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Scientology-Baulöwe löst Zwickauer Imperium auf

ZWICKAU. Die Inszenierung war dramatisch. Während Top-Scientologe und Immobilienmogul Kurt Fliegerbauer seinen Rückzug aus Zwickau via Pressekonferenz verkündete, wurden in der Stadt von allen Fliegerbauer Gebäuden bereits die Messingschilder seiner Schloss Osterstein Verwaltungs GmbH abmontiert. Der Immobilienunternehmer, der seit 1994 in Zwickau an die 250 Häuser saniert und an Kapitalanleger weiter verkauft hat - unter anderem an die hessischen CDU-Spitzenpolitiker Innenminister Bouffier, Justizminister Wagner und den Vorsitzende der Landtagsfraktion, Kartmann - war als führendes Mitglied der Scientology-Organisation zuletzt wieder verstärkt in die Schlagzeilen geraten. Ebenso die Zwickauer Rathausspitze. Ihr hatten Kritiker einen zu sorglosen geschäftlichen Umgang mit dem Sekten-Mitglied vorgeworfen.


Scientologe Fliegerbauer wirft das Handtuch

ZWICKAU (RR) Die Nachricht schlug am Donnerstag um Punkt 11 Uhr wie eine Bombe ein: Der Bauunternehmer Kurt Fliegerbauer kehrt Zwickau den Rücken und verlegt den Sitz seiner Firma, der Schloss Osterstein Verwaltungs GmbH, nach München. Während der umstrittene Scientologe seinen Rückzug im Hotel Holiday Inn vor rund 20 Journalisten aus fast allen Teilen Deutschlands bekannt gab, hängten seine Mitarbeiter im gesamten Stadtgebiet die Firmenplakate ab und entfernten die Messingschilder an seinen Gebäuden.

Fliegerbauer, seit 1993 in Zwickau tätig, ehemaliger Eigentümer des Osterstein-Areals und bislang Geschäftsführer der Schloss Osterstein Verwaltungs GmbH, nannte den Umzug eine "Entscheidung der Vernunft", die er in den vergangenen Tagen allein getroffen habe. Obwohl ihm zuletzt heftiger Gegenwind der Stadtratsfraktionen wie auch der Stadtverwaltung wegen seiner Sektenzugehörigkeit ins Gesicht geweht war, fühlt er sich aus Zwickau nicht vertrieben. Als Geschäftsführer seines Bauunternehmens hat er seit Ende 1994 rund 250 Gebäude sanieren lassen. Mehr als 500 Kapitalanleger haben dabei rund 500 Millionen Mark in der Stadt investiert. In seinem Privatbesitz befinden sich derzeit 19 Zwickauer Immobilien, wie er sagte.

Fliegerbauer wird sich mit "einem weinenden Auge" aus allen Geschäftsbereichen seiner etlichen Zwickauer Firmen zurückziehen. Der Unternehmenssitz in der Kolpingstraße 24 wird aufgegeben und vermietet. Eine eigenständige Gesellschaft ohne "Beteiligung irgend eines Scientologen", wie er es formulierte, werde angefangene Sanierungsgobjekte zu Ende bringen, und zwar am Hauptmarkt 3, in der Leipziger Straße 42, im Domhof 12, in der Klosterstraße 9, in der Kreisigstraße 4 und 6, in der Römerstraße 1A und 13, in der Max- Pechstein-Straße 4, 47 und 49, in der Kurt-Eisner-Straße 75 sowie in der Münzstraße 6. Die Nachfolgefirma heißt Solid Hausbau GmbH mit Sitz im Poetenweg 36 und wird von Fliegerbauers bisheriger Prokuristin Angela Einenkel geleitet. "Sie ist keine Scientologin", beteuerte er.

Mit der Übergabe der Objekte eben an diese Solid Hausbau wird zugleich die Schloss Osterstein GmbH & Co. Center Management KG liquidiert, die das Projekt in der Max-Pechstein-Straße 31 (Haus der DSF) hätte abwickeln sollen.

Die Geschäftsleitung der Vermietungsgesellschaft Zwickau, die Fliegerbauer inne hatte, sowie dessen 45 Prozent Anteile daran werden an Marcus Flechsig, dem dort schon tätigen Chef, abgegeben. An der Hausverwaltungs GmbH Profund besitzt der Unternehmer keine Gesellschafteranteile, die Geschäftsführung geht an eine Mitarbeiterin der Firma Profund. "Mein 50-Prozent-Anteil an der Heil Baumanagement GmbH wird unwirksam durch die Liquidierung dieser Gesellschaft. Mein 50-Prozent-Anteil an der Firma Wohnidee GmbH wird sich auch hier durch die Liquidation dieser Firma erledigen. Die Firma Kunstforum GmbH verlegt ihren Sitz ebenfalls nach München", sagte das Sektenmitglied. Und weiter: "Meine Frau und ich ziehen zurück nach München. Somit sind sämtliche Geschäftsaktivitäten meiner Person in dieser Stadt beendet. Sämtliche Maßnahmen für die Umschreibungen und Veräußerungen sind eingeleitet und werden zeitnah durchgeführt. Das Personal der Schloss Osterstein Verwaltungs GmbHt muss zum Teil entlassen werden und wird zum Teil in die Gesellschaft von Angela Einenkel übernommen."

Die Aufgabe in Zwickau nannte der Immobilienzar "nicht mehr so umfangreich". Durch den Wegfall der Sonderabschreibung sei der Verkauf von Gebäuden im Osten zurückgegangen. Nach wie vor gebe es attraktive gesetzlich Abschreibungsmöglichkeiten, die aber nicht ausreichten, um weiterhin so viele Kapitalinvestoren zu finden wie in den letzten Jahren. "Da ich in Zwickau keine Zukunft sehe, werde ich mein geschäftliches Wirken wieder nach München verlagern, um meine Erfahrungen in Großobjekten im In- und Ausland einzubringen."

Bei führenden Kommunalpolitikern der Stadt stieß die Nachricht auf Zustimmung."Ich empfinde Erleichterung", atmete der erkrankte Oberbürgermeister Rainer Eichhorn (CDU) zu Hause auf, als ihn "Freie Presse" um eine Stellungnahme bat. Sein Vize Dietmar Vettermann zeigte sich überrascht von Fliegerbauers Schritt, nichtsdesttrotz fiel ihm ein Stein vom Herzen. Unionsfraktionschef Frank Seidel, der als ärgster Widersacher des Scientologen gilt, nahm die überraschende Nachricht ebenfalls mit großer Erleichterung zur Kenntnis. Dennoch dürfe man sich nicht die Augen verkleistern und müsse beobachten, ob und welche "Vasallen" der gefährlichen Sekte weiterhin in Zwickau tätig seien. Den nicht erwarteten Rückzug von Kurt Fliegerbauer wertete Seidel als "Sieg der Demokratie und als Erfolg all jener, die dem Sekten-Guru bis zuletzt die Stirn gezeigt hätten."

Die SPD begrüßt den Entschluss, zumal damit Zwickau aus den Negativschlagzeilen herauskommen könnte, hofft Fraktionsgeschäftsführer Werner Fischer. Gleichwohl müsse man wachsam sein, denn mit Fliegerbauers Abgang müsse sich das Scientology-Problem in Zwickau noch lange nicht von selbst lösen. In die gleiche Kerbe schlug PDS-Fraktionschef Klaus Reinhold: "Es ist das Beste für die Stadt."

10. Februar 2000