Thomas Gandow
Berlin, 10. April 1997

Hier sind dringende Neuigkeiten!

1. Prozesslage in Moskau Jakunin./.Dvorkin und ROK
2. Zeugen - die bekannte und zu erwartende Liste
3. Zwei Briefe Dvorkins

1. Jakunin / Dvorkin-Prozess in Moskau

Der Prozeß gegen Alexander Dvorkin hat am 3. April begonnen. (Näheres zum Prozeß in seinen Briefen an alle Freunde in der Anlage!)
Inzwischen haben vermutlich aus taktischen Gründen alle Scientologen ihre Klage zurückgezogen (bleiben aber anscheinend als Zeugen der Klägerseite im Prozeß) genauso die ISKCON-Klägerin. Übrig geblieben sind nur Gleb Jakunin mit seinem Komitee für die Verteidigung der Gewissenfreiheit und seine zwei Helfer Levinson und Michail Osadchew. Obwohl sie eigentlich nach deutschen Begriffen gar nicht betroffen und daher gar nicht zur Klage legitimiert sind, können sie den Prozeß, nachdem er einmal in Gang gekommen ist, anscheinend weiterführen. Sie sagen: "Wir sind selbst betroffen, denn wir verstehen uns als Mitglieder aller Kulte".

2. Prominente Zeugen wollen gegen Dvorkin antreten (Namensliste)

Am 3. April 1997 erklärte Herr Lew Levinson als Vertreter der Kläger vor Gericht, sie hätten eine vorläufige Vereinbarung mit jedem einzelnen einer Liste von großen Spezialisten, die als Zeugen für die Kläger aussagen wollen.

Die Liste enthält folgende Namen:

James Richardson, Nevada Univ.;
Massimo Introvigne, Italien;
David Bromley;
Jean Francois Meyer, Schweiz;
Gordon Melton, USA;
Eileen Barker, London;
William Deadwhiler;
Hubert Seiwert, Leipzig;
Jabal Krishna Khan
sowie zwei weitere Zeugen für die ISKCON.

Am 4. April erklärte Levinson bei Gericht, die Vertretung der Kläger habe jeden einzelnen angerufen; sie hätten bestätigt, daß sie bereit sind zu kommen und für die Kläger auszusagen. Im Gerichtsprotokoll ist festgehalten, daß all diese Personen ihre Bereitschaft , bei Gericht zu erscheinen erklärten, nachdem sie vollständig informiert waren und daß sie ihre Zustimmung dazu erklärt haben, nach Moskau zu kommen und für die Kläger zu zeugen.
Bereits vorläufig hätten sie diese Zustimmung erklärt, nach dem ersten Prozeßtag aber dann im genannten Sinne ihre Bereitschaft bestätigt. Ich bitte Euch, diese Information weiterzugeben und ggF. mit den genannten Personen Kontakt aufzunehmen und sie zu befragen, ob es sich wirklich so verhält.
Besonders nachdem die individuellen "Kläger" ihre Sache zurückgezogen haben, wird immer deutlicher, daß es sich um einen Angriff auf die Arbeit Dvorkins handelt. Prof. Dvorkin verbrachte die letzte Woche von 10-18.00 Uhr im Gerichtssaal. Er wurde befragt, u.a. danach, welche Bücher er gelesen habe. Die Kläger lassen durchblicken, daß sie viel Zeit haben. Die Zeugen Jakunins sollen erst in der zweiten Mai-Hälfte eingeflogen werden.

Ziel scheint es zu sein, Dvorkin zu beschäftigen und damit zu neutralisieren. Seine Vorlesungen müssen ausfallen; er kann sich nicht um seine Studentinnen und Studenten kümmern.
Wer Einfälle hat, wie die Situation positiv gewendet werden kann, möge sich bitte mit Vorschlägen beteiligen .

