Aussage einer ehemaligen Mitarbeiterin von Scientology


Mitglied der Scientology Kirche von Lausanne von 1987 an 1993

Teil 2

Ein überraschendes Noviziat: EPF
(Scientology betrachtet die Sea Org als "religiöser Orden")

Im Jahr 1991, als ich Angestellte der Scientology Kirche war und ich gerade meinen Ehemann verloren hatte, wurde ich gezwungen in die USA nach Los Angeles zu gehen um für das Weltzentrum von Scientology zu arbeiten. Es ging darum, durch meine Arbeit für die Kosten einer in Lausanne angekommenen amerikanischen Missionarin aufzukommen.

Die Dauer meines Aufenthalts wurde mir nie mitgeteilt, ich fühlte mich in den USA gefangen und erwartete den Moment, in dem ich fliehen konnte. Ich bekam kein Gehalt. Da ich eine Witwenrente bezog wurde mir unterstellt, eine reiche Mitarbeiterin zu sein.

Ich war etwa zehn Kilometer vom Hollywood Boulevard (dem Sitz von Scientology) untergebracht, gemeinsam mit dreissig anderen Personen in einem Schlafraum. Wir hatten Etagen-Betten, denn unser Raum in dem ehemaligen Krankenhaus war für höchstens 12 Patienten vorgesehen... Es herrschte dort eine unmögliche Unordnung und ich fand kein Platz um meine Sachen zu verstauen als unter meinem Bett.

Nachdem ich in der Kirche von Lausanne einen aus eigenem Sack bezahlten Kurs begonnen habe, dachte ich, dass ich ihn in meinen freien Stunden beenden kann, aber das ist mir nie möglich gewesen. In der Folge hat man mir ein Sicherheitsprogramm vorgeschrieben (EPF, Estates Project Force), wo ich - 7 Tage in der Woche während 24 Stunden am Tag - Reinigungsarbeiten und verschiedenen Aufgaben zu erledigen hatte für den mir zugeteilten Posten. Ich hatte keinen Moment Ruhe noch die Möglichkeit, Abstand zu gewinnen.

Die lästigen Reinigungsarbeiten waren erniedrigend, es hatte in diesem Krankenhaus so viel Dreck in den Zimmern und den immensen Gängen. Ein Aufseher spuckte mir sogar in dem Moment in meinen Händen als ich Ekel zeigte beim Versuch, das schmutzige Reinigungswasser zu wechseln bevor ich die Arbeit beendet hatte. Für ihn darf ein Mitglied der Sea-Org weder Emotionen noch Mitleid zeigen.

Ich wurde nie alleine gelassen, wir mussten unseren Arbeitsdienst in Gruppen von 5-7 Personen erledigen. Ich musste beim Servieren des Essens für die anderen Angestellten helfen. Dafür war ich nicht hergekommen, auch angesichts meines Alters. Ich war 50 Jahre alt und meinte, dass mir dies nicht aufgebürdet werden durfte. Wenn ich am Abend in die Unterkunft zurückkehrte war der Bus überfüllt. Es gab für die Angestellten zwei Pendelbusse und diejenigen, die keinen Platz fanden, mussten zu Fuss zurückkehren.

In jedem Zimmer gab es Petzer. Man musste aufpassen was man sagte! Eine Dame russischer Herkunft hat mir sogar gestanden, dass sie besser zu Hause geblieben wäre. «Dort war es erträglicher» sagte sie mir!

David Miscavige, der grosse Chef von Scientology, ist ein verächtlicher Mann.

Seit meiner Ankunft hatte ich Kontakt mit David Miscavige, dem grossen Chef der Sea-Org und Scientology Kirche. Ich habe verschiedene Male feststellen müssen, dass er über alle Masse von sich selbst eingenommen war und dass er darauf bestand, uns zu zeigen, dass er alle Rechte hatte.

