegen unbewilligter Ausübung einer medizinischen Tätigkeit. (Es wurden keine Einzelpersonen angeklagt; um zu den Aussagen aller Zeugen von Scientology zu kommen, wurde ihnen durch den Staatsanwalt Immunität zugesprochen.) Eine strafrechtliche Verurteilung würde nur Geldstrafen bis 15'000 Dollars bedingen, würde jedoch einem Gericht erlauben, eine Entschädigung für die Familie des Opfers und die Bezahlung der gesetzlich begründeten Untersuchungskosten zu verlangen.

Die Kirche erklärte sich nicht schuldig. Mike Rinder, ranghoher Sprecher für Scientology, wollte keine Fragen über McPherson beantworten, verbreitete aber eine Meldung, die die "Umstände" ihres Todes "unglücklich" nannte und behauptete, dass die Kirche nicht darauf bedacht ist, ihren Anhängern Schaden zuzufügen. Anwälte der Kirche wollten sich dazu nicht äussern.

Inzwischen reichte die Tante von McPherson gegen die Kirche eine Klage wegen ungewöhnlichem Todesfall ein, die festhält, dass McPherson als "eine Gefangene von Scientology" "extreme Qualen" durchlitt. Vertreter der Kirche haben erklärt, sie hätten die religiösen Wünschen von McPherson respektiert; Scientology prangert heftig jede Form von Psychotherapie an.

Dieses Wochendende demonstrierten Aussteiger aus Scientology und andere Aktivisten in der Umgebung des Fort Harrison Hotels, zum Jahrestag von McPhersons Tod. Seit ihrer Gründung vor 45 Jahren erlitt die Scientology Kirche mehr schlechter Werbung als ihr zukommt, aber der Fall McPherson zeigt krass eine Seite der Religion auf, die weit entfernt ist von den glühenden Zeugnissen, die sie von ihren Anhänger in Hollywood wie John Travolta, Tom Cruise und Isaac Hayes erhält

Wenn das ultimative Ziel von Scientology, wie Hubbard verfügte, die "völlige Freiheit" und das "Überleben" ihrer Anhänger ist, was lief dann schief im Fall Lisa McPherson?

"Endlich, hier ist ein Buch ... das die Antworten auf die Probleme des menschlichen Verstandes gibt" versprach Hubbards Bestseller "Dianetik: Die moderne Wissenschaft der geistigen Gesundheit". Es war der Eckstein für die Religion, die er später gründete. Einmal "geklärt" von ihren ärgerlichen "Engrammen" im Hirn, würden die Anhänger glücklich und gesünder sein, höhere IQs haben und "geistig stabil" werden, glaubte Hubbard.

Im September 1995 bezeugte Lisa McPherson an einer Scientology Zeremonie stolz, dass sie den Zustand "Clear" erreichte. Innert wenigen Wochen verwirrte sich ihr Verstand. Nach 13 Jahren intensiven Studiums versagte sie immer noch als Scientologin; tatsächlich war sie zu einem Problem der schlimmsten Art geworden, - im Jargon der Kirche, eine "Potential Trouble Source Type III" (PTS Typ 3) oder was Hubbard auch ein "geisteskrankes Wesen" nannte.

Draussen in der realen Welt, unter Nicht-Scientologen, erlitt McPherson einen dramatischen Zusammenbruch und wurde zum öffentlichen Ärgernis. Scientologen sollten das nicht tun.

Der Gründer, eine rothaarige, prahlerische Erscheinung, starb 1986, aber Scientologen halten jede seiner Äusserungen und Texte für heilige, unveränderliche Schriften. Hubbard hatte scheinbar eine schlechte Meinung von denjenigen, die Zusammenbrüche erlitten.

"Wie auch immer, wir haben mit den Geisteskranken nichts zu tun. Die Geisteskranken, gut, sie sind geisteskrank!" erklärte er einmal in einem seltenen Fernsehinterview. Für Psychotiker kann wenig getan werden. "Sorge für eine relativ sichere Umgebung, Stille, Ruhe und überhaupt keine Behandlung psychischer Art" schrieb er 1965 in einem Policy Letter.

