Die nachstehenden Texte sind ein kleiner, auf Scientology bezogener Ausschnitt aus dem Berliner Dialog 4/96!

BERLINER DIALOG NR 7

Informationen und Standpunkte zur religiösen Begegnung - Die
deutschsprachige Zeitschrift des Dialog Center International für die
Mitglieder und Freunde des Dialog Centers
erscheint in enger Zusammenarbeit mit den
Redaktionen von "Den nye Dialog" (dänisch),
"Spirituality in East and West - Update & Dialog" (englisch) und
"dialogos" (griechisch).
Die namentlich gekennzeichneten Artikel geben die Meinung der Verfasser
wieder. Ungezeichnete Artikel geben die Ansicht der Herausgeber wieder.


 Herausgeber 

Pfr. Thomas Gandow, Provinzialpfarrer für
Sekten- und Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche in
Berlin-Brandenburg und
Dialog Center International, Aarhus


 Wissenschaftlicher Beirat 

 Prof. Dr. Johannes Aagaard, Aarhus * 
John Atack, London, Großbritannien * 
Rechtsanwalt Prof. Dr. Ralf-Bernd Abel, Schleswig und Schmalkalden * 
Erzpriester Dr. Dr. Antonios Alevisopoulos _+ * 
Prof. Claire Champollion, Paris *
Prof. Dr. Alexander Dvorkin, Moskau *
Prof. Dr. Michael Fuss, Rom * 
Dr. Rüdiger Hauth, Witten * 
Prof. Dr. Dr. Gottfried Küenzlen, München * 
Dekan AndrejKuraev, Moskau*
Prof. Dr. Martin Lambeck, Berlin * 
Acharya Moti Lal Pandit, Neu-Delhi * 
Pfr. Ehrhardt Neubert, Berlin * 
Prof. Dr. Nietzsch, Berlin * 
Dr. Tomas Novotny, Mährisch-Ostrau * 
Prof. Dr. Irmgard Oepen, Marburg * 
Pfr. Dr. Hans-Jürgen Ruppert, Stuttgart


 Copyright 

by Dialog Center International und Archiv für
Religions- und Weltanschauungsfragen Berlin
1995. All rights reserved.

Verlag: Wichern-Verlag GmbH, Berlin
Satz und Layout: IQMediaTech, Berlin
Druck: Wichern-Verlag GmbH, Berlin
ISSN 0948-0390


 Bezugsbedingungen 

Berliner DIALOG erscheint viermal jährlich.
Der Preis des Jahresabonnements beträgt für
vier Ausgaben DM 40,- einschließlich Inlandsporto. Das Einzelheft kostet
DM 10,- zuzüglich Porto. * Alle Preise enthalten die gesetzliche
Mehrwertsteuer von zur Zeit 7 Prozent. *
Das Abonnement des BERLINER DIALOG
verlängert sich jeweils um ein Jahr, sofern die
Zeitschrift nicht bis zum 1. Dezember des vorangehenden Jahres
abbestellt wird. * Einbanddecken werden nicht geliefert. *
Wichern-Verlag GmbH, Bachstr. 1-2, D-10555 Berlin-Tiergarten


Inhaltsverzeichnis:

  1. Scientology - bona-fide-Religion oder totalitärer Psycho-Konzern?
  2. Kommentar: Ohne Skrupel
  3. Deutsche Enquête-Kommission absichtlich lahmgelegt?
  4. Zu den wahren Wurzeln von Scientology
  5. Briefwechsel Heber Jentzsch - Wolfgang Ullmann
  6. Die Hand, die ihn füttert - Gottfried Helnwein
  7. Hamburger Expertin Caberta (SPD) verteidigt bayerisches Vorgehen gegen Scientology


Scientology - bona-fide-Religion oder totalitärer Psycho-Konzern?

Können Religionswissenschaftler die Frage klären?