3. Verklagt von Koalition der Kulte

Zwei Briefe von A.L. Dvorkin an alle seine Freunde

Alexander L. Dvorkin "St.-Irenaeus-von-Lyon"-Zentrum Petrowka Str. 28/2 Moskau 103051, Russland Tel. 7-095-928; Fax 7-095-209-6815 Moskau, 1. Januar 1997

An alle meine Freunde
Ich möchte Sie darüber informieren, daß im November 1996 der frühere Dissident und Menschenrechtsvertreter Herr Gleb Jakunin einen Prozeß gegen mich angestrengt hat, in dem er mich beschuldigt, in Rußland gesetzlich anerkannte religiöse Organisationen, die ich "totalitäre Kulte" nenne, zu verleumden. Die Veröffentlichung, um die es geht ist meine Broschüre "10 Fragen an einen zudringlichen Fremden - oder: Handbuch für diejenigen, die nicht für einen destruktiven Kult gewonnen werden wollen".
Diese Broschüre habe ich 1995 geschrieben, noch im gleichen Jahr wurde sie vom Amt für Religiöse Erziehung und Katechismus des Patriarchats Moskau herausgegeben. In der Broschüre habe ich die charakteristischen Eigenschaften der destruktiven Kulte zu umreißen und zu zeigen versucht, wie sie sich von den legitimen Organisationen und traditionellen Konfessionen unterscheiden. Ich stützte mich beim Schreiben auf verschiedene westliche Publikationen, insbesondere Steven Hassans: "Ausbruch aus dem Bann der Sekten", Jean Ritchies: "Die geheime Welt der Kulte" und andere.

Mein persönlicher Hintergrund
Da meine Gegner die Fakten meines Lebens entstellen und diese Entstellungen verbreiten, möchte ich kurz meine Geschichte erzählen. Ich wurde 1955 in Moskau geboren. 1977 emigrierte ich aus politischen Gründen in die U.S.A. Mir wurde die sowjetische Staatsangehörigkeit entzogen, und ich war sechs Jahre lang staatenlos, dann wurde ich in Amerika eingebürgert. Dort erwarb ich einen Bachelor of Arts (BA) in russischer Literatur am Hunter College der City University of New York, den Magister der Theologie am Orthodoxen Theologischen Seminar St. Wladimir und den Doktorgrad in Mittelalterlicher Geschichte an der Fordham Universität. Ich habe an verschiedenen höheren Lehranstalten unterrichtet und eine Reihe von wissenschaftlichen Artikeln sowie eine Monographie in Buchform veröffentlicht. Ich habe bei dem Rundfunksender Voice of America in Washington, DC, als Autor und Radiosprecher und beim Radio Liberty in München als Chefredakteur der Nachrichtenabteilung gearbeitet. Am 31. Dezember 1991 bin ich mit dem Segen meines verstorbenen spirituellen Vaters Hochwürden John Meyendorff nach Rußland zurückgekehrt und lebe seitdem hier. Zur Zeit bin ich noch US-Bürger mit russischer Aufenthaltserlaubnis.
Seit März 1992 bin ich Mitarbeiter der Abteilung für Religiöse Erziehung des Patriarchats Moskau der Russischen Orthodoxen Kirche. Ich lehre Kirchengeschichte an der Russischen Orthodoxen Universität und Sektenkunde am Orthodoxen Theologischen Institut St. Tichon. 1993 gründete ich das Informations- und Beratungszentrum "St. Irenaeus von Lyon", das neue religiöse Bewegungen, Sekten und Kulte beobachtet und Informationen darüber verbreitet. Das Zentrum arbeitet mit dem Segen unserer kirchlichen Autoritäten; es ist in wenigen Jahren in ganz Rußland und in vielen fremden Ländern bekannt geworden.

Religionsfreiheit braucht Informationsfreiheit
Der Arbeitsgrundsatz unseres Zentrums ist, daß es die wahre Freiheit der Wahl nicht gibt ohne Informationsfreiheit. Bei ihrer Werbung geben die Kulte keine genauen Auskünfte über sich selbst, daher findet sich das Opfer oft plötzlich in einer Organisation, über die es praktisch nichts weiß. Auf diese Weise wird sein oder ihr Recht auf Informationsfreiheit verletzt, und er oder sie kann keine Entscheidung aufgrund echten Wissens treffen. Wir sind davon überzeugt, daß die meisten Opfer von Kulten diesen Organisationen nicht beigetreten wären, wenn sie rechtzeitig zutreffende Informationen darüber erhalten hätten.

