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21.04.97
Seite Drei

Scientology: Erstmals berichtet eine jugendliche Aussteigerin aus der Kaderschmiede der Sekte

Tanyas Erziehung zur perfekten Maschine

Sie wollte ein besserer, glücklicherer Mensch werden – was eine 16jährige statt dessen bei der Elite-Truppe der Hubbard-Jünger in England durchmachte

Von Michaela Haas

Hamburg, im April – Wie sie ihre Kindheit verlor, erzählt Tanya kühl und unbeteiligt wie eine Radiosprecherin. Ihre Stimme hebt und senkt sich nicht. Ihre Hände ruhen bewegungslos auf den im Schneidersitz verschränkten Beinen. An den weißen Wänden ihrer kleinen Dachwohnung hängt kein Bild, das die Leere beleben könnte. Tanya war auf bestem Weg, das zu werden, was Scientology-Gründer L. Ron Hubbard als seine Vision eines göttergleichen Menschen beschreibt: „Eine perfekte Maschine, gut geölt, kraftvoll schimmernd und imstande, alle ihre eigenen Funktionen ohne jede weitere Wartung abzustimmen und zu steuern.“

Tanya sieht man nicht an, daß sie gerade erst volljährig geworden ist. Ihr ungeschminktes, pausbäckiges Gesicht unter den schulterlangen, roten Haaren wirkt noch kindlich, aber was sie sagt und wie sie es sagt, das hat nichts Jugendliches an sich, nichts Unbefangenes. Sie ist so erschreckend erwachsen, wie es wohl nur ein Mensch sein kann, der nie richtig Kind sein durfte. Vielleicht wird gerade an diesem Teenager deutlich, welche Träume und Sehnsüchte Scientology anspricht, wie geschickt die Organisation von der Identität eines Menschen Besitz ergreift. Immer noch sagt Tanya „wir“ und „Kirche“, wenn sie von Scientology spricht – so wie ihr das von klein auf antrainiert wurde.

Es ist erst ein Dreivierteljahr her, daß Tanya mit Hilfe der britischen Polizei aus Saint Hill geflohen ist. Die Sea Org in Saint Hill, offiziell eine Elite-Organisation von Scientology im englischen Sussex, ist der Traum vieler scientologischen Eltern für ihre Kinder. Hier werden die künftigen Führer der sogenannten Kirche ausgebildet, eine Erlösertruppe, die die Menschheit über „die Brücke zur völligen Freiheit“ führen soll. Doch was Tanya von dort erzählt, klingt nicht nach einem religiösen Ort.

Tanya ist 16 Jahre alt, als sie die Gesamtschule in Stuttgart abbricht und nach Saint Hill geht – freiwillig. „Ich dachte, da wären so was wie Heilige“, sagt sie. „Man kriegt gesagt, dort halten sich alle an die Regeln, niemand beschimpft dich, niemand lügt, niemand betrügt. Es wird einem erzählt, daß dort alles so perfekt ist.“ Ihr Vater ist gerade mit seiner neuen Freundin zusammengezogen, Tanja fühlt sich im Weg. In Saint Hill, denkt sie, werde sie von einer liebevollen Gemeinschaft mit offenen Armen empfangen. Tanya bindet sich an Scientology und unterschreibt einen „Vertrag über eine Milliarde Jahre“. Das heißt: Für dieses Leben und alle weiteren, die da kommen werden. Sie seufzt. Nicht Blödheit sei das gewesen, sagt sie, halb entschuldigend, „das war naiv“. Gut 30 Pfund Lohn habe man ihr pro Woche versprochen und jeden zweiten Samstag einen freien Tag. Aber als sie in Saint Hill ankommt, ist nichts perfekt und nichts wie versprochen.

Schuften im Herrensitz

Auf Tanya warten acht bis zehn Stunden Arbeit am Tag, dazu fünf Stunden Studium der Hubbardschen Schriften. Vor Mitternacht kommt sie selten ins Bett. Etwa 300 Scientologen leben in Saint Hill, dazu, nach Scientologys eigenen Angaben, 77 Kinder und Teenager. „Die Kinder werden“, sagt Tanya, „immer mehr. Tanya kramt einen Stapel Photos aus einer Tüte, um ihr Bild von Saint Hill zu unterstreichen. Unverkennbar leuchten ihre roten Haare aus der Menge junger Mädchen in Schuluniformen hervor. Damals war sie noch schlank. Die vielen Pfunde hat sie sich erst später angefressen – als brauche sie diese dichte, weiche Schutzhülle.