Hier einige Beispiele:

  • In einem mit Angestellten überfüllten Aufzug zögerte David
    Miscavige nicht im Geringsten, sich eine junge Frau vorzuknüpfen.
  • David Miscavige knüpfte sich unter vehementen Gesten sogar die
    Tochter von Ron Hubbard vor. Das fand vor allen wichtigsten
    Verantwortlichen der Sea-Org statt. Indem David Miscavige Hubbards
    Tochter öffentlich dermassen anschrie wollte er uns zeigen, dass
    er sein einziger Nachfolger ist.
  • David Miscavige, der manchmal im gleichen Bus war der uns zur
    Unterkunft zurück brachte, verlangte mal von mir in autoritärem
    Ton: "Steh auf! Mach deinen Platz frei!". Da ich war müde und
    einiges älter als er, weigerte ich mich und er wurde wütend.
    Guillaume Lesèvre, ein anderer Leiter von Scientology, war bei
    ihm, sah offensichtlich die Ungeschicklichkeit seines Chefs und
    mischte sich ein indem er mir erlaubte, sitzen zu bleiben.Indem
    er sich neben mich setzte fragte er mich, was ich da mache. Er
    war mir kurze Zeit zuvor anlässlich eines Besuchs der Scientology
    Kirche in Lausanne begegnet, zum Zeitpunkt als aus der einfachen
    Mission die Organisation zur Kirche wurde. Aber um den Fängen der
    Scientologen zu entgehen konnte ich ihm nur sagen, dass alles gut
    läuft. [Man muss wissen, dass die geringste Kritik oder Zögern
    als Zeichen des Verrats betrachtet wird, das in der Folge der
    internen Polizei von Scientology gemeldet werden muss.]

David Misvcavige sprach mich nie wieder an. Ich fühlte jedoch, dass er ein Mann war, der für seine Angestellten nur Verachtung übrig hatte.

Am nächsten Tag musste ich mich einer Sicherheitskontrolle unterziehen. Man wollte unter anderem wissen, wie es dazu kam, dass ich einen Leiter von Scientology persönlich kannte.

Der Tagesablauf in der «Sea Org» von Scientology

Von Montag bis und mit Sonntag:

05h30Aufstehen
06h05Appell - Geschirrwaschen - Mithilfe beim Servieren des Frühstücks
06h30 Essen (max. 20 Minuten)
07h00 - 12h00 Arbeitsdienst, Reinigungsarbeiten
12h00 Appell - Geschirrwaschen - Mithilfe beim Servieren des Mittagessens
12h30 Essen (max. 20 Minuten)
13h00 - 18h00 Vorgeschriebene Kurse (in einem Raum neben den Schlafsälen)
18h05 Appell - Geschirrwaschen - Mithilfe beim Servieren des Abendessens
18h30 Essen (max. 20 Minuten)
19h00 Abfahrt Bus zum Hollywood Bvd
19h30 - 22h30 Arbeitsdienst an den vorgeschriebenen Posten - Transport von schriftlichen Befehlen und von zahlreichen Dokumenten, Sortieren von Papierkram - usw.
22h35 (23h00) Warten auf den Bus - (der stets Verspätung hat)
23h (23h30) Appell - Tagesbilanz zum Abgeben erstellen (Statistiken)
23h00 - 23h30 Saubermachen - warten um sich zu waschen (3 Duschen für etwa hundert Angestellte) Lichterlöschen - Beginn des Schnarchens und der Hitze - Keine Klimatisierung - der Ventilator ist defekt...

Am Samstag Nachmittag wurden uns nur 3 Stunden Freizeit gewährt. Man musste sich beeilen, um seine Kleider zu reinigen und das Zimmer aufzuräumen, falls man nicht für sehr schlecht gehalten werden wollte.
Für meine Arbeit wurde mir nie ein Gehalt gezahlt.

Seltsames Verhalten

Wir mussten für unsere Transporte stets pressieren. Wenn ein Angestellter seine Aufgabe nicht richtig gemacht hat, musste er sich in Anwesenheit des Vorgesetzten anderen gegenüber setzen, seine Fehler beichten und anerkennen, dass er seine Arbeit schlecht gemacht hat. Falls er es erneut riskierte, sah ich ihn nie mehr wieder. Was war mit ihm geschehen? Ich habe mich gefragt, ob er für untauglich gehalten und aus der Gruppe ausgeschlossen wurde. Diese Angst trieb uns an, das was von uns verlangt war perfekt zu machen.

Im Celebrity Center von Los Angeles, damals in Renovation, wurde mit mir ein seltsamer Test gemacht. Ein Scientology behauptete, dass das in der Eingangshalle aufgestellte Klavier, von dem ich wusste dass es mechanisch war, vom Geist von Ron Hubbard gespielt wurde ... wollte man mein Naivitätsniveau abschätzen? Ich frage mich immer noch, was mit mir passiert wäre, wenn ich seinen Worten Glauben geschenkt hätte. Hätten die Scientologen von mir verlangt, irgend etwas auszuführen...?

