Sekte: Zeugen berichten von Angst, Irreführung und "Selbstmord"

von Steven Girardi, Sun staff writer
Clearwater Sun - 8. Mai 1982

Der Teenager David Ray bezeugte am Freitag, dass er einen eindrucksvollen Start in Scientology Kirche von Kalifornien hatte, aber im Fort Harrison Hotel schnell zum Aufrührer wurde, degradiert zum Zimmerputzen und Müllstampfen.

Casey Kelly, 23jährig, berichtete am zweiten Tag, dass er eher "kein sehr guter Scientologe war". "Etwas was du in Scientology nicht tun darfst, ist herumzualbern, darum hatte ich offensichtlich keinen grossen Erfolg", scherzte er.

Wie ein weiterer am dritten Tag der Anhörungen über Scientology in Clearwater aufgerufener Zeuge verbrachten Kelly und Ray einige Zeit auf der "Flag Land Base" der Kirche - dem ehemaligen Fort Harrison Hotel im Zentrum von Clearwater - und bezeugten die erbärmlichen Lebensbedingungen und die eingeimpfte Angst vor dem Brechen mit der Sekte.

Ernest und Adelle Hartwell aus Nevada, erwarteten einmal, dass sie von der Clearwater Flag erzählen könnten. Aber die von Scientology gesteuerte Reise, die sie vor drei Jahren mit dem versprochenen Ziel Clearwater begannen, endete in der Wüste von Kalifornien, wo sie durch "den Boss" L.Ron Hubbard missbraucht wurden.

George Meister ist überhaupt kein Scientologe. Aber er sagte über seine Tochter Susan aus, die vor 11 Jahren an Bord von Hubbards Schiff in einem marokkanischen Hafen tot aufgefunden wurde. Die Kirche behauptete, dass sie sich die einzige Schussverletzung an ihrer Stirn selbst zufügte. Meister erklärte, er sei davon nicht überzeugt.

Und Rosey Pace, eine 17jährige Scientologin, beschrieb wie sie an den Punkt gelangte, an dem sie hoffte sie würde sterben um die Sekte endgültig zu verlassen: "Als ich (für eine Augenoperation) zum Arzt ging, hoffte ich, er würde mir erklären ich hätte Krebs, damit ich weggehen könnte".

In der ersten Hälfte der heutigen Anhörungen wird erwartet, dass die letzten sieben Zeugen vereidigt werden. Die Anhörungen beginnen um 9 Uhr im Rathaus von Clearwater.

Die Anhörungen wurden als unklar kritisiert, eine Einstufung, der der Spezialberater der Stadt Michael Flynn nicht zustimmte. Flynn, ein Anwalt aus Boston, der mehrere ehemalige Scientologen vertritt, nannte einige der Aussagen "überzeugend", besonders im Aufzeigen des durch die Kirche praktizierten "Verhaltens zur Irreführung".

Der 18jährige Ray schloss sich im März 1981 in San Diego der Sekte an. Einige Monate später erwähnte seine Mutter, er habe seinen Freunden "den Verstand weggepustet", als er sie innert drei Tagen anwarb.

Er wurde dafür belohnt indem er innert einer Woche nach Clearwater versetzt wurde um mit Auditing Kursen zu beginnen, jedoch schnell in Ungnade fiel, als er das Auditing, eine Beratungsform der Sekte, verweigerte.

Er erzählte wie er dem "Rehabilitation Project Force" (RPF) zugewiesen wurde und 14 Stunden am Tag mit der Reinigung von 32 Hotelzimmern beschäftigt wurde. Er verdiente 9.60 Dollars die Woche. Er sagte, dass er seine Pflicht gut erfüllte und zum Chef der Hausdienste des Hotels befördert wurde, "was bedeutete, dass die mir zugewiesene Anzahl Zimmer von 32 auf 78 pro Tag stieg".

Manchmal arbeitete er 18 Stunden am Tag mit der Reinigung von Küchen und Toiletten, er musste feuchte Küchenabfälle in Mulden stampfen, manchmal bis zu den Hüften einsinkend.

Die RPF Mitglieder assen Speiseresten, die wie er erklärte so schlecht waren, dass er mit auf der anderen Strassenseite gekauften Keksen überlebte.

