The New Republic

14. August 1950

Die Dianetik-Manie

DIANETIK

Von L. Ron Hubbard (Hermitage House; $4).

Von MARTIN GUMPERT

Es ist weniger der Inhalt dieses Buches, der nach einer Untersuchung ruft, als vielmehr seine Auswirkung auf den Verstand eines durchschnittlichen Lesers. "Dianetik" kletterte seit seiner Veröffentlichung ständig höher in der Bestsellerliste und seine Popularität ist, nächst dem spektakulären Erfolg von Buches von Velinovsky, der beängstigendste Beweis der Verwirrung des zeitgemässen Verstandes und seiner Tendenz, pseudowissenschaftlichen Konzepten zum Opfer zu fallen.

Das Buch beginnt mit der Erklärung: "Die Erschaffung von Dianetik ist ein Meilenstein für die Menschen, vergleichbar mit der Entdeckung des Feuers und bedeutender als die Erfindung des Rades und Bogens". Dianetik, so erfahren wir (vom griechischen "dianoua" - Denken), ist die Wissenschaft des Verstandes. "Die verborgene Quelle von allen psychosomatischen Krankheiten und menschlicher Aberration wurde entdeckt und das Fachwissen für ihre unwiderrufliche Heilung wurde entwickelt." Mit Hilfe dieser Fähigkeiten kann jedermann "Befreiung" in weniger als 20 Stunden erreichen und kann sich zu einem "Dianetik Clear" entwickeln, ein Individuum mit beträchtlich höherer Intelligenz als die übliche Norm. Einige Zeilen später erfahren wir: "Es ist neu, dass der gesamte dynamische Antrieb des Lebens nur Überleben ist".

Der Dianetik-Prophet L. Ron Hubbard, ein Bauingenieur und Science-Fiction Schreiber, enthüllte "als eine gesicherte wissenschaftliche Tatsache", dass der Mensch einheitlich und beständig gut ist. Er beansprucht "einen bisher nicht vermuteten Unter-Verstand" als eine von seinen grossen Entdeckungen. Das Konzept des unbewussten Verstandes ist durch den "reaktiven Verstand" ersetzt. Der reaktive Verstand empfängt seine Eingaben als vernetzte "Engramme" wenn der "bewusste" Verstand "bewusstlos" ist. Diese Engramme stören unsere Denkprozesse. Kein körperlicher oder emotionaler Schmerz geht je vergessen bis er durch die Dianetik Therapie entfernt wird.

Der Dianetik Patient "kehrt zurück" zu seinem Schmerz und verändert sich in ein Individuum voller Erinnerungen, jedoch ohne Schmerz. In einem stillen Raum ruhend fällt er in den Zustand der "Dianetik Reverie" und sein "Auditor" (jeder kann jedem anderen Auditor sein) sagt ihm, in verschiedenen Perioden seines Lebens "weiter zurück zu gehen als er sich erinnern kann", eingeschlossen seine vorgeburtliche Existenz. So reist er auf seiner "Zeitspur" zurück in den Mutterschoss und beschreibt Hindernisse auf seiner "Standardspeichereinheit", erreicht seine "Netzwerk Engramme" und - mit ihrem erneuten erleben - werden diese endgültig gelöscht und automatisch als "Standardspeicher" wieder gefüllt. Das Resultat dieser Behandlung ist der Dianetik "Clear", der "sich zum gängigen normalen Individuum so verhält, wie das gängige normale Individuum zum schwer Geisteskranken."

Ich muss bekennen, ich wurde noch nie mit einer dermassen auffälligen und dreisten Mischung aus völligem Unsinn und vollständig einsichtigem gesundem Menschenverstand konfrontiert, längst bekannten Befunden entnommen, getarnt und entstellt durch eine verrückte, neuerfundene Terminologie. Am widerlichsten sind die wiederholten Behauptungen von Genauigkeit und wissenschaftlichen Versuchsverfahren, für welche jeder Beweis fehlt. Der Autor lebt fortlaufend von übernommenen Konzepten, trotzdem greift er diese gleichzeitig äusserst unfreundlich und undankbar an. Was auch immer an seinen "Entdeckungen" Sinn macht stammt nicht von ihm und seine eigene Theorie erscheint dem Kritiker als ein paranoides System, das als Teil einer Fallstudie von Interesse sein könnte, das aber als äusserst gefährlich erscheint, wenn es als therapeutische Technik zum Massenkonsum angeboten wird.

Hubbards Konzept der psychosomatischen Erkrankung ist entschieden falsch. Psychosomatische Leiden werden nicht einfach durch emotionale Störungen verursacht; sie sind Krankheiten bei denen emotionale und organische Ursachen eng und voneinander unabhängig beteiligt sind. Der Autor macht jedoch nicht Halt bei der üblichen Gruppe bekannter psychosomatischer Krankheiten. Er verkündet (Seite 93): "Zum gegenwärtigen Zeitpunkt wird von der Dianetik Forschung geplant, Krebs und Diabetes einzubeziehen. Es gibt einige Gründen zur Annahme, dass diese engrammisch verursacht sein könnten, insbesondere bösartiger Krebs". Er beschreibt, dass "der Pre-Clear während der Therapie eine tägliche Dosis von zehn bis zwanzig Milligrammen Vitamin B1 einnehmen sollte", weil er sonst Alpträume haben könnte. Und natürlich, wie jeder Führer einer Bewegung von Verrückten, verdächtigt und verdammt er Skeptiker und Ungläubige:

"Sollte der Pre-Clear feststellen, dass jemand versucht ihn vom Beginn oder der Fortsetzung einer Dianetik Therapie abzuhalten, sollte diese Tatsache sofort dem Auditor mitgeteilt werden. Jemand, der versucht eine Person vom Eintritt in die Therapie abzuhalten, hat entweder einen Nutzen von den Aberrationen der Person oder hat etwas zu verbergen."

