Verschwunden im "Happy Valley"?
Die Besserungsanstalten der Scientologen

Di. 2. März, 09.45 Uhr
Südwest 3-Fernsehen
(Wiederholung vom 25. Februar 1999)

Stuttgarter Nachrichten

HINTERGRUND, 25.02.1999:

Wenn Menschen im "Glücklichen Tal" verschwinden

Scientology erzieht "Zweifler und Versager" hinter Stacheldraht nach eigenen Methoden um Stuttgart - Scientology unterhält Straflager. Bisher gab es darüber kaum Informationen. Und schon gar keine Bilder. Dem Mannheimer Scientology-Kritiker Peter Reichelt ist es gelungen, Besserungsanstalten des Sekten-Konzerns aufzuspüren.
Von unserem Reporter ANTON NOTZ

Zwei Autostunden von Los Angeles entfernt, in einer wüstenähnlichen Landschaft, liegt "Happy Valley". David Miscavage, der Chef von Scientology, hat sich in der Nähe ein ebenso luxuriöses wie mysteriöses Imperium erbauen lassen. Im "Glücklichen Tal" jedoch geht es anders zu als im Club Med. Rund 100 Leute der Elite-Einheit Sea-Org müssen hier büßen. "Die Menschen sind echte Gefangene. Sie sind absolut nicht freiwillig da", erzählt Gerry Armstrong, Ex-Koordinator des Scientology-Geheimdienstes OSA, der nach eigenen Angaben zweieinhalb Jahre in Straflagern verbrachte.

Jesse Prince, früher zweiter Mann in der Scientology-Führung hinter Miscavage, erzählt Reichelt vor laufender Kamera, was hinter Stacheldraht und videoüberwachten Mauern vor sich geht. Wie Sklaven müßten die Camp-Internierten Tag und Nacht arbeiten. Auch Prince spricht aus eigener Erfahrung. Er ging durchs "Glückliche Tal" wegen Befehlsverweigerung. "Es war absolut fürchterlich. Ich schlief in einem Hühnerverschlag auf dem Boden, Klapperschlangen und Scorpione um mich herum." Schwerstarbeit, Zwangshypnose, Gerhirnwäsche - das sind Aussteigern zufolge die Methoden, mit denen Scientology "Zweifler und Versager" wieder auf Linie zu bringen versucht. Nicht alle, aber jene, die bedeutsam sind für die Organisation, weil sie zu viel wissen oder ein wichtiges Rad in der weltumspannenden Geldmaschinerie sind.

Scientology selbst bestreitet gar nicht, daß eigene Leute sowohl in den USA als auch in Europa umerzogen werden. "Rehabilitationsprojekte" nennt sie diese Unterdrückungsprozeduren. Marlene Getanes, Pressesprecherin von Scientoloy Europa: "Es handelt sich dabei um ein Programm zur Wiedergutmachung, wenn man schwere Fehler gemacht hat. Woanders wird man dafür einfach rausgeworfen."

Wie man sich in einem Straflager in Kopenhagen rehabilitieren muß, beschreibt eine einstmals hochrangige Scientologin so: Keine Zeitung, kein Radio, mit niemandem reden, den Abfall der anderen essen, immer arbeiten. Jeder beobachtet dabei jeden. Mit "Wissensreporten" schwärzt man die anderen an. Das kalifornische Straflager innerhalb von Miscavages goldenem Käfig kennt noch eine andere Besonderheit, die Peter Reichelt bei einem Flug über das Areal entdeckt hat: den "track". Jesse Prince erläutert: Hier rennen manche "Versager" zwölf Stunden um einen Pfahl herum, um wieder anständige Scientologen zu werden.

Prince hat sich aus den Fängen des Sekten-Konzerns befreit. Nach zahlreichen Morddrohungen lebt er getrennt von seiner Familie, um sie zu schützen. Peter Reichelt und seine Kollegin Ina Brockmann, die während der Dreharbeiten von Scientology-Mitgliedern auf offener Straße gewaltsam festgehalten worden waren, haben inzwischen einen Film fertiggestellt, der heute um 22.45 Uhr in Südwest 3 ausgestrahlt wird.