Die Photos zeigen auch ein schloßähnliches Herrenhaus, eine üppig ausgestattete Bibliothek und prunkvolle, holzvertäfelte Säle, „wirklich sehr idyllisch, traumhaft schön“, sagt Tanya. Sie deutet auf ein Gebäude im Hintergrund des 22 Hektar großen Parks. Das sei die Sauna für die „Reinigungs-Rundowns“, Kuren, bei denen Scientologen stundenlang in der Sauna sitzen, um Gifte auszuschwitzen. Die Sauna habe sie mit anderen Jugendlichen eigenhändig bauen müssen. „Das war höllische Arbeit. Auch den Weg durch den Park mußten wir graben. Wir mußten ihn dreimal umgraben, jedesmal ungefähr einen Meter tief und einen Meter breit. Das war die Zeit, wo wir nachts durcharbeiten mußten.“

Keine Arbeit war offenbar zu hart für Kinder von zum Teil gerade 14 Jahren. Ein- oder zweimal habe sie für ihre Arbeit die versprochene Summe bekommen, sonst entweder nichts „oder nur drei bis sechs Pfund und so gut wie nie einen Tag frei. Weil, um einen Tag frei zu haben, muß man jemand haben, der einen ersetzen kann. Und das gibt es einfach nicht.“ Tanya erhebt schwere Vorwürfe. Sie habe ihren Posten nicht verlassen dürfen, selbst nicht, als sie unter Fieber gelitten habe. Einmal sei sie von einer anderen Scientologin zusammengeschlagen worden, „sie wollten nicht, daß ich zum Arzt gehe. Bis ich gesagt habe, ich arbeite keinen Strich mehr.“ Der Arzt habe eine Gehirnerschütterung diagnostiziert und mindestens drei Tage Ruhe verordnet, „aber ich durfte mich nicht hinlegen, ich war ja auf Posten“. Manchmal sei sie nicht einmal abgelöst worden, um zu essen oder auf die Toilette gehen zu können. „Wenn ich trotzdem gegangen bin, gab es Ärger. Du wirst fertiggemacht, angeschrien, erniedrigt. Es gibt eine strenge Hierarchie in Saint Hill.“

Jede Verfehlung werde im Ethik-File festgehalten, detaillierten Akten, die angelegt werden, wenn jemand gegen eine scientologische Regel verstößt. „Dann schreibt man einen Report, der kommt in die Akte.“ So habe die Sekte über alles Bescheid gewußt, „und wenn einer aussteigen will, kann man ihn damit unter Druck setzen“. Tanya berichtet präzis und erinnert sich auch bei Nachfragen genau an Details. Die Scientology-Beauftragte des Hamburger Senats, Ursula Caberta, die Tanya betreut, hält sie für absolut glaubwürdig.

Scientology reagiert auf all das nervös. Unaufgefordert meldet sich Scientology-Sprecher Georg Stoffel bei der SZ-Redaktion: Er fragt, ob die SZ Tanyas Geschichte recherchiere, und er will Beweise vorlegen, daß Tanya eine notorische Lügnerin sei, gestohlen habe, eine Verwandte habe deshalb sogar juristische Schritte angedroht. Wochen zuvor hatte er in anderem Zusammenhang einen fünf Seiten langen Brief von Tanyas Vater geschickt. Tanyas Vater, weiterhin überzeugter Scientologe, bedauert darin, daß seine Tochter ihren „Prozeß der Selbst- und Wahrheitsfindung“ in Saint Hill abgebrochen habe. Was sie an Unerfreulichem über seine „Kirche“ erzählt, erklärt er damit, daß sie als „minderjähriges Mädel . . . noch unstabil“ sei und Probleme mit der Ehrlichkeit habe. Zu einem Gespräch mit der SZ ist der Vater allerdings nicht bereit. Per Anwalt droht er mit Klage, falls sein Familiennamen veröffentlicht werde.