Filarets Kontakte zu KGB und Munbewegung
Herrn Jakunin, der früher Priester beim Patriarchat Moskau war, wurde 1994 das Priesteramt entzogen, weil er die Vorschriften der Kirche gröblich verletzt hatte. Jakunin erkannte seine Amtsenthebung nicht an und schloß sich der sogenannten "Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Patriarchats Kiew" an. Letztere gilt der orthodoxen Weltgemeinschaft als schismatische Jurisdiktion. Sie wird geführt von dem selbsternannten "Patriarchen von Kiew und der ganzen Ukraine", Filaret, (bürgerlich: Michail Denisenko), ehemals Metropolit von Kiew der Russischen Orthodoxen Kirche.
Denisenko wurde 1992 wegen moralisch schändlichen Lebenswandels und Zusammenarbeit mit dem KGB seines Priesteramtes enthoben. Jetzt ist Herr Denisenko eine enge Verbindung mit Munbewegung und "Vereinigungskirche" des S. M. Mun eingegangen und hat sogar seinen persönlichen Vertreter, einen gewissen "Archimandriten" Wikenti Myskow, zur Versammlung der "Internationalen Family Foundation" am 15. Oktober 1996 in Moskau entsandt, um dort das Eingangsgebet zu sprechen und die Versammlung zu segnen.

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Letzte Meldung
Filaret und Jakunin exkommuniziert
Die Bischofskonferenz der Russisch-Orthodoxen Kirche, die in 
Moskau vom 18. - 23. Februar zusammengetreten war, hat am 
19.2.1997 den ehemaligen Priester Gleb Jakunin und Michail
Denisenko, den früheren Metropoliten Filaret, wegen ihrer 
schismatischen und kirchenfeindlichen Aktivitäten exkommuniziert. 
Beide haben erklärt, daß sie diese Entscheidung für sich nicht 
akzeptieren. Filaret (Michail Denisenko) bezeichnet sich jetzt 
als "Patriarch" einer "Ukrainisch-Orthodoxen Kirche (Kiewer 
Patriarchat)".
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Jakunins neue Freunde
Interessant ist, daß Jakunin früher immer wieder Filaret, damals für die Russisch-Orthodoxe Kirche (Moskauer Patriarchat) Metropolit von Kiew, seines unmoralischen Lebenswandels und seiner Verbindungen zum KGB wegen, wobei er den Codenamen "Antonow" verwandte, kritisiert hat. Aber als der dann amtsenthobene Herr Denisenko seine eigene Pseudokirche unabhängig vom Moskauer Patriarchat formte, verwandelte sich Herr Jakunin über Nacht in seinen ergebenen Verteidiger.
Im Jahre 1994 wurde Jakunin in die Duma (das Unterhaus des Russischen Parlaments) gewählt, er war aber bald berüchtigt wegen seiner Teilnahme an nicht so gewinnenden Zwischenfällen. 1996 wurde er nicht wiedergewählt.

Gewissensfreiheit und Scientology-Kuren
Jetzt steht er einer privaten gemeinnützigen Organisation "Öffentliches Komitee für die Verteidigung der Gewissensfreiheit" vor. Das Komitee hat sich einen Ruf dafür erworben, für eine Reihe von Sekten und destruktiven Kulten einzutreten, darunter die Zeugen Jehovas, die Mun-Bewegung und Scientology (als der Gesundheitsminister ein Verbot von Scientology im öffentlichen Gesundheitswesen erließ, schrieb Jakunin eine Reihe von Protesten gegen diese "diskriminatorische" Handlung, wobei er mich persönlich beschuldigte, der führende Kopf zu sein). Genau dieses Komitee hat den Prozeß gegen mich angestrengt und Jakunin als Vorsitzender hat unterschrieben.