von Eduard Trenkel

Die erheblichen wirtschaftlichen und politischen Betätigungen der Scientology-Organisation (SO) werden in der europäischen Öffentlichkeit mit großer Skepsis beobachtet. Der Versuch, in Europa mit juristischen, vereinsrechtlichen, steuerlichen und wirtschaftspolitischen Mitteln dem Ausgreifen der Scientology-Organisation entgegenzutreten, wird von Scientology mit einer breit angelegten, publizistischen Kampagne beantwortet. Die Scientology-Organisation bringt jetzt Leumundsgutachten "aus der Wissenschaft" und unterstützende Stimmen aus Kunst, Publizistik und Medien bei, nachdem sie in breitem Umfang persönliche Diffamierungen gegenüber gewählten Volksvertretern, die sich im Rahmen ihres politischen Mandats kritisch mit der totalitären Scientology-Organisation auseinandersetzten veröffentlicht hat. In ganzseitigen Anzeigen in der internationalen Presse wurden deutsche Politiker der Verfolgung religiöser Minderheiten und Verletzung der Menschenrechte bezichtigt und mit Nazi-Verbrechern auf eine Stufe gestellt. Zu den so diffamierten Kritikern , die von der SO besonders ins Visier genommen werden, gehören unter anderem Bundesarbeitsminister Norbert Blüm, Bundesfamilienministerin Claudia Nolte, Frau Renate Rennebach MdB, Herr Johannes Gerster MdL, der als "Politterrorist" beschimpft wurde, Frau Ursula Caberta von der AG Scientology beim hamburgischen Senat, Frau Ortrun Schätzle MdB, Vorsitzende der einschlägigen Enquête-Kommission des deutschen Parlaments und der bayrische Innenminister Günther Beckstein.

Wissenschaftler verkünden eine "unwiderlegbare und wissenschaftlich begründete Wahrheit"

In einer von Scientology mit Datum vom 21.8.1996 verbreiteten Unterschriftensammlung behaupten Massimo Introvigne und Gordon Melton sowie einige Religionswissenschaftler, in Deutschland wollten Politiker bestimmen, was Religion sei; gegenüber solch "intoleranten und verfassungswidrigen Anstrengungen" gelte es, "die unwiderlegbare und wissenschaftlich begründete Wahrheit - die Religionseigenschaft von Scientology" zur Kenntnis zu nehmen und insbesondere "Nutzen zu ziehen" aus den Studien der unterzeichnenden "Wissenschaftler", und "aus unserer Erfahrung und den Jahren des Studiums und der Ausbildung auf diesem Gebiet".

Eigentlich haben sich die Unterzeichner bereits mit diesen Aussagen disqualifiziert: Eine der Grundbedingungen von wissenschaftlichen Aussagen und wissenschaftlichen Erkenntnissen ist ihre prinzipielle Falsifizierbarkeit; unwiderlegbare Wahrheitsansprüche gehören in den Bereich der Ideologie, nicht in den Bereich der Wissenschaft. Darum muß mit Ernst gefragt werden, wie es um die wissenschaftliche Qualifikation derer steht, die so etwas unterzeichnen.

SO-Parteigänger greifen deutsche Regierung an

Den Vertretern der deutschen Regierung wird unterstellt , ihre Haltung zu Scientology basiere "ganz eindeutig nicht auf Vernunft und wissenschaftlichen Methoden und Kriterien"; ganz in scientologischem Stil heißt es weiter, sie würden "von dem Thema, über das sie sprechen, schlichtweg nichts verstehen. Ihre Feststellungen und Schlußfolgerungen zeigen, daß sie die Scientology-Religion nicht verstehen und nicht die nötigen Qualifikationen besitzen zu bestimmen, was eine Religion ist und was nicht." (Interpunktion wie Original) Vollends wird deutlich, daß die Soldaritätserklärung nicht neutrale Fachleute, sondern Scientologen formuliert haben, wenn es ohne Erläuterung heißen kann, daß die "Verantwortlichen Ihrer Regierung oder Partei" aufgefordert werden sollen, "mit Vertretern der Kirche in einen sachlichen Dialog einzutreten, damit dieser religiöse Konflikt gelöst werden kann."

Unterschrieben wurde diese Fassung von

Prof. Dario Sabbatucci, Universität Rom
Prof. Juha Pentikainen, Universität Helsinki
Prof. em. Arild Hvidtfeldt, Universität Kopenhagen
Prof. Petro Bilaniuk, Universität Toronto
Prof. Darrol Bryant, Universität Waterloo, Ontario
Prof. Lonnie Kliever, Leiter der Abt. für Religionsstudien
an der Southern Methodist University Dallas
Prof. Frank Flynn, Universität Washington, St. Louis
Avv. Massimo Introvigne, Studienzentrum für neue Religionen, Turin
Dr. Gordon Melton, Universität Kalifornien, Santa Barbara

Eine etwas kürzere, gemäßigte Fassung haben unterschrieben:

Professor Liliane Voyé, Gegenwärtige Präsidentin
der Internationalen Gesellschaft für Religionssoziologie, Belgien
Dr. Bryan Wilson, Emeritus Fellow, Oxford University, England
Prof. Karel Dobbelaere, Katholische Universität Leuven, Belgien

Fachlich zur Sache nicht ausgewiesen

Durch einen Kardinalfehler bereits vom hohen Roß der angeblichen Wissenschaftlichkeit gefallen, muß den sich auf peinliche Weise selbst empfehlenden Personen die konkrete, persönliche und wissenschaftliche Kompetenz auch auf Grund fehlender oder unzulänglicher Arbeiten bestritten werden. Faktum ist, daß man von den meisten der angeführten angeblichen Sachkenner bisher wenig Informatives zur Sache selbst gehört hat und daß ihre Studien bisher wenig Spuren, Ergebnisse und Veröffentlichungen zum Thema gezeitigt haben.

