Der Tod von Konrad Aigner

Scientology - Das Protokoll einer Zerstörung

Die Knowledge-Reports (Teil 1 und Teil 2) über Konrad Aigner
Konrad Aigner hinterließ seiner Familie nicht nur Schulden, sondern auch Dokumente, wie man sie bis dahin in Deutschland noch nicht gesehen hat. Hier schildern zwei Scientologinnen in einem "Wissens-Bericht" detailliert, wie sie versucht haben, dem Busfahrer Aigner das Geld aus der Tasche zu ziehen.
Hier die gescannten Originale!

Der rätselhafte Tod des Konrad A.

Passauer Neue Presse
Samstag, 14. Februar 1998

Von Gerhard Huber

8000 Mark für ein paar Schalter und eine Strommess-Skala. Bernhard Aigner legt das Gerät zurück in den abgegriffenen Hartschalenkoffer: ein E-Meter- Beratungsgerät, Grundausstattung von Scientology-Mitgliedern, die damit geistige Energie messen wollen. "Das ist alles, was in unserem Haus jetzt noch an die Sekten-Zeit vom Konrad erinnert. Und das schmeissen wir irgendwann auch weg", sagt Bernhard Aigner.
Konrad ist eines von sechs Geschwistern, mit denen Bernhard Aigner in einem kleinen Rottaler Bauernhaus im Weiler Ruhmannsaigen aufwächst. Die Eltern sind Landwirte und vergrössern im Lauf der Jahre den Besitz. Die Familie ist intakt - eine lustige Bande und eine verschworene Gemeinschaft. In dem offenen Haus zählt Gastfreundschaft über alles. Konrad ist meist der Mittelpunkt. "Er war eine absolute Stimmungskanone. Immer lustig und vor allem gutmütig", erinnert sich Bernhard.
Nach der Rangiererlehre bei der Bundesbahn in Simbach/Inn und dem anschliessenden Dienst bei der Bundeswehr verlässt Konrad Aigner 1976 das Rottal. Er geht nach München und nimmt eine Stelle als Busfahrer bei der Bundesbahn an. Dort gerät er erstmals in Kontakt mit Scientology. Bernhard Aigner: "Ein naiver, gutgläubiger und unerfahrener Bauernsohn, der von der Welt keine Ahnung hatte - das ideale Mitglied."
Konrad Aigners Arbeitsplätze bei der Bahn und damit seine Wohnsitze wechseln: München, Augsburg, Ulm. Was bleibt, sind die regelmässigen Besuche in Ruhmannsaigen - und seine Mitgliedschaft bei Scientology. Konrad macht daraus kein Geheimnis. Geschwister, Eltern, die ganze Familie weiss davon. Gesprochen wird allerdings darüber kaum. "Das war ein Tabu", sagt Bernhard.
Nur einmal, als das Fernsehen einen Bericht über die Sekte ausstrahlt, reagiert der Bruder ungewohnt heftig und verteidigt die Scientology-Anliegen. "Ansonsten gab es nie irgendwelche Versuche von Konrad, einen von uns für die Organisation zu interessieren oder zu werben."