Er bezeichnete das Hotel schmutzig und feuergefährlich. Es hat keine Sprinkleranlage.

Ray sagte, dass er mit 24 anderen Scientologen in einem 20 m2 grossen, insektenverseuchten Raum untergebracht war. Sie teilten ein Badezimmer und erstellten Duschpläne, die jeder Person erlaubten während 5 Minuten zu duschen, falls sie überhaupt Zeit dazu fand. Die Bedingungen waren, wie er sagte, dieselben auf dem dritten, vierten und fünften Stockwerk des Hotels.

Er erzählte, das Hotel bei Gelegenheit ohne Genehmigung verlassen zu haben. Einmal hatte er mit einem anderen Scientologen einen Schlagabtausch bevor er auf ein Garagendach und von dort auf den Boden sprang.

Doch er kehrte zurück. "Ich hatte Todesangst davor rausgeworfen zu werden. Man liess mich im Glauben, etwas Gutes für viele Leute zu tun und ich wollte das nicht verpassen."

Mrs. Pace, die 30jährige Schwester von Lori Taverna, sagte am Donnerstag aus: "Der schlimmste Teil von Scientology ist ... sie werden einer Gehirnwäsche unterzogen bis zu dem Punkt an dem sie glauben, dass sie nicht mehr weggehen können".

Sie erzählte, wie sie vom Mai bis Dezember 1979 in Clearwater war und ihr versichert wurde, sie würde "wie Gold behandelt. Später fand ich heraus, dass es eine absolute Lüge war".

Nachdem sie in mit Ameisen befallenen Zimmern wohnte und sah, wie ihre Schwester von einigen Offiziellen der Kirche missbraucht und verprügelt wurde begann sie an der Absicht der Kirche zu zweifeln. Sie sagte, "niemandem erging es irgendwie besser".

Sie schied vor zwei Monaten aus der Sekte aus.

In einer emotionalen Zeugenaussage erzählten die Hartwells, wie sie sich auf Rat der Tochter von Frau Hartwell an die Kirche wandten; sie wies darauf hin, die Kirche könne die Darmprobleme von Frau Hartwell heilen.

Es wurde ihnen 1979 angeboten, sie nach Clearwater zu begleiten, aber sie landeten in der Wüstenstadt Indio in Kalifornien bei Hubbard, dem Gründer der Kirche. Das Ehepaar aus Las Vegas, Nev., erklärte nicht zu wissen, warum sie ausgesucht wurden, Hubbard zu treffen, ein Einsiedler, den nur wenige je sahen. Doch die Kirche realisierte, dass es ein Irrtum war.

"Wir waren nicht in Scientology programmiert", meinte der 62jährige Hartwell

Sie wurden zum Arbeiten eingesetzt, sagte die 58jährige Frau Hartwell, die mitunter die Nacht durch Wassereimer schleppte.

Sie versuchten wegzukommen und es gelang ihnen schliesslich, trotzdem sie getrennt waren, weil ihnen gesagt wurde, dass Hartwell der Grund für die Krankheit seiner Frau war. Sie erzählten wie sie kurz vor der Scheidung standen und durch Mitglieder der Kirche belästigt wurden nachdem sie weggingen.

Die Kirche konnte Frau Hartwell niemals heilen, die sich später wegen Dickdarmkatarrh einer Operation unterzog.

Meister, der letzte Zeuge des Tages, erzählte wie er 1971 nach Marokko ging um seine 22jährige Tochter zu identifizieren nachdem ein "Priester" von Scientology der Familie mitteilte, dass sie Selbstmord beging.

Er erklärte jedoch, dass er ein Bild vorfand, das ihn etwas anderes annehmen lässt. Die langläufige Pistole vom Kaliber 0.22" war unter ihre zusammengefalteten Arme gesteckt, wie er sie auf einem Kabinenbett an Bord von Hubbards Schiff liegend vorfand. Das Loch einer Kugel durchbohrte ihre Stirn.

"Wie bringen man das fertig?" fragte sich Meister aufgrund der Position der Pistole.

Er sagte, er habe mit der Kirche um die Rückführung der Leiche zur Beerdigung an seinem Wohnort in Colorado gekämpft. Aber die Kirche begrub sie in einem Leinensack in Marokko, sie musste exhumiert und in die Vereinigten Staaten transportiert werden, fügte er bei.