Der risikoreiche 'purification rundown' von Scientology

Lori Bishop & Sarah Hughes
I.F. Magazine
Jan./Feb. 1998

Jerry Whitfield sass im Wartezimmer seines Arztes, den Kopf in seine Hände gestützt. Die Nachricht war nicht gut. Die medizinischen Untersuche zeigten, dass Whitefields Leber geschädigt war. Sie würde nie mehr voll funktionsfähig sein. Warum war weniger klar.

Vor fünfundzwanzig Jahren litt Whitfield unter Hepatitis B, ein möglicher Grund für sein Leberleiden. Er war aber auch während 10 Jahren Mitglied der Scientology Kirche. Während dieser Zeit machte er den sogenannten "purification rundown" durch, ein Verfahren von dem die Kirche behauptet, es "helfe beim Befreien und Ausspülen der im Körpergewebes angesammelten giftigen Überreste".

Das umstrittene Programm setzt das Mitglied während zwei oder drei Wochen Jogging, überlangen Saunabehandlungen, einer speziellen Diät und hohen Dosen von Vitaminen und Mineralstoffen, eingeschlossen Niacid (Nikotinsäure), aus. Den Teilnehmern wird geraten, vor Beginn einen Arzt zu konsultieren, aber oft erfolgt die Beratung durch einen hausinternen Arzt, der Mitglied der Scientology Kirche ist. Whitfield wurde trotz seiner wahrscheinlich schon durch den Hepatitisanfall geschwächten Leber nicht ausgeschlossen.

"Ich war darüber besorgt, dass die Probleme mit meiner Leber durch die Einnahme von Niacin in hohen Dosen bedingt waren", sagte Whitfield in einem Interview. "Ich konnte nicht beweisen, dass es das Niacin war, aber ..." dann kamen auch noch die vierstündigen Saunabesuche während 30 Tagen dazu. "Eine Freundin meiner Frau erlitt durch die Hitze einen Kollaps", erinnerte er sich.

Seit 1978 machten etwa 100'000 Personen diesen "purification rundown" durch und Vertreter der Kirche verteidigen das Verfahren. Gemäss John Carmichael, Leiter des Kirchezentrums in New York, ist der "rundown" "äusserst nützlich" und verursachte "meines Wissens keine eigentliche Probleme".

Einige Kritiker der Kirche erklären jedoch, dass das Verfahren auf wissenschaftlicher Quacksalberei beruht und den Körper durch eine Kombination physischer Anstrengung, Erhitzung und massiver Einnahme von Vitaminen einer gefährlichen Überbeanspruchung aussetzt. Die Kritiker halten fest, dass der "rundown" die Gesundheit der vertrauensvollen Kirchenmitglieder gefährdet, eingeschlossen die durch die Versprechen der Kirche zur Selbstverbesserung angezogenen Berühmtheiten und Stars.

Im letzten Juni verbreitete das Boulevardblatt Star eine Story von den durch das "Reinigungsritual" von Scientology hervorgerufenen Leiden der 29jährigen Lisa Marie Presley, Elvis Presleys Tochter.

Am 1. Dezember hob ein Artikel der New York Times eine weitere Kontroverse über den unorthodoxen Umgang von Scientology mit medizinichen Problemen hervor. Ein Jahr vorher verliess eine 36jährige Scientologin mit offensichtlichen psychischen Problemen ein Spital in Florida und begab sich in die Pflege durch Scientologen in einem Hotel in ihrem Besitz in Clearwater Fla., wo sie während 24 Stunden bewachten wurde. Nach zweieinhalb Wochen starb die Frau - Lisa McPherson.

Der Leichenschauer des Bezirks hielt fest, dass McPherson während den letzten fünf bis zehn Tagen zuwenig Wasser erhielt und an einem durch Dehydration verursachten Blutgerinnsel starb. Die Scientologen widersprachen dem Befund des Leichenschauers und wiesen die Verantwortung für den Tod von sich. Der Fall lenkte jedoch die Aufmerksamkeit vermehrt auf die Behandlungen, die die Kirche ihren Mitgliedern verordnet, eingeschlossen den "purification rundown".

Der "purification rundown" wurde durch L. Ron Hubbard erfunden, einem populären Science Fiction Schriftsteller, der 1954 in Los Angeles die Scientology Kirche gründete. Hubbard, der 1986 an einem Schlaganfall starb, behauptete, dass eingenommene und durch den Körper aufgenommene Giftstoffe - von illegalen Drogen zu Nahrungsmittelzusätzen, von Duftstoffen zu Strahlung - als schädliche Rückstände gelagert bleiben bis sie durch den "purification" Prozess entfernt werden.

