Transatlantischer Störfaktor

Die Psychosekte belastet die deutsch-amerikanische Freundschaft. Bonn und Washington reden seit Monaten aneinander vorbei

Gesandter Thomas Matussek, zweiter Mann der deutschen Botschaft in Washington, verlieh seiner Stimme weisungsgemäß "freundschaftlichen Nachdruck". Der Vorwurf, Deutschland schränke in der Auseinandersetzung mit der Scientology-Sekte die Religionsfreiheit ein, sei "schwerwiegend und unbegründet".

Die mündliche Demarche bei John Kornblum, dem Europa-Abteilungsleiter im US-Außenministerium und künftigen US-Missionschef in Bonn, war nicht die erste. Matussek und seinen zu diesem Zeitpunkt abwesenden Chef, Botschafter Jürgen Chrobog, kostet die Scientology-Propaganda gegen Deutschland reichlich Nerven - erst recht deren erstaunliche Reichweite in Washington.

Auf dem vorläufigen Höhepunkt der Kampagne haben die Diplomaten alle Mühe, ein gravierendes Mißverständnis der Bündnispartner über Freiheit und Gefahren für die Freiheit nicht zur Beziehungskrise ausarten zu lassen.


"Der Effekt der Scientology-Kampagne läuft sich nicht von selbst tot"

Karsten Voigt,
Aussenpolitischer Srecher der SPD-Fraktion


Gute Worte "unter Freunden" nützten wenig. Die weltweit wachende Menschenrechtsabteilung des State Department hält es für ihr moralisches Recht, in ihrem jüngsten Jahresbericht seitenlang die Scientology-Beschwerden über "Diskriminierung" des Psycho- und Profit-Geheimbundes in Deutschland auszubreiten.

Daß Gefahr im Verzug ist, dämmert nun auch der Bundesregierung. Seit Wochen trösteten sich Kanzler und Auswärtiges Amt damit, daß Washington immerhin den von Scientology gezogenen Vergleich mit der Judenverfolgung des Nazi-Regimes klar zurückwies. Außen- und Ex-Justizminister Klaus Kinkel beteuerte die deutsche Rechtsstaatlichkeit, seine Beamten spielten Schwarzer Peter: eigentlich sei doch Claudia Noltes Familienministerium zuständig.

Vorigen Freitag endlich autorisierte Kanzler Helmut Kohl seinen Regierungssprecher Peter Hausmann zu deutlichen Worten über die Staatspflicht, die Bürger vor totalitären Geistern zu schützen.

Zwischen Hoffen und Zweifeln: Hausmanns Hinweis müßte in den USA eigentlich verstanden werden, meint der außenpolitische Sprecher der Bonner CSU-Landesgruppe, Christian Schmidt. Immerhin hätten amerikanische Befreier Pate gestanden, als nach der Katastrophe der NS-Diktatur eine "wehrhafte Demokratie" in Deutschland geschaffen wurde - wehrhaft gegen jede totalitäre Ideologie. Amerikas Duldsamkeit mit Scientology (und jahrelang sogar auch mit dem US-Neonazi Gary Lauck) sei aus deutscher Erfahrung zumindest "blauäugig".

"Die Bundesregierung hat das unterschätzt", rügt Schmidts SPD-Kollege Karsten Voigt. "Der Effekt der Scientology-Kampagne läuft sich nicht von selbst tot." Aber Voigt zeigt auch Verständnis: Er verweist auf die "gefestigte Selbstsicherheit" und ein "weitherziges Freiheitsideal" der USA, einer zwei Jahrhunderte alten Demokratie, die es sich hoch anrechne, eben auch "Zuflucht für alle jemals aus Europa verjagten Träumer, Sektierer und Spinner" gewesen zu sein. Über solche historisch begründete "Wahrnehmungsunterschiede" müßten die Partner sich verständigen, "aber die sind nie ganz zu beseitigen".

Zweierlei Freiheitsverständnis. "Diesen Störfaktor dürfen wir nicht verhärten lassen", mahnt der sozialdemokratische NATO-Politiker. Friedbert Pflüger (CDU) hingegen, ebenfalls transatlantisch engagiert, lacht über das Verständnisproblem: "Viel zuviel Wirbel, ein künstlicher Streit." Für Freiheitsgefahren seien "wir vielleicht manchmal zu sensibel".


"Der Streit um Scientology ist eine latente Gefahr für die Beziehungen zu den USA"

Christian Schmidt,
Aussenpolitischer Sprecher der CSU-Landesgruppe


Bayern und Baden-Württemberg wollen es genau wissen. Am Freitag verwies der Bundesrat einen Antrag auf Überprüfung der Verfassungskonformität an die zuständigen Ausschüsse.

