Reuters 7. Feb. 2000

Französische Regierungsbehörde kritisiert US wegen Sekten

PARIS (Reuters) - Eine französische Regierungsbehörde kritisierte am Montag die Vereinigten Staaten, im Umgang mit Kulten zu lasch zu sein und Frankreich ungerechtfertigterweise für seine härtere Gangart zu beschuldigen.

Die Regierungsbehörde zur Bekämpfung der Sekten erklärte in einem an Premier Lionel Jospin übergebenen Bericht, dass Washington im Namen der Religionsfreiheit Kulten ausserordentlichen Schutz gewähre.

"Das über den Atlantik betriebene Verwirrspiel zwischen Religionsfreiheit ... und Behinderung oder sogar Unterdrückung von strafbaren sektiererischen Exzessen macht den Dialog in keiner Weise leichter", stellt der Bericht fest.

Paris und Washington gerieten letztes Jahr wegen einem Bericht des U.S. Aussenministeriums hintereinander, der die offizielle französische Skepsis gegenüber der Scientology Kirche verächtlich abtat.

Die französische Justizministerin Elisabeth Guigou zog in Betracht, die Scientology Kirche zu verbieten, die Frankreich im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten nicht als Religion betrachtet.

Mitglieder der Gruppe, die 1954 durch den verstorbenen Science-Fiction Schriftsteller L. Ron Hubbard gegründet wurde, beschweren sich über Belästigung und Verfolgung in Frankreich.

Der Bericht vom Montag erklärte, dass es in Frankreich etwa 200 Sekten gibt, die meisten von ihnen bestens organisiert. Er hielt fest, dass diejenigen die Demokratie verwerfen und rassistisches Gedankengut verbreiten verboten werden müssen und verlangte nach neuer Gesetzgebung gegen diejenigen, die Menschenrechte verletzen.

Als gefährlich stuft er unter vielen anderen den Weltuntergangskult des Ordens der Sonnentempler ein, von dem er berichtet, dass er immer noch aktiv ist obwohl in den vergangenen sechs Jahren über 70 Mitglieder in der Schweiz, in Frankreich und Kanada durch rituelle Selbstmorde ums Leben kamen.

Der Bericht ruft die Staaten in Europa und anderswo auf, die Entwicklung von Sekten zu verhindern und drängt für neue Gesetze um Angriffe auf die nationale Sicherheit wie beispielsweise den Einsatz von Computerviren zu bekämpfen.

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Scientology: "Totalitär"

Scientology Bedrohung für die Gesellschaft

Die Scientology-Organisation bedroht nach Einschätzung der französischen Sektenbekämpfungsbehörde "die Menschenrechte und das gesellschaftliche Gleichgewicht". Scientology propagiere zwar auch religiöse Ziele, sei aber eine Organisation mit "totalitärer Struktur", heisst es im Bericht der Regierungsbehörde zur Bekämpfung der Sekten (Mils), der am Montag in Paris Premierminister Lionel Jospin überreicht wurde. Damit gehöre Scientology zu jenen Gruppen, die eine Gefahr für die "öffentliche Ordnung" und "die menschliche Würde" bedeuteten. Die Mils-Studie nennt zwar Möglichkeiten von Justiz und Verwaltung, gegen Scientology vorzugehen, überlässt die Entscheidung jedoch der Politik, ob die Organisation verboten werden soll. Der Staat dürfe zwar nicht über "den Inhalt von Glaubensüberzeugungen oder Ideologien" richten, müsse aber darauf achten, dass nicht "unter dem Deckmantel persönlicher Überzeugungen Gesetze übertreten werden", betont die Behörde in dem Bericht. Sekten benutzten häufig eine "religiöse Maske". Mils-Chef Alain Vivien hatte Scientology bereits vor einigen Monaten in einem Zeitungsinterview als "totalitäre" und "extrem gefährliche" Sekte eingestuft, die in Frankreich verboten werden sollte. Der Mils-Bericht führt neben Scientology namentlich nur noch den Orden der Sonnentempler als gefährliche Organisation an. Die Mils distanzierte sich von der Einschätzung der Scientology-Organisation in den USA: Dort "geniessen Sekten einen ausserordentlichen Schutz, sobald sie sich selbst für religiös erklären", hiess es dazu.
(sda 8. Febr. 2000)

Scientology Kirche fordert Widerruf eines Berichts.

LOS ANGELES, 8.Feb (Reuters) - Die Scientology Kirche rief am Dienstag zum Widerrufen eines durch die französische Regierung unterstützen Berichts auf, der die Vereinigten Staaten als zu lasch gegenüber Kulten beschrieb, indem sie behauptete, das Dokument ignoriere "jede moderne Wissenschaftlichkeit" gegenüber Religionen.

Die Regierungsbehörde zur Bekämpfung der Sekten (Mils) erklärte in einem an Premier Lionel Jospin überreichten Bericht, dass Washington im Namen der Religionsfreiheit Kulten ausserordentlich Schutz gewähre.

Paris und Washington gerieten letztes Jahr aneinander wegen einem Bericht des U.S. Aussenministeriums, der Frankreichs Haltung gegenüber der in den US beheimateten Scientology Kirche kritisierte. Die französische Justizministerin Elisabeth Guigou äusserte die Absicht, Scientology zu verbieten, die Frankreich nicht als Religion einstuft.

Der Bericht vom Montag erklärte, dass es in Frankreich etwa 200 Sekten gibt, die meisten davon bestens organisiert. Er hielt fest, dass diejenigen die Demokratie verwerfen und rassistisches Gedankengut verbreiten verboten werden müssen und verlangte nach neuer Gesetzgebung gegen diejenigen, die Menschenrechte verletzen.

"Dieser schändliche und unaufrichtige Bericht wird durch Menschenrechtsorganisationen überall in Europa und den Vereinigten Staaten verurteilt werden", meinte die Scientology Kirche in einer Stellungnahme.

Die Kirche behauptete, der Bericht beruhe auf "Unwahrheiten" über Minderheitsreligionen und verlangte, dass er "sofort zurückgezogen wird".

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