"Es wird immer irgendein Versagen geben" fuhr er fort, und "manchmal können [sie] nicht am Leben gehalten werden."

McPherson wuchs in Dallas auf, als Tochter eines Versicherungsmannes und seiner Frau, die Hausfrau war, sie gehörten der Baptistenkirche an. Sie hatte einen älteren Bruder namens Steve, den sie sehr liebte,

Als Steve 16 war, schoss er sich im Ruheraum einer Tankstelle selbst in den Kopf. Lisa war 14. Der Selbstmord wurde scheinbar durch einen Streit mit einem anderen Jugendlichen ausgelöst, doch die Einzelheiten blieben Lisas Tante und engster lebenden Verwandten Dell Liebreich unklar. Aber Liebreich weiss eines: "Ich bin sicher, es hatte einen traumatisierenden Einfluss auf Lisa. Ihr Vater erholte sich nie davon. Er beging 10 Jahre später auch Selbstmord." Er benutzte ebenfalls eine Pistole.

Nach der High School arbeitete McPherson bei Southwestern Bell, wo sie, wie ihre Familie sagt, durch einen Supervisor für Scientology angeworben wurde. Eine lebhafte, braunäugige Blondine, die ihr Haar gerne in Strähnchen tönte, McPherson hatte eine frühe, unruhige Ehe die nur wenige Jahre dauerte. Aber sie hatte Erfolg bei der Telefongesellschaft und sie studierte begierig die Techniken von Hubbard. "Sie ging immer in die Mission und nahm Kurse" erinnert sich Liebreich, die nun für den Prozess gegen Scientology verantwortlich zeichnet nachdem Lisas Mutter Fanny letztes Jahr starb.

Die Rechenschaft der Kirche über die Zeit von McPhersons Mitgliedschaft erforderte von den Beamten der Strafuntersuchung und Zivilrechtsanwälten eine weitere Sprache zu lernen - die Redeweise von Hubbard. Zum Beispiel hält ein von Scientology präparierter Bericht fest, dass "sie im Dez.86/Jan.87 einen PTS Rundown erhielt (items waren Mom, Don und Theresa) ... Diesem folgte eine grosse Menge von Wordclearing, False Data Stripping and O/W write ups."

Übersetzung:

Unter Benutzung eines E-Meters, einem lügendetektorähnlichen Gerät das Hubbard erfand, entdeckte ein Berater, dass McPherson eine PTS (potential trouble source) für Scientology war wegen ihrer Verbindung zu drei SPs (suppressive person / unterdrückerische Person), eingeschlossen ihre Mutter. In konfessionellen Ritualen muss ein Gläubiger seine O/Ws -"overts and withholds" - bekanntgeben, unmoralische Handlungen, die schädliche, geheime Vergehen gegen Scientology beinhalten. Alle Missverständnisse über irgend etwas - einschliesslich die über die Kirche und ihre Lehren - sind "falsche Daten", die ausgeräumt werden müssen.

In der Kosmologie von Hubbard können alle in früheren Lebenszeiten erlittenen seelischen Verletzungen, Kontakte mit fremden Wesen, Drogengebrauch und Verwicklung mit "unterdrückerischen Personen" (eingeschlossen die Feinde der Kirche) für einen "Preclear" Hindernisse zum Erfolg sein. Sie müssen durch "Auditing" ausfindig gemacht und entfernt werden.

Nach Angaben der Kirche nahm McPherson 1982 ihren ersten Kurs, als sie 23jährig war und sie versuchte 1986 "clear" zu werden, scheiterte jedoch. Sie nahm einen Staffjob an und heiratete ein Mitglied der Kirche. 1989 verpflichtete sie sich, Scientology für eine "Milliarde Jahre" zu dienen, trat der Sea Organisation bei, einer Elitetruppe, deren Mitglieder Marineuniformen tragen und einer militärischen Kommandostruktur unterstehen, viele Stunden arbeitend für einen Lohn von 50 Dollars die Woche.