Hubbard drückte insbesondere Besorgnis über LSD aus, das nach seiner Behauptung "offensichtlich im System zurückbleibt, aufgenommen vom Gewebe, hauptsächlich vom Fettgewebe des Körpers, was für das erneute Wirksamwerden verantwortlich ist - indem die Person unberechenbare Trips bekommt - sogar Jahre nachdem die Person von LSD wegkam." (für weitere Details siehe Hubbards 'Clear Body Clear Mind: the Effective Purification Program'.)

Aber einige Fachleute der Medizin stellen Hubbards Verständnis der Ernährungslehre wie auch seine vermuteten Heilmittel in Frage. Sie warnen, dass die Extreme des Programms - viele Stunden in der Sauna nach dem Jogging und starke Dosen von Niacin und anderen Vitaminen - gefährlich sein können.

"Ich sprach mit verschiedenen Pharmakologen - Spezialisten im Bereich psychotropischer Drogen wie LSD", ergänzte Michael Glade, ein Arzt des 'American College of Nutrition' und Koordinator des Hochschulrates für Endokrinologie und Mineralien. "Keiner von ihnen nimmt an, dass sehr viel von irgendwelchen psychotropischen Drogen im Fett gespeichert wird. Darum gibt es dort in erster Linie nicht viel abzubauen. Und wenn sie erklären, dass jemand durch das verbrennen oder abbauen von im Fettgewebe gespeichertem LSD auf einen LSD Trip kommt, dann wären solche Leute schon längst an einer Überdosis von LSD gestorben" weil die dazu einzunehmenden Menge riesig gewesen sein müsste.

Hubbard selbst war kein Wissenschafter, nur gerade ein Science Fiction Autor. In seinen zugänglichen Texten erklärt er nie, wie er seine Studien durchführte: wie viele Versuchspersonen er benutzte oder ob er eine Kontrollgruppe hatte - Daten, die von einem ausgebildeten Wissenschafter erwartet würden.

Trotz allem, Hubbards autoritärer Schreibstil, der sein 1950 erschienenes Buch und langzeitiger Bestseller 'Dianetik: die moderne Wissenschaft geistiger Gesundheit' kennzeichnet, verschaffte dem Programm anscheinend Legitimität. Nach seinem Tod gewannen Hubbards Theorien innerhalb Scientology eine dogmatische Aura, verbunden mit gleichzeitig zunehmender Finanzkraft der Kirche und grösserer Kampfbereitschaft gegenüber Kritikern. Aggressiver Gebrauch von Verleumdungsklagen brachten Fragen über die Sicherheit des "rundowns" und anderen Praktiken zum Schweigen.

Doch der gängige medizinische Standpunkt verlangt Vorsicht, sogar bei milderen Teilen des "purification" Vollzugs, wie den 30 Minuten Jogging pro Tag um "die Blutzirkulation tiefer im Gewebe anzuregen, wo die Giftrückstände sitzen". Obwohl Jogging für viele Leute eine beliebte Übung ist, argumentiert Dr. Stanley Wallach, leitender Direktor beim 'American College of Nutrition', dass eine "allgemeine Befürwortung, ohne den Zustand von Herz und Kreislauf des Patienten zu kennen, gefährlich sein kann".

Noch riskanter ist laut Wallach, die Person unmittelbar nach einem langen Lauf für vier Stunden oder mehr in die Sauna zu schicken mit Temperaturen von 60C bis 85C. Hubbards Theorie war, dass starkes Schwitzen helfen kann, die Giftstoffe abzuführen. "Die Fremdstoffe, die durch die gesteigerte Zirkulation [durch das Laufen] freigesetzt wurden, können nun aus dem System ausgeschieden werden und verlassen den Körper durch die Poren", schrieb Hubbard. "Wenn jemand das Reinigungsprogramm durchführt, so sollte er sehr sorgfältig sicherstellen, dass wirklich in grossem Umfang Schwitzen auftritt."

Sicherheitsbestimmungen für Saunas warnen jedoch, dass der Aufenthalt einer Person in einer Sauna 30 Minuten nicht überschreiten sollte und dass jeder mit schlechter Gesundheit zuvor einen Arzt konsultieren sollte. Wallach nannte die überlangen Saunaaufenthalte "eine gefährlich übertriebene Zeit", die zu Hyperthermie, Hitzeerschöpfung, Salz- oder Kaliummangel und Hitzschlag führen kann.