Nach wie vor im "Glücklichen Tal" lebt die 51jährige Wiebke Hansen, in Hamburg zehn Jahre lang eine der erfolgreichsten Scientology-Managerinnen weltweit. 1995 verschwand sie spurlos, ihr Bruder Jochen Körner hat nun wieder Kontakt zu ihr. In Hollywood konnte er sie vor kurzem einen Tag besuchen. Wiebke Hansen produziert Werbefilme für Scientology. Am Abend kehrte sie mehr oder weniger freiwillig ins "Happy Valley" zurück. "Umerziehungslager, das hatten wir doch alles schon einmal", sagt Jochen Körner ratlos.

Medienkritik:

Frankfurter Allgemeine Zeitung

25.02.99 Feuilleton

Hubbards Lager
Scientology hautnah: "Verschwunden im Happy Valley?"

Wibke H. war weit oben. Sie lenkte die Geschicke ihres Unternehmens in ganz Deutschland. In den ersten Jahren ihres Wirkens konnte sie der Zentrale in den Vereinigten Staaten stets steigende Umsätze melden. Ihr jäher Fall nahte, als neue Jünger zunehmend ausblieben. Das trug ihr die Reise nach "Happy Valley" ein, wo sie sich wohl noch heute befindet, und wo es, den Recherchen von Peter Reichelt und Ina Brockmann zufolge, wohl kaum sehr angenehm sein kann. Denn "Happy Valley", so die Erkenntnisse und die Aussagen der beiden Fernsehjournalisten, ist ein Umerziehungslager, in dem in Ungnade gefallene Mitglieder der Scientology-Organisation wie Sklaven gehalten und üblen Torturen ausgesetzt werden.

Die Rechercheure werden der gesuchten Scientologin aus Deutschland bis zum Ende ihrer Reportage nicht habhaft, sind aber dennoch um einige Informationen reicher. Zwar wissen die Zuschauer schließlich nicht, wie es Wibke H. tatsächlich gehen mag, doch sie können es sich nach den Schilderungen einiger Scientology-Aussteiger leicht ausmalen. Ein ehemaliger Sicherheitschef der Organisation etwa berichtet vor der Kamera, auf welche Weise sich der Chef der Scientology-Sicherheitspolizei "SeaOrg", David Miscavige, unliebsamer Mitarbeiter entledigt und unter anderem für die Einrichtung eines kleinen runden Sandplatzes gesorgt haben soll. In dessen Mitte befindet sich eine Palme, und um diese herum haben die ins Straflager verbrachten Delinquenten, wie verschiedene Ex-Scientologen aussagen, in sengender Sonne, Stunde um Stunde ihre Runden zu drehen. Oder sie werden, wie wiederum von verschiedenen Zeugen im Film ausgesagt wird, zu niedriger, harter Arbeit abkommandiert, fast ohne Lohn und schlecht ernährt.

Die Kritiker ihrer Organisation, entgegnet eine Sprecherin von Scientology Europa in diesem Film, störten sie nicht. Sie seien lästig, Erscheinungen der Zeit. "Uns wird es immer noch geben", sagt sie voller Zuversicht und meint wohl die Zeitspanne, für die, wie im Film dargelegt wird, bei Scientology angeblich Anstellungsverträge geschlossen werden: für eine Milliarde Jahre. Den Bruder der Verschwundenen Wibke H., der seine Schwester nicht (auf) suchen will' solange er glaubt, daß sie sich freiwillig in "Happy Valley" befindet obwohl er Scientology für eine autokratische Vereinigung hält, lassen die Autoren mit Blick auf die von ihnen geschilderten Methoden von Scientology das Fazit formulieren: "Das hatten wir schon mal."&
miha.

Heute abend, 22.15 Uhr, im Südwest-Fernsehen.