Als Navyleutnant im Zweiten Weltkrieg, Hubbard führte seine Sekte während mehreren Jahren an Bord einer umgebauten 100 Meter Viehfähre, in der Welt herumsegelnd bevor er in Clearwater gründete, was er Flag Land Base nannte, einer ruhigen Stadt mit weissen Sandstränden am Golf von Mexiko. Der Commodore, wie sich Hubbard bezeichnete, wohnte Mitte der 70er in der Nähe. Er erzählte Gehilfen, er plane sich als Fotograf in der Touristikindustrie zu etablieren.

Heute leben etwa 6'000 Anhänger und Mitarbeiter von Scientology im Bereich von Clearwater - viele in ehemaligen Hotels untergebracht, wo die höchsten (und teuersten) Stufen von Hubbards "religiöser Technologie" angeboten werden. Auch mehrere durch Scientologen betriebene Geschäfte haben hier ihr Hauptquartier.

McPherson zog anfangs der 90er nach Clearwater, nach dem ihr neuer Scientology Arbeitgeber seinen Verlag hierhin verlegte. Sie liess sich wieder scheiden und verliess die Sea Organisation. Aber sie hielt an der Versuchen fest, "clear" zu werden. Aufzeichnungen zeigen, dass sie 1991 und 1994 erneut damit scheiterte weil sie eine "potential trouble source" (PTS) war - die Sitzungen am E-Meter enthüllten ihre Kontakte mit unterdrückerischen anti-Scientology Elementen.

Anfänglich hatte McPherson Erfolg als Verkaufsvertreterin des AMC Verlags; 1994 verdiente sie gemäss ihrer Steuerrückerstattung 136'721 Dollars und gab davon mehr als 55'000 Dollars für Scientologykurse aus und erhielt Abzüge dafür. (Das IRS gewährte nach Hunderten von durch Scientology eingereichten Prozessen 1993 der Kirche den Status der Steuerfreiheit.)

Doch dann Verwirrung. "Im Juni 1995 brach Lisa zusammen und drehte tatsächlich durch (Nervenzusammenbruch)" erwähnt der Rapport der Kirche. Das bedingte eine kurze Erholung im Fort Harrison Hotel und ein Einschränken ihrer Arbeit. Sie wurde "Ethiks Handhabung" unterzogen - eine Behandlung, die das Aufschreiben von "overts and withholds" umfasst.

Ihre Tante, ein alter Freund von der High School und andere glauben, dass McPherson beabsichtigte, die Kirche zu verlassen - und das war ihr geheimgehaltenes Verbrechen gegen Scientology.

"Sie fuhr Achterbahn: hoch und tief, hoch und tief, hohe und niedrige Emotionen" meinte Michael Pattinson, ein Maler und seit kurzem Abtrünniger von Scientologe, der McPherson in den Monaten vor ihrem Tod kennenlernte. "Sie wollte in ihrem Leben etwas mehr künstlerisches machen, die Macht- und Gruppenzwänge waren für sie zu viel."

"Sie hatte bei ihrer Arbeit sehr, sehr harte Zeiten um ihre Verkaufsquoten hoch zu halten" erinnert sich Pattinson. "Sie bat mich um Rat. Ich sagte 'Lisa, verfolge deine eigenen Ziele, nicht die von anderen, oder du wirst in der Patsche sitzen'."

Die Offiziellen von Scientology behaupte, dass McPherson ein treues Mitglied war. Und am 7. September erreichte sie endlich ihr Ziel auf das sie so grossen Wert legte: "Ich komme aus Texas und ich bin Clear!" verkündete sie einem Raum voll Scientologykollegen, wie jetzt in den Gerichtsakten zu lesen ist.

"Clear zu sein ist spannender als alles, was ich je erlebte. Ich bin so erregt über Leben und Sein, dass ich es kaum aushalten kann!"

Als letzte Hürde für McPherson um Clear zu werden erwies sich ein Ereignis aus einem früheren Leben. Ein Tiger mit messerscharfen Zähnen griff sie an und frass sie auf: "Ich sah ihn nicht nur, ich war während sechs Monaten mit ihm in einem Käfig."

Mit Auditing wurde das Problem "gehandhabt", erzählte McPherson ihrem Publikum. Es kamen jedoch andere Probleme auf.