Hubbard fügte einige Ratschläge für den Umgang mit möglichen gesundheitlichen Gefahren hinzu, aber Experten der Medizin sehen die hausbackenen Mittel zum Beherrschen des Ernstes der Situation scheitern. Bei Überhitzung, als Beispiel, schrieb Hubbard, dass "wenn eine Person zu warm bekommt oder fühlt, dass sie ohnmächtig wird durch die zu hohe Körpertemperatur, so lautet der Rat, hinaus zu gehen und eine kalte Dusche zu nehmen um dann wieder in die Sauna zurückzukehren."

Gegen Hitzschlag, einer möglicherweise lebensbedrohenden Situation, schlug Hubbard unter Beiziehen einer Anleitung zur Ersten Hilfe vor, die Person allmählich abkühlend zu duschen und Flüssigkeit, Salz, Kaliumglukonat oder Bioplasma zu verabreichen. Eine Einweisung ins Spital wird nicht erwähnt.

In einem Interview bestätigte der Scientology Leiter Carmichael, dass es keine spezifische medizinische Überwachung der Teilnehmer am Saunaprogramm gibt. Er fügte jedoch hinzu, dass die Leute "es stets mindestens zu zweit durchführen, so dass, falls irgendwelche Probleme auftauchen, jemand dabei ist. Falls sie ohnmächtig werden, werden sie nicht auf dem Boden liegen gelassen."

Carmichael erwähnte, dass er das Programm selber durchführte und anfänglich einige Trübungen im Gehirn erfuhr, die er den Drogen zuschrieb, die er in der Vergangenheit genommen hatte. "Aber schliesslich wurde mein Verstand klar und ich konnte wieder klar denken", ergänzte er.

"Educated Vitamins"

Andere, die sich selbst dem "purification rundown" unterzogen, beklagten sich über ernsthaftere Komplikationen. "Zwei Wochen nachdem ich das Programm beendete, platzte mein Blinddarm", erzählt Dennis Erlich, ein ehemaliges Mitglied der Kirche. "Ich litt auch an Hyperthermie. Seither habe ich häufig grundlos Schweissausbrüche."

Als Teil des Reinigungsvorgangs empfahl Hubbard auch das Trinken von Wasser in grossen Mengen und die Einnahme von Vitaminen und Mineralzusätzen. Hubbard nannte Niacin das "educated vitamin" und behauptete, dass "eingenommen in genügenden Mengen, Niacin LSD, Marijuana und andere Drogen und Gifte aus dem Gewebe und den Zellen freizulegen und zu entfernen scheint ..."

"Ich sah einen voll ausgebrochenen Fall von Hautkrebs, der durch die Niacinbehandlung wieder abnahm und verschwand... weitere kleinere Anzeichen, die mit Niacin abgewendet werden können, sind Nesselfieber, Grippesymptome, Gastroenteritis, Knochenschmerzen, Magenbeschwerden oder ängstliche oder schreckhafte Zustände." Der "purification rundown" empfiehlt Niacindosierungen von 100 mg bis zu 5'000 mg.

Kritiker halten jedoch dem entgegen, dass die empfohlenen hohen Dosen an sich stark giftig sind und in Wirklichkeit einige der Beschwerden verursachen, von denen Hubbard behauptet, dass sie aus dem Körper ausgetrieben werden. "Wenn sie bis 3'000 Milligramm bekommen, treten oft sehr starke Errötungen im Gesicht auf", erklärt Michael Glade vom 'American College of Nutrition'. "Viele Leute glauben, das bedeute dass sie sich selbst reinigen von irgendwelchen schädlichen Stoffen. [Es ist jedoch] eine Abwehrreaktion, nicht eine wünschenswerte Reaktion."

Glade zeigte sich auch über die empfohlenen hohen Dosierungen von anderen Vitaminen betroffen, insbesondere die Menge der Vitamine A und D. Das Scientology Programm empfiehlt bei Vitamin A eine Höchstmenge von 50'000 IU pro Tag. Vitamin A ist jedoch, laut Glade, ab 20'000 IU giftig. "Leute die etwas missbräuchlich mit Drogen oder Alkohol umgingen haben ihre Leberfunktion bereits so geschädigt, dass sich 20'000 IU pro Tag innert wenigen Wochen fatal auswirken", sagte Glade.

Hohe Dosierungen von Vitamin D können auch Leuten über 40 Schaden zufügen, sagte Glade. "Diese Menge von Vitamin D [2'000 IU pro Tag] während einigen Wochen beschleunigt in Wirklichkeit die nächste Herzattacke oder Schlaganfall dieser Person. Sie wird den durchschnittlichen Verschleiss der Aorta und der Herzklappen beeinflussen durch die Ablagerung von Kristallen und Verhärtungen der Arterien."

