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SZ vom 20.01.1997


Widerstand gegen Scientology: Der zähe Kampf der Elfriede Fischer

Ein Feldzug ohne Aussicht auf Sieg

Seit Jahren bemüht sich eine Mutter, ihren Sohn von der Sekte loszueisen - jetzt organisierte sie sogar eine Demo

Von Claudia Wessel

Sie haben keine Angst. Trotz anonymer Anrufe, die Heike erst gestern wieder 'alle zwei Minuten' bekam, bis sie 'bei denen' anrief und sagte, das sollten sie bitte unterlassen. Trotz ihrer Überzeugung, daß Scientology weiter verbreitet ist und mehr Bereiche unterwandert hat, als die Allgemeinheit glaubt. Trotz ihres in sieben Jahren angesammelten 'erschreckenden' Wissens über die Organisation: Etwa das Ziel des Gründers L. Ron Hubbard: 'die Unfähigen sich selbst zu überlassen, bis wir richtige Anstalten für die gebaut haben'.

Elfriede Fischer und ihre Töchter Heike und Olivia haben keine Angst. Am Samstag haben sie wieder eine Demonstration gegen Scientology organisiert, direkt vor deren Zentrum , um zu zeigen, daß sie sich nicht unterkriegen lassen wollen. Seit sieben Jahren ist der Sohn und Bruder Mitglied der Organisation. 'Er ging damals in den Buchladen bei uns in Neuötting, kaufte ein Buch über Dianetik und schickte eine darin liegende Karte nach München', erzählt Mutter Elfriede. 'Dann wurde er eingeladen und fuhr hin.' Schon bei der Rückkehr, erinnert sie sich, sei er ihr anders vorgekommen. 'Als habe er Drogen genommen.'

Der heute 31jährige, dem sie versprochen hat, seinen Namen zu verschweigen, war damals frisch ausgebildeter Chemiefacharbeiter und bei der Bundeswehr. 6000 Mark hatte er gespart. 'Die waren innerhalb von vier Wochen weg.' 3000 Mark kostete der 'Sauna Round Down', in dem Neumitglieder 'den alten Dreck rauschwitzen sollen,' der Rest ging für weiter Kurse drauf. 'Ich hatte noch die Hoffnung, daß der Spuk nach der Bundeswehr vorbei ist', sagt die Mutter. Doch nach der Rekrutenzeit wurde der Sohn freier Mitarbeiter bei Scientology.

'Meine Ehe ist daran zerbrochen', sagt sie, die Beziehung habe der Belastung nicht standgehalten. Macht sie sich Vorwürfe? 'Mein Sohn war nicht labil' betont sie, 'nur neugierig'. Daß nur besonders Beeinflussbare bei Scientoloy landeten, das sei ein Vorurteil, das sie mit Hilfe von Öffentlichkeitsarbeit entkräften möchte. Sie will 'die Leute warnen' - davor, daß jeder Opfer werden könne und daß der Arm der Scientology bis in alle Winkel des Landes reiche. Erst vor wenigen Wochen sei der Sohn einer Bekannten in einem ganz kleinen Ort in ihrer Nähe ebenfalls eingetreten. 'Und die Frau hat immer zu mir gesagt, bis zu uns hier draußen kommen die nicht'.

Elfriede Fischer hat bereits einen langen Kampf um ihren Sohn hinter sich. Bei ihrem ersten Besuch fand sie ihn völlig verwandelt vor. Er hatte damals bereits das 'Auditing', hinter sich, 'eine 23tägige Gehirnwäsche, das aus den Menschen Roboter macht, die nur noch Befehle ausführen.' Ein Gespräch sei nicht mehr möglich gewesen, ' wir redeten aneinander vorbei.' Er erklärte ihr, daß der Ausstieg als Verbrechen gelte. Bei der Scientology-Kirche verdiente der junge Mann zunächst 600 Mark monatlich , davon mußte er 200 für den Schlafplatz abgeben. Er habe sich täglich von einem Viertelpfund Magerquark und einer Semmel ernährt, weiß seine Mutter. Er sei dann aufgestiegen, in Los Angeles zum Auditor ausgebildet worden. Danach bat er sie um 4000 Mark für einen 'E-Meter' (eine Art Lügendetektor, der bei der Auditing-'Beichte' verwendet wird). Sie weigerte sich, verlangte, daß er zu einem Urlaub nach Hause komme. Dieser wurde genehmigt. 'Was ich nicht wußte, er hatte 90 Tage, mich unkritisch zu machen.'

Die drei Monate wurden zu einem verbalen Kampf. 'Nicht sie sind es, die mich zerstören, du bist es', sagte der Sohn und erklärte, 'im falschen Körper geboren' zu sein. Danach begann Elfriede Fischer mit ihrem Feldzug. Sie besuchte Kundgebungen in ganz Deutschland, suchte Kontakt zu betroffenen Familien und Aussteigern. Einen kleinen Sieg (den der junge Mann für sich freilich als Niederlage empfand) errang sie, als die Scientologen ihren Sohn von ihren Ritualen aussschlossen. Er dürfe erst wieder im Dianetikzentrum mitarbeiten, hieß es, wenn die Mutter ihre öffentliche Kritik aufgebe.

Daß sie nicht daran denkt, hat die Demonstration vom Samstag bewiesen. Dabei hat sie erneut versichert, daß sie weiter kämpfen werde. Zuletzt gesehen hat sie ihren 'verlorenen Sohn' am vorigen Osterfest. Er war mit seinen Kindern da, die er einer sehr strengen Diät unterwirft. Weil seine Schwestern das nicht mitansehen konnten, gab es Streit. Seitdem ist der Kontakt wieder ganz abgebrochen. Doch Frau Fischer, die gestern ein Häuflein Mitstreiter um sich versammelte (die Polizei zählte 'zwei Dutzend'), ist optimistisch: 'Irgendwann wird mein Sohn den Ausstieg schaffen. Dieser Glaube gibt mir die Kraft, weiterzumachen.'


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