Aufzeichnungen der Kirche zeigen, dass Offizielle sie Mitte Oktober zur "Belastung" für Scientology erklärten, offensichtlich nachdem ihre Leistung bei ihrem Verlagsjob nachliess. In Hubbards Jargon heisst das, McPherson hatte "das Wesen eines Feindes angenommen" und war nicht mehr vertrauenswürdig. In einem Notiz erwähnte sie, sie mache "Amends" und arbeite sieben Tage die Woche von 7 Uhr morgens bis 22.30 Uhr nachts, mit der Aufgabe, für die "Winter Wonderland" Veranstaltung der Kirche Geld zu sammeln.

Im November begann sie sich seltsam zu benehmen: An einer Geschäftssitzung in Orlando beharrte sie gegenüber Fremden darauf, dass sie "Dianetik" von L. Ron Hubbard lesen müssen. Sie fragte eine Mitarbeiterin über "unterdrückerische Personen" aus. Sie weckte die Kollegin mitten in der Nacht, tobend über "etwas das sich auf diesem Planeten abspielt von dem ich nichts weiss."

"Als ich um 7 Uhr erwachte, fand ich sie immer noch im Badzimmer Hubbards Werke lesend" schrieb die Frau in einem Bericht an die Kirchenleitung. "Sie sah schrecklich aus."

Vor einem Jahr entzündeten Kritiker zum Gedenken an McPherson Kerzen auf dem Gehweg vor dem Fort Harrison Hotel. Ihr Schilder zeigten die grässlichen Fotos der Autopsie. Auf ihren T-Shirts stand "Scientology Kills".

Einige Blöcke weiter veranstalteten Tausende von Mitgliedern der Kirche einen "Bürgerrechts"-Marsch zum Polizeidepartement von Clearwater und dem lokalen Büro der St. Petersburg Times als Gegendemonstration, mit der Beschuldigung, dass sich die Ermittlungen der Polizei und Medien im Fall McPherson zu einer Hasskampagne entwickelten.

Bei vielen Einwohnern wurden durch den langdauernden Fall McPherson unerwünschte Erinnerungen über die widersprüchliche Vergangenheit von Scientology neu belebt - Mitte der 70er Jahre wurde das politische und wirtschaftliche Establishement und die Medien zum Ziel von dem, was Hubbards Notizen als "Übernahme" und "Kontrolle" bezeichnete. 1975 zog Hubbard mit seiner Sekte an Land, insgeheim Liegenschaften im Zentrum kaufend unter dem Deckmantel einer Gruppe, die sich United Churches of Florida nannte.

Der Plan des Gurus, eine durch Scientology kontrollierte Stadt zu schaffen - Teil eines noch grandioseren Entwurf zur weltweiten Herrschaft - zerschlug sich nach der FBI-Razzia und dem Bekanntwerden seiner Ziele durch Zeitungsnachrichten. Staatsanwälte benutzten interne Dokumente der Kirche als Hilfe um Hubbards Frau und zehn weitere Spitzenscientologen wegen Verschwörung zur Infiltration, Abhören und Einbruch in Bundesämter zu verurteilen. Hubbard wurde in diesem Fall als Mitverschwörer nicht vergeklagt.

Scientology Führer, die sagen, die Kirche von 15 Jahren von Kriminellen gesäubert zu haben, behaupten ausgezeichnete Beziehung mit der Stadt zu geniessen. Letzten Monat wurde mit Bauvorbereitungen für ein 45 Millionen Dollars teures Scientologyzentrum im serbelnden Geschäftsviertel begonnen; mit 40'000 Quadratmeter ist es das grösste Bauprojekt in der Geschichte der Kirche. Nur einzelne Fanatiker und "rednecks" sind gegen ihre Anwesenheit, meinen Offizielle der Kirche.

"In Scientology geht die Sonne nie unter" zitierte Kirchenführer David Miscavige Hubbard an der strahlenden, innovativen Laser-Lichtshow "Scientology heute, morgen und für immer".

