Scientology im Internet

Von Claudia Gerdes

Netzaktivisten veröffentlichten "heilige" Schriften, die bislang nur langjährige Scientology-Mitglieder für sehr viel Geld einsehen durften. Die Sekte erweist sich trotz rabiaten Widerstandes gegen die Verbreitung ihrer Geschäftsgeheimnisse als machtlos.

Vor 75 Millionen Jahren führte der böse Xenu eine galaktische Föderation von 76 Planeten an. Mit 178 Milliarden Bewohnern pro Planet herrschte dort ein beträchtliches Überbevölkerungsproblem. Xenu löste es, indem er überzählige Untertanen tötete, auf die Erde transportierte und die Körper durch Wasserstoffbomben vernichtete, die er auf großen Vulkanen zündete. Den freigewordenen Geistern der Ermordeten, den sogenannten Thetans, implantierte er falsche Informationen und Werte. Die Thetans nisteten sich in den Erdenmenschen ein und plagen uns seither mit psychischen und körperlichen Krankheiten. Nur wer die von Scientology entwickelten Auditing-Programme durchläuft, kann sich wieder von den Thetans befreien beziehungsweise ihre Energien positiv nutzen und so Macht über sich selbst und andere erlangen.

Diese abstruse Science-Fiction-Story war bis vor kurzem ein gut gehütetes Geheimnis der Scientologen. Die Texte, in denen L. Ron Hubbard seine Thetan-Theorie festhielt, durften nur fortgeschrittene Sektenmitglieder studieren, die schon ein Dutzend Kurse durchlaufen hatten. Mittlerweile liegen die geheimen Schriften zu großen Teilen im Internet und sind einem Millionenpublikum frei zugänglich. Der erbitterte Kampf, der über die Copyright-Rechte zwischen Scientology und ihren Gegnern entbrannte, erreichte jetzt einen neuen Höhepunkt.

Der Scientology-Krieg begann im August '95. Damals stellte Arnie Lerma, Teilnehmer der sektenkritischen Newsgroup alt.reglion.scientology aus Virginia, Auszüge eines Gerichtsdokuments ins Netz. Bei diesen Fishman-Papieren handelt es sich um Aussagen eines Ex-Scientologen über die Operating Thetans (OT). Steven Fishman war mit der Veröffentlichung des Materials einverstanden: Er wolle vor psychischen Schäden durch den Thetan-Exorzismus warnen, die bis hin zu Schizophrenie und Selbstmord reichen könnten.

Scientology halte den wahren Inhalt des OT-Auditings streng geheim, um ihre Opfer erst durch jahrelange Gehirnwäsche für den Thetan-Glauben "reif" zu machen. Erführen die Sektenmitglieder frühzeitig und bei noch kühlem Kopf, was in den acht OT-Stufen auf sie zukommt, würden sie "die Kirche scharenweise verlassen".

Genau diese Gefahr schien auch Scientology zu sehen. Bei einer Hausdurchsuchung bei Arnie Lerma wurde massenweise Datenmaterial beschlagnahmt. Als die Washington Post über den Vorfall berichtete und aus den geheimen Schriften zitierte, wurde auch sie von Scientology verklagt. Dieses rabiate Vorgehen aber rief die Sektengegner erst richtig auf den Plan. Trotz gerichtlicher Verfolgung stellte etwa der niederländische Provider XS4all die Fishman-Papiere ins Netz, andere Aktivisten taten und tun es ihm bis heute nach.

Derweil ging der Prozeß gegen Arnie Lerma weiter, bis US-Richterin Leonie Brinkema ihn am 4. Oktober dieses Jahres zu bescheidenen 2500 Dollar Strafe wegen Copyright-Verletzung verurteilte. Gleichzeitig erklärte sie es für zulässig, die einmal zur Verfügung gestellten Texte aus dem Internet herunterzuladen. Scientology focht Brinkemas Memorandum an und ließ es am 8. Oktober von einem anderen Gericht zur Verschlußsache erklären.

Da war es aber schon in Shelley Thomsons Internet-Magazin "Biased Journalism" erschienen. Auf Verlangen der Scientology-Anwälte löschte Shelley Thomsons Internet-Provider Netcom zwar den Text. Doch die Sekte ringt mit einem vielköpfigen Drachen - die Netizens veröffentlichten das Memorandum im Usenet und auf Websites in den USA und Europa. Der neueste Stand der Dinge: Inzwischen gelang es Brinkema, die Verfügung des anderen Gerichts für ungültig erklären zu lassen.

Gleichzeitig muß Scientology an einer anderen Front kämpfen. Die sogenannten NOTs-Materialien (New Era Dianetics for Operating Thetans) gelangten nämlich ebenfalls ins Internet. Diese Schriften sind den Scientologen noch teurer als die OT-Dokumente - sie beschreiben Stufen, die man für viel Geld ab der fünften Stufe zur endgültigen Erleuchtung des OT-Auditings zu durchlaufen hat.