Erst in jüngster Zeit hat die SO nun einige, von der Organisation offenbar selbst in Auftrag gegebene und verbreitete Gutachten solcher "Wissenschaftler" in Umlauf gesetzt, in denen die Behauptung aufgestellt wird, Scientology sei eine "bona-fide-Religion", ja sogar eine Art "technologisierter Buddhismus" (F. Flinn).

Jentzsch versendet "Gutachten"

Mit einem Anschreiben des SO-Präsidenten Jentzsch werden diese"Gutachten" der angeblichen religionswissenschaftlichen Fachleute versandt. Grundsätzlich wird in keinem der Papiere der Auftraggeber und der Anlaß des jeweiligen Gutachtens genannt.

Alle Gutachten liegen als Broschüren vor, die von Jaqueline Kevenaar bei "Freedom Publishing", 6331 Hollywood Boulevard, Suite 1200, Los Angeles, California 90028-6329, USA o.J. (1996) herausgegeben wurden.

Es sind im einzelnen folgende Schriften:

Per-Arne Berglie, Professor für Religionsgeschichte, Universität Stockholm,
Stockholm, Schweden:
Scientology - Ein Vergleich mit östlichen und westlichen Religionen (6 S., Datierung 20.3.1996)

Alan W. Black, außerordentlicher Professor für Soziologie,
Universität von Neu-England, Armidale, New South Wales, Australien:
Ist Scientology eine Religion? (16 S., Datierung 24.1.1996)

M. Darrol Bryant, Ph.D., Professor für Religion und Kulturformen,
Renison College, Universität Waterloo, Waterloo, Ontario, Kanada:
Scientology - Eine neue Religion (12 S., Datierung: 26.9.1994)

David Chidester, Professor für vergleichende Religionswissenschaft,
Universität Kapstadt, Südafrika:
Scientology - Eine Religion in Südafrika (15 S., Datierung --)

Frank K. Flinn, Ph.D., außerordentlicher Professor für Religionswissenschaft,
Universität Washington, Saint Louis, Missouri, USA:
Scientology - Die Kennzeichen einer Religion (12 S., Datierung: 22.9.1994)

Harri Heino, Professor für Theologie,
Tampere, Finnland:
Scientology - Ihre wahre Natur (5 S., Datierung 26.10.1995)

Lonnie D. Kliever, Dr. Phil., Professor für Religionswissenschaft,
Southern Methodist University, Dallas, Texas, USA:
Scientology - Eine religiöse Gemeinschaft (12 S., Datierung 26.9.1994)

Bryan Wilson, Dr. Phil., Emeritus Fellow,
Oxford University, England:
Scientology Vergleichende Analyse ihrer religiösen Lehre und Doktrin (59 S., Datierung: Februar 1995)

Was von diesen "Gutachten" fachlich und sachlich zu halten ist, hat Prof. Wolfgang Ullmann MdE in seinem sehr höflich formulierten, und nicht minder deutlich gehaltenen Schreiben an den Aussender dieser Gutachten klargestellt. (siehe weiter unten!)

Informationen zu Unterzeichnern und Gutachtern

Ein Großteil der "Unterzeichner" und "Gutachter" sind im Übrigen bereits als Lobbyisten auf dem Gebiet der "Jugendreligionen", "New Religious Movements" und "Cults" aktiv gewesen, jedoch bisher überwiegend im Zusammenhang mit der Munbewegung.

Nur einer der Kämpfer, Darrol Bryant, gibt in seinem Gutachten im Rahmen seiner Vorstellung die intensive Verbindung zur Mun-Bewegung (AWR = Assembly of World Religions, Mun-Organisation) an.

Gleiches oder stärkeres Engagement gilt für Frank K. Flinn, Teilnehmer und Referent bei New ERA = New Ecumenical Research Association, Mun-Organisation und ICUS = International Conferences on the Unity of Sciences, Mun-Organisation, Senior Advisor bei IRF = International Religious Foundation, Mun-Organisation, Editor des IRF-Newsletters, Editorial Board Member von Dialogue & Alliance (Zeitschrift der IRF), Senior Consultant des Sun Myung Moon Institute;

Harri Heino war mehrfach Teilnehmer bei ICUS und AWR;

Lonnie D. Kliever ist nicht nur als Advisor bei New ERA und als Teilnehmerin bei ICUS und AWR hervorgetreten, sondern war sogar Unterzeichnerin der Anzeige "Proud to know him", als Mun wegen Steuerbetrug im Gefängnis einsaß;

auch Bryan Wilson ist New ERA-Teilnehmer und Referent gewesen ebenso wie Karel Dobbelaere ICUS-Teilnehmer und New ERA-Referent war und Petro Bilaniuk von der Universität Toronto, der New ERA-Teilnehmer war.