Die sich über den Fall McPherson duellierenden Demonstrationen fanden zeitgleich mit der Eröffnung von "Winter Wonderland" statt, einer alljährlichen Feiertagsveranstaltung der Kirche um Nahrungsmittel und Spielzeug für die Armen zu sammeln. Rocker Edgar Winter, ein Scientologe, hiess die Volksmenge willkommen und lobte "dieses wundervolle Geschenk an die Öffentlichkeit".

Bennetta Slaughter, Besitzerin des AMC Verlags und seit nahezu 20 Jahren Scientologin, sprach über den Einsatz der Kirche für die Kinder. Sie unterstrich, dass eine Spende von 3'400 Dollars ihrer verstorbenen Angestellten Lisa McPherson mithalf, all das möglich zu machen.

"Sie war eine meiner besten Freundinnen und ich mochte sie sehr" sagte Slaughter später, geschützt gegen die Brise mit einem Weihnachtsstrickjacke und rotem Samtrock. "Es ist absurd, dass sie demonstrieren [gegen die Kirche]. Sie schänden ihr Andenken, sie ehren es nicht."

Slaughter und ihre Firma wurde anfänglich in der Anklage von McPhersons Tante als Erste genannt, später jedoch wieder fallengelassen. "Ich weiss ganz genau was sich mit Lisa ereignete -" begann Slaughter. Sie legt eine Pause ein. "Sie sagte sich von nichts los. Die Dinge, die gesagt wurden, sind völlig falsche Darstellungen von Seiten derjenigen, die die Kirche angreifen wollten. Es sind Unwahrheiten."

Und warum kritisieren Leute ihre Kirche?

"Keine Angaben" entgegnet sie schnell. "Offensichtlich gibt es ein Programm."

"Die wirkliche und unentschuldbare Gefahr von Dianetik liegt in ihrem Konzept eines unmoralischen, distanzierten, 100 prozentig mechanischen Menschen. Das ist der autoritäre Traum, eine Bevölkerung von Zombies, bereit sich durch den grossen Geist des Gründers manipulieren zu lassen, dem Führer einer inneren manipuklierenden Clique."
- Rezension von "Dianetics" in The Nation, 1950

Von Anfang an wurden die Therapien von L. Ron Hubbard von medizinischen Autoritäten als Kurpfuscherei, Hypnose und Gehirnwäsche eingestuft. Eine der ersten gerichtlichen Untersuchung über Scientology, in den 60ern in Australien durchgeführt, erachtet den Vorgang des Auditings als eine Form von "geistiger Folter" und resultierte in einem Verbot scientologischer Praxis. "Manchmal geraten Preclears so ausser sich, dass sie schreien, Mordgefühle entwickeln, Wutanfälle zeigen, Traurigkeit ... ihre sexuellen Begierden werden geweckt, sie handeln unvernünftig, lachen hysterisch ... sie werden gewalttätig und versuchen zu entfliehen und müssen zurückgehalten werden" steht in dem Bericht.

"In der Ausdrucksweise von Scientology, wenn Erscheinungen wie diese auftreten, wurde der Preclear 'restimuliert'; tatsächlich wurde er jedoch entwürdigt und moralisch verletzt."

(1982 hob Australien diese Verbot auf und anerkannte Scientology als eine Religion. Aber eine offizielle Kommission von hohen Rechtsexperten empfahl kürzlich, signifikanten psychischen Schaden, verursacht durch irgendwelche religiöse Gruppen, eingeschlossen Scientology, als Verbrechen einzustufen.)

1978 verhandelte ein Gericht in Frankreich wegen Betrug in Abwesenheit gegen Hubbard und verurteilte ihn zu vier Jahren Haft.

1986 sprach ein kalifornisches Geschworenengericht einem ehemaligen Mitglied der Sea Organisation 30 Millionen Dollars zu, das aussagte, die fortgeschrittene Gewaltherrschaft der Kirche habe bei ihm dazu geführt, dass er psychotisch wurde und tatkräftig einen Selbstmord plante. (Der Betrag, später auf 2,5 Millionen Dollars reduziert, wurde vom obersten Bundesgericht aufrechterhalten, das ehemalige Mitglied muss jetzt jedoch Geld sammeln wegen ständigen Prozessen durch die Kirche.)