Ein weiterer fragwürdiger Aspekt des "rundown" ist die Einnahme von Ölen oder was die Kirche die "have-waste theory" nennt, durch das Konsumieren von reinen Ölen oder Fetten. Die Theorie funktioniert so, dass die Leute das ältere Fettgewebe ersetzen könnten, von dem Hubbard annahm, dass es die Giftstoffe von Drogen enthält. Zu diesem Zweck empfiehlt die Kirche, eine Kombination aus Distel-, Soja-, Walnuss- und Erdnuss-Ölen zu konsumieren.

Aber die Experten der Medizin bezweifen auch die Richtigkeit dieser Theorie. "Wenn sie während der Durchführung des Programms Öle einnehmen, werden die zuletzt eingenommenen Öle zuerst verbrannt und die anderen, älteren Öle bleiben in ihrem Körper", erklärte Glade. "Und wenn sie während den Zwischenzeiten eingenommen werden, dann lagern sich diese Öle ab und es wird keinen Unterschied ausmachen, welche Fette zu welchem Zeitpunkt verbrennen."

Science Fiction

Die Scientology Kirche erteilt den Teinehmern einige warnende Ratschläge. Auf der Copyrightseite von 'Clear Body Clear Mind' steht folgende Erklärung: "Das Reinigungsprogramm kann nicht als ein Angebot für medizinische Behandlung oder Heilung ausgelegt werden und es wird nicht als Physotherapie erklärt noch wird ein Anspruch auf diese Wirkung erhoben. Es bestehen keinerlei medizinische Empfehlungen oder Ansprüche für das Reinigungsprogramm oder für irgendwelche in diesem Buch beschriebene Vitamin- oder Mineralbehandlungen."

Die Kirche bemühte auch einige Ärzte um den "purification rundown" zu unterstützen, aber oft haben diese Ärzte selbst Verbindungen zur Kirche. Die Kirche liess uns einen Bericht mit dem Titel "Summaries of Published Papers Regarding the Hubbard Detoxification Method" zukommen. Aber von den sieben angeführten Zeitschriftenartikel waren drei von Megan Shields mitverfasst, dem Arzt der die Einleitung zu 'Clear Body Clear Mind' schrieb und eng mit der Kirche verbunden ist.

Ein weiterer zitierter Artikel wird von den beiden Hauptverzeichnissen medizinischer Zeitschriften, die wir verwendeten, nicht erwähnt. MedLine, eine Online-Datei, die 3'500 der wichtigsten medizinischen Zeitschriften erfasst, und Ulrich's International Periodicals Directory mit Informationen über 165'000 in der ganzen Welt publizierten Periodikas. Die drei anderen Zeitschriftenbeiträge auf der Liste der Kirche erschienen nicht bei MedLine, wurden jedoch in Ulrich's aufgeführt.

Ein anderes Problem ist die offensichtliche Verwirrung unter gewissen Mitgliedern der Kirche beim Unterscheiden zwischen Hubbards religiösen Ansichten und seinen Science Fiction Fantasien. Mitte der 60er Jahre lehrte Hubbard, gemäss einigen seiner Ex-Anhängern, dass die Menschen aus Gruppen von Geistern gemacht seien - oder "Thetanen" - die vor 75 Millionen Jahren durch einen grausamen galaktischen Herrscher namens Xenu auf die Erde verbannt wurden. Hubbard betrachtete scheinbar diese Thetane als Grund für menschliches Unglück, das unter Kontrolle gebracht werden musste.

"Falls sie sich nur gerade mit all dem SciFi Plunder von Hubbard befasst hätte, wäre Scientology nicht so schädlich", argumentierte das Ex-Mitglied Dennis Erlich. "Aber das Problem war, als sich die Kirche stärker etablierte, wurde die Organisation autoritärer und wesentlich gefährlicher. Diejenigen, die Hubbard nicht zustimmten, mussten den Preis dafür bezahlen."

Jerry Whitfield, das ehemalige Mitglied der Kirche mit der geschädigten Leber, beschuldigt die Kirche, an Hubbards überholten Theorien festzuhalten und neue medizinische Aussagen über die Einnahme von Vitaminen zu ignorieren. "Sie beachten die durch das Programm bedingte Möglichkeit einer Schädigung der Leber nicht. Ich leide an den Folgen davon."

Erlich und Whitfield sind nur zwei von vielen ehemaligen Mitglieder der Kirche, die die Scientology Kirche und den "Reinigungs-Rundown" kritisieren. Aber viele der Ex-Mitglieder werden nie öffentlich darüber reden, weil die prozessfreudige Kirche an anderen Kritikern ein Exempel statuierte indem sie diese verklagte.

Viele Nachrichten-Agenturen zögern auch, die Machenschaften der Scientology Kirche in Frage zu stellen, offensichtlich aus den gleichen Gründen.