Stuttgarter Nachrichten
24.2.1997

KIND IM GRIFF DER SCIENTOLOGEN

Eine Story um Sorgerecht, Kindesentführung und Schulden

Am 26. November vergangenen Jahres veranstalteten Degerlocher Schulen, der Bezirksbeirat und die Kirchen einen Informationsabend über Scientology. Auslöser war der Fall eines zwölfjährigen Jungen, der plötzlich vom Wilhelmsgymnasium verschwunden war.


VON ROBERT DOENGES

Die erschreckende Geschichte des zwölfjaehrigen Tobias (Name geändert) könnte der Feder eines Drehbuchautors entsprungen sein - doch sie ist wahr. Im Mittelpunkt steht die umstrittene Scientology Organisation, der Tobias´ Mutter angehört. Die Frau stand unter anderem deshalb schon mit 600 000 Mark Schulden in der Kreide, ihr geschiedener Mann, Tobias`Vater, kämpft vor dem Gericht um das Sorgerecht für seinen Sohn. Tobias selbst fällt durch Verhaltensstörungen auf.

"Dieser Fall", sagt Scientology- Kritiker Eberhard Kleinmann von der Aktion Bildungsinformation (ABI), die sich um Sektenfragen kümmert, " ist der schlimmste und dramatischste, den wir bisher hatten." Der verzweifelte Vater hat die Geschehnisse in einem Gedächtnisprotokoll festgehalten.

Vom 4. August 1996 an spitzt sich die Lage zu. Tobias` Vater will sich, wie vereinbart, mit seinem Sohn treffen. Doch vor der Wohnung seiner Ex-Frau in der Stafflenbergstrasse steht er wieder einmal vor verschlossener Tür. Dass seine geschiedene Frau Kurse bei Scientology besucht, ist ihm seit 1991 bekannt; ihre zusätzlichen Geldforderungen für ein Besuchsrecht bei Tobias hatte er aber stets abgelehnt. Um eine Nachricht zu hinterlassen, sucht er in einem Abfallcontainer nach Papier; was er findet, sind persönliche Unterlagen seiner Ex-Frau, aus denen hervorgeht, dass sie in die Management-Ebene von Scientology aufrücken will und auf einem Schuldenberg von gut 600 000 Mark sitzt, angehäuft bei verschiedenen Gläubigern. Er findet zudem eine Quittung, die belegt, dass sein zwölfjähriger Junge ebenfalls schon einen Kurs der Sekte besucht hat.

Über einen Freund von Tobias erfährt der Vater, dass sich seine Ex-Frau mit dem Jungen nach Kopenhagen ins europäische Hauptquartier von Scientology abgesetzt hat. Der Vater reagiert, erwirkt bei Gericht einen einstweiligen Sorgerechtsbeschluss für Tobias und fährt am 14. August mit seiner Lebensgefährtin selbst nach Dänemark. Es gelingt ihm tatsächlich, Tobias aufzuspüren. Der Junge hat die letzten Tage in einem sogenannten Rehabilitation-Centre von Scientology, eine Art Erziehungslager, verbracht. Am 18.August darf der Vater seinen Sohn sehen - allerdings nur im Beisein seiner Ex-Frau sowie des Stuttgarter(!) Scientology-Sprechers Reinhard Egy. Die beiden fordern vom Vater, seine gerichtlich gestellten Anträge zurückzuziehen, andernfalls werde er Tobias nie wieder sehen. Zum Schein geht der Vater darauf ein. In einem günstigen Moment aber gelingt es ihm, Tobias ins wartende Auto seiner Lebensgefährtin zu zerren. Sie rasen zurück nach Deutschland.

In Pforzheim, dem Wohnort des Vaters, wird Tobias neu eingeschult. Er erzählt, dass er seit 1990 regelmässig an Scientology-Kursen teilnahm. Sein früherer Rektor in Degerloch berichtet dem Vater von Diebstählen und Schlägereien, die Tobias provozierte. Der Sohn, so stellt sich heraus, hat sich verändert: jegliche Pflichten sind ihm verhasst, er wäscht sich nicht, alles ist ihm lästig. Nach einem Streit reisst Tobias im September aus und lebt heute wieder bei seiner Mutter in Schorndorf.

Das Familiengericht in Pforzheim hat am 7. Januar entschieden, dass die Mutter weiter das Sorgerecht fuer Tobias behält.