Gefangene in den Kellern von Scientology

Wir mussten jeden Morgen ein ehemaliges, blau gestrichenes Krankenhaus mit mindestens 13 Etagen reinigen, das in ganz Los Angeles sichtbar war. In diesem Gebäude befanden sich Kurssäle, Schlafräume sowie ein riesiger Speisesaal, in welchem täglich 6'000 Mahlzeiten serviert wurden. Auch im Untergeschoss gab es mehrere Etagen.

Wir erledigten unsere Arbeit in Gruppen von 3 bis 5 Mitarbeiterinnen, verteilt auf alle Etagen und es herrschte zwischen allen Gruppen ein Wettbewerb. Diejenige welche am Ende der Woche die meiste Zeit für ihre Arbeit brauchte musste ihre Kurse wiederholen, unter dem Vorwand das "Spiel" der "Sea Org" nicht verstanden zu haben; was die Dauer des Noviziats verlängerte. Die Kurse die im Allgemeinen wiederholt werden mussten betrafen die Regeln der Scientology: die Ethik von Scientology.

Nie wurden unsere Mannschaften jemals in die Untergeschosse geschickt, wo sich die Schlafräume der Leitung und die Gesamtheit des männlichen Personals befanden. Diese Schlafräume, im Gegensatz zu den in den oberen Etagen liegenden der Frauen, hatten keine Fenster.

Im untersten Untergeschoss herrschte eine schreckliche Hitze, wie ich in der Folge zufällig entdecken musste, befand sich dort das Gefängnis von Scientology, euphemistisch "das Krankenhaus" genannt... Dieses unterste Untergeschoss war also dazu bestimmt, diejenigen einzusperren die "Sünden gegenüber der Organisation" begingen, weil nach Hubbards Doktrin "nur die Mitarbeiter krank werden, welche sich Verbrechen und Vergehen gegen Scientology schuldig machen...".

Ich musste eines Tages mit zwei anderen Mitarbeiterinnen ersatzweise die Aufgabe der Reinigung des Untergeschosses übernehmen. Waren die anderen geflohen...? oder wurden sie bestraft? Wir mussten nur die Treppen des Untergeschosses reinigen mit dem absoluten Verbot, die Zimmer oder angrenzenden Gänge zu betreten. Die zu den Gängen führenden Türen waren einen Spalt geöffnet, wir konnten einen widerlichen Dreck erkennen. Es war sichtbar, dass ausser den Treppen nichts gewartet wurde ... Alles war in einem abstossend schmutzigen Zustand.

Wir hörten plötzlich Hilferufe. Es waren zwei Männerstimmen, die wiederholte Proteste schrien. Wir stürzten uns in den (verbotenen) Gang, um ihnen zu Hilfe zu kommen. Wir fanden die Tür ihres Zimmers abgeschlossen. Es hörten ebenfalls einen dumpfen Lärm, der uns an den Fall eines Körpers denken liess, weil daraufhin sofort Stille eintrat.

Eine Frau, offensichtlich als Reaktion auf unseren Versuch einzutreten, öffnete plötzlich die Tür und fragte uns wütend "Was suchen sie hier?". Eine von uns die Englisch sprach antwortete ihr: "Wir haben geglaubt, dass es jemandem schlecht wurde". Sie schien verlegen und befahl uns abzuhauen, da wir dort nichts zu suchen hätten, schloss die Tür und drehte den Schlüssel.

Ich bemerkte auf dem Tablett, dass sie hielt, 3 oder 4 Spritzen, ein Fläschen das offenbar ein Desinfektionsmittel enthielt, ein Glas mit dem Rest einer transparenten Flüssigkeit sowie Baumwollgaze. Für mich als Krankenpflegerin war das Material für Injektionen.

Aufgrund dieses Zwischenfalls mussten wir beim Bosun (Chef des Noviziats) erscheinen. Nach einem Verhör, jede einzeln, gab er uns zu verstehen, dass uns der Zugang zu den Untergeschossen verboten war; er fügte hinzu, dass er nicht verstand warum man uns dorthin schickte. Es ist wahr, dass ich nicht mit diesem Teil des Gebäudes in Kontakt kommen konnte, denn unsere Aufgaben lagen in den oberen Etagen oder auf der entgegengesetzten Seite. Im weiteren war es für uns fraglos die Reinigungstour zu machen, abgesehen davon, dass ich micht verschiedentlich in diesem gigantischen Gebäude verirrte.

An die widersprüchlichen Anordnungen von Scientologen gewöhnt, war es für mich zwanzig Tage später keine Überraschung, als ein Verantwortlicher für den Wäschedienst ausnahmsweise meiner Mannschaft den Befehl erteilte, die Bettwäsche in drei Etagen des gleichen Untergeschosses einzusammeln und zu waschen. Er befahl uns, uns zu beeilen und uns nicht um das zu kümmern, was dort unten passierte. Wir mussten nur schnell die in grossen Taschen abgelegte Bettwäsche vor jedem Zimmer sammeln.

Es waren auf jeder Etage ungefähr 30 Zimmer, auf jeder Etage gab es 4 bis 5 Rollwagen um die Taschen zu sammeln. Manchmal musste ich ein Zimmer betreten um die Tasche einer Zimmergemeinschaft zurückzubekommen. Dabei habe ich festgestellt, dass in diesen Zimmern 6 bis 15 Angestellte untergebracht waren und dass sie keine Fenster hatten.

Während dieser unangenehmen Arbeit trafen wir auf zwei Scientologen. Der eine von ihnen hat uns daraufhin gefragr, was wir dort machen würden und ob wie wüssten, dass dies ein Gefängnis ist. In Anbetracht unserer Unwissenheit fügte sein Kollege in spöttischem Ton hinzu: "Yes, it's the jail here" (ja, hier ist das Gefängnis).

Aufgrund solcher Aussagen beunruhigt fragte ich ein deutsch-schweizerisches Mitglied von Scientology, das auch Franzüsisch sprach. Ich habe ihn gefragt, ob er wusste, was in den Untergeschossen abspielt. Er antwortete mir: "Für dich ist das am besten weder Augen noch Ohren zu haben, wenn du in die Untergeschosse gehst".

Ebenfalls versuchte ich zu erfahren, wer in diesen Kellern schwitzte, eine Kollegen hatte mal erfahren, dass Ron Hubbard selbst, ebenso wie Marie Sue Hubbard, dort eingesperrt wurden.

Solche Äusserungen sind schwerwiegend. Obwohl sie zum Teil darauf abzielten uns glauben zu machen, dass die scientologische Gerechtigkeit für alle die gleiche war, zeigten sie klar, dass in geringstem Abstand über unseren Köpfen eine ernsthafte Bedrohung schwebte.