BerlinOnline
Datum: 14.01.1997, Berliner Zeitung
Ressort: Reporter
Autor:

Frank Nordhausen

Greuelmärchen aus Amerika
Mit Hilfe prominenter Filmstars will die totalitäre Scientology-Organisation Druck auf die Bundesrepublik ausüben

Es war der Tag der Sekten in Bonn. Gestern stellten sich in der Sekten-Enquetekommission des Bundestages verschiedene Kultgruppen den kritischen Fragen der Abgeordneten und Experten. Nur eine Organisation wollte nichts sagen, weil ihr die Enquete-Mitglieder nicht paßten: Scientology. Nicht nur deshalb war es wieder einmal Scientology, die für das größte Aufsehen sorgte. Am vergangenen Donnerstag erschien in der "International Herald Tribune" eine ganzseitige Anzeige mit dem Titel "Ein Offener Brief an Helmut Kohl". Darin behaupteten amerikanische Künstler, darunter zahlreiche Hollywoodgrößen, daß Scientologen in der Bundesrepublik wie die Juden im Dritten Reich verfolgt würden. Unter den Unterzeichnern: die Schauspieler Dustin Hoffman und Goldie Hawn, der Regisseur Oliver Stone sowie der Schriftsteller Gore Vidal. Während Kanzler Kohl den Brief ohne weiteren Kommentar vom Tisch wischte, denn die Absender hätten "keine Ahnung von Deutschland , erklärte Außenminister Klaus Kinkel: "Wenn Scientology ihre Behandlung in Deutschland mit dem Holocaust vergleicht, so betreibt sie Geschichtsfälschung.

Falsch informiert Politiker aller Parteien und der Zentralrat der Juden äußerten sich empört über den "skandalösen Vergleich des heutigen Deutschlands mit der faschistischen Hitlerei (Oppositionsführer Rudolf Scharping).FDP-Generalsekretär Guido Westerwelle forderte sogar ein Verbot der Scientology-Vereine in Deutschland. Der rheinland-pfälzische CDU-Vorsitzende Johannes Gerster warf den Unterzeichnern des offenen Briefs vor, sie seien "von Scientology aufgehetzt und falsch informiert .Es gehe nicht darum, Menschen zu verfolgen. Vielmehr müsse einer Organisation, die sich krimineller Machenschaften bediene und die Gesetze verletze, das Handwerk gelegt werden. Gerster lud die Prominenten aber zu einem Informationsbesuch in die Bundesrepublik ein. In der Anzeige beklagen die Künstler eine angebliche "organisierte öffentliche Diskriminierung von Scientologen wie unter Hitler: "Juden wurden zuerst ausgegrenzt, dann von vielerlei Bereichen ausgeschlossen, dann verteufelt und zum Schluß unbeschreibbaren Schrecken ausgeliefert In den 30er Jahren waren es die Juden. Heute sind es die Scientologen.

Der Horror-Vergleich mit Nazi-Deutschland gehört zum scientologischen Propaganda-Programm. Schon 1994 veröffentlichte die Sekte wochenlang ähnliche Anzeigen in der "New York Times", der "Washington Post" und in "USA Today". Die Kampagne begann, als der Druck auf Scientology in Deutschland zunahm; damals bezeichnete die deutsche Innenministerkonferenz sie als Organisation, "die unter dem Deckmantel einer Religionsgemeinschaft Elemente der Wirtschaftskriminalität und des Psychoterrors vereint .Mit ihren Greuelmärchen über ein neues Drittes Reich in Deutschland zielt der Psychokult allerdings weniger auf die deutsche als vielmehr auf die amerikanische Öffentlichkeit; und dies inzwischen durchaus mit Erfolg. Immer wieder beschwerten sich Senatoren und Mitglieder des Repräsentantenhauses beim US-Außenministerium und der deutschen Botschaft in Washington über die deutsche Haltung zu Scientology. Dies führte im vergangenen Sommer sogar zu einer ernsthaften diplomatischen Verstimmung zwischen Washington und Bonn, nachdem Mitglieder der Jungen Union gegen den Hollywoodfilm "Mission Impossible protestierten. Darin spielt der Schauspieler und bekannte Scientologe Tom Cruise die Hauptrolle, der als enger Freund des Scientology-Chefs David Miscavige gilt.

