FACTS vom 28.05.98:
Schweiz:Sekte
Beschaffungskriminalität
Der ehemalige Sankt-Galler Untersuchungsrichter Hans Kaspar Rhyner zog gutgläubige
Anleger über den Tisch, um SCIENTOLOGY Geld zu spenden.
VON MICHAEL SOLOMICKY
Der Firmenname klingt beeindruckend: American Federal Banking Association. Oder auf
Deutsch: Bundesverband Amerikanischer Banken, mit Sitz an der Stampfenbachstrasse 48 in
Zürich. Für Vertrauen sorgt der "Executive Director Switzerland", Rechtsanwalt Hans Kaspar
Rhyner, ehemaliger Untersuchungsrichter beim Bezirksamt Sargans SG.
Das Bankenkonsortium erweist sich heute als Fassade für ein Millionenfiasko. Mit traumhaften
Renditeversprechen bis zu zehn Prozent köderten Rhyner und sein deutscher Partner eine Reihe
gutgläubiger Anleger für Investitionen, die jedoch nie getätigt wurden. Stattdessen floss das Geld
auf die Konten der angeblichen Bankverantwortlichen. Als der Schwindel aufflog, war es zu
spät. In ihrer Anklageschrift vom 19. Dezember 1997 rechnet die Zürcher Bezirksanwaltschaft
für Wirtschaftsdelikte mit 350 Geschädigten und einer Deliktsumme von 22 Millionen Franken.
Der raffinierte Millionenbetrug des fiktiven Bankenkonsortiums zeigt, wie die
Scientology-Organisation ihren Mitgliedern das Geld aus der Tasche zieht und sie damit
anfälliger für illegale Geschäftspraktiken macht. Zum ersten Mal warnen Sektenkenner im
Zusammenhang mit Scientology vor einem Phänomen, das sich bisher auf Drogendelikte
beschränkt hat: Beschaffungskriminalität. "Der Geldbedarf der Mitglieder ist so gross", sagt
Odette Jaccard, Sprecherin der Schweizer Aufklärungsgemeinschaft über Scientology und
Dianetik, "dass er mit legalen Mitteln kaum aufzutreiben ist."
Die kostspielige Scientology-Mitgliedschaft brachte schliesslich auch Hans Kaspar Rhyner auf
die schiefe Bahn. Er habe Geld gebraucht, begründete Rhyner seine Beteiligung am
Millionendebakel gegenüber den Untersuchungsbehörden. Der 54-jährige Rechtsanwalt
investierte alles in Scientology-eigenes und fremdes Kapital.
Je höher Rhyners Aufstieg in der Scientology-Hierarchie war, desto tiefer war sein
wirtschaftlicher Fall. "Namentlich 1988 und 1989", konstatiert die Zürcher Bezirksanwaltschaft
in ihrer Anklageschrift, "türmten sich privat und geschäftlich die Schuldenberge in immer
bedrohsicherem Ausmass an." In dieser Zeit machte Rhyner innerhalb von Scientology eine
steile Karriere. 1987 trat er der umstrittenen Organisation bei, 1989 erreichte er bereits die Stufe
"clear". Eine Ebene, die den Menschen vom seelischen Ballast befreien soll. In den nächsten
zwei Jahren arbeitete er sich zum Operierenden Thetan 5 empor, genannt OT 5, eine der
höchsten Hierarchiestufen innerhalb von Scientology
überhaupt.
Allein der Aufstieg kostete Rhyner rund eine halbe Million Franken. Dazu kamen Zahlungen für
weitere Begleitkurse und für die International Association of Scientology IAS, die ihm den Titel
des Patron Meritorious einbrachte, eine privilegierte Stellung innerhalb der Organisation.
Kostenpunkt: nochmals eine halbe Million Franken.
Rhyner geriet in die roten Zahlen und erlebte damit das gleiche Schicksal wie viele andere
hochrangige Scientologen. Vertrauliche Dokumente von ehemaligen Scientology-Mitgliedern
belegen, dass in den letzten Jahren drei Dutzend Thetanen in der Schweiz Konkurs anmelden
mussten. "Ein guter Scientologe", konstatiert Scientology-Gegnerin Odette Jaccard, "zeichnet
sich durch ein ellenlanges Betreibungsregister aus."
Dass Scientology-Mitglieder konkursanfälliger sind, bestreitet Scientology-Sprecher Jürg
Stettler: "Das hat nichts mit der Religionszugehörigkeit zu tun", sagt Stettler, "auch Katholiken
machen Pleite."