In einem Entscheid von 1984 sagte Richter Paul G. Breckenridge vom Los Angeles Superior Court, Scientology "ist in Wirklichkeit nichts anderes als ein riesiges Unternehmen, das seinen Anhängern mit pseudowissenschaftlichen Theorien den höchst mögliche Geldbetrag abknöpft ... und das eine Art von Erpressung gegen Personen betreibt, die in ihrer Sekte nicht mehr mitmachen wollen ... Die Organisation ist klar schizophren und paranoid, und diese bizarre Kombination scheint ein Spiegelbild ihres Gründers zu sein."

Solche Schlussfolgerungen treffen nah an das Herz von Scientology, ein Glaubenssystem, dessen stärkste Rhetorik für die Kritik der Psychiatrie reserviert ist. Hubbard sagte, er wolle "das Gebiet der geistigen Gesundheit auf diesem Planeten in jeder Form" kontrollieren. Er denunzierte Psychologen als Verrückte und Metzger, die die Seelen der Patienten mit Elektroschocktherapie und Drogen umbringen.

Aber es könnte einen tieferen Grund für den Zorn des Gründers geben. Sein ältester Sohn L. Ron Hubbard jun. beschwor einst eine eidesstattliche Erklarung die besagte, dass sein Vater "am Ende des Krieges in einer psychiatrischen Klinik landete". (Hubbard jun. ist tot, die Kirche behauptet, der Gründer habe nie psychiatrische Behandlung erfahren und dass der Sohn seine Kritik widerrief.)

In einem Brief von 1947 an die Veterans Administration gab Hubbard senior zu, den Hang zum Selbstmord zu haben und ersuchte um psychiatrische Hilfe.

Die Ärzte denunzierend, behauptete Hubbard, mit seiner Forschung die wahre Natur des Geistes enthüllt zu haben. "Alle diese Dinge sind wissenschaftliche Tatsachen, geprüft, überprüft und erneut geprüft" schrieb er in "Dianetik". Aber sein Sohn erklärte, dass die Ergebnisse - zuerst publiziert im Schundmagazin Astounding Science Fiction - ohne wissenschaftlichen Wert waren: "Mein Vater schrieb seine Bücher frei von der Leber weg, auf seiner Phantasie begründet. Es gab keine Fallstudien."

"Er auditierte mich und konnte nicht helfen" berichtet Richard de Mille, eine Dianetik-Gläubiger von 1950 bis 1953. "Ich begann zu verstehen, dass alles nur in seiner Phantasie existierte, gerade wie wenn er eine Geschichte erzählte."

De Mille, 76jährig und Sohn des berühmten Regisseurs, erklärt dass Hubbard seine Entdeckungen zur Selbsthilfe in eine Religion verwandelte um zu vermeiden, sie beweisen zu müssen: "Es wurde ganz plötzlich eine Religion und alle seine magischen Ideen sprangen darauf über."

Die Spitze der geistigen Beratung von Scientology sind in den geheimen sogenannten OT Graden, die übermenschliche Krafte versprechen. Hier gehen die Mitglieder durch das, was Hubbard als die Feuerwand beschrieb. Gläubige - die bereits Tausende ausgaben um Clear zu werden - bezahlen mehrere Tausend mehr um zu lernen, dass ihre spirituellen Traumas von einem intergalaktischen Holocaust vor 75 Millionen Jahren herrühren verursacht durch einen Oberherr namens Xenu.

Während einer Schlacht im Weltraum, lehrt Hubbard, wurden unsere Geister von bösen fremden Geistern überwuchert, "Body Thetane" genannt. Es kann sein, dass eine unermessliche Zahl solch übler Thetane unserem Verstand Probleme bereiten. Nur durch rigoroses Auditing können sie entfernt werden - und den ungepeinigten Operating Thetan - den OT - erscheinen zu lassen.

Die Buchhaltung der Kirche zeigt, dass McPherson 1995 nahezu 42'000 Dollars bezahlte, als "Spenden" für Kurse der höchsten Grade - einschliesslich "Wall of Fire", den "Flag OR Executive Rundown" und "OT Preparations and Eligibility".