Kleinere Auszüge aus den NOTs-Texten gab es schon seit Ende '95 im Netz. Im März dann stellte Keith Henson NOTs 34 der Newsgroup zur Verfügung. In diesem Dokument geht es um den Anspruch der Sekte, medizinische Behandlungen durchzuführen, was ihr schon Anfang der siebziger Jahre ein Gerichtsurteil verboten hatte. Am 6. Mai schließlich legte ein Anonymer namens "Vorlon" das NOTs-Paket ins Internet. Diese wirren Höhepunkte der Scientology-Lehre sind auf den Webseiten von US-Wissenschaftler Dave Touretzky, "NOTs Scholar Page", oder auf der Website von Jeta Eggers bei XS4all erreichbar.

Auf die Veröffentlichung ihrer geheimsten Schriften reagierte die Sekte nicht nur mit gerichtlichen Schritten. Mit einer "Spam"-Attacke, einer Nachrichtenflut, versuchte sie die Newsgroup alt.religion.scientology lahmzulegen.

Am 19. Mai begann ein Chris Maple von einem Internet-Zugang an der Yale University hundertfach Ausschnitte aus dem offiziellen PR-Handbuch What is Scientology? an die Newsgroup zu senden. Schließlich blockierte die Uni alle Nachrichten des gesamten News-Gateways. Für die "Spammer" kein Problem: Sie wechselten den Provider und schickten ihre Mails notfalls über Neuseeland oder Estland. In den folgenden Wochen und Monaten trafen zeitweilig bis zu hundert Nachrichten pro Stunde ein. Solche Datenmengen können die Dienste kleinerer Provider zusammenbrechen lassen. Die User wiederum brauchen länger, um die echten Nachrichten inmitten des "Spam"-Schrotts zu finden - das kostet viel Zeit und Geld.

Scientology-Sprecherin Debbie Blair lehnt jede Verantwortung ihrer Organisation für die Attacke ab, obwohl ein Dokument bekannt ist, in dem Sektenmitglied Elaine Siegel schon 1994 eine "Spam"-Strategie entwickelte. Statt dessen beruft sich Blair auf die freie Meinungsäußerung: "Es hat soviel falsche Information in der Newsgroup gegeben, daß niemand sich darüber beschweren sollte, wenn auch einmal die Wahrheit dorthin gelangt."

Nicht nur die Scientologen überfluten ihre Gegner mit Mails. In den USA gehen auf diese Weise auch "schwule Aktivisten gegen christliche Fundamentalisten oder Antirassisten gegen Neo-Nazis" vor, wie das Online-Magazin Now berichtet. Gesetze gegen "Spamming" gibt es bislang nicht - es dürfte auch nicht leicht sein, den Mail-Terror juristisch von einem legitimem Ausdruck des Massenprotests zu unterscheiden.

Das fordert die Selbstregulierungskräfte des Internets heraus. Da gibt es etwa Newsreader, die automatisch alle Nachrichten aussortieren, die den Absender der bekannten "Spammer" tragen. Daß Scientology das Mail-Bombardement zunächst einstellte, liegt aber wohl vor allem daran, daß der Skandal darum immer mehr Neugierige in die Newsgroup lockte und den Widerstand der Internet-Gemeinde erst richtig anstachelte - die Websites von Scientology-Kritikern schießen derzeit wie Pilze aus dem Boden.

Hier oder nach wie vor bei alt.religion.scientology kann man sich über die Copyright-Prozesse gegen die NOTs-Veröffentlicher Keith Henson oder Zenon Panoussis auf dem laufenden halten. Letzerer schickte kürzlich Kopien der aus dem Netz geladenen NOTs-Dokumente an das schwedische Parlament. In der Newsgroup verkündete am 7. November auch der Norweger Andreas Heldal-Lund, daß er ein OT- und NOTs-Archiv auf seiner Homepage eingerichtet habe. Drei Tage später berichtete er an derselben Stelle schon vom Besuch von Scientologen bei ihm Zuhause, die ihn einzuschüchtern versuchten.

Derzeit gestehen die US-Gerichte den NOTs-Materialien zwar noch Copyright-Schutz zu. Doch Netz-Aktivisten wie Frank Copeland bezeichnen den verzweifelten Versuch von Scientology, angesichts der massenweisen Verbreitung ihrer Dokumente weiter Geheimhaltungsansprüche hochzuhalten, schon als den "größten Witz in der Geschichte des Internets".

Wer sich mit den Netizens über Scientology und die Thetans ins Fäustchen lachen will, kann die Homepage der British BodyThetan Society besuchen, die "gegen die Mißhandlung dieser lieben, harmlosen Kreaturen" und für ihre Anerkennung als "saubere und treue Haustiere" kämpft. Auch eine nicht ganz ernstgemeinte Online-Version des von Hubbard zum Aufspüren von Thetans entwickelten Elektropsychometers gibt es mittlerweile im Netz. Angeblich arbeitet es garantiert "ebenso effektiv wie jenes, das die Scientologen beim Auditing verwenden".

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