Dossiers aus Athen
Ein brisanter Aktenfund belegt die Bedrohung von Staat und Gesellschaft durch die Sekte

Den Anfang dieser Nachricht aus Griechenland fand Ursula Caberta noch halbwegs amüsant. Die Scientology-Beauftragte des Hamburger Senats kennt die größenwahnsinnigen Thesen dieser Organisation, und so wunderte sie sich nicht zu hören, daß der Psychokonzern im Süden Europas ein neues Staatengebilde plant.

Die Jünger des Sektengründers L. Ron Hubbard haben nicht weniger vor, als aus Griechenland, Bulgarien, Albanien, Mazedonien und Restjugoslawien eine neue Nation auf Grundlage scientologischer Heilslehren zu schmieden. Einen Namen dafür fanden sie auch schon: "Bulgravia".

Doch dann hörte der Spaß auf. Denn bei einer Razzia im Gebäude des Athener Scientology-Ablegers KEPHE (Griechisches Zentrum für angewandte Philosophie) fand die Polizei auch sogenannte "Tötungspakete" - Maßnahmenkataloge gegen Kritiker des Psychokults. Wichtigste Zielperson war Priester Antonios Alevizopoulos, Sektenbeauftragter der Orthodoxen Kirche Griechenlands. Über Jahre hinweg suchten die Hubbard-Jünger vergeblich nach Fehltritten des 65jährigen Priesters. Sie schleusten sogar Agenten in sein persönliches Umfeld. Im Frühjahr starb der bis dahin kerngesunde Geistliche an einem Herzversagen.

Für den Verdacht der physischen Gewalt fehlen, so der Leitende Oberstaatsanwalt Tassos Canellopoulos, "noch die Beweise". Aber die Akten seien Beleg genug für einen "gnadenlosen, unmoralischen Vernichtungskrieg gegen Kritiker, mit allen Mitteln".

Man entdeckte noch mehr als nur Bespitzelungsprotokolle über ausgewiesene Scientology-Kritiker. In meterdicken Aktenbänden steckte eine Liste von rund 2500 Namen - Politiker, Wirtschaftskapitäne, Kulturgrößen, Medienleute, allesamt Personen des öffentlichen Lebens. Über sie wurden Dossiers angefertigt. Staatsanwalt Canellopoulos: "Die Scientologen beobachteten auch potentiell interessante Leute mit nachrichtendienstlichen Mitteln, Politiker wurden zum Teil rund um die Uhr beschattet." Deswegen müssen sich die Vorstandsmitglieder von KEPHE Anfang Oktober vor Gericht dafür verantworten. "Sie haben staatliche Behörden unterwandert", sagt Canellopoulos, "wir haben bei ihnen sogar militärische Informationen über die Luftwaffe gefunden."

Deutsche Scientologen wie deren Sprecherin Gisela Hackenjos beteuern: "Hier gibt es keine wie auch immer benannten schwarzen Listen." Doch für Kenner wie Caberta lassen die Aktenfunde sehr wohl Rückschlüsse auf Deutschland zu, "weil es bei Scientology keine nationalen Sonderwege gibt". Sie geht davon aus, "daß solche Listen auch in Deutschland existieren". Die so strengen wie bizarren Anweisungen aus den US-Zentralen der Sekte gelten für alle Länder. Das belegen auch Scientology-interne Korrespondenzen zwischen Athen und den USA.

Auf die Machenschaften der Scientologen war man gestoßen, als Beweise für "psychische Gewalt" gegen Minderjährige gesucht wurden. Seit seiner Gründung im Jahr 1983 hatte KEPHE viele Kinder rekrutiert, insgesamt 4000 Eltern stellten im Lauf der Jahre Strafanzeige gegen den Verein. Im Juli schlugen die Fahnder zu und beschlagnahmten Aktenbände gleich in laufenden Metern.

Dimitrios Efstathiadis, Präfekt von Athen, verfügte zwar umgehend die Schließung des KEPHE-Zentrums, hob das Verdikt aber mittlerweile auf. Er will den Prozeß Anfang Oktober abwarten, wenn es neben den strafrechtlichen Aspekten auch um die Schließung von KEPHE gehen wird. Derzeit kobern also wieder junge Frauen Passanten mit der Einladung zu einem "Persönlichkeitstest". Pikant: Im Hauseingang von KEPHE wirbt die Kandidatin der größten Oppositionspartei Neue Demokratie für die Wahlen vom Wochenende. Anna Psarouda Benaki ist keine Unbekannte. Von 1990 bis '93 war sie Griechenlands Justizministerin, jetzt steht sie in gleicher Funktion wieder im Schattenkabinett. Ihre Wahlkämpfer haben mit den Scientologen kein Problem.

Im Gegenteil: "Das ist eine gute Adresse hier", sagt eine von ihnen, "KEPHE ist ein honoriger Verein." Da verwundert es kaum noch, daß die Staatsanwälte in den beschlagnahmten Unterlagen die dickste Spitzelakte ausgerechnet über Benakis innerparteilichen Hauptwidersacher, Parteichef Militiades Evert, finden.

Deutsche Politiker reagieren bereits auf die Nachrichten aus Griechenland. Renate Rennebach, sektenpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, fordert "die zuständigen Sicherheitsbehörden und politischen Instanzen" auf, "sich unverzüglich mit der Athener Staatsanwaltschaft in Verbindung zu setzen". Rückenwind bekommen nun auch Politiker wie der Stuttgarter CDU-Innenminister Thomas Schäuble, der den Verfassungsschutz auf Scientology ansetzt. Oder wie Bayerns CSU-Innenminister Günther Beckstein, der schon laut über ein Verbot des Psychokults nachdenkt.

Axel Kintzinger


Unter Anklage

Dem griechischen Scientology-Ableger stehen ein Straf- und ein Zivilprozeß bevor

2500 Personen des öffentlichen Lebens in Griechenland wurden von Scientologen bespitzelt - gegen das Gesetz.

ATHENS PRÄFEKT kämpft für die Schließung des Scientology- Vereins KEPHE.

MILITÄRISCHE GEHEIMNISSE, etwa über die griechische Luftwaffe, wurden ebenfalls bei KEPHE beschlagnahmt.


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