Vor drei Jahren zieht Konrad Aigner überraschend zurück in sein Geburtshaus.
Der Vater ist mittlerweile gestorben. Den sicheren Beamtenjob hat Konrad hingeworfen und macht sich mit einem gebrauchten Bus selbständig. "Damit kann ich viel Geld verdienen, um so schnell wie möglich auf die Brücke zu kommen", erzählt er seiner Mutter Anna, heute 76 Jahre alt. Die Brücke - das bedeutet Erlösung fuer Scientologen.
Faschingsverein, Theatergruppe, Sportler - in der ganzen Gemeinde ist der Busfahrer mit dem lockeren Mundwerk beliebt. Daheim bröckelt die Fassade. "In den letzten zwei Jahren hat sich Konrad verändert. Er war angespannt, nervös, nachdenklich", sagt Bernhard. Oft spricht die Familie darüber und kommt zu dem Schluss: Muss mit Sorgen wegen der Selbständigkeit zusammenhängen.
Erst nach Konrads Tod im August 1997 wird die persönliche Katastrophe offenbar. Erstmals betreten die Geschwister das Zimmer des Bruders. Bücher, Broschüren, Briefe - Scientology-Unterlagen überall. Bernhard: "Wir hatten keine Ahnung, dass er so dick drin steckt."
Finanziell hinterlässt der Junggeselle ein Trümmerfeld. Formulare belegen, dass er innerhalb weniger Monate rund 70 000 Mark an die Organisation überwiesen hat. Über 600 000 Mark, schätzt Bernhard Aigner, müssen es im Lauf der Jahre gewesen sein. "Konrad hat gut verdient und war sehr genügsam.
Er kaufte nie ein neues Auto, fuhr nie in Urlaub und hatte keine Hobbys. Trotzdem hinterliess er nur Schulden."
Georg Stoffel, Pressesprecher der "Scientology Kirche Deutschland" will zu dem speziellen Fall nichts sagen. Aber: "Wir haben kein Finanzierungssystem über Steuern und auch keine Mitgliedsbeiträge, leben von freiwilligen Spenden der Mitglieder - und das kann mit Aufwand verbunden sein." Konrads Spendenfreudigkeit beschert den Aigners ein bitteres Erbe: Das elterliche Anwesen ist mit Krediten überlastet. Seine Geschwister, die das Erbe gemeinsam antreten, müssen die Grundstücke verkaufen. "Wir haben alles verloren. Nur das Elternhaus konnten wir retten - aber das ist nur für uns etwas wert", sagt Bernhard. Dem Bruder machen die Aigners keine Vorwürfe. "Er ist durch die Hölle gegangen und konnte keine eigenen Entscheidungen mehr treffen. Scientology hat sein Leben ruiniert - und das unsere." Alle Geschwister sind sich einig: "Wenn er nicht bei dieser Sekte gewesen wäre, könnte Konrad noch leben."
Zeugen belegen, dass Konrad öfter versucht hatte, die Sektenfesseln abzustreifen. Einem Arzt, mit dem er seit langem befreundet ist, schüttet er sein Herz aus: "Ich will aussteigen, weil ich mich negativ verändert habe. Ich habe den Verein endlich durchschaut." Der Arzt bietet seine Hilfe an. Nach Monaten meldet sich Konrad wieder bei ihm - zum letzten Mal: "Alles ist in Ordnung, die Sache läuft wieder." Vor ungefähr einem Jahr sagt er zu seiner Mutter unter Tränen: "Mama, ich möchte weg von denen. Ich habe so etwas Schreckliches erlebt, wenn ich dir das erzählen würde, fällst du auf der Stelle tot um." Aber bis zu seinem Ende bleibt Konrad dabei. Und dann belastet die Familie natürlich immer noch Konrads mysteriöser Tod: "Bis das nicht restlos aufgeklärt ist, geben wir keine Ruhe." Auch die Staatsanwaltschaft beschäftigt sich mit dem Fall. Mit einer rätselhaften Erkrankung ins Schwabinger Krankenhaus eingeliefert, war Konrad Aigner dort nach dreiwöchigem Koma im August 1997 verstorben: Multiorganversagen - Herz, Lunge und Magen hatten gleichzeitig ausgesetzt. Auch die Obduktion brachte keine Klärung. "Für sein Alter hatte der Mann ungewöhnlich schlechte Organe", berichtet Oberstaatsanwalt Helmut Meier-Staude.
Im Besitz von Konrad Aigner fanden sich Vitaminpillen aus den Niederlanden. Scientologen stehen im Verdacht, ihn zur Einnahme angehalten zu haben. Deshalb wird wegen Verstosses gegen das Heilmittel- und Arzneimittelgesetz ermittelt. Vorwürfe, die von Scientology zurückgewiesen werden. Für Bernhard steht fest: "Die haben meinen Bruder nicht direkt umgebracht. Aber indirekt sind sie schuld an seinem Tod." Nicht einmal krankenversichert war Konrad Aigner zuletzt - er glaubte, seine Religion würde ihn vor Krankheit schützen. Der Bruder schildert Konrad Aigners letzte Tage: Am Donnerstag, 17. Juli, klingelt gegen 21 Uhr das Telefon. Konrad geht ran. "Ja, ich komme sofort." Schwitzend und zitternd, aber völlig gesund, packt er seine Sachen und fährt mit dem Bus nach München. Dort bleibt er bis Montag, fühlt sich aber offenbar zunehmend unwohl. Unter anderem sagt er am Samstag eine geplante Fahrt ab. Am Montag soll er Scientology-Mitglieder zur "Demonstration für Religionsfreiheit" nach Frankfurt fahren. An einer Ampel, noch in München, bremst er zu spät und verursacht einen Auffahrunfall. Obwohl es ihm schlecht geht, fährt er mit einem Leihwagen nach Frankfurt. Abends, zurück im Münchner Scientology-Zentrum, bricht er um 22 Uhr zusammen. Der Notarzt kommt, im Krankenhaus fällt Konrad Aigner sofort ins Koma.
"Wir hätten viel früher einen Arzt verständigt. Wenn Konrad zu Hause gewesen wäre, hätte er nicht sterben müssen", glaubt Bernhard Aigner. Bei seinen Nachforschungen wurde er beim Scientology-Zentrum zunächst immer abgeblockt:
"Die haben den Konrad verleugnet." Erst als er selbst nach München fährt, bekommt er Auskunft. Freundlich und mitfühlend sei er bei seinen Besuchen behandelt worden - konkrete Informationen erhält er freilich nicht. Bernhard Aigner: "Mit Wut und Hass bin ich jedesmal da hin, aber die haben mich mit netten Worten besänftigt." Seit Dezember herrscht Funkstille - von Hilfe für die Familie, wie es Scientology behauptet, keine Spur. Der letzte Kontakt am 24. Dezember: Auf einer Karte wünscht die Sekte "Frohe Weihnachten". "So etwas darf nie wieder passieren", wünscht sich Bernhard. Deshalb gehen er und seine Familie jetzt an die Öffentlichkeit: "Wir können Konrad nicht mehr lebendig machen, aber vielleicht anderen ein warnendes Beispiel sein."