"Dianetik" - die Heilslehre der Scientology-Church

von Erich Fromm (1950b2)

Noch nie hatten die Menschen ein größeres Interesse an der Psychologie und der Kunst des Lebens als heute. Der Anklang, den Bücher finden, die diese Themen behandeln, ist ein Anzeichen für die ernsthafte Beschäftigung vorrangig mit den menschlichen, und weniger mit dem materiellen Aspekten des Lebens. Unter diesen Büchern finden sich einige, die das Bedürfnis nach einer rationalen Anleitung befriedigen, zugleich aber auch andere, die sich an Leser wenden, die nach einem vorfabrizierten Glück und wunderhaften Heilungen suchen. "Dianetik" ist das letzte in der Reihe dieser Bücher, und der Autor benutzt alle Mittel des Erfolgs mit einer erstaunlichen Leichtfertigkeit. "Die Schöpfung der Dianetik ist ein Meilenstein für den Menschen, der Entdeckung des Feuers vergleichbar und den Erfindungen von Rad und Bogen überlegen." Der Autor beansprucht, nicht nur die "einzige Quelle für jede Art von Neurose, Psychose, Kriminalität und psychosomatischer Krankheit" entdeckt zu haben, sondern auch eine Therapie, die all diese Krankheiten heilt. "Dianetik heilt und sie heilt ohne zu versagen."

Der Autor legt eingangs eine allgemeine Theorie der Struktur des Geistes dar, um dann auf diesen Prämissen eine Theorie von seelischen Störungen und der Technik ihrer Behandlung aufzubauen. "Der Mensch wird einzig durch das Überleben motiviert." Er überlebt zum Zwecke des Selbsts, des Geschlechts, der Gruppe und der Menschheit. Jedes dieser "Zweckteile des umfassenden dynamischen Prinzips" wird eine "Dynamik" genannt. Er unterscheidet einerseits den "analytischen Geist", "der Erfahrungsdaten wahrnimmt und vermerkt, um Probleme zu erörtern und zu bewältigen und den Organismus den vier Dynamiken gemäß zu steuern". Andererseits unterscheidet er den "reaktiven Geist", der physische Schmerzen und schmerzhafte Emotionen ordnet und vermerkt und der danach trachtet, den Organismus ausschließlich auf der Basis des Reiz-Reaktion-Musters zu steuern. Während der analytische Geist, der mit einer riesigen Rechenmaschine verglichen wird, in Unterscheidungen und Ähnlichkeiten denkt, denkt der reaktive Geist einzig in Identitäten.

Der Begriff des "reaktiven Geistes" ist die Grundlage der Theorie Hubbards über geistige Krankheit und ihre Heilung. In Augenblicken intensiven physischen oder emotionalen Schmerzes ist der analytische Geist außer Kraft gesetzt. Die Worte werden in der Gegenwart der "unbewußten" Person gesprochen und somit als "Engramme" registriert. Diese Engramme sind dem normalen Prozeß der Wiedererinnerung nicht verfügbar. Ohne sich dessen bewußt zu sein, ist die Person durch die Inhalte dieser Engramme determiniert, vergleichbar einer Person, deren posthypnotisches Verhalten durch Eingebungen motiviert ist, die ihr während der Hypnose suggeriert wurden. "Wenn es jemals einen Teufel gegeben hat, dann hat er den reaktiven Geist erfunden. ... Er verursacht alles, was in irgendeiner Liste geistiger Krankheiten gefunden werden kann: Psychosen, Neurosen, zwanghafte Triebe, Verdrängungen. ... Man kann Arthritis, Schleimbeutelentzündungen, Asthma usw. bekommen, den ganzen Katalog psychosomatischer Krankheiten. ... Das Engramm ist die einzige Quelle für Abweichungen und psychosomatische Krankheiten."

Die dianetische Therapie geht von diesen Prämissen aus. Der ("ungereinigte") Patient ist krank, weil das Engramm ihn krank macht. Wenn alle wichtigen Engramme, besonders die der pränatalen Periode, zurückgerufen werden ("wiederkehren"), ist der Patient für immer frei ("gereinigt") von allen "Abweichungen" und dem Durchschnitt an Intelligenz überlegen. Der Therapeut ("Auditor") führt diese Wiederkehr des Engramms dadurch herbei, daß er den Patienten in einen Zustand der "Träumerei" versetzt. "Während ich von eins bis sieben zähle, werden sie ihre Augen schließen. Sie werden alles, was vor sich geht, bewußt wahrnehmen." Daraufhin zählt der Auditor "langsam, besänftigend", bis der Patient seine Augen schließt. Im Laufe der darauf folgenden "Träumerei" wird der Patient aufgefordert, in frühere Lebensabschnitte, sogar bis hin zum Zeitpunkt seiner Empfängnis, "zurückzukehren". Zu Ende der Sitzung wird er dann wieder in die Gegenwart zurückgebracht. Die Engramme müssen auf diese Weise vielfach rekapituliert werden, bis sie vollständig "ausgelöscht" sind.

Trotz ihres phantastischen Anspruchs ist an der Theorie Hubbards, abgesehen von neuen Worten für eine Mixtur aus Mißverständnissen, verworrenem Freudianismus und hypnotischen Regressionsexperimenten, kaum etwas original. Die wenigen Begriffe allerdings, die "original" sind, sind alarmierend. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn wir hören, daß der Patient die Worte wiedergibt, die der Arzt zu seiner schwangeren Mutter gesagt hat, oder auch die Worte des Vaters zu seiner Frau kurz nach der Empfängnis. Als der Rezensent diese Fallgeschichten las, war er versucht, sich zu fragen, ob der Autor eine komische Parodie über bestimmte psychiatrische Theorien und die Leichtgläubigkeit des Publikums zu schreiben beabsichtigte.