Die Gerichtsakten weisen nach, dass die Anhängerin am 10.November 1995 ihren letzten religiösen Gegenstand von der Scientology Kirche kaufte. Es war ein Kalender für 1996, L. Ron Hubbard darstellend. Preis: 100 Dollars.

"Niemand erklärte mir, eine Gefangene zu sein, aber ich weiss, dass ich ich nicht einfach zur Tür hinaus gehen konnte ... es wird über die Jahre eingeprägt, wenn du einmal Scientologe bist kannst du nirgendwo mehr hingehen; du kannst einfach nicht weggehen."
- Lori Taverna, ehemaliges Personalmitglied der Kirche, Zeugenaussage 1982 gegenüber der Clearwater City Commission.

Nach einem unbedeutenden Verkehrsunfall entledigte sich McPheson ihrer Kleider und lief nackt auf dem gutbefahrenen Belleview Boulevard herum. Sie erzählte staunenden Sanitätern, sie sei nicht verrückt, sie suche aber nur gerade ihre Aufmerksamkeit: "Ich brauche Hilfe. Ich muss mit jemandem sprechen". Sie sprach monoton, wie programmiert, und sagte, sie benötige keinen Körper zum Leben.

"Ich bin ein OT" erklärte sie. Ein Operating Thetan

Es war kurz nach 18 Uhr am 18. November 1995. McPherson fuhr mit ihrem 93er Jeep Cherokee in ein auf einem Anhänger transportiertes Boot. Sie war blieb unverletzt.

Die Sanitäter brachten sie ins nahegelegene Morton Plant Spital. Dort sagten Krankenschwestern, dass sie ruhig erschien, aber sie bemerkten ihren starren Blick. McPherson teilte mit, dass ihr Bruder und ihr Vater Selbstmord begingen, verneinte jedoch, sich selbst oder jemand anders umbringen zu wollen.

Etwa um 18.50 Uhr traf eine Gruppe von Scientologen ein. Über den Anschluss der Kirche telefonierte McPherson ihrer Freundin und Chefin, Bennetta Slaughter. (Die Aufzeichnungen des Spitals enthalten keine Hinweise, dass McPherson irgendwelche Telefonanrufe machte.) Die Scientologen erklärten, dass eine psychiatrische Beratung McPhersons Religion verletzen würde.

Um 19.30 Uhr kam eine Psychiatrieschwester ans Bett von McPherson, das von den Kirchenmitgliedern umringt war. Erneut sprach sie in dieser monotonen Art, der Schwester erzählend "Ich wünsche mit meinen Freunden von der Versammlung heimzugehen".

Ein Notfallarzt entschied, nach telefonischer Rücksprache mit einem Psychiater, dass die Patientin nicht unfreiwillig entlassen werden könne. "Ihre Freunde von Scientology werden sie 24 Stunden beobachten und sich vergewissern, dass sie die Pflege bekommt, die sie und die Patientin wünschen" tippte der Arzt in seinem Rapport. Er er schien besorgt und fügte bei: "Ich erklärte ihr, ich könne die Verantwortung nicht übernehmen ... ich die Patientin entlasse entgegen medizinischen Indikationen."

Um 20.30 Uhr wurde sie ins Fort Harrison Hotel transportiert und ins Zimmer 174 gebracht. Sie sollte es bis in der Nacht vom 5. Dezember nicht mehr verlassen.

Scientologen luden den beinahe leblosen Körper von McPherson in einen Wagen von Scientology. Statt eine Ambulanz zu rufen oder sie in das fünf Minuten entfernte Morton Plant zu fahren wurde sie 45 Minuten nordwärts ins Columbia/HCA New Port Richey Spital gebracht.