Der Scientology-Sprecher also will Beweise gegen Tanyas vorlegen. Bei einem Treffen in einem der Konferenzräume des Dianetik-Centers in München, unter einem riesigen Bild des Scientology-Gründers L. Ron Hubbard, warten Stoffel und seine Kollegin Sabine Weber mit einem dicken Stapel Dokumente auf – doch darin geht es nicht um Tanya, sondern um angebliche Diskriminierungen von Scientologen. Die drohende Anzeige einer Tante gegen Tanya stellt sich als erboster Brief heraus, weil Tanya neun Liter Cola getrunken, 20 Mark gestohlen und für mehr als 400 Mark von ihrem Apparat telephoniert habe – für einen Teenager vielleicht nicht ganz ungewöhnliche Verfehlungen. In einer Stellungnahme aus Saint Hill werden Tanyas Vorwürfe als „träumerische Phantasien eines manipulierten Teenagers“ zurückgewiesen. Doch bestätigen die Scientologen in ihrem Brief zugleich eher die Glaubwürdigkeit Tanyas. Sie sei am Bau einer Sauna beteiligt gewesen, heißt es da: „Wenn sie nicht arbeiten wollte, hätte sie nicht beitreten sollen.“ Ihre Arbeitszeiten seien von 8.30 Uhr morgens bis 10 Uhr abends gewesen – als sei das ein normales Pensum.

Der harsche Befehlston, die harte körperliche Arbeit bis zur totalen Erschöpfung, sogar die Existenz eines Straflagers in Saint Hill, das im Scientology-Jargon „Rehabilitationsprojekt“ heißt, all das bezeugen detailgenau auch englische und andere deutsche Aussteiger. Zum erstenmal aber redet hier eine jugendliche Ex-Scientologin darüber, was im meistgefürchteten und geheimsten Leitungskader der Sekte, der Sea Org, mit Kindern und Jugendlichen geschieht: Wie hier eine Sektengeneration herangezogen wird, die vielleicht keine Chance mehr hat, jemals aus dem scientologischen Irrgarten herauszufinden. Bekannt waren bisher nur die Versuche Scientologys, an Kinder heranzukommen: der von den Behörden vereitelte Versuch, eine Schule in Hamburg zu gründen; die erfolgreiche Gründung einer Schule in Dänemark, in die auch Hamburger Scientology-Kinder geschickt werden.

In Hubbards Lehre gibt es keine Kinder, nur Thetane, göttergleiche Wesen, in größeren oder eben kleineren Körpern. „Jedes Gesetz, das für das Verhalten von Männern und Frauen gilt“, schreibt Hubbard, „gilt auch für Kinder.“ Eine erwachsene deutsche Aussteigerin sagt, sie habe mit eigenen Augen in Saint Hill gesehen, wie Achtjährige als sogenannte Auditoren ausgezeichnet wurden, als scientologische Beichtväter, die andere mit zwangshypnotischen Verfahren manipulieren. „Wichtig ist bei Scientology nicht das Alter“, sagt Tanya, „sondern wieviel du leistest. Deshalb können schon Kinder ganz wichtige Positionen besetzen. Die muß man dann mit Sir anreden und ihnen die Tür aufhalten.“ Ihre unmittelbare Vorgesetzte in Saint Hill sei 13 Jahre alt gewesen.

Tanya, geboren in Simbabwe, aufgewachsen in Südafrika, machte ihren ersten Scientology-Kurs mit etwa acht Jahren, einen „Kinder-Kommunikationskurs“ in Johannesburg. „Der sollte meine Beziehung zu meiner Stiefmutter verbessern“, sagt Tanya, „aber das tat er nicht.“ Ihre Mutter war gestorben, als Tanya vier Jahre alt war; der Vater und seine neue Frau waren Scientologen, machten viele Kurse und zahlten einen hohen Preis: „Meine Familie hat dafür viel Geld bezahlt“, sagt Tanya, „bei Scientology ist nichts umsonst.“ Schon der kleine Sohn der Freundin ihres Vaters habe mit sieben Jahren das bei Scientology übliche Auditing erdulden müssen, stundenlange Verhöre mit einem Lügendetektor. „Der haßte das, jedesmal. Ein Kind will doch nicht am Wochenende in die Org gehen, stundenlang in einem Zimmer sitzen und verhört werden.“