"Verteidigung ... des geschäftlichen Ansehens"
In der "Klageschrift zur Verteidigung der Ehre, der Würde und des geschäftlichen Ansehens" wird erwähnt, daß meine Broschüre inhaltlich und in der sprachlichen Form die religiösen Organisationen beleidige, die vom Justizministerium anerkannt sind und rechtmäßig auf dem russischen Territorium wirken. Der Kläger behauptet, daß ich böswillig diese legalen Organisationen "totalitäre Sekten" und "destruktive Kulte" nenne und erwähnt fünf davon namentlich: "International Society of Krishna Consciousness, die Vereinigungskirche, die Scientology Kirche, das Mutter-Gottes -Zentrum, Aum Shinri Kyo und andere". Der Kläger glaubt, daß die folgenden Informationen, die ich in der Broschüre ausführe, falsch und verleumderisch seien:
Ich behaupte, die Kulte nähmen ihren Mitglieder Eigentum weg, aber das Komitee weiß von keinem einzigen Gerichtsurteil gegen Mitglieder der oben genannten religiösen Organisationen wegen Vergehens gegen fremdes Eigentum.
Ich behaupte, Kulte wendeten Gewalt gegen ihre Mitglieder an, aber in Rußland gebe es kein einziges Gerichtsurteil gegen Mitglieder der oben genannten Organisationen wegen solcher Vergehen.
Ich behaupte, das Ziel aller totalitären Kulte sei es, Macht zu erringen, aber wiederum gebe es in Rußland kein einziges Gerichtsurteil gegen Sekten wegen Staatsverbrechen.
Schließlich findet der Kläger meine folgende Behauptung besonders verleumderisch: "Die totalitären Kulte zögern nicht zu lügen, zu stehlen, zu betrügen oder ihre Mitglieder einer Bewußtseinskontrolle zu unterziehen, um die Amtsträger und Personen des öffentlichen Lebens zu verleumden, die gegen sie arbeiten, und sogar physisch zu zerstören, wen sie für einen Gegner einer ihrer Gruppen halten. Wir haben es hier tatsächlich mit mafiaähnlichen Strukturen zu tun ...".
Der Kläger behauptet, daß die in der Broschüre enthaltene Information die "neuen religiösen Organisationen" in Mißkredit bringe, weil ich zu verstehen gebe, daß sie tatsächlich kriminelle Organisationen seien und daß ihre Mitglieder sich ungesetzlicher Handlungen schuldig machten, was die Ehre und Würde einer unbestimmten Zahl von Menschen verletze - nämlich der Mitglieder der religiösen Bewegungen - und den Ruf der religiösen Bewegungen selbst.
Der Kläger fordert, "die genannten Daten über kriminelle Aktivitäten der nicht-traditionellen religiösen Organisationen und ihrer Mitglieder als unwahr zurückzuweisen".

Vorverhandlung
Am 16. Dezember hatten meine Rechtsanwältin, Frau Geralina Lubarskaja, und ich eine Zusammenkunft mit der Richterin Ludmila Saltikowa in ihrem Büro. Ebenfalls anwesend war ein Vertreter des Klägers, Herr Michail Osadtschew, und die Rechtsanwältin des Klägers, Frau Galina Krylowa. In vorhergehenden Prozessen hat Frau Krylowa Aum Shinri Kyo vor Gericht verteidigt und gegenwärtig verteidigt sie CARP (d. h. die Mun-Bewegung) in einem Prozeß in Petersburg.
Meine Rechtsanwältin, Frau Lubarskaja, stellte den Antrag, daß weder Herr Jakunin noch ein Komitee, da beide in meiner Broschüre nicht erwähnt werden, als Unbeteiligte das Recht hätten, mich an Stelle eines anderen zu verklagen. Die Richterin hat unseren Antrag abgelehnt mit der Bemerkung, die Scientologen und die Krishna-Anhänger der ISKCON stünden ohnehin mit ihren eigenen Klageanträgen vor der Tür. Die Richterin hat die Abteilung für Religiöse Erziehung und Katechismus des Moskauer Patriarchats, die meine Broschüre veröffentlicht hat und im Besitz des Copyrights ist, als meinen Mitbeklagten anerkannt.