Ihre Wächter entschieden, dass es am besten wäre wenn McPherson von einem Scientologen-Arzt behandelt wird - ein OT-Kurs Absolvent namens David Minkoff, der in der Notfallstation des New Port Richey Spital arbeitete. Minkoff hatte bereits früher für McPherson Valium verschrieben, ohne die Patientin gesehen zu haben, gemäss einer Erklärung des Florida Department of Law Enforcement. (Minkoff, ursprünglich im Verfahren wegen aussergewöhnlichem Todesfall genannt, ermächtigte seine Versicherungen, sich aus dem Nachlass von McPherson mit 100'000 Dollars auszahlen zu lassen - was sein Anwalt einen "Hungerlohn im Vergleich mit den Millionen und Abermillionen die sie verlangen" nannte.)

McPherson bekam das Valium nie. Mitarbeiter erzählten den Ermittlern, dass sie befürchteten, irgend welche Drogen könnten ihr künftiges Auditing stören. So füllten sie stattdessen Aspirin und Benadryl in eine Spritze und drückten es durch ihre Kehle. Der "Fall-Supervisor" von McPherson glaubte, "Aspirin könnte helfen, die Entstehung von geistigen Bildern bei Lisa abzublocken" erwähnt die Erklärung der Anklage.

Während den 17 Tagen seit ihrem nackten Bummel auf dem Belleview Boulevard wurde McPherson von Janis Johnson, einer Narkoseärztin ohne Zulassung die bei Flag als medizinischer Verbindungsoffizier diente, von einem Zahnarzt und Mitarbeitern ohne medizinische Ausbildung betreut, unter anderem einer 17jährigen. Aufzeichnungen zeigen, dass eine der McPhersons Zimmer zugewiesenen Frauen zusammenbrach, in einer Ecke sass und weinte.

Die Scientologen injizierten McPherson Magnesiumchlorid und gaben ihr Chloralhydrat als Beruhigungsmittel - beide Substanzen offenbar durch Hubbard gebilligt. Am 1. Dezember war sie so dehydriert, dass gemäss Johnsons Aufzeichnungen zwei Liter Flüssigkeit benötigte. Der medizinische Gutachter sagte später, dass sie scheinbar mindestens während den letzten fünf Tagen ohne Wasser blieb. Die Aufzeichnungen der Betreuer waren bekleckert, die Aufzeichnungen der Kirche über ihre letzten 53 Stunden gingen verloren oder wurden vernichtet, wie die Erklärung der Anklage festhält.

Eine Rekonstruktion der Ereignisse, die Scientology den Anwälten wegen dem Nachlass von McPherson zukommen liess, wie auch die Befunde des Staatsanwaltes beschreiben den letzten Tag von McPherson:

Am 5. Dezember konnte sie nicht aufstehen. Sie verlor immer wieder das Bewusstsein, bewegte sich selten. An diesem Morgen fand Johnson, McPherson sehe "septisch" aus, wie wenn sie an einer schweren Infektion leiden würde. Johnson rief um 19 Uhr Minkoff an und bat ihn, ein Rezept für Penicillin auszustellen.

Minkoff weigerte sich und empfahl, die Patientin ins nächstgelegene Spital einzuliefern. Aber Johnson meinte "Lisa sei nicht so krank". Sie würden McPherson stattdessen ins 40 Kilometer entfernte New Port Richey transportieren.

Auf dem Weg atmete McPherson zunehmend schwerer und stockender. Bei der Ankunft im Spital etwa um 21.30 Uhr wurde sie in einen Rollstuhl gesetzt. Minkoff sagte, er sei ab ihrem entsetzlichen Anblick geschockt gewesen.

Kurz nach der Ankunft erklärte er sie als tot.

Gemäss der Anklageschrift: "Diese unentschuldbare Verzögerung bis zum Gewähren von Notfallhilfe ... beraubte Lisa ihrer einzigen Überlebenschance."

Ein Bericht von Scientology über den Vorfall beginnt so: "Lisa McPherson, die bei Flag in Clearwater Florida lebte, verliess an diesem Abend ihren Körper während sie in ein Spital gebracht wurde."

Am 6. August 1996, acht Monate nachdem sie starb, schickte die Kirche McPherson eine Forderung, die einen Kredit von 3'000 Dollars aufzeigte. Ihr nächster Kurs, genannt "OT Debug Service" war zu bezahlen und zu absolvieren.

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