"Wer aufmuckt, wird isoliert"

Die Dänin Susanne Elleby über ihren Aufstieg und Fall bei Scientology und die Zustände im sogenannten Rehabilitationszentrum der Sekte

FOCUS: Wie kamen Sie zu Scientology?

Elleby: Ich fand einen Job bei einer Reinigungsfirma. Es war ein von Scientologen geführtes Unternehmen.

FOCUS: Wann haben Sie das gemerkt?

Elleby: Nach drei Monaten. Sie schickten mich zu einem Kurs ins Dianetik-Center - ein Kommunikationskurs.

FOCUS: Für eine Putzfrau?

Elleby: Ich sollte per Telefon neue Kunden akquirieren. Für dieses Verkaufen wurde ich trainiert.

FOCUS: Sie hätten aufhören können.

Elleby: Irgend etwas in mir wollte das auch. Aber die Leute waren so freundlich. Mein Chef ermunterte mich: Du wirst erfolgreicher sein und dich besser fühlen. Und so war es auch.

FOCUS: Trotz Ihrer Zweifel landeten Sie in der Sea Org, die intern eine Elitegruppe darstellt und sich auch nach außen so gibt mit ihren Uniformen.

Elleby: Das hatte mit einem Mann zu tun. Ich sah ihn im Dianetik-Center und wollte ihn haben. Er war hochrangiges Mitglied der Sea Org. Man sagte mir, daß er mit einem einfachen Mitglied nichts anfangen dürfe.

FOCUS: Sie haben ihn gekriegt?

Elleby: Klar! Nach einem sogenannten Ethik-Kurs unterschrieb ich meinen Sea-Org-Vertrag, in dem ich mich auf über eine Million Jahre verpflichtete.

FOCUS: Eine Million Jahre?

Elleby: Das ist üblich, du verschreibst dein Leben und mehr an Scientology.

FOCUS: Wie läuft die Eheanbahnung?

Elleby: Jeder schreibt seine Lebensgeschichte auf. Da kommt alles auf den Tisch: Wie viele Tabletten, wieviel Alkohol, wie viele Männer du in deinem Leben hattest und wann, wo und wie du mit jemandem geschlafen hast.

FOCUS: Und das voreheliche Leben?

Elleby: Wie im letzten Jahrhundert. Immer waren Anstandswauwaus dabei. Kein Händchenhalten, kein Abschiedskuß. Drei Monate nach Vertragsabschluß haben wir geheiratet.


"Wir mußten sieben Tage die Woche schuften, bis zu 16 Stunden. Sie hielten uns müde - hundemüde"

Susanne Elleby
über das Sekten-Straflager


FOCUS: Was machten Sie bei Sea Org?

Elleby: Ich habe Leute rekrutiert, also versucht, fähige Scientologen aus ganz Europa für Sea Org zu gewinnen.

FOCUS: Wie wurden Sie bezahlt?

Elleby: Ich bekam 70 Mark pro Woche, nach der Degradierung noch 14 Mark.

FOCUS: Was war passiert?

Elleby: Ich fuhr ohne Erlaubnis zur Beerdigung meines Großvaters. Als mich zwei Sicherheitsoffiziere verfolgten, flüchtete ich in eine Polizeistation. Ich blieb vier Wochen lang bei meinen Eltern. Dann teilte mir mein Mann telefonisch mit, daß ich abgeholt würde. Diese Szene wollte ich meinen Eltern ersparen und fuhr zurück.

FOCUS: Obwohl Sie mit der Organisation gebrochen hatten?

Elleby: Die Scientologen sollten mich rauswerfen. So hoffte ich, der drohenden Rechnung von über 100 000 Mark entgehen zu können.

FOCUS: Was für eine Rechnung?

Elleby: Wenn du deinen Millionen-Jahre-Vertrag brichst, verlangen sie alle Kosten für Unterbringung, Reisen, Kurse und so weiter zurück. Damit drohen sie jedem, der aussteigen will.

FOCUS: Warum gingen Sie in dieser Situation nach Deutschland?

