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Lager sollen auf den Prüfstand

Nach Berichten über drei in den USA bestehende Scientology-Straflager fordert Sektenbeauftragter Thomas Gandow Aufklärung über Menschenrechtsverletzungen

Die Scientology-Vereinigung hat nach Angaben des Sektenbeauftragten der evangelischen Kirche, Thomas Gandow, eingestanden, daß sie Straf- und Umerziehungslager unterhält. Die Pressesprecherin der Organisation in Hamburg, Gisela Hackenjos, habe die bisher offiziell geleugnete Existenz solcher Einrichtungen bestätigt, die Lager allerdings als "Rehabilitationszentren" deklariert, teilte Gandow gestern mit.

Der Theologe forderte die deutschen und europäischen Behörden auf, sich über die Existenz der Lager zu informieren und möglichen Menschenrechtsverletzungen nachzugehen. Dabei müsse auch geklärt werden, so Thomas Gandow, ob sich Kinder in den Lagern befinden und auf welche Weise die Einweisung in die Lager erfolgt.

Auf die Existenz solcher Lager hatte der kanadische Wissenschaftler Stephen Kent von der Universität Alberta auf einer Veranstaltung der SPD und der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg am Wochenende hingewiesen. Nach seinen Angaben befinden sich mindestens drei von ihnen auf US-amerikanischem Boden, in Los Angeles und Hemet (Kalifornien) und Clearwater (Florida). Weitere sollen in England und Dänemark existieren. Damit werde die Kritik des US-Außenministeriums an dem deutschen Vorgehen gegen die Scientology-Organisation zum "Gipfel diplomatischer Arroganz", hatte Kent betont.

In den Straf- und Umerziehungslagern lebten Mitglieder der Sekte, die von der Linie ihrer Organisation abgewichen seien, berichtete Gandow. Ihrer Einweisung gehe eine "Verhandlung" vor einem organisationseigenen Gericht, dem sogenannten "Beweis- Komitee", voraus. Die Lagerinsassen müßten täglich zehn Stunden hart arbeiten und zusätzlich fünf Stunden Indoktrinationskurse absolvieren. "Abweichler" würden durch harte körperliche Arbeit, Erniedrigungen und Gehirnwäscheprogramme gefügig im Sinne der Ideen von Scientology-Gründer Ron Hubbard gemacht werden, sagte Gandow.

Laut Thomas Gandow hat die Organisation weltweit 75.000 Mitglieder, in Deutschland sollen es 3.000 bis 8.000 sein. In Berlin seien es einige hundert Mitglieder.

Das Landesamt für Verfassungsschutz hat unterdessen ein "vertrauliches Telefon" unter der Telefonnummer 8309440 für Scientology-Betroffene eingerichtet. Auf Beschluß der jüngsten Innenministerkonferenz wird Scientology bundesweit vom Verfassungsschutz beobachtet. Die Berliner Bundestagsabgeordnete und Sektenexpertin Renate Rennebach hatte diesen Beschluß begrüßt. Sie sagte, die Vereinigung sei "totalitär und faschistoid".

taz/epd

TAZ-BERLIN Nr. 5271 vom 07.07.1997 Seite 22 Berlin Aktuell 82 Zeilen
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