Hubbards Buch kann kaum als ein Beitrag zur Wissenschaft vom Menschen ernstgenommen werden. Ernstnehmen muß man es jedoch als Symptom eines gefährlichen Trends. Wäre es nur eine allzusehr vereinfachte Popularisierung Freudscher Theorien, dann könnte man es als harmlos betrachten. Aber "Dianetik" bringt eine Geisteshaltung zum Ausdruck, die den Lehren Freuds exakt entgegensteht. Freuds Ziel war es, dem Patienten zu einem besseren Verständnis der Komplexität seines Geistes zu verhelfen. Seine Therapie basierte auf dem Konzept, daß man durch das Verstehen des eigenen Selbst sich frei machen kann von der Abhängigkeit gegenüber irrationalen Kräften, die Unglück und seelische Krankheit verursachen. Diese Vorstellung ist Teil der großen östlichen und westlichen Tradition von Buddha und Sokrates zu Spinoza und Freud. "Dianetik" zeigt hingegen weder Achtung noch Verständnis für die Komplexität der Persönlichkeit. Der Mensch ist eine Maschine und Rationalität, Werturteile, seelische Gesundheit und Glück werden durch eine Ingenieurstätigkeit erlangt. "In einer Ingenieurswissenschaft wie Dianetik können wir auf der Knopfdruckbasis arbeiten." Nichts muß man wissen oder verstehen außer der Anwendung von Hubbards Engrammtheorie. Anerkennt jemand seine Theorie nicht, dann gibt es hierfür verborgene Motive oder er ist von einem "Verneiner" besessen. Dies ist immer dann der Fall, wenn "irgend ein Engrammbefehl den Patienten glauben läßt, daß das Engramm nicht existiert". Alles ist überaus einfach. Wenn man Hubbards Buch gelesen hat, weiß man alles, was man über den Menschen zu wissen hat, denn man weiß, welchen Knopf es zu drücken gilt.

Probleme im Bezug auf Werte oder das Gewissen gibt es nicht. Wenn die Engramme gelöscht sind, hat man keine Probleme mehr. Alle großen philosophischen und religiösen Lehrer verschwendeten nur ihre Kräfte. Es gibt kein Problem, das nicht auf den Engrammbefehl zurückgeht, und an ihrem Denken ist nichts von Belang, da sie ja Hubbards Entdeckung nicht kannten. Wenn auch der Autor sagt, daß "die alten hinduistischen Schriften, die Werke der frühen Griechen und Römer", Lukrez eingeschlossen, die Arbeiten Francis Bacons, die Forschungen Darwins und einige Ideen Herbert Spencers den Hauptanteil des "philosophischen Hintergrunds" seiner Arbeit darstellen, so ist es doch schwer zu glauben: "Dianetik" zeigt gewiß nicht die Früchte einer solchen Auseinandersetzung. Die Entdeckung, daß "das Überleben der einzige Zweck des Lebens" sei, ist sicherlich nicht Ausdruck des Geistes der "alten Hindus" oder der "frühen Griechen", sondern vielmehr der eines plumpen Biologismus, für den ethische Werte dem Zwang zum Überleben untergeordnet sind - wenn sie überhaupt noch irgendeinen Platz haben.

Der vielleicht bedauerlichste Aspekt an "Dianetik" ist aber die Art, in der es geschrieben wurde. Übermäßige Vereinfachungen, Halbwahrheiten und platte Absurditäten, die propagandistische Technik, den Leser mit der Größe, Unfehlbarkeit und Neuheit des Systems des Autors zu beeindrucken, das Versprechen beispielloser Resultate, erzielt durch die einfachen Mittel der beschriebenen "Dianetik": Diese Mixtur stellt eine Technik dar, die zu den verhängnisvollsten Ergebnissen im Bereich der Medizin oder Politik führt. Eine Anwendung auf die Psychologie und Psychiatrie wäre nicht weniger schädlich.

Meine negative Ansicht über "Dianetik" gründet nicht in der Überzeugung, daß die heutigen Methoden der Psychiatrie zufriedenstellende Lösungen bieten; ihnen mangelt es in der Tat an neuen Ideen und Versuchen. Glücklicherweise sind sich aber viele Psychiater und Psychologen dieses Mangels bewußt und suchen nach wirkungsvolleren Zugängen zur Ebene des Unbewußten (so zum Beispiel Slesingers "Looking-in"-Test). Voraussetzung muß dabei jedoch immer die Stärkung der Verantwortlichkeit des Patienten, seiner Fähigkeit zur Kritik und Einsicht, sein.

Anmerkungen:

1) Diese Buchbesprechung des grundlegenden Werks der Scientology-Church mit dem Titel Dianetics, das L. Ron Hubbard 1950 veröffentlichte, wurde 1950 von Erich Fromm unter dem Titel "For Seekers of Prefabricated Happiness" in der Wochenendausgabe der New York Herald Tribune Book Review vom 3. September 1950 auf Seite 7 veröffentlicht. Die Übersetzung aus dem Englischen besorgte Karl von Zimmermann.

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