Weitere Klagen
Seitdem habe ich drei weitere Anklageschriften erhalten - eine von einem Krishna-Mitglied, eine von einem Scientologen und die dritte von einer Gruppe von Scientologen. Sie wiederholen im wesentlichen die Argumente aus der ersten Anklage, fügen aber zwei weitere Punkte hinzu. Sie alle zitieren einen weiteren Satz aus meiner Broschüre, in dem ich sage, daß die traditionellen, historischen Bekenntnisse kulturell produktiv sind, einen wesentlichen Beitrag für die Gesellschaften leisten, in denen sie existieren, während die Kulte nur von der Gesellschaft nehmen, aber nichts zurückgeben. Was können sie tun, frage ich, außer stundenlang auf den Straßen zu betteln? Alle drei neuen Kläger entrüsten sich, daß die Mitglieder ihrer "Religionen" niemals auf der Straße betteln. Außerdem behaupten die Scientologen, daß Gruppen von ihnen in diverse Katastrophengebiete gegangen seien und unter Einsatz von Hubbard-Methodologien den Opfern geholfen hätten.
Der Verfasser der zweiten Schrift, ein Scientologe namens Titowtschenko erhebt eine finanzielle Forderung gegen mich. Er stellt sich als Mitarbeiter der "Scientology Kirche" vor. Er behauptet, daß die Veröffentlichung meines Buches zu einer Verschlechterung seiner Beziehungen zu seiner Ex-Ehefrau (sic! A. D.), zu einem engen Freund sowie anderen Freunden und Bekannten geführt habe. Diesen "moralischen Schaden" beziffert Herr Titowtschenko mit 55 Millionen Rubeln (10'000 Dollar).

Kirche im Kreuzfeuer
Der Fall erweist sich als sehr ernst. Es ist der erste dieser Art in Rußland, so daß es keine Präzedenzfälle gibt.
Im Grunde geht es um einen Rechtsstreit zwischen Jakunin, Scientology und Krishna-Bewegung gegen Dvorkin und das Moskauer Patriarchat der Russisch-Orthodoxen Kirche. Strittig ist das Recht der Kirche selbst, ihre eigene Stellung zu den Kulten zu beziehen: In meiner Broschüre sage ich ja nichts, was nicht schon in dem Beschluß des Rates der Bischöfe der Kirche über die neuen Kulte vom November 1994 gesagt worden wäre.
Natürlich machen sich die Kulte (und allen voran der aggressivste davon: Scientology) nicht so sehr Sorgen wegen meiner Broschüre, sondern wegen meiner Tätigkeit im ganzen. Während der vier Jahre, in denen ich dem St.-Irenaeus-von-Lyon-Zentrum vorgestanden habe, habe ich wenigstens 250 Veröffentlichungen in mehr als zehn Sprachen über neue religiöse Organisationen und Sekten gemacht (darunter drei Bücher), habe Vorträge in Rußland und einigen anderen Ländern gehalten, habe mindestens 15 Seminare und Konferenzen abgehalten, bin häufig in Radio und Fernsehen aufgetreten, habe eine Anzahl von Massenmedien und russische Regierungspersönlichkeiten (sowohl auf lokaler als auch auf Bundesebene) und Parlamentsabgeordnete beraten. Der letzte Schlag, den die Scientologen nur schwer ertragen haben, war der Erlaß des Gesundheitsministers von Rußland, der die Anwendung jeglicher scientologischer Methoden in der öffentlichen Gesundheitsfürsorge untersagte (Juni 1996). Dieser Erlaß erging nach zweijährigen Bemühungen des St.-Irenaeus-von-Lyon-Zentrums.