Der Fragebogen für einen typischen Security Check bei Sechs- bis Zwölfjährigen zeigt, wie systematisch Kinder in Scham- und Schuldgefühle getrieben werden: „Was hat dir jemand verboten zu erzählen?“ – „Hast du jemals deine Eltern enttäuscht?“ – „Hast du jemals an deinem Körper etwas gemacht, das du nicht hättest tun sollen?“ und so weiter, bis zur 99. Frage.

Wenn sie sich als Kind gestoßen habe, sagt Tanya, sei sie nicht getröstet, sondern als erstes gefragt worden: „Was hast du falsch gemacht?“ Das sollte heißen: „Welchen Fehler habe ich gemacht, daß ich das Unglück so auf mich ziehe.“ Sie sei zu Hause sehr unglücklich und einsam gewesen. „Einmal fragte ich meinen Vater, was er tun würde, wenn ich mich umbrächte. Seine Antwort: ,Du bist selbst für dich verantwortlich.‘“ Diese für einen Scientologen typische Antwort, sagt Tanya, habe den Ausschlag gegeben, wegzugehen nach Saint Hill.

Nachdem sich Tanya beim Saunabauen bewährt hat, „nach zahlreichen Intelligenztests und Checks“, wird sie in eine der sieben „Divisionen“ eingeteilt. Tanya kommt zur HCO, dem Hubbard Communications Office. „Wir waren zuständig für alles, was mit Kommunikation zu tun hat, also in erster Linie die Post und Werbung“, sagt sie. Alle Post werde geöffnet. Werbung, in Auflagen bis zu 4000 Stück, müßten die Kinder selbst drucken, in Umschläge stecken, frankieren. HCO sei auch dafür zuständig gewesen, neue Leute zu rekrutieren, Fluchten zu verhindern und Flüchtige zurückzuholen. Es stiegen, sagt Tanya, mehr Leute aus, als vermutet werde, aber die wenigsten seien dann bereit, über ihre Erfahrungen zu sprechen – aus Angst. Denn die Organisation wisse ja alles über die Aussteiger, in den „Ethik-Akten“ sei alles festgehalten, was jeder Scientologe in den Auditings von sich gebe. Tanya sagt: „Eigentlich wird man behandelt wie der letzte Dreck.“ Ein halbes Jahr später weiß Tanya genug über die Strukturen, um ihre eigene Flucht aus Saint Hill zu planen.

Zunächst kündigt Tanya offiziell an, sie wolle gehen. Daraufhin, sagt sie, sei sie von den Sicherheitsbeamten in ein Zimmer gesperrt worden. „Da mußte ich alles aufschreiben, was ich je in meinem Leben falsch gemacht hatte. Ich habe mal im Test betrogen, ich habe mal fünf Mark geklaut, alles mögliche.“ Sie sei von einem Lügendetektor überprüft und ständig überwacht worden. „Pausenlos war jemand da, daß ich nicht abhaue, daß ich nichts Falsches mache.“ Tanya ändert ihre Taktik. Sie beteuert, ihr Vater liege nach einem Herzinfarkt im Sterben, sie müsse dringend zu ihm – und bekommt Urlaub.

Im August 1996 kehrt sie noch einmal nach Saint Hill zurück, will persönliche Sachen holen. Sie denkt, ihre Lüge sei nicht aufgeflogen. Doch Scientology hat Verdacht geschöpft, Tanya bekommt Angst. Mit Hilfe Ursula Cabertas, der Scientology-Beauftragten des Hamburger Senats, und der britischen Polizei flieht sie zwei Tage später endgültig aus Saint Hill.