Als Arzt habe ich keinen Nutzen von der Aberration Dianetiksüchtiger, aber ich hoffe ernsthaft, Leser des Buches davon abzuhalten, ihr Glück mit diesen Methoden zu suchen. Es gibt keinen Zweifel daran, dass viele sich Hilfe durch die neue Marotte versprechen werden und unglücklicherweise war es nur zu erwarten, dass jemand die Idee des Erfindens einer Art von Heim-Psychoanalyse aufnehmen würde. Es gibt keine Methode der Psychotherapie - wie aussergewöhnlich sie auch sein mag - die nicht eine vorübergehende Wirkung in den Händen ihrer Jünger zeigen wird, die von Angst und Verzweiflung getrieben werden. Der Schaden jedoch, der durch Dianetik-Auditoren und ihre Opfer angerichtet werden könnte, sollte nicht unterschätzt werden. Hubbard meint:

"Ein Pre-Clear sollte sich nicht entmutigen lassen oder sich darüber erschrecken lassen, sich am Dienstag Problem mit Zuckungen der Herzkranzgefässe, am Samstag von einer Migräne überschattet und am Mittwoch mit einem Husten vorzufinden ... Was so durch die Therapie restimuliert wird, kann keine gefährliche Spitzen erreichen und ist von vorübergehender Dauer."

Das Problem des Zuckens der Herzkranzgefässe könnte ein schwerwiegender Verschluss sein, das psychosomatische Geschwür könnte ein versteckter Krebs sein und der Husten ein Tumor in der Lunge. Während der Patient seine Zeit mit Dianetik Reverie verbringt, könnte wertvolle Zeit zur Rettung seines Lebens verloren gehen; es könnte sich als fatal erweisen, den Versprechen dieses gefährlichen Buches zuviel Vertrauen entgegengebracht zu haben.

Die zitierten Beispiele von Dianetik Auditing sind von ausgefallener Absurdität, speziell wenn sie sich auf das vorgeburtliche Leben des armen Patienten beziehen, auf die sexuellen Gewohnheiten seiner Mutter und Abtreibungen. Ich wünschte, es wäre hier genügend Raum um einige davon wiederzugeben. Der Kritiker, beim Untersuchen des Buches, litt an einem äusserst schmerzhaften "vernetzten Engramm" - um den Sprachgebrauch des Autors zu verwenden. Und er wünscht sich inständig, dass etwas unternommen werden könnte, um die Aktivitäten von Psychotherapeuten dieser Art zu verbieten. Unsere Ausbeuter der Massenängste sind eine ernstliche Bedrohung der öffentlichen Gesundheit.

Dr. Martin Gumpert, geboren in Berlin, studierte in Heidelberg und Berlin Medizin und praktizierte während zehn Jahren in seinem Heimatland bevor er in die Vereinigten Staaten kam. Speziell an den Problemen des fortgeschrittenen Alters interessiert, schrieb er einige Bücher über diesen und wie auch andere Bereiche. Er ist Mitarbeiter am Goldwater Memorial Hospital in New York City.

Letters to the Editor

The New Republic
11. September 1950

Keine Autorität

Dr. Martin Gumpert und allen, die geneigt sind, seine Tirade gegen "Dianetik" (NR vom 14. August) ernst zu nehmen, empfehle ich die Oliver Cromwell zugeschriebenen Ratschläge: "Ich ersuche sie, beim Leib Christi, zu erwägen ob sie sich nicht irren könnten". Vergeblich warnte ich vor einem Monat den für Literatur zuständigen Redaktor der NR, das Buch NICHT einer "Autorität" zur Kritik zu übergeben, der nicht willens ist die Postulate einem Test zu unterziehen. Dr. Gumpert hat sie nicht nur keinem Test unterzogen, sondern hat sich sorgfältig zurückgehalten, die Hubbard Dianetic Research Foundation in Elizabeth, New Jersey, um dokumentarische Beweise und Fallstudien anzufragen - die nun für folgende Publikationen bereitgestellt werden. Auch "hofft er zu verhindern", dass andere die Postulate ausprobieren und glaubt (Schatten der American Medical Association auf sozialisierter Medizin!), dass Dianetik "verboten" werden sollte.

Glücklicherweise werden seine Bemühungen vergeblich sein. Die einzige "gefährliche" Sache oder beschämend in dieser Angelegenheit ist, dass die "New Republic" solche gänzlich ignorante und verantwortungslose Stellungnahmen drucken sollte, unter redaktionellen Illusion, dass diese ein kritische Auswertung darstellen und sich dadurch selbst zum Gespött der schnell wachsenden Menge von Leuten macht, die wissen um was es bei Dianetik geht. Nicht das Buch, sondern die Kritik ist "völliger Unsinn", ein "paranoides System" und eine "aussergewöhnliche Dummheit". Es gibt keine Autoritäten für Dianetik ausser denen, die sie ausprobiert haben. Alle die so gehandelt haben, haben keine Zweifel daran, was hier von wem falsch verstanden wurde.

FREDERICK L. SCHUMAN
Williamstown, Mass.

[Dr. Schuman mag eine bekannte Autorität in Bezug auf politische Wissenschaft sein, wir sehen jedoch keinen Grund vorauszusetzen, dass er bei psychiatrischen Themen mehr Respekt beanspruchen kann als jeder andere Laie. Sein Vorschlag, dass niemand über Dianetik schreiben sollte ohne diese ausprobiert zu haben erscheint uns so wie zu sagen, dass keiner eine Autorität für Zyankali sein kann ausser er habe davon gegessen.
- DIE REDAKTION]