Medienkritik:

Frankfurter Rundschau

25.02.99, Medien

Keine permanente Anklage
Zu einem Film über "Besserungsanstalten" der Scientologen
Von Gitta Düperthal

"Verschwunden in Happy Valley?"
Südwest Fernsehen, 22.15 Uhr.

"Wie im Gefängnis. Aufstehen, alle aufstehen, waschen, anziehen, alles in zehn Minuten. Und dann stehst Du draußen und zitterst am ganzen Körper. Früh morgens, es ist eiskalt. Alle in einer Reihe. Sie zählen jeden ab wie im Knast, daß ja keiner abgehauen ist. Sie sagen Dir, was Du heute zu arbeiten hast. 20 Minuten fürs Essen und dann ab in den Bus zur Arbeit ins Hauptquartier".

Man könnte denken, dies sei die Schilderung des Alltags in einem Gefangenenlager. Keineswegs, vielmehr beschreibt so Jesse Prince, ehemals zweiter Mann der Scientology-Führung, die Zustände in einem sogenannten Rehabilitationszentrum der Scientologen. Das Lager mit dem klangvollen Namen "Das glückliche Talę (Happy Valley) befindet sich am Rande der Wüste in den USA, zwei Autostunden von Los Angeles entfernt. Auch Gerry Armstrong, ehemaliger Koordinator des Scientology-Geheimdienstes sowie damaliger Vertrauter des Organisationsführers L. Ron Hubbard, hat mit den Rehabilitationsprojekten (RPF) prägende Erfahrungen: "Ich war der erste Gefangene hier in Clearwater. Der allererste. Die Menschen dort sind echte Gefangene." Auch wenn Scientology behaupte, die Leute seien freiwillig dort. Man biete für Personen, die Fehler gemacht hätten, "ein Programm zur Wiedergutmachung", so sieht es hingegen die Scientology-Sprecherin in Europa, Marlene Getanes.

Die Autoren Ina Brockmann und Peter Reichelt haben vierzehn Monate engagiert und akribisch für ihren brisanten Dokumentarfilm recherchiert. In ihrem Film geht es hart zur Sache, ihr Thema sind die "Besserungsanstalten" der Scientologen. Sie zeigen entlarvende Bilder über die repressiven Methoden der Organisation. Erstmals ist es ihnen gelungen, eine Gruppe von Menschen in solchen "Anstalten" bei der Arbeit aufzunehmen. "Sogar alte Frauen sind bei 43 Grad im Schatten für diese Arbeit mißbraucht worden - ihr Tageslohn, zwei Mark zwanzig", heißt es im Film. Tagelang habe er auf der Lauer gelegen, um diese Aufnahmen von der Renovierung des Scientology-Hotels "Fort Harrisson" zu machen, so der Autor Peter Reichelt. "Denn sobald dort Öffentlichkeit gesichtet wurde - ein Pfiff und die Leute verschwanden". Journalisten gegenüber zeigen sich die Scientologen nicht gerade zimperlich, wie im Film deutlich zu sehen ist.

Der US-Sender ABC in New York hat dies bereits in einer 60-Minuten-Version gezeigt. Das Besondere an diesem Film: Trotz der abenteuerlichen und gefährlichen Bedingungen der Recherche ist der Film keine atemlose, permanente Anklage im Stil einer Räuberpistole. Jede Behauptung ist mit Dokumenten belegt. Die Autoren stellen unbequeme Fragen und führen nachdenkliche Diskussionen mit Angehörigen. Etwa über den Fall der weltweit wohl erfolgreichsten Scientology-Managerin Wiebke Hansen, die 1995 über Nacht aus Hamburg verschwand. Nach einer Vermißtenanzeige ihres Bruder meldete sie sich bei der Polizei, damit war der Fall formaljuristisch erledigt. Sie galt nicht mehr als vermißt. Hansens Bruder mußte schließlich akzeptieren, daß es ihre eigene Entscheidung sei, sich diesen "reaktionären, autoritären Mechanismen" zu unterwerfen. Der Film schürt keine Emotionen, setzt nicht auf billige Effekte, sondern setzt sich ernsthaft und differenziert mit seiner Thematik auseinander.