Mediziner vom Bezirkskrankenhaus Erlangen erhebt sehr schwere Vorwürfe gegen die Scientology-Organisation

"Ein Dressieren mit Hilfe der Psychotherapie"

Psychosen und akut bedrohliche Zustände nach Seminaren -
Forschergruppe soll mehr wissenschaftliche Daten zusammentragen

Nürnberger Nachrichten
5.Juni 1998

VON ROLAND ENGLISCH

MÜNCHEN - Gert Tauber versucht es mit einfachen Bildern. Was die Scientology-Sekte mache, sagt der Erlanger Mediziner, sei nichts anderes als ein "Abrichten und Dressieren" der Menschen mit den Techniken der Psychotherapie. "Sie erzeugt Zustände, in denen das Bewußtsein nicht mehr ganz da ist, eine Art Trance oder Hypnose." Dann, sagt der Psychotherapeut, "kann ich die Gesinnung der Leute umformen", ihnen jedes Mitleid nehmen, sie an die Sekte fesseln.

Niemand, sagt der Arzt, sei dagegen gefeit, auch derjenige nicht, der sich für stark hält. "Wenn ich die Psychotechniken richtig einsetze, kann ich jeden Menschen dressieren." Nirgendwo sonst habe er erlebt, "daß diese Techniken so perfekt eingesetzt werden."

Tauber arbeitet am Erlanger Bezirkskrankenhaus und betreut ehemalige Scientologen ebenso wie Menschen, die an Seminaren der Organisation teilgenommen haben, etwa an sogenannten Reinigungs-Run-Downs. Die Teilnehmer sollen sich dabei körperlich wie seelisch befreien, so das Angebot der Sekte. Tatsächlich aber gerieten sie laut Tauber "in psychische Extrembelastungen. Die gehen dabei enorm aus dem Leim." Häufig folgten psychotische Episoden mit "akut bedrohlichen Zuständen von panischer Angst bis zu Euphorie". Manche Opfer landen dann bei Tauber.

Das sei jedoch selten der Fall. "Der Weg ins Bezirkskrankenhaus ist für die Menschen ganz schön weit", sagt der Arzt. "Es ist die Endstrecke." Er habe aber schon Fälle erlebt von Leuten, die über die Seminare bei ihm auf der geschlossenen Station landeten. So wie er Aussteiger erlebt hat, "deren Selbstwertgefühl total zusammengebrochen ist. Sie sind schwer depressiv, lange Zeit selbtsmordgefährdet und vollkommen entwurzelt."

Und sie sind die Ausnahme. Die Scientologen, sagt Tauber, hätten ihr System "so perfektioniert", daß ihre Opfer nach der Behandlung "unerreichbar sind. Solange sie dieses System selbst nicht hinterfragen, trägt es. Erst wenn sie selbst etwas Kritik an sich heranlassen, bricht es zusammen." Dies aber verhindere die Orga nisation. Zwar kennt auch Tauber nur Einzelfälle, spricht von vier Aussteigern in drei Jahren.

Doch die Gefahr durch die Sekte hält er für groß. Die Sekte sei "bedrohlich, weil sie den Zeitgeist aufgreift", sagt er. "Sie ist ein Trendsetter." Ein Trendsetter von unbestimmter Größe. Rund 10 000 Mitglieder zählt die Sekte nach Schätzungen des bayerischen Innenministeriums bundesweit, etwa 3000 sollen in Bayern leben, weil in München ihre deutsche Zentrale sitzt. Doch klare Erkenntnisse besitzt noch niemand, trotz mehrerer Durchsuchungsaktionen und trotz der Überwachung der Sekte durch die Verfassungsschützer. Frühestens in einem Jahr, sagt Innenminister Günther Beckstein, lasse sich Bilanz ziehen.

Entsprechend vorsichtig argumentieren seine Mitarbeiter. Jürgen Keltsch, der in den 80er Jahren noch als Staatsanwalt selbst eine Durchsuchungsaktion bei der Sekte geleitet hat, hält alle Angaben derzeit für unseriös. Eine Forschergruppe soll der Sekte deshalb wissenschaftlich auf den Leib rücken; politisch und juristisch versucht das schon das Innenministerium. Mit angeblich sichtbarem Erfolg. Die Sekte, sagt Beckstein, agiere vorsichtiger bei der Verfolgung abtrünniger Mitglieder. Und sie habe Probleme beim Anwerben. Das sei auch das Verdienst der offensiven Arbeit seines Hauses, das nun wieder zwei neue Broschüren aufgelegt hat zur Sekte.

Die Frage eines Rundfunk-Journalisten, ob der Staat auf die Sekte nicht etwas zu heftig reagiere, bringt den Minister in Rage. Es sei "schlichtweg unverantwortlich, wenn der Staat eine solche Gefahr erkennt und nicht darauf reagiert".

Doch so sehr der Innenminister auch mit der ganzen Härte des Staates droht, im konkreten Fall kann auch er nicht immer handeln. So ist seinem Haus seit langem bekannt, daß im benachbarten Kultusministerium ein Beamter der Sekte angehört. Gegen ihn könne er schwerlich etwas unternehmen, sagt Beckstein. Der Mann sei auf Lebenszeit berufen und "mit der Überprüfung von Abrechnungen beauftragt". Da sei "eine Gefährdung junger Leute ausgeschlossen".