GEBET FÜR LISA MCPHERSON
-STERBEN BEI SCIENTOLOGY -

FOCUS-GOTTESDIENST
IN DER LUISEN-KIRCHE ZU BERLIN-CHARLOTTENBURG
AM SONNTAG, 17. SEPTEMBER 2000

Thomas Gandow

Gebet für Lisa McPherson

* 1959     + 1995

Herr,
nimm auf diese junge Frau, Lisa McPherson,
die nun bei Dir ist,
trotz der vielen Fall-Überwacher und der OSA-Wächter vor ihrer Tür.

Sie steht vor dir
begleitet von Patric Vic, Konrad Aigner und all den anderen,
die auf der Suche nach totaler Freiheit
den Tod gefunden haben
als Opfer einer bösartigen Organisation.

Herr,
du kennst Lisa von Mutterleib an.
Du kennst ihre Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung,
ihre Trauer um ihren erschossenen Bruder und den Selbstmord ihres Vaters;
ihre Freude am Gespräch mit Menschen,
am Tanzen und fröhlich sein;
ihren Ehrgeiz, gute Leistungen zu bringen,
ihre Bereitschaft, sich ganz einzusetzen.

Herr, du weißt es:
Sie wollte von den quälenden Erinnerungen
an den Tod von Bruder und Vater
und an das schreckliche warum frei werden.
Sie wollte alle ihre Probleme klären.
Sie träumte davon, clear zu sein,
selbst ihr Schicksal zu gestalten,
frei zu sein von Schatten der Vergangenheit.
Dafür hat sie viel gearbeitet,
dafür hat sie viel Geld verdient und
dafür hat sie viel Geld bezahlt.

Du weißt,
wie ernst sie die Scientology-Technologie nahm;
aber wir hören auch von Freunden, die sie kannten,
daß sie im unmenschlichen System menschlich blieb,
anderen zu helfen versuchte,
auch wenn ihr Freundlichkeit Nachteile brachte.

Du weißt,
wie sehr sie Ihre Menschenwürde verkaufen mußte
um auf der Brücke der Selbsterlösung voranzukommen:
Ihr Leben organisiert bis in die intimsten Bereiche
nach den absurden Vorschriften
eines Science-fiction- und Horror-Schriftstellers;
Wissensberichte mußte sie schreiben
für die gierigen Augen und Akten des OSA-Geheimdienstes
über sich und ihren Freund.
Über jeden Kuß und jede zärtliche Berührung:
Wann; wo; wie oft; wie lange.

Herr,
in dieser Welt der Gewalt, der Ratlosigkeit und der Irrwege
sprichst Du nicht die schuldig,
die sich verlaufen und verirren
auf der Suche nach dem Weg in die Freiheit,
sondern die, die Menschen ausnutzen und mißbrauchen,
verführen und verderben.

Darum vergib ihr und vergib auch uns:
unsere Versuche, andere zu handhaben,
unseren Überlegenheitswahn
unseren scientologischen und unseren gewöhnlichen Verrat an Mitmenschen
unsere scientologischen und unsere gewöhnlichen Wissensberichte
unsere Unterordnung unter Strukturen und Organisationen,
unseren Versuch, durch totale Disziplin und vorauseilenden Gehorsam
einen Anteil an der totalen Kontrolle und Macht
über unsere Mitmenschen zu erhalten
Verzeih uns unseren Stolz und unsere Sünde, Gott zu spielen.

Herr, du weißt,
wie sie vor Enttäuschung zusammenbrach,
als ihre übermenschlichen Scientology-Fähigkeiten
bei einem kleinen Verkehrsunfall wie ein Kartenhaus zusammenstürzten,
du weißt, daß sie sich vor Verzweiflung nackt auszog,
nur um ihre Hilflosigkeit zu zeigen,
nur um endlich Hilfe zu finden

Als sie die Hilfe einer freundlichen Samariterin gefunden hatte
und sachkundige Hilfe so nahe war
ließ Scientology nicht von ihr ab,
sondern holte sie aus der Rettungsstation hinaus.