Tanyas Erzählungen klingen wie ein Alptraum, und er dauert an. Sie berichtet, sie sei unmittelbar nach der Flucht, in Hamburg, auf dem Weg zu Cabertas Büro aus einem Auto heraus von zwei unbekannten Männern angesprochen worden: „Tanya, was machst du denn hier?“ Tanya dachte, einer wolle ihr die Hand geben, denn er habe ihr seine Hand entgegengestreckt, „aber dann, als ich ihm meine Hand geben wollte, hat er mich gepackt und ins Auto gezerrt“. Stundenlang hätten die Männer sie scheinbar ziellos herumgefahren, Tanya habe die Orientierung verloren. „Sie haben gesagt, ich wüßte, was passieren würde, und ich hätte es verdient.“ Tanya vermutet, sie sollte zurück nach England gebracht werden. „Ich habe ja das Verbrechen begangen, daß ich einfach abgehauen bin.“ Als sie durch eine Stadt fahren, kann sie sich bei einem Ampel-Stop losreißen, sie ruft nach der Polizei. Die Fahndung nach den Entführern blieb erfolglos, die Ermittlungen mußten ergebnislos beendet werden. Doch der Sprecher der Hamburger Staatsanwaltschaft, Rüdiger Bagger, bestätigt, daß der Fall ernstgenommen werde, zu Einzelheiten will er sich nicht äußern. „Ich darf nicht behaupten, daß es Scientologen waren“, sagt Tanya, „aber sie haben scientologische Wörter benützt, so spricht sonst kein Mensch.“

Endlich wichtig sein

Danach geht Tanya kaum noch allein aus dem Haus. Die erste Zeit, sagt sie, habe sie nachts kaum geschlafen, sei ständig zum Fenster gerannt, wenn unten ein Auto gehalten habe. Auch jetzt lebt sie nach außen mit einer falschen Identität, einer falschen Biographie. Trotz der Schutzmaßnahmen werde sie seit drei Wochen telephonisch terrorisiert. An manchen Abenden klingle ununterbrochen das Telephon, manchmal um drei Uhr früh, und nie sei jemand am Hörer. Daß Tanya mit ihrer Geschichte nun in dieser Zeitung stehen will, hat sie sich sehr gut überlegt: Eine Art Wiedergutmachung sei das, schließlich habe sie selbst andere Kinder für Scientology angeworben und damit vielleicht deren Leben ruiniert. Es ist aber auch, als wolle Tanya damit einen Schlußstrich unter die letzten Jahre setzen, ihre Vergangenheit bei Scientology abschließen, und ebenso ihre Kindheit in einer zerrissenen Familie. An die Presse zu gehen, gilt bei Scientologen als eine der schlimmsten Sünden. Ursula Caberta sagt, die Polizei sei informiert und werde jetzt bei Tanya „öfter nach dem Rechten sehen müssen“. Tanya sagt: „Scientology ist Diktatur, und ich will, daß das alle wissen.“

Doch macht sie sich auch selbst Vorwürfe: „Irgendwie war ich blöd, das alles zu glauben“, sagt sie und zählt einige der absurden Koordinaten auf, die während der Kindheit ihr Weltbild bestimmten: „Daß man sich in seinem jetzigen Leben an Sachen erinnern kann, die schon Millionen Jahre zurückliegen, daß man zum Beispiel ein Stein war, ich meine . . .“, sagt sie und tippt sich an die Stirn. Aber sie müsse sich auch daran erinnern, was ihr gefallen habe: „Das Gefühl, wichtig zu sein, gut zu sein, alles machen und alles erreichen zu können. Das suchen ja die meisten Menschen, und so kommt man da rein.“

Von August an wird Tanya wieder zur Schule gehen, mit zwei Jahren Verspätung ihren Abschluß nachholen. Sie ist auf sich gestellt, allein eine gemeinnützige Stiftung hilft. Nur zur Oma hält sie noch Kontakt. Von der hat sie erfahren, daß ihr Vater nichts mehr mit ihr zu tun haben will. Tanya hat ihm einen Brief geschrieben, eigentlich nur eine Zeile: „Daß ich ihn liebe, egal, was passiert ist.“ Sie wolle nicht einer von diesen Menschen sein, die es versäumt haben, denen, die sie lieben, das auch zu sagen. Aber, sagt sie, „ich glaube nicht, daß er jemals wieder mit mir reden wird“.

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