Zwar hätte Rhyner die Kirchensteuer bedeutend weniger gekostet als die Scientology. Doch das
hielt den inzwischen schwer verschuldeten Juristen nicht davon ab, seine Scientologykarriere
sogar mit fremdem Kapital zu finanzieren. 1989 erhielt er 345 000 Dollar als Darlehen von
Albert Jacquier, einem hochrangigen Scientologen aus Genf. Jacquier sah das Geld bis zu
seinem Tod am 11. Dezember 1994 nicht wieder. Es war ihm nicht möglich, gerichtlich gegen
Rhyner vorzugehen. Scientology verbietet ihren Mitgliedern, juristische Auseinandersetzungen
untereinander auszutragen.
Stattdessen kam Scientology mit Rhyner ins Geschäft. Abgewickelt wurde es über die Author
Services Incorporated ASI, die Nachlassverwalterin der Schriften des Scientology-Gründers L.
Ron Hubbard. Um die Werke des Sekten-Gurus mit kostspieligen Konservierungsmethoden "für
alle Ewigkeit zu erhalten", verkaufte die ASI an Scientologen Gemälde mit Motiven aus
Hubbards Sciencefiction-Romanen, angeblich unter dem Marktwert. Bei einem Weiterverkauf
winkten satte Gewinne.
Rhyner übernahm Anfang der neunziger Jahre die Vertretung für einen Teil von Europa und
investierte im grossen Stil in das hochtrabende Projekt des Scientology-Unternehmens. Auf
einer ASI-Ehrenrolle taucht er mit einem Gönnerbeitrag von 500000 US-Dollar auf. Seither
spielte er in der Schweiz nach Einschätzung von Sektenkennern im kommerziellen Bereich eine
zentrale Rolle für die umstrittene Organisation. "Rhyner diente als Relaisstation für
Finanzgeschäfte", sagt der deutsche Buchautor und Scientology-Spezialist Peter Reichelt.
Das Geschäft mit den Bildern geriet jedoch zum Fiasko. Die Gemälde erwiesen sich auf dem
Kunstmarkt als weitgehend wertlos. Rhyner blieb auf der Ware sitzen. Seine Schulden stiegen
1991 um weitere 1,5 Millionen auf insgesamt 3,5 Millionen Franken. Genau gleich viel, wie er
bis dahin in die Scientology investiert hat.
Selbst Scientology-Sprecher Jürg Stettler muss heute zugegen, dass sich Rhyner beim
Bilder-Geschäft verspekuliert hat: "Dieses Projekt", räumt Stettler ein, "ist in die Hose
gegangen."
"Je grösser der finanzielle Druck", urteilt der mit dem Fall Rhyner betraute Zürcher
Bezirksanwalt Fridolin Triet, "desto grösser die Gefahr, sich auf dubiose Geschäfte
einzulassen." Das habe auch im Fall Rhyner, sagt Triet, eine Rolle gespielt. Einen Schritt weiter
geht die deutsche Scientology-Kennerin Renate Hartwig. "Die Organisation zieht ihren
Mitgliedern das Geld aus der Tasche und macht sie damit anfälliger für Kriminalität." Die Stufe
OT heisse nicht Operierender Thetan, folgert Hartwig, sondern "Operierender Täter".
Die Millionenschulden trieben den ehemaligen Untersuchungsrichter Rhyner ins illegale
Anlagegeschäft. Gemeinsam mit seinem Deutschen Partner Ullrich Tiggelbeck versprach er
zwischen 1991 und 1994 unter dem Namen Bundesverband Amerikanischer Banken BAB
"abgesicherte D-Mark-Anlagen mit Jahreszinsen bis zu 10 Prozent". Die Zürcher
Bezirksanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität kommt heute zum Schluss, dass weder von
einem Bankenkonsortium noch von einem seriösen Anlagegeschäft die Rede sein konnte.
Die Repräsentanz an der Zürcher Stampfenbachstrasse war Fassade. An den BAB-Adressen in
den Vereinigten Staaten befanden sich keine Banken, sondern Business Service Centers, die
Anrufe, Post und andere Sekretariatsarbeiten für ihre Auftraggeber erledigen. Und die
Wertpapiere waren ebenso gefälscht wie der Eintrag des BAB im US-amerikanischen
Bankenregister. Das Bankenkonsortium existierte einzig auf dem Papier.