Einfluß in Washington Der letzte Menschenrechtsbericht des US-Außenministeriums, Papiere der UN-Menschenrechtskommission und der OSZE kritisierten die angebliche Verfolgung "religiöser Minderheiten in der Bundesrepublik. Als der Verfassungsschutz-Ausschuß des Berliner Abgeordnetenhauses im Oktober 1996 über Scientology beriet, nahmen auch zwei Angehörige der amerikanischen Botschaft daran teil."Ich fürchte, daß die Scientologen inzwischen bedeutenden Einfluß auf die Clinton-Regierung haben , sagt der Berliner Sektenexperte Thomas Gandow. Daß die Scientology-Propaganda in den USA sogar regierungsamtlich auf Sympathien stößt, hat verschiedene Gründe. Die Vereinigten Staaten wurden von sektiererischen Gruppierungen wie den Puritanern gegründet; aus historischen Ursachen existieren dort Tausende von Klein-und Kleinstsekten und eine praktisch unbegrenzte Religionsfreiheit. Die Kehrseite: Immer wieder kommt es auch zu gewalttätigen Ausbrüchen wie dem Aufstand der Davidianer-Sekte im texanischen Waco 1993.Wie geschickt Scientology auf der Klaviatur der Politik spielt, bewies die Psycho-Sekte im Oktober 1993.Nach einem 40jährigen Streit mit der amerikanischen Steuerbehörde IRS gelang es den Scientologen, quasi offiziell als Religionsgemeinschaft anerkannt und von sämtlichen Steuerzahlungen befreit zu werden; dies betraf auch die kommerziellen Unternehmen der Organisation wie ihren Verlag Golden Era."Der Krieg ist vorbei - unser Weg zu unbegrenzter Expansion ist jetzt weit offen , jubelte damals der Sektenboß David Miscavige. Hintergrund: Offenbar hatte die Sekte die Meinungsbildung des Finanzamtes mit ihren ureigenen Methoden befördert. In ganzseitigen Zeitungsanzeigen wie "IRS - eine Behörde außer Kontrolle hatte Scientology verschiedene Rechtsverstöße der Behörde bekanntgemacht und damit gedroht, einzelne Beamte persönlich zu verklagen. Mitte der 80er Jahre riefen Scientologen sogar eine "Nationale Koalition der IRS-Ankläger ins Leben, und als der US-Kongreß mutmaßliche Fehltritte hoher IRS-Funktionäre untersuchte, lieferte die ominöse "Koalition dazu belastendes Material - "schwarze Propaganda , wie sie in der Sekte zur Abwehr von sogenannten "Unterdrückern üblich ist. Millionenschwere Klagen haben inzwischen auch dazu geführt, daß die amerikanische Presse, die früher noch kritisch über Scientology berichtete ("Kult der Gier ), auffallend vorsichtig geworden ist.

Wie die Mafia Doch all dies erklärt nicht, warum sich Hollywoodstars wie Dustin Hoffman und Goldie Hawn - erklärtermaßen keine Scientologen - in die scientologische Propaganda einspannen lassen. Es hängt offenbar mit dem enormen Einfluß der Sekte in den amerikanischen Filmstudios zusammen, wo sie nach Aussagen von Experten inzwischen "wie die Mafia in den 50er Jahren regiert; das Berliner Stadtmagazin "TIP" sprach kürzlich sogar von "Scientollywood .In den vergangenen Jahren rekrutierte die Organisation unter anderen John Travolta, Priscilla Presley, Lisa Marie Presley, Shirley MacLaine, Kirstie Alley, Anne Archer, Linda Blair ("Der Exorzist ) und Juliette Lewis ("Natural Born Killers ), dazu Dutzende weniger bekannte Schauspieler, Regisseure und Drehbuchautoren. Denn wer zum scientologischen "Auditing geht - den horrend teuren Psychokursen -, der kommt scheinbar problemlos auf die Besetzungslisten. In einem "Celebrity Center" (Prominentenzentrum) in der Franklin Avenue von Hollywood werden die Sekten-V.I.P.s hofiert und offenbar an die Studios vermittelt. In zahlreichen Hollywoodproduktionen wirken Scientologen als Schauspieler, Regisseure und Skriptautoren mit; ganze Filme wie "Guck mal, wer da spricht oder "Phenomenon" sind scientologisch inspiriert. Hintergrund für den offenen Brief der Stars an Helmut Kohl sind denn auch nicht vage Inspirationen, sondern handfeste Geschäftskontakte. Wie der "Stern" am kommenden Donnerstag berichtet, ist der Drahtzieher hinter der neuen Kampagne ein Mann namens Bertram Fields, der als der gefürchtetste Anwalt in Hollywood gilt; seine Dienste kosten 500 Dollar pro Stunde. Zu seinen Mandanten zählen nicht nur Tom Cruise, sondern die mächtigsten Studiobosse, bekannte Regisseure und Schauspieler.

Die Front bröckelt Fields, Sohn eines jüdischen Immigranten aus Rußland und einer Überlebenden des Holocaust, verteidigte schon einmal Tom Cruise gegen die Angriffe von Sektengegnern. Auch der Name des Anwalts steht unter dem Pamphlet in der "International Herald Tribune". Laut "Stern" war es Fields, der die 34 prominenten Unterschriften von Dustin Hoffman bis Oliver Stone zusammenbrachte. Die Stars hatten schon im Oktober 1996 in der New York Times einen ähnlichen offenen Brief an Helmut Kohl unterschrieben; Initiator auch damals: Bertram Fields. Fast alle Unterzeichner seien dem Anwalt privat oder als Klienten verbunden und schuldeten ihm gewissermaßen den Freundschaftsdienst einer Unterschrift, so der "Stern". Einen Freundschaftsdienst, der seinen Preis hatte: 95 000 Mark kostete die Anzeige. Scientology sind ihre Anwälte viel wert: 20 Millionen Dollar, so schätzen Experten, gibt "die Firma Jahr für Jahr für sie aus.

Offenbar wirkt sich der Werbeerfolg unter den Hollywoodstars auch politisch profitabel aus, denn die Filmindustrie ist ein Milliarden-Dollar-Busineß mit einer starken Lobby in Washington. Doch inzwischen bröckelt die Front der Unterzeichner. Der Filmregisseur Constantin Costa-Gavras erklärte gestern: "Ich habe unterschrieben, ohne den Inhalt der Anzeige zu überprüfen.

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