Haßkampagne
Die Haßkampagne gegen mich begann im Frühjahr 1996 mit einer grob zusammengezimmerten Fernsehsendung Wremetschko ("Ein Weilchen"), in der ich beschuldigt wurde, ein CAN-Agent in Rußland zu sein, der Menschen entführt und unter Zwangsanwendung zur Orthodoxie bekehrt. Die Sendung, die offensichtlich von Scientology finanziert worden war, war so grob zusammengeschustert, daß wir in der Lage waren, Wremetschko einen Prozeß anzudrohen und zu einer Entschuldigung innerhalb einer Woche sowie zur Verlesung unserer dreiminütigen Erklärung zu zwingen.
Im August 1996 erfuhr ich, daß Vertreter des mit Scientology in Verbindung stehenden Rechtsanwaltsbüros in Los Angeles Moxon und Bartelson (die auch CAN ruiniert hat) Kontakte zu meinen Freunden und Bekannten in den USA aufgenommen haben, um kompromittierende und peinliche Informationen über mich herauszufinden.
Etwa zur gleichen Zeit wurden die Zeitungen, die meine Artikel abgedruckt haben, mit Briefen überschwemmt, deren Verfasser mich aller nur vorstellbaren Sünden bezichtigten. Eine ganz einfache Nachprüfung ergab, daß alle diese Briefe von Scientology angestiftet waren. Vom Herbst 1996 an begann die Zahl der gegen mich und das St.-Irenaeus-Zentrum gerichteten Publikationen zuzunehmen. In letzter Zeit haben Zeitungen wie die Moscow News und Kuranti (eine Wirtschaftszeitung) gegen mich gerichtete Artikel ("ein Mann, der religiöse Zwietracht sät", "CAN-Agent", "ein Schüler des berüchtigten Kämpfers gegen religiöse Freiheit Aagaard" usw.) veröffentlicht, und so die Atmosphäre für den Prozeß vorbereitet. Die Veröffentlichung meiner und Dr. Aagaards Antworten, in denen die unwahren Behauptungen zurückgewiesen wurden, wurde barsch abgelehnt. Jakunins Taschenzeitung Express-Chronika schüttet ständig eimerweise Schmutz über mich aus. Ich muß natürlich hinzufügen, daß einige andere Zeitungen - Commersant Daily (auch eine Wirtschaftszeitung), Wek ("Das Zeitalter") usw. - uns unterstützende Artikel gebracht haben.

Runder Tisch der Gleichgesinnten
Am 27. Dezember 1996 veranstaltete der Duma-Abgeordnete Walery Borschow (Stellvertretender Vorsitzender des Duma-Komitees für Öffentliche und Religiöse Organisationen) eine Runden Tisch zu dem Thema "Tätigkeiten verschiedener Staatsorgane gegen das verfassungsrechtliche Prinzip der Bewußtseinsfreiheit". Es war als ein Treffen Gleichgesinnter geplant, aber ich erfuhr davon und konnte teilnehmen. Das Treffen hatte nur ein Ziel: durch Ablehnung des anti-scientologischen Erlasses des Gesundheitsministeriums und des Informationsmaterials über Kulte, das vom Innenministerium herausgegeben worden war, und durch Kompromittierung der "Anti-Kult-Bewegung" die Annahme des neuen Bundesgesetzes über Bewußtseinsfreiheit ( dessen eingebrachter Entwurf ein sehr milder Versuch der Kontrolle von Aktivitäten neuer religiöser Bewegungen und proselytenmachender Gruppen ist) zu beeinflussen. Die zu dem Runden Tisch eingeladenen "unabhängigen Experten" für "Neue Religiöse Bewegungen" waren Herr Sergej Iwanenko mit seinen wohlbekannten Verbindungen zur Mun-Bewegung und Herr Marat Sterin, der Schüler und Anhänger von Frau Eileen Barker ist, - eine angeblich unabhängige Kultexpertin. In ihren langatmigen Ausführungen behaupteten sowohl Herr Iwanenko wie auch Herr Sterin, daß das einzige Problem mit den Kulten die "Anti-Kult-Bewegung" sei, die Mythen von Bewußtseinskontrolle und andere angebliche Vergehen der nicht-traditionellen Religionen erfinde. Allein die "Anti-Kult-Bewegung" trage die Schuld an den Tragödien von Jonestown und Waco. Herr Jakunin sagte, daß der einzige totalitäre Kult, den er kenne, die Russische Orthodoxe Kirche sei und daß Amerika niemals zulassen werde, daß Rußland "diskriminatorische" religiöse Gesetze verabschiedet. Dann sprach Herr A. Ptschelintsew, der Direktor des privaten nicht-regierungsamtlichen Instituts für Religion und Staat. Er sprach hauptsächlich über mich, beschuldigte mich, ein Bangemacher zu sein und zu religiösem Haß aufzuwiegeln, und schlug vor, mich als Ausländer in Handschellen zu legen und innerhalb von 24 Stunden aus dem Lande zu schaffen. Herr Sergej Suew, der Vorsitzende des Exekutivkomitees des russischen Zweiges von ISKCON, pflichtete diesem Vorschlag aus ganzem Herzen bei und fügte hinzu, daß ich allein einen hysterischen "Anti-Kult-Kreuzzug" in Rußland begonnen hätte, daß ich persönlich hinter jeder Regierungsentscheidung gegen neue religiöse Organisationen stünde und daß er mich persönlich verantwortlich mache für Übergriffe gegen Gruppen von Krishna-Anhängern, die sich in Rostow und Krasnodar (Südrußland) zutrugen. Viele andere Ausführungen enthielten ähnliche Behauptungen. Und das alles trotz der Tatsache, daß ich in Fettdruck in meiner Boschüre ausführe, daß die Kultanhänger Opfer von Bewußtseinskontrolltechniken sind und ihnen mit Geduld und Mitgefühl begegnet werden muß.