Dennoch machten die beiden selbsternannten Direktoren Rhyner und Tiggelbeck einen guten
Schnitt. In knapp drei Jahren prellten sie mit dem potemkinschen Bankgebilde 350 Anleger um
22 Millionen Franken. Das Geld wurde nicht in einer ordentlichen Buchhaltung erfasst.
Vielmehr flossen die namhaften Beträge auf ein Konto nach Deutschland. Als der Betrug
aufflog, hob Tiggelbeck 13,7 Millionen Franken ab und tauchte unter.
Rhyner war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Trotz mehrerer Aufforderungen über
seinen Rechtsanwalt liess er sich nicht zu einem Rückruf bewegen. Gegenüber den
Untersuchungsbehörden machte er jedoch geltend, er habe stets an ein seriöses Bankengeschäft
geglaubt und nichts von einem Betrug gewusst.
Obwohl er von nichts gewusst haben will, reiste er am 24. November 1993 nach New York, um
einen Grossanleger von der Existenz des BAB zu überzeugen. Zu diesem Zweck nahm er
vorgefertigte Firmenschilder mit und montierte sie an der Wall Street 67 und am Empire State
Building, damit die Briefkastenadressen des BAB wie ein Head Office aussehen. Der Trick
funktionierte. Der Kunde schöpfte keinen Verdacht und investierte.
Für die Zürcher Bezirksanwaltschaft ist damit erwiesen, dass sich Rhyner der arglistigen
Täuschung und demzufolge des gewerbsmässigen Betrugs schuldig gemacht hat. Der
Strafantrag lautet auf viereinhalb Jahre Gefängnis.
Nicht auf der Anklagebank sitzen wird dagegen Scientology. Für Scientology-Expertin Renate
Hartwig eine Unterlassung. "Die Organisation hat Rhyner zum Anlagebetrug getrieben", kritisiert
Hartwig, "und muss sich dafür nicht einmal verantworten."
FACTS, 28.05.98
Schweiz:Sekte
DUBIOSE ANLAGEGESCHÄFTE/SCIENTOLOGEN ALS ANLAGEBERATER
Geschäftsziel: übers Ohr hauen
Sie funktionierten nach demselben Prinzip wie der European Kings Club und trugen
fantasievolle Namen: Jackson Services oder Lincoln Limited. Sie hatten ihren Sitz auf den
Bahamas oder den britischen Virgin Islands. Die Offshore-Gesellschaften hatten nur einen
Zweck: möglichst viele Leute mit märchenhaften Renditeversprechen übers Ohr hauen.
Mehrere hundert Investoren in der Schweiz glaubten an die wundersame Geldvermehrung - und
sahen ihr Geld nie wieder. Die mit Anlagebetrug erbeutete Deliktsumme beläuft sich nach
Schätzungen der Zürcher Justizbehörden auf "über zehn Millionen Franken".
• VERMITTLER
Unter den Beschuldigten befindet sich Erwin Dossenbach. Der Scientologe war während Jahren
ein enger Mitarbeiter von Jürg Stettler, dem Sprecher von Scientology Schweiz. Laut
Bezirksanwaltschaft fungierte Dossenbach für die dubiosen Anlageorganisationen als Vermittler.
Der Nebenerwerb hat ihn den Job bei Scientology gekostet. "Als wir von den Geschäften
erfuhren", sagt Stettler, "haben wir uns von Herrn Dossenbach getrennt."
Von spekulativen Investitionsgeschäften fasziniert war auch P.G.. Der hochrangige
Scientologe aus Nidau bei Biel warb über seine Treuhandgesellschaft Fitrag für eine
"Anlageform, die bis jetzt in keiner Werbung erwähnt wurde". Abgewickelt wurde das Geschäft
über die Bahamas International Development, eine klassische Offshore-Gesellschaft. G.
versprach den Investoren eine "jährliche Nettorendite von 30 Prozent" und "erstklassige
Sicherheiten". Die Art der Anlagen und vor allem die Sicherheiten werden jedoch mit keinem
Wort erwähnt. Als das Geschäft in die Hose ging, musste die Fitrag Konkurs anmelden.
• VERWALTUNGSRAT
G. ist in Scientology-Kreisen kein Unbekannter. Er wurde von Reto Büchel, einem anderen
Scientologen, als zuverlässiger Verwaltungsrat empfohlen. Büchel gründete
Firmenkonstruktionen in der Schweiz und auf Jersey für ausländische Interessenten, die in
ihrem Land keine Steuern bezahlen wollten - offenbar mit Erfolg. "Mein Steuerberater hat
dieses Modell für eine international tätige Scientologenfirma eingerichtet", frohlockt er in einem
Schreiben, "und dieses läuft seit über einem Jahr einwandfrei beziehungsweise steuerfrei."