Wie eine geschlagene Ehefrau zu ihrem Peiniger zurückkehren muß,
so holte sich die Organisation
mit falschen Versprechungen ihr Opfer zurück.
Statt Hütern und Helfern fand sie Bewacher und Folterer.
Statt Geborgenheit - Isolation.

Lisa war traurig, weil sie die Augen vom Objekt abwandte,

- dafür sollte sie selbst zum Beweisobjekt für die Unfehlbarkeit der Hubbard-Technik werden

Lisa wollte sich selbst finden

- statt dessen kam sie in den "Introspection Rundown"

Lisa wollte tanzen gehen

- statt dessen wurde sie an ihr Bett gefesselt

Sie wollte mit jemandem reden

- statt dessen durfte sie nur noch Selbstgespräche führen

Sie war hungrig nach einem freundlichen Wort

- statt dessen wurde ihr von stummen Aufsehern,
  denen zu sprechen verboten war,
  der Mund gestopft mit Beruhigungsmitteln

Als sie nicht mehr Clear sein wollte

- wurde sie betäubt und benebelt mit Benadryl und Kaliumchlorat

Herr,
Lisa suchte doch nur Hilfe und Schutz.
Es waren zu wenig Samariter und Hüter im Hospital
Und zu viel Wachpersonal im Ford Harrison Hotel,
im Zimmer 174 und vor der Tür;
Manchmal waren da mehr Bewacher als gebraucht wurden,
um Lisa festzuhalten, wenn sie sich wehrte.
Da war auch eine Bewacherin,
die selbst zusammenbrach und weinte.

Herr, du weißt es:
Während sie bewacht und gequält wurde,
bewußtlos gemacht durch Drogen,
plünderten Scientology-Freunde ihr Konto.

Erst nach 17 Tagen im Ford Harrison Hotel
gequält und geschunden,
mit blauen Flecken und Abschürfungen bedeckt,
von Kakerlaken schon gebissen
wurde sie
- tot -
in ein Krankenhaus gebracht.

Als ihre Leiche auf Wunsch der Scientology-Organisation
gerade verbrannt worden war,
- der Familie hatten sie erzählt, Lisa sei an ansteckender Meningitis gestorben -
räumten scientologische Leichenfledderer ihre Wohnung aus,
stellten Schecks auf ihr Konto aus,
stahlen ihre Kleider,
plünderten den Nachlaß.

Herr, höre doch!
Jetzt verhöhnen sie ihr Opfer,
denn sie bezeichnen das Einflößen von Betäubungsmitteln als
"Geistigen Beistand" und religiöse Handlung.

Herr,
ihre Peiniger haben nur wenige Sätze von dem aufgeschrieben,
was Lisa sagte.
Sie haben es nicht verstanden.
Es war nicht wichtig für sie.
Es kam ja aus Lisas Inneren.

Du aber weißt alles, was sie sagte.
Laß auch uns verstehen, was Lisa meinte,
als sie am 3. Tag ihrer Gefangenschaft vom Licht sprach
   - ganz gegen Hubbards Lehre,
     wonach Licht eine trügerische Falle ist,
     die nur zu einer Implantstation führt.

Herr,
laß uns verstehen, was es bedeutet,
daß sie gegen alles, was sie 13 Jahre lang gelernt hatte, sagte:
"Man muß dem Licht folgen, denn das Licht ist das Leben."

Herr,
Lisa wollte nur jemanden,
mit dem sie reden könnte
wie mit einem Freund.
Jetzt rede Du mit Lisa und allen,
die in der Isolation verzweifeln
Wische du ihre Tränen ab.
Sende du ihnen Menschen als freundliche Hüter wie Engel.
Sei Du gnädiger Hüter und Helfer,
wo Menschen versagen.
Antworte Du auf Lisas und unsere Fragen,
"denn bei dir ist die Quelle des Lebens
und in deinem Lichte sehen wir das Licht"[Ps. 36,10].

