BerlinOnline
Datum: 29.01.1997, Berliner Zeitung
Ressort: Politik
Autor:

Jan Roß

Symptom Scientology

Der Streit um Scientology trifft die moderne Gesellschaft an ihrer schwächsten Stelle. Weil sie fast keine eigenen Erfahrungen mit Religion mehr hat, reagiert sie auf alles, was mit Religion zu tun hat, merkwürdig hilflos. Wenn sich die Scientologen auf die Religionsfreiheit berufen, entdeckt man plötzlich, daß sich kaum jemand mehr selbstverständlich zu sagen traut, was Religion ist und was nicht. Woher soll man es auch wissen, wenn man nie eine Kirche betritt? Die Scientology-Debatte ist das Symptom einer tiefsitzenden Verunsicherung, einer Art weltanschaulicher Identitätskrise. Daher auch die wenig selbstbewußten Reaktionen auf die amerikanischen Vorwürfe, in Deutschland seien die Scientology-Anhänger eine verfolgte Minderheit. Die einen fürchten sich nun, ihre westlich-angelsächsische Liberalitätslektion nicht richtig gelernt zu haben und schöpfen Verdacht gegen die eigenen obrigkeitsstaatlichen Neigungen. Die anderen zeigen sich trotzig beleidigt, weil man noch immer an der demokratischen Zuverlässigkeit der Deutschen zweifelt. Und in der Tat war der von einigen Hollywood-Größen mitgetragene Vergleich der deutschen Scientology-Politik mit der nationalsozialistischen Judenverfolgung eine freche Absurdität. Nun bedeutet Religionsfreiheit, die vermeintliche Trumpfkarte der Scientologen, erstens keineswegs, daß Religionsgemeinschaften alles dürfen. Selbstverständlich müssen auch sie sich an die Verfassung und an die Gesetze halten. Zweitens und vor allem aber heißt Religionsfreiheit nicht, daß jede Gruppe, die das von sich selbst behauptet, deswegen schon als Religion anerkannt werden müßte. Das Christentum, aber auch die anderen Weltreligionen haben hier gewisse Maßstäbe gesetzt - intellektuelle, die durchaus zu beurteilen erlauben, was als Glaubenslehre gelten kann und was einfach Humbug ist, aber auch moralische und soziale. Ein Verein wie Scientology, der wesentlich wirtschaftliche Interessen verfolgt, ist nach diesen Kriterien eben keine Religion. Eine als christlich firmierende Kirche, der man nachweisen könnte, daß ihr Hauptzweck das Geldverdienen ist, wäre es auch nicht. Wir sind durchaus nicht gezwungen, uns mit dem Zauberwort "Religionsfreiheit" von Scientology wie am Ring durch die Nase vorführen zu lassen. Etwas anderes ist die Frage, ob die gegenwärtige Scientology-Aufregung nicht etwas hysterisch ist. Nicht alles, was sich zu Unrecht eine Religion nennt, muß deswegen schon kriminell sein, und nicht einmal alles Kriminelle ist automatisch eine Verfassungsgefahr. Man mag die Scientologen aus dem öffentlichen Dienst fernhalten, weil hier eine Art Fernsteuerung zu befürchten ist und sich der Staat auf die ungeteilte Loyalität seiner Beamten verlassen können muß.Aber die jetzt kursierende große Unterwanderungsfurcht vor einer ideologisch eher dürftigen Organisation ist eine typische Verschwörungstheorie, und es wird kein Zufall sein, daß sie, wie bei Verschwörungstheorien häufig, in einer Krisenzeit auftritt. Auch wenn Scientology nach unseren Begriffen keine Religion ist, gehört die Debatte doch, als Ableger der Sektendiskussion, in die erstaunliche Reihe von Weltanschauungskonflikten, die die vermeintlich säkularisierte Bundesrepublik in den vergangenen Jahren erlebt hat. Der Kruzifix-Streit war die spektakulärste Auseinandersetzung dieser Art, die Angst vor dem islamischen Fundamentalismus ist ein Dauerbrenner. Der Glaube mag verschwinden, die Glaubenskriege werden mehr.

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