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Am Rande

Wie soll man mit Scientology umgehen?

Saarbrücken/Hamburg (AFP) - Der rheinland-pfälzische CDU- Vorsitzende Johannes Gerster hat die US-amerikanischen Künstler, die Deutschland wegen angeblicher Diskriminierung der Scientology-Organisation kritisiert haben, in die Bundesrepublik eingeladen. Gerster sagte im Saarländischen Rundfunk, die US-Künstler seien "von Scientology aufgehetzt und falsch informiert" worden. Bei einem Besuch sollten die Künstler die demokratische Grundordnung Deutschlands kennenlernen. FDP- Generalsekretär Guido Westerwelle sprach sich unterdessen dafür aus, Scientology in Deutschland den Vereins-Status zu entziehen. Struktur und Ziele dieser "dubiosen Organisation" seien mit "unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung nicht vereinbar". Dagegen sprach sich der rechtspolitische Sprecher der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, Volker Beck, gegen ein Vereinsverbot von Scientology aus. "Forderungen nach einem Vereinsverbot treiben die Organisation in die Illegalität".

TAZ Nr. 5126 vom 13.01.1997
Agentur

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Datum: 13.01.1997,
Berliner Zeitung
Ressort: Politik

US-Scientology wirft Kohl Arroganz vor
Gerster (CDU) lädt Künstler nach Deutschland ein

Gerster sagte am Wochenende im Saarländischen Rundfunk, die US-Künstler seien "von Scientology aufgehetzt und falsch informiert" worden. Bei einem Besuch sollten die Künstler die demokratische Grundordnung Deutschlands kennenlernen, die auf Menschen- und Freiheitsrechten aufbaue und verhindern wolle, daß "Leute Einfluß bekommen, die diese Freiheit bekämpfen". FDP-Generalsekretär Guido Westerwelle forderte, Scientology den Vereinsstatus zu entziehen. Die Grünen lehnten dies aber ab.

Die Scientology-Organisation attackierte Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) wegen dessen Reaktion auf die Kritik der US-Künstler. Zahlreiche US-Prominente hatten in einem offenen Brief an den Kanzler die "Diskriminierung" der Scientology-Organisation in Deutschland angeprangert und mit den Praktiken im Dritten Reich verglichen. Der Brief, der als Anzeige in der Zeitung "International Herald Tribune" erschienen war, wurde von 34 Prominenten der Künstler- und Intellektuellenszene unterschrieben. Dazu zählten der Schauspieler Dustin Hoffman, der Schriftsteller Gore Vidal, der Regisseur Oliver Stone sowie der TV-Moderator Larry King. Kohl hatte danach gesagt, die Unterzeichner hätten keine Ahnung von Deutschland und wollten auch keine haben. Die Scientology-Organisation warf dem Kanzler deshalb "Arroganz" vor. Kohl habe eine "unerklärliche Gleichgültigkeit gegenüber Menschenrechten" gezeigt, indem er den an ihn adressierten offenen Brief zahlreicher US-Künstler einfach abgetan habe, hieß es in einer in Los Angeles veröffentlichten Erklärung. Der Umgang mit Scientology in Deutschland wurde erneut mit den Praktiken im Dritten Reich verglichen."Es sind die Vertreter der deutschen Regierung, die mit ihren Taten und Worten den Vergleich mit der Nazi-Ära fortbestehen lassen."Gerster sagte, die in dem offenen Brief gezogenen Vergleiche zum Dritten Reich seien "völlig haltlos". Es gehe nicht darum, "irgendwelche Menschen zu verfolgen". Vielmehr müsse einer Organisation, die sich krimineller Machenschaften bediene und das Gesetz verletze, das Handwerk gelegt werden. Scientology vertrete "ein Menschenbild, das totalitär ist und der Unterdrückung von Menschen dient". Außerdem mache sie "mit verbrecherischen Mitteln Geld". Westerwelle sagte der "Bild"-Zeitung: "Struktur und Ziele dieser dubiosen Organisation sind mit unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung nicht vereinbar."Der rechtspolitische Sprecher der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Grüne, Volker Beck, erklärte hingegen: "Forderungen nach einem Vereinsverbot treiben die Organisation in die Illegalität."Diese Forderungen gäben der Sekte den Vorwand, sich als Opfer darzustellen und trieben ihr nur Sympathisanten zu. Bündnis 90/Grüne wolle Scientology mit rechtsstaatlichen Mitteln und durch Aufklärung der Öffentlichkeit bekämpfen. Beck forderte, die Finanzämter müßten die wirtschaftlichen Aktivitäten von Scientology sowie ihrer "zahllosen Vorfeld- und Tarnorganisationen" überprüfen.