Psychische und materielle Ausbeutung von Scientology-Anhängern, geheimdienstähnliche Verfolgung von Abtrünnigen und Gegnern sind für die US-Regierung bislang nur ein Randproblem. Über entsprechende Erfahrungsberichte früherer Sektenmitglieder zeigt State-Department-Sprecher Nicholas Burns sich gerade mal "etwas besorgt". Für ihn gilt zuallererst: "Wir können als Regierung nicht Religionen kritisieren."

Auf höchster Ebene haben US- und Bundesregierung in zwei Wochen Gelegenheit, das üble Mißverständnis aus der Welt zu schaffen. Mitte Februar reist Washingtons neue Außenministerin Madeleine Albright zum Antrittsbesuch nach Bonn. Kollege Klaus Kinkel verspricht sich bei ihr ein offenes Ohr für den deutschen Standpunkt. Albright ist nicht nur Amerikanerin. Sie stammt aus einer tschechischen Flüchtlingsfamilie, die in den USA Zuflucht fand - vor den Nazis.

Berufsoptimisten in Bonn atmen schon durch. Das State Department habe sich die Scientology-Vorwürfe ja gar nicht zu eigen gemacht, sondern sie "nur referiert. Sie versuchen uns zu schonen, soweit irgend möglich."

Peter Gruber/Michael Jach

SCIENTOLOGY WELTWEIT*

USA: gespaltenes Verhältnis
Trotz der US-Vorwürfe gegen die deutsche Haltung ist Scientology auch in den Vereinigten Staaten umstritten. Erst nach zahlreichen Prozessen wurde die Organisation 1993 als Religionsgemeinschaft anerkannt - mit entsprechenden Steuerprivilegien.

Frankreich: spektakulärer Prozeß
Der ehemalige Scientology-Chef von Lyon erhielt in einem aufsehenerregenden Prozeß wegen fahrlässiger Tötung, Betrugs und Betrugversuchs eine Haftstrafe von drei Jahren. Die Pariser Zentrale der Organisation mußte Anfang 1996 schließen. Der Grund: Steuerschulden

Dänemark: europäischer Gulag
Eine Aussteigerin erklärte, Scientology habe bei Kopenhagen ein Straflager für abtrünnige oder ausstiegswillige Mitglieder eingerichtet.

Italien: verbrecherische Vereinigung
Wegen Bildung einer verbrecherischen Vereinigung verurteilte ein Mailänder Berufungsgericht im Dezember letzten Jahres 29 Scientologen zu Haftstrafen zwischen neun Monaten und zwei Jahren. Verboten wurde die Organisation aber nicht.

Tschechische Republik: Ausnahme
Tschechien hat Scientology als Kirche anerkannt.

Griechenland: rigoroses Verbot
Ein Gericht in Athen verfügte Anfang dieses Jahres die Auflösung der griechischen Organisation von Scientology.

* eine Auswahl


"Macht und Einfluß ausweiten"

Ein Ex-Funktionär über Scientology-Praktiken

FOCUS: Halten Sie es tatsächlich für denkbar, daß Scientology US-Präsident Bill Clinton mit Wahlkampfspenden unterstützt hat?

Young: Das ist sogar sehr wahrscheinlich. Einfluß auf Politik und Wirtschaft ist eines der erklärten Ziele von Scientology. Wir haben uns bereits zu meiner Zeit über Washingtoner Anwälte in die US-Regierung eingekauft. Dadurch haben wir auch erreicht, daß Scientology offiziell als Kirche anerkannt wurde.

FOCUS: Sollte die US-Regierung auch mit Scientologen unterwandert werden?

Young: Natürlich. Sektengründer Hubbard hat dazu sogar einen eigenen Spezialplan entwickelt, den er "Special Zone Plan" nannte. Es geht darum, Mitglieder gezielt in Verwaltungen und Regierungen zu plazieren.

FOCUS: So einfach ist das?

Young: Hier in den USA werden sie bei ihrer Einstellung als Regierungsmitarbeiter weder nach Ideologie noch nach Religion gefragt. Sie können leicht - verdeckt - für Scientology arbeiten.

FOCUS: Mit welchem Ziel?

Young: Macht und Einfluß, im Sinne von Scientology auszuweiten.

FOCUS: Und wie beeinflußt die Organisation Regierungen, die gegen sie kämpft - etwa in Deutschland?

Young: Die bedrohen wir. Wir haben schon sehr früh versucht, Hollywood für unsere Zwecke zu nutzen. Mit Erfolg, wie Sie an dem offenen Brief an Bundeskanzler Kohl sehen.


© by FOCUS Magazin-Verlag GmbH, 1997

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