Scientology im PR-Wettkampf gegen Deutschland im Hintertreffen

US-Medien berichten kritischer als zuvor -
Schützenhilfe aus dem Kongress derzeit verstummt

Von Henriette Loewisch

Washington, 22. Februar (AFP) - Nach allen Regeln der Kunst führt Scientology in den USA ihren öffentlichen Feldzug gegen die deutschen Behörden. Nicht nur medienwirksame Anhänger wie Filmstar John Travolta schickte sie in die Schlacht. Auch andere Prominente ergriffen öffentlich Partei für die Organisation, die ihre Mitglieder in Deutschland verfolgt und diskriminiert sieht. Doch trotz aller Aktivitäten ist Scientology seit einigen Monaten im PR-Wettkampf ins Hintertreffen geraten. Die US-Medien hinterfragen zunehmend die Methoden der Organisation. Von Schützenhilfe aus dem Kongress ist derzeit nicht viel zu spüren. Dennoch muss die Enquetekommission des Bundestages mit Skepsis rechnen, wenn sie in diesen Tagen Washington besucht.

Die Auseinandersetzung um Scientology, die seit über einem Jahr das deutsch-amerikanische Verhältnis überschattet, wurzelt in der unterschiedlichen Auslegung des Grundrechts auf Religionsfreiheit. In Deutschland entscheiden letztlich die Gerichte, ob sich eine Organisation überhaupt als Religionsgemeinschaft bezeichnen und den damit verbundenen besonderen Schutz der Verfassung geniessen darf. In den Vereinigten Staaten sind traditionelle und auch selbsternannte Glaubensgemeinschaften dagegen praktisch unantastbar. Schliesslich waren viele der ersten Siedler Amerikas aus Sicht des 18. Jahrhunderts selbst Ketzer und Sektierer.

Kein Wunder also, dass der deutsche Umgang mit Scientology in den USA auf Befremdung stiess. Überwachung durch den Verfassungsschutz, Parteiausschlüsse, Filmboykotte - die US-Medien sehen darin Anzeichen für eine unnötige Hysterie. Scientology selbst schlachtete US-Klischees über Deutschland geschickt aus und zog gar Vergleiche zur Judenverfolgung während des Nationalsozialismus. Prominente wie Talkshow-Moderator Larry King und Senator Alfonse D'Amato zeigten sich besorgt über die "Diskriminierung" der Scientologen in Deutschland. Die Beschwerden der Organisation werden regelmässig im Menschenrechtsbericht des US-Aussenministeriums erwähnt.

Der Ansehensverlust Deutschlands in der US-Öffentlichkeit wurde mit der Zeit so deutlich, dass Aussenminister Klaus Kinkel (FDP) im November eine Aufklärungskampagne ankündigte, um der transatlantischen Polemik Einhalt zu gebieten. Seither dominieren Scientology-kritische Artikel und Sendungen die US-Berichterstattung - etwa über den mysteriösen Tod der Scientologin Lisa McPherson in Florida oder die Kungelei zwischen der Organisation und der Steuerbehörde IRS. Senator D'Amato liess das Thema fallen und wandte sich wieder einem seiner anderen Lieblingsthemen zu, der Schweizer Nazigold-Affäre. Auch Präsident Bill Clinton zeigt allen Berichten über eine Absprache mit Travolta zum Trotz keine Anstalten, sich persönlich für Scientology einzusetzen.

Ein direkter Zusammenhang zwischen Kinkels Kampagne und dem Wandel in der Scientology-Diskussion in den USA bleibt reine Spekulation. "Botschafter und Mitarbeiter der Botschaft stehen natürlich in Diskussion mit Journalisten und Meinungsträgern zu dem Thema, und stellen mit Befriedigung fest, dass die US-Medien das Thema Zielsetzung und Methoden von Scientology durchaus zunehmend kritisch hinterfragen", sagt der Sprecher der deutschen Botschaft in Washington vorsichtig. "Eine Zeitlang behandelte die US-Presse Scientology nach dem Motto: im Zweifel für den Angeklagten", sagt der Scientology-Spezialist der "New York Times", Doug Frantz. Falls sich dies geändert habe, habe es aber nichts mit der Bundesregierung zu tun.

Das Misstrauen gegenüber den deutschen Institutionen, das in den USA wegen Scientology weiterhin besteht, ist sowohl Anlass als auch potentielle Erschwernis für den von Montag an geplanten USA-Besuch der Enquetekommission des Bundestages zu "Sogenannten Sekten und Psychogruppen". Bis Freitag stand noch nicht fest, welche Kongressmitglieder zum Treffen mit den deutschen Abgeordneten bereit sein würden. Die Kommissionsvorsitzende Ortrun Schaetzle (CDU) sieht die Reise trotzdem als Gelegenheit, Vorurteile über die Rechtslage und das Vorgehen der deutschen Behörden auszuräumen. "In der Hauptsache wollen wir sagen, dass wir die Scientologen hier nicht verfolgen", bringt sie ihre Botschaft auf den Punkt.

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AFP

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