Streit um die Freiheit der Meinungsäußerung
So also endet das Jahr 1996 für mich. Ich wiederhole noch einmal, daß dieser vor uns liegende Rechtsstreit von äußerster Wichtigkeit ist: Erstmalig erproben die Kulte in Rußland ihre Stärke. Sie wollen zeigen, daß sie der neue Faktor in der russischen Realität sind und man mit ihnen rechnen muß. Sie wollen sehen, inwieweit ihre Gegner zusammenstehen und ob man sie einen nach dem anderen aus dem Wege räumen kann. Auf dem Spiel stehen so wichtige demokratische Werte wie die Freiheit der Meinungsäußerung und die Freiheit der Information in Rußland. Wir haben das Recht, unserer Meinung über Kulte Ausdruck zu geben und die Bürger Rußlands über ihre illegalen Aktivitäten und über totalitäre Tendenzen in ihren Lehren und ihrem Tun zu informieren. Und die Bürger Rußlands haben ein Recht auf diese Informationen.
Dieses Recht wird jedoch von den Kulten als ein Hindernis für ihr Machtstreben in unserem Lande angesehen. Hier liegt die wahre Bedeutung dieses strittigen Gerichtsverfahrens, das sie angestrengt haben. Sollten wir es verlieren, würde dies einen Präzedenzfall schaffen, der uns und den Bürgern Rußlands unsere unveräußerlichen Rechte entzieht. Deshalb müssen wir gewinnen!

Bitte und Gruß
Ich bitte um Ihre Gebete, um Ihre Hilfe in jeder Weise, die Sie für geeignet halten, einschließlich Informationsunterstützung, politischer Unterstützung und Spenden, damit wir unsere Gerichtskosten begleichen können. Ich werde Sie über die zukünftigen Ereignisse auf dem laufenden halten.
Gesegnete Weihnachten und ein glückliches Neues Jahr.
Mit Liebe zu unserem Herrn Christus,
Alexander L. Dvorkin

* * * * * * * * * * *

Moskau, 28. Februar 1997

Liebe Freunde!
Seine Heiligkeit, Patriarch Alexey II. hat sein persönliches Interesse an unserem Fall ausgedrückt und seinen Vikar - Seine Eminenz Tikhon, Bischof von Bronnitsa und Leiter des Rates für Veröffentlichungen der Russisch Orthodoxen Kirche - damit beauftragt, in den Prozeß auf meiner Seite einzutreten.
So gibt es jetzt drei Beklagte: Alexander Dvorkin, die "Abteilung für religiöse Erziehung und Ausbildung" und den "Rat für Veröffentlichungen der Russisch- Orthodoxen Kirche".

28 Kläger, meist Scientologen
Auch die Zahl der Kläger ist gewachsen. Zur Zeit sind es im ganzen 28. Neben Jakunin Komitee und einer Krishna Anhängerin, sind die übrigen Kläger einzelne Scientologen. Es ist bemerkenswert, daß die Kulte selbst es nicht wagen, ihre Behauptungen auf dem Klagewege durchzusetzen, sondern ihre Mitglieder beauftragen, es zu tun.
Alle neuen Klagen, die angeblich spontan eingereicht wurden, sind in Wirklichkeit identisch, bis auf eins. Dieses eine, geschrieben von dem Scientologen Gorko, ist besonders bemerkenswert, weil es die wahren Gefühle der Kultanhänger mir gegenüber enthüllt: "Wie kommt es, daß Sie immer noch leben, Herr Dvorkin?" fragt er in seiner Klageschrift. Ich empfinde dies als eine echte Bedrohung meines Lebens.

