(c) L'Hebdo Nr.32; 12. August 1999

Kosovoflüchtlinge

Scientologen missbrauchen das Rote Kreuz

Die Kirche von L. Ron Hubbard missionierte unter dem Vorwand, vom Roten Kreuz unterstützt zu werden, in Flüchtlingslagern in Albanien. Das Rote Kreuz dementierte offiziell.

Arbeitete die Scientology "Kirche" während dem Kosovokrieg mit dem Internationalen Roten Kreuz zusammen? Das gaben sie in ihrer letzten Ausgabe der "Freiheit" zu verstehen, deren Auflage in der französischen Schweiz 100'000 Exemplare umfasste. In einem Artikel mit dem Titel "Beitrag zum Aufbau einer stabileren Gesellschaft" schrieb der Kult tatsächlich, wie ein gewisser Michael Edwards und 18 weitere freiwillige Mitarbeiter (für Scientology: unbezahlte Leute vor Ort) während dem jüngsten Krieg nach Albanien gingen und "dort Flüchtlingen beider Seiten Hilfe durch geistige Beratung und Dianetik zu leisten" (eine zur Milderung trauriger Gefühle durch den Verstand bestimmte Methode). [serbische Flüchtlinge in Albanien?] Im Artikel konnte man lesen "in Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz konnten die freiwilligen Helfer wirkungsvoll Hilfe leisten" - dann werden wir darüber belehrt, dass Dianetik Seminare - zwei bis drei Tage dauernd - in den Lagern organisiert wurden und dadurch "die emotionalen Leiden von 10'000 Flüchtlingen gelindert werden konnten".

Leichter Zutritt

Die Scientology "Kirche" von Lausanne, Verfasserin des Artikels, der durch die Angaben ihres amerikanischen Management ermöglicht wurde, behauptet, dass bereits 20'000 Kopien der Broschüre "Der Weg zum Glücklichsein" (die moralische Anleitung für Scientologen) in albanischen Lagern verteilt wurden und dass diese Aktion auch im Kosovo fortsetze. In den Gemeinden sollen Schreiben von Kosovoflüchtlingen zirkulieren, die ihr Glück den Lehren Hubbards zuschreiben, dem geistigen Chef von Scientology. Die meisten dieser Aussagen sind nur mit den Initialen unterzeichnet. "Die Scientology 'Kirche' leistet dort eine phantastische Arbeit um den Leuten den Mangel an spirituellen Grundlagen zu lindern", verteidigt sich Suzanne Montangero Crausaz, die Verantwortliche für die Lausanner Ausgabe der "Freiheit" [die "Freiheit" wird in französisch sprechenden Gebieten "Ethique et Liberté" genannt].

Wenn auch die Scientologen von Tirana den "Weg zum Glücklichsein" ebenfalls ins Albanische übersetzten, so verneinen sie doch jede Zusammenarbeit mit irgend einem Zweig des Roten Kreuzes, ganz im Gegensatz zu den Scientologen in Lausanne. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, das die nationalen Vertretungen leitet, beharrt auch darauf: "Wir hörten nie von einer solchen Angelegenheit und wir beobachteten nie, dass sie dort irgend etwas taten", sagt Jessica Barry, von einem der acht Kukès-Lager zurückkehrend. "Und ich fragte dort meine Kollegen, die haben darüber auch keine weiteren Informationen."

Dasselbe hört man vom IKRK (Internationales Komitee vom Roten Kreuz): "Das IKRK hat einen Grundsatz: nie mit irgend einer Kirche oder religiösen Gemeinschaft zusammenzuarbeiten. Diese Behauptung ist lächerlich. Es ist jedoch möglich, dass Scientologen durch die missbräuchlichen Verwendung unseres Namens internationale Anerkennung erreichen wollen", erklärte der Pressesprecher Urs Bögli.

Präzedenzfälle

Es ist nicht das erste Mal, dass nationale Rot Kreuz Gruppen für Aktivitäten von Scientologen vereinnahmt wurden. So wurde eine Anhängerin von L. Ron Hubbard dabei gefilmt, wie sie dem Indonesischen Roten Kreuz "Heil"techniken vermitteln wollte. In ihren Publikationen und auf dem Internet erklärt die Scientology "Kirche", auf lokaler Ebene einige Leistungen erbracht zu haben. "Während dem Erdbeben von 1994 in Los Angeles spendeten freiwillige Mitarbeiter, einige davon in Zusammenarbeit mit Teams des Roten Kreuzes, 10'000 Stunden um zu helfen und die Lage der Leute zu erleichtern.[...] ihre Aktion war so wirkungsvoll, dass Dutzende von ihnen vom Roten Kreuz aufgefordert wurden, die Verbindung zwischen den beiden Organisationen zu verstärken", so können wir auch in einem weiteren Artikel lesen, der den freiwilligen Mitarbeitern gewidmet war. Oder dieser Kommentar an anderer Stelle: "Da diese freiwilligen Mitarbeiter so effizient sind, verlangt das Rote Kreuz nach ihnen wenn immer sich eine Katastrophe ereignet". Ein Bild und ein Foto mit dem Symbol des Roten Kreuzes macht glauben, dass Scientology zu jeglichen Zweigen des Roten Kreuzes Verbindung hat.

Obwohl man beim IKRK oder beim Bund über diese Situation besorgt ist, soll deswegen keine Klage eingereicht werden. Urs Bögli meint: "Es wäre nur viel Lärm um nichts". Scientologen ziehen aus dieser Reaktion eine andere Schlussfolgerung: "Funktionäre wagen es gewöhnlich kaum zu sagen, dass sie um die Zusammenarbeit mit Scientology ersuchten; aber glauben sie mir, könnten wir ohne ihre Unterstützung in die Gefängnisse gehen, wie in den USA, oder Flüchtlingslager besuchen, wie in Albanien?", entgegnet Suzanne Mantangero-Crausaz. Inzwischen scheint die Tätigkeit der Scientologen im Kosovo weiterzugehen, mit oder ohne Hilfe durch irgendjemand. Als wir die 'Albanische Antenne' anriefen wurde uns gesagt, dass die Präsidentin Ms. Ardiana Radoni mit Michael Edwards auf einer Reise in der Nähe von Pec sei. Und aus Lausanne kündigte die Scientology "Kirche" neue Hilfeleistungen im Balkan an, speziell für Kinder. Werden die Scientologen auch diesmal behaupten, dem Internationalen Roten Kreuz Hilfe zu leisten?

Cathy Macherel

© L'Hebdo 1999