Amen

Berlin, 17.09.2000


DIE WELT online - Berlin

Montag, 18. September 2000

Debatte nach Predigt für
Scientology-Opfer

Bei einem Gedenk-Gottesdienst in der Luisen-Kirche in Charlottenburg kam es zu einer heftigen Debatte zwischen dem Sektenbeautragten für Berlin und Brandenburg und Scientologen. Gandow gedachte in seiner Predigt einem Opfer der Scientology in den USA: "Lisa Mc Pherson wurde nach ihrem versuchten Ausstieg 17 Tage lang gegen ihren Willen fest gehalten und gequält. Sie starb am 5. Dezember 1999 im Alter von 36 Jahren."

Scientologen hatten Gandow bereits im Vorfeld der Veranstaltung bedroht und in Flugblättern, die sie verteilten, als "Anti-Sekten- Beauftragten" und "Chef-Inquisitor" diffamiert: "In der vergangenen Woche hat mich die Scientology mit Anrufen terrorisiert und damit gedroht, die Veranstaltung zu sprengen", sagte Gandow. Vor der Kirche hatten sich Scientologen aufgebaut und verteilten Hochglanzbroschüren, in denen Kritiker, die sich mit dem "Fall Lisa Mc Pherson" befassen, verunglimpft werden.

In einer Diskussionsrunde beschimpften Scientologen, die aus dem gesamten Bundesgebiet angereist waren, Thomas Gandow als "Lügner". Lisa Mc Pherson sei an den Folgen eines Autounfalls gestorben, hieß es von Seiten der Organisation. Demonstrativ hatten die Mitglieder die Hochglanzbroschüren vor sich ausgebreitet. Mit solchen Einschüchterungsversuchen sollte Gandow offenbar daran gehindert werden, gegen die Scientology weiterhin vorzugehen.

In einem Brief an Landesbischof Wolfgang Huber forderte die Scientology mit Sitz in München, die sofortige Entlassung des Kirchenmannes. Thomas Gandow hat jetzt rechtliche Schritte gegen die Scientology eingeleitet.
balt


Scientology versucht mit allen Mitteln an der Behauptung festzuhalten, dass Lisa McPherson an den direkten Folgen eines Bagatellunfalls mit dem Auto starb. Dafür gaben sie Millionen von Dollars aus, um ein "Gutachten" derselben Experten zu erkaufen, die bereits im Fall O.J. Simpson erreichten, dass dieser im Strafverfahren von der Mordanklage freigesprochen wurde (allerdings bestätigte das Zivilverfahren OJ als den Mörder).

Die Argumente sind mehr als schwach und zudem bereits mehrfach widerlegt, näheres wird im Zivilverfahren McPherson gegen Scientology klar werden.

Das Strafverfahren musste wegen einer unverständlichen nachträglichen Änderung in der Todesbescheinigung durch die Gerichtsmedizinerin, die inzwischen nicht zuletzt wegen diesem Fall zurücktrat, eingestellt werden. Das bedeutet jedoch mitnichten einen Freispruch für Scientology von den beiden Anklagepunkten (Misshandlung einer handlungsunfähigen erwachsenen Person sowie Ausüben medizinischer Tätigkeit ohne Bewilligung), im Gegenteil, die werden Scientology in alle Zukunft anhaften. Durch die Einstellung des Verfahrens wurden alle Akten öffentlich, und diese zeigen nun halt ein ganz anderes Bild als das von Scientology behauptete. Interessant sind die Beeinflussungs- und eigentlichen Bestechungsversuche von "Pfarrer" Mike Rinder und David Miscavige gegenüber dem Gericht und Staatsanwalt (nachzulesen auf <http://www.lisatrust.net>).
(pw)