Dead Agenting: Eine Pseudobiographie
Die "Moscow Church of Scientology" hat eine "Biographie" von mir veröffentlicht, übertitelt: "Dvorkin der Schreckliche als religiöser Typ"*. In dieser Schrift klagen sie mich des Fanatismus, der Inkompetenz und krimineller Verbindungen mit CAN an. Sie haben es in ganz Moskau an jeden geschickt, der irgendwie interessiert sein könnte.

Unterstützung von PEN-Club bis "Syndesmos"
Wir drei Beklagten haben am 31. Januar eine Pressekonferenz durchgeführt, die von vielen Journalisten besucht wurde. Es gab daraufhin eine Reihe von Artikeln und Fernsehberichten zu unseren Gunsten. Nur die in Paris erscheinende Wochenzeitung "Russkaya Mysl" veröffentlichte drei sehr aggressive und negative Artikel über uns.
Der russische PEN-Club hat starke Unterstützung für uns ausgedrückt und die Schriftstellerin und Dichterin Frau Olesya Nikolaeva damit beauftragt, meine Vertreterin im Gericht zu sein. Es gibt eine breite spontane Kampagne, Unterstützungsbriefe für unseren Fall zu schreiben. Bisher haben wir Briefe mit über 10.000 Unterschriften aus ganz Rußland erhalten, und das ist nur der Anfang! Ich habe auch einen Unterstützungsbrief von "Syndesmos", der gesamtorthodoxen Jugendorganisation erhalten.

Jetzt will ISKCON Dialog
Von all dem scheinen die Kläger etwas verwirrt und überrascht zu sein. Sie haben nicht solche massive Kirchenunterstützung für mich erwartet und befinden sich jetzt in einer sehr unbequemen Situation.
Ihr Ziel war, die Klage zu gewinnen und zu zeigen, daß ich nicht die Meinung der Kirche vertrete, von der sie annahmen, sie würde auf einer mehr "konstruktiven" Position stehen. Aber jetzt müssen sie feststellen, daß sie die Orthodoxe Kirche selbst mit einem Prozeß überzogen haben, was sehr schlechte PR für sie bedeutet. Denn die russische öffentliche Meinung erinnert sich gut an die kommunistischen Prozesse, als die Kirche auf die Anklagebank gesetzt wurde.
Die Krishna-Vertreter schreiben jetzt eine Menge Briefe an alle möglichen Kirchenstellen und bitten darum, einen offiziellen Dialog mit ihnen zu eröffnen und versprechen im Gegenzug, ihre Anhängerin zu überzeugen, ihre Klage bei Gericht zurückzuziehen. Andernfalls, so drohen sie, würden sie noch viel mehr Klageschriften einreichen. Aber die Russisch-Orthodoxe Kirche, die einen ständigen Dialog mit allen traditionellen religiösen Körperschaften führt, wird mit Betrügern keinen Dialog führen.

Erste Verhandlung Anfang April
Die Richterin Lyudmila Saltykova vom Horoshovsky Distrikt Gericht in Moskau, hat den Termin für die erste Verhandlung auf den 3. April 1997 festgelegt.
Mit Liebe zu unserem Herrn Jesus Christus

Alexander L. Dvorkin

     
* Anm. der Redaktion: Damit spielen die Scientologen an auf 
  die Dissertation Dvorkins: 
  Alexander Dvorkin: Ivan the Terrible as a Religious Type. 
  A Study of the Background, Genesis and Development of the 
  Theocratic Idea of the First Russian Tsar and his Attempts 
  to establish "Free Autocracy" in Russia. 
  Mit einem Vorwort von John Meyendorff. 
  OIKONOMIA. Quellen und Studien zur orthodoxen Theologie, 
  begründet von Fairy von Lilienfeld, 
  herausgegeben von Karl Christian Felmy und Heinz Ohme, 
  Band 31, Erlangen 1992. ISBN 3-923-119-31-3. 
  Auslieferung: Lehrstuhl für Geschichte und Theologie des 
  christlichen Ostens, Kochstr. 6, D-91054 Erlangen