13. Dezember 2000

Scientologische Neo-Banditen

von Norman Suchanek

IM TAL DES TODES

Vor einigen Wochen war ich in Clearwater. Dort hatte sich einiges verändert gegenüber früher. Kaum noch Scientologen, die durch die Stadt laufen - stattdessen massenweise Busse, die die Scn-Mitglieder von einem Gebäude zum anderen fahren, z.T. nur wenige hundert Meter weit ...

Einige Flag-Gebäude waren mit mehr Kameras ausgestattet als Risikogebäude wie z. B. die israelische Botschaft.

UNTER GEIERN

Ich nutzte meinen Aufenthalt, um eine Rückerstattung meines nicht benutzten Geldes von Flag zu fordern. Nicht benutztes Geld ist natürlich mein Eigentum, und es ist recht und billig, mir dies zurückzugeben. Sollte man meinen.

Als ich dieses Anliegen bei dem Security Guard an der Rezeption von Flag vorgebracht hatte, wurde ich sofort des Gebäudes verwiesen und musste auf einer Bank im Freien platznehmen, direkt vor dem Fort Harrison Gebäude.

Dort wurde mir ein Termin für ein Treffen mit Peter Greenwood genannt, dem "Kaplan" von Flag.

Am Nachmittag kam ich zu dem Treffen mit dem "Kaplan". Auch da durfte ich nicht ins Flag-Gebäude, sondern wurde an eine Tür direkt links von der Garageneinfahrt geleitet. Dahinter war ein kleines Zimmer, in dem ich mein Rückzahlungs-Anliegen wiederholte und die entsprechenden Flag-Finanzbelege vorlegte. Doch dem "Kaplan" ging es wohl weniger um mein Seelenheil als darum mich auszuhorchen - immer wieder wollte er wissen, wo ich in Clearwater wohne, mit wem ich in Florida sei, ob ich Kinder habe usw. usw. Er hörte erst auf, als mir ( wie man so sagt ) "der Kragen platzte".

Wir vereinbarten dann einen Termin am darauffolgenden Mittag.

WEIHNACHT IM WILDEN WESTEN

Da Flag jede Woche Einnahmen in Millionenhöhe hat, rechnete ich mit einer zügigen Rückzahlung. Eine frühe Bescherung sozusagen.

Der "Kaplan" war jedoch sehr einsilbig und mochte mir nicht mehr sagen, als dass die Angelegenheit in Arbeit sei; ich solle am kommenden Tag wiederkommen. Auf meine Nachfrage hin räumte er ein, dass er aber keinerlei Zusage machen könne; vielleicht könne die Angelegenheit auch Wochen dauern. Er mochte sich nicht einmal darauf festlegen, wie viele Wochen ...

Diese Vorgehensweise kann ich nur als böswillig bezeichnen. Wenn ich Geld hätte einzahlen wollen, hätte das sofort geklappt. Die Flag-EDV und die von mir vollständig vorgelegten Belege hätten auch eine Auszahlung binnen 24 Stunden ermöglicht.

Daraufhin habe ich beim Lisa McPherson Trust ein paar Briefe an Behörden und Verbraucherschutz geschrieben - auch von einem "Kaplan" muss ich mich nicht verarschen lassen.

Ein paar Wochen nach meiner Rückkehr nach Deutschland meldete sich bei mir ein hiesiger DSA (Direktor OSA-Abteilung). Da er mir die Überreichung des Schecks in Aussicht stellte, trafen wir uns. Von meinem Geld waren 2% als "Bearbeitungsgebühr" abgezogen. Das sagte mir nicht zu, und ich erbat mir eine Bedenkzeit.

Bei einem weiteren Treffen mit dem DSA war ich dann bereit, auf die 2% zu verzichten. Um des lieben Friedens willen. Dann las ich mir die Verzichtserklärung durch, die ich unterschreiben sollte. Da stand tatsächlich, dass ich "im Austausch" für mein Geld darauf verzichten sollte, Flag, sein Personal und sämtliche eingetragenen juristischen Kirchenorganisationen zu verklagen.

Nicht dass ich eine Klage vorhätte. Aber dass ich mein eigenes Geld durch eine Verzichtserklärung "freikaufen" muss, das ist schon ein starkes Stück. Dazu fallen mir spontan die Begriffe Nötigung und Erpressung ein (obwohl vielleicht nicht juristisch völlig korrekt). Also hab ich nicht unterschrieben. Und keinen Scheck erhalten.

Einige Zeit später führte ich ein Telefonat mit der DSA. Die fand die Verzichtserklärung völlig in Ordnung. Fand, dass ich mich an die Regeln der "Kirche" halten müsse. Fand auch, dass der Austausch - mein eigenes Geld gegen eine Verzichts- erklärung - ganz OK sei. (Der angemessene Austausch für mein Geld ist m.E. eine Quittung, dass ich mein Geld erhielt). Fand schliesslich auch, dass die Scn-"Kirche" das Recht habe, im Kampf gegen ihre angeblichen Verfolger geltende Gesetze zu brechen !

Ich kann nur hoffen, dass der Verfassungsschutz mit an der Telefonleitung hing ...

ÜBER SCIENTOLOGISCHE NEO-BANDITEN

"Gib mir Dein Geld! Im Austausch dafür bekommst Du Dein Leben" - das ist klassisches Banditentum: Piraten- und Raubrittertum, Banküberfälle und Strassenraub fallen darunter.

"Gib mir Deine Unterschrift unter den Klageverzicht. Im Austausch dafür bekommst Du Dein Geld" - das ist eine neue Form des Banditentums. Das nenne ich Neo-Banditentum. Die Täter sind für mich Neo-Banditen.

Norman