Elleby: Mein Ziel war, mich in München so danebenzubenehmen, daß sie mich feuern. Ich flirtete zum Beispiel ungeniert mit einem bayerischen Unternehmer, der als OT VII ( "Operierender Thetan" - eine der höchsten und teuersten Scientology-Stufen - d. Red.) hohes Ansehen genoß. Wir zogen übers Oktoberfest, tranken viel Bier und wurden fotografiert . . .

FOCUS: Das hat wohl gereicht.

Elleby: Ja. Ich bekam den Befehl, nach Kopenhagen zu kommen. Mein Mann steckte mich ins RPF, das Rehabilitationsprojekt genannte Straflager.

FOCUS: Haben Sie sich gewehrt?

Elleby: Nein, ich wollte tiefer sinken. Je wertloser jemand ist, desto schneller wirft Scientology ihn hinaus.

FOCUS: Wie sah der Alltag aus?

Elleby: Es gab zwei Zimmer, eins für Frauen und eins für Männer. Sie waren etwa 20 Quadratmeter groß, und dort schliefen acht bis zehn Personen auf Doppelstockbetten. Wir arbeiteten sieben Tage die Woche. Nur samstags hatten wir am Vormittag drei Stunden frei.

FOCUS: Was für Arbeit war das?

Elleby: Bau- und Restaurierungsarbeiten im Scientology-Zentrum. Wir mußten ständig schwarze Overalls tragen und schwere Armeestiefel. Gearbeitet wurde von morgens neun bis abends sechs Uhr. Manchmal ging es nach dem Abendessen weiter. Ansonsten mußten wir abends Scientology-Schriften studieren oder Auditing-Sitzungen (gehirnwäscheartige Gespräche - d. Red.) machen.


"Mit gigantischen Rechnungen für Kurse, Reisen und Unterkunft bedroht Scientology jeden, der raus will"

Susanne Elleby
über Druckmittel der Sekte


FOCUS: Wie hält man das aus?

Elleby: Wer an sieben Tagen in der Woche bis zu 16 Stunden arbeitet, der ist einfach müde. Heute nenne ich das Ganze ein modernes Konzentrationslager. Wir waren nie allein, hatten immer Kontrolleure bei uns. Post wurde zensiert, Telefonate kontrolliert. Vor allem hielten sie uns müde, hundemüde.

FOCUS: Widerstand war zwecklos?

Elleby: Wer aufmuckt, wird isoliert. Nach acht Monaten war es bei mir soweit, wegen Arbeitsverweigerung. Ich bekam ein Einzelzimmer unter dem Dach, mußte allein arbeiten, früher aufstehen, um für die anderen Frühstück zu machen, und später ins Bett. Alle Kontakte waren verboten.

FOCUS: Wie kamen Sie dann raus?

Elleby: Mein Bruder rief an und gab den Scientologen drei Stunden, mich freizulassen. Ansonsten würde er den Laden in die Luft sprengen. Er sagte, er sei mit anderen Soldaten auf dem Weg nach Kopenhagen, sie hätten Handgranaten und Maschinenpistolen bei sich. Das hat gereicht. Sie ließen mich raus, ohne Auflagen, ohne Rechnung.

FOCUS: Was ist Ihrem Mann passiert?

Elleby: Der bekam erhebliche Schwierigkeiten. Sie haben ihn ins Straflager bei Los Angeles gesteckt. Wir sind heute geschieden. Er ist immer noch dabei.

Interview: Axel Kintzinger

INFAMER VERGLEICH

Scientology vergleicht Verbotsbestrebungen in Deutschland mit der Judenverfolgung im Dritten Reich. Mit Verfolgung kennt sich die Sekte aus. Abtrünnige aus den eigenen Reihen sperrt sie ein.

Straflager
gibt es laut Bayerns Innenminister Beckstein in den USA, Australien, England und Dänemark.

Kopenhagen
ist Sitz des Scientology-Hauptquartiers für Europa und Afrika. Dort befindet sich auch eines der Lager.

© by FOCUS Magazin-Verlag GmbH, 1997

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