Ausgabe Nr. 13 vom 24. März 1997

Stehlen und abhören
Die "New York Times" greift Scientology scharf an. Die Sekte antwortet mit Spott

In den USA bläst der "Church of Scientology" der Wind scharf ins Gesicht: Am 9. März schilderte die "New York Times" (NYT), wie die Scientologen mit skrupellosen Methoden die Anerkennung ihrer Gemeinschaft als gemeinnützige und damit von der Steuer befreite Kirche durchsetzten.

Die Antwort von Scientology folgte zehn Tage später. Auch in der NYT. Aber nicht im redaktionellen Teil. Den Abdruck einer Gegendarstellung hatte das Blatt kühl abgelehnt. Die Replik erschien auf einer für 75 850 Dollar von der Sekte gekauften Anzeigenseite. Darin zieht Scientology mit beißendem Spott über den "Boulevardjournalismus" der ehrwürdigen NYT her und erklärt, die Veröffentlichung vom 9. März beruhe nicht auf Tatsachen.

"Zu keiner Zeit in der Geschichte dieses Landes ist eine Gemeinschaft je solchen Angriffen ausgesetzt gewesen . . . der Krieg beendete alle Kriege"

Scientology-Chef Miscavige Fünf Tage vor der Anerkennung von Scientology als Kirche

Trocken konterte die NYT auf der nächsten Seite, daß man voll und ganz hinter den Enthüllungen stehe.

Etwa zeitgleich mit dem Schlagabtausch in der NYT sorgte der mysteriöse Tod des Sektenmitglieds Lisa McPherson für Schlagzeilen. Die 36jährige Frau hatte nach 18 Jahren die Organisation verlassen wollen, war nach einem Autounfall von Sektenmitgliedern zurück in das Scientology-Hauptquartier in Clearwater (US-Bundesstaat Florida) geschafft worden und zweieinhalb Wochen später gestorben. Ausgezehrt, verletzt und am ganzen Körper von Insektenstichen gezeichnet.

Und da ist noch die unabhängige Interessengemeinschaft Tax Analyst. Vor Gericht in Washington klagt sie auf Herausgabe von Geheimunterlagen der US-Steuerbehörde (Internal Revenue Service, IRS). In den Papieren muß die Antwort auf die wichtigste Frage zu finden sein: Wie konnte eine durch etliche Kriminalfälle ins Zwielicht geratene und 25 Jahre als lukratives, kommerzielles Unternehmen betrachtete Sekte plötzlich als Kirche anerkannt werden?

Einen Teil dieses Geheimnisses lüftete Reporter Douglas Frantz in der NYT vom 9. März. Er schilderte die Wühlarbeit von mindestens elf Scientologen im Justizministerium und dem IRS. Sie stahlen und kopierten Dokumente und plazierten Wanzen in Konferenzräumen. Die Scientologen landeten im Gefängnis.

Einige Jahre nach dem Debakel setzte die Sekte Privatdetektive ein, um herauszufinden, ob und welche einflußreichen Steuerbeamten Alkoholiker waren, Affären oder Schulden hatten. Dutzende von Klagen sollten die Steuerbehörde lahmlegen.

Laut NYT bekam Sektenführer David Miscavige 1991 ohne vorherige Absprache eine Audienz beim damaligen IRS-Chef Fred Goldberg. Für Scientology war das der Durchbruch: 1993 wurde ihr der Status einer Kirche zuerkannt.

Auf der Siegesfeier freute sich David Miscavige: "Der Krieg beendete alle Kriege." Womöglich jubelte er zu früh.

Claus Preute