Ich war damit beauftragt, die Wohnung von einem der 7 Angestellten des höchsten Kaders (Watchdog comittee) zu reinigen. Scientology hatte 40 cm vor dem Eingang eine Mauer gebaut, um die Tür völlig zu verdecken. Ich musste mich von der einen oder anderen Seite durch die Öffnung zwängen, damit ich eintreten konnte. Ein starker Mann hätte es nicht geschafft. Musste man diesen Direktor vor einem Terroranschlag schützen? Wovon und vor wem hatte er Angst?

Sklaverei und Bestrafung in Scientology: eine Verletzung der Menschenrechte

Ich entdeckte, dass ein Mädchen von 14 Jahren, die Tochter eines hohen Leiters von Scientology, eine 10 oder 11 jährige Sklavin mexikanischer Herkunft zu ihren Diensten hatte. Dieses Kind musste jeden Tag 24 Stunden das machen, was seine Herrin von ihm verlangte.

Sie waren ständig zusammen und schliefen im gleichen kleinen Zimmer, die Sklavin schlief auf dem Boden am Fuss des Bettes ihrer Herrin.

Nachdem sie zu fliehen versuchte wurde diese Sklavin vom Chef des EPF bestraft. Sie musste mit geschlossenen Augen in der sengenden Sonne sitzen. Sie musste aufrecht sitzen und bekam den ganzen Tag nichts zu trinken. Sie wurde ständig überwacht und es wurde ihr gedroht, gefesselt zu werden wenn sie die geringste Bewegung machte oder die Augen öffnete!

Als ich sie am Abend sah hätte man sie für eine verwelkte Blume halten können. Da ich nicht für ihren Tod verantwortlich sein wollte, beeilte ich mich ihr ein Glas Wasser zu bringen, das sie gierig trank. Im Augenblick als ich ein zweites Glas Wasser füllen wollte wurde ich durch einen Verantwortlichen des Noviziats gewaltsam daran gehindert, er riss mir das Glas aus der Hand und befahl mir, zum Bosun (dem Chef der Sea Org-Mitglieder) zu gehen.

Der Bosun sagte mir, dass ich viel zu sensibel sei und dass ich nicht mehr in die Entscheidungen der Verantwortlichen Scientologen eingreifen darf.

Sind die Scientologen Diebe und Irre?

In Scientology ist es verboten, seinen persönlichen Geruch zu überdecken (für die Angestellten ist Parfüm verboten) und darum war es wahrscheinlich nicht zufällig, dass meine Hautcremes verschwanden. Die Armut der für die Angestellten Scientologen bestimmten Nahrung erklärt auch das Verschwinden der Schokolade Tafeln, die ich aus der Schweiz mitgebracht hatte...

Diejenigen die Ron Hubbard gekannt haben erzählten mir, dass er ständig dabei war sich die Hände zu waschen. Zum Beispiel wusch er sich die Hände jedes Mal, nachdem er eine Hand gedrückt hatte. Für mich bestätigte dieses Verbot von Parfums, dass Ron Hubbard unter einer Zwangserkrankung litt.

Um den Scientologen zu entkommen, nahm ich auf die erste Gelegenheit wahr.

Einen Monat unter diesem Regime hat man mich bestimmt, einen Kurs am Hollywood Boulevard (Flags Büro) zu beginnen. Da mein Studenten Dossier nicht angekommen war, ich habe vorgeschlagen, dieses abzuholen.

Ich hatte einen Standplatz von Taxis ausfindig gemacht. Zum Glück verstand der Taxifahrer Französisch und begriff sofort, dass meine Abreise eine Flucht war. Er hat mir vorgeschlagen, mich zu seinen Eltern zu fahren, die ihrerseits "weisse russische" Flüchtlinge [nicht kommunistische] waren.

Ich wurde wie ein Mitglied der Familie herzlich aufgenommen, bekamm Unterkunft und Nahrung, bis ich fünf Tage später die Möglichkeit hatte, mit einem Flugzeug in die Schweit zurückzukehren.

Dieser Empfang hat mir das Vertrauen an die Menschlichkeit wiedergegeben. Nochmals ein grosser Dank an Dimitri und an seine Familie, im Stress des Ereignissen habe ich vergessen, ihre Adresse aufzuschreiben.

Jo, 16. November 2005