Bei den "alle Kosten frei"-Seminaren und Konferenzen haben sich diese Personen ihren Schneid und die wissenschaftliche Geradlinigkeit abkaufen lassen. Offensichtlich sind sie nun nicht nur der Mun-Bewegung bötig.

Letztlich desaströs für das wissenschaftliche Renommee muß es sich auswirken, wenn sich Wissenschaftler aus kurzfristigen persönlichen Interessen oder Schwächen oder auch aus schlichter Unkenntnis und Geltungsbereitschaft von Mun-Bewegung oder Scientology und vergleichbaren Organisationen gebrauchen und schließlich instrumentalisieren lassen. Es unterliegt meist den Nützlichkeitserwägungen der Organisationen, wann "Zahltag" ist und wann der Tagungsbesucher, heimliche Unterstützer und inoffizielle Mitarbeiter sich mit fremdformulierten Resolutionen "outen" und zu seinen Hintermännern "bekennen" muß.

Nicht "die Religionswissenschaft" ist durch solchen Lobbyismus diskreditiert, sondern einzelne, meist randständige Vertreter des Faches haben sich im In- und Ausland leichtfertig auf Auftragsarbeiten eingelassen. Manche haben sich aber anscheinend den Hut des Religionswissenschaftlers auch unberechtigterweise aufgesetzt.

Die Frage, ob Scientology Religion ist oder nicht, ist politisch nur von eingeschränktem Interesse. Denn schon vor Jahren stellte das deutsche oberste Verfassungsgericht fest, daß durch die in der Verfassung verbriefte Religionsfreiheit z.B. nicht alles, was als religiös gilt, bereits zulässig ist. Als Beispiele solcher, nicht durch die Religionsfreiheit geschützten (aber teilweise zweifellos religiös motivierten) Betätigungen nannte das Verfassungsgericht Polygamie, Witwenverbrennungen, Menschenopfer oder Tempelprostitution. Viele Fragen und Probleme sind also durchaus in den politischen und juristischen Bereich zu verweisen und dort mit Sachverstand zu regeln.

Selbst im Falle, Scientology wäre fraglos ein religiöses Phänomen, was bestritten wird, würde also keineswegs eine politische, juristische, steuerpolitische oder kriminalpolizeiliche Beschäftigung mit Scientology verwehrt sein.

Auch ein Betätigungsfeld für Religionswissenschaft?

Auch wenn Resolutionen kein wissenschaftliches Erkenntnismittel sein können und unseriöse und bestellte Antworten ausscheiden müssen bleibt die Frage: Was ist eigentlich Religion und was nicht? Und wie hilfreich wäre die Klärung dieser Frage für die anstehenden Probleme? Ist die Religionswissenschaft als solche kompetent, die Frage, ob Religion oder nicht zu beantworten?

Hierzu hat der Doyen der deutschen Religionswissenschaft, Peter Antes, erst unlängst an hervorgehobener Stelle grundsätzlich und skeptisch festgestellt:

"Mit Blick auf die Gegenwart wirft das Fehlen einer Religionsdefinition erhebliche Probleme auf, weil zu entscheiden ist, ob die eine oder andere Bewegung wie etwa die Scientology Church eine Religion ist oder nicht. Diese Frage ist bekanntlich bis ins Strafrecht hinein relevant, wenn es um die steuerrechtliche Absetzbarkeit von Spenden an diese Gruppe geht. Die Religionswissenschaft das muß hier in aller Deutlichkeit gesagt werden - kann da nicht weiterhelfen. Ihre bisherige Verfahrensweise, ohne distinktive Definition wichtige Bewegungen aus der Kultur- und Geistesgeschichte nach gängiger Praxis als religiöse Bewegung zu betrachten und entsprechend zu untersuchen, verunmöglicht es ihr, bezogen auf neue Bewegungen von heute, begründet zu sagen, ob sie in den Kanon des zu behandelnden aufzunehmen sind oder nicht, zumal einige davon wie die Scientologen sich selbst Kirchen oder Religionen nennen und damit den Anspruch erheben, Forschungsgegenstand von Religionswissenschaft zu sein."
(in: Peter Antes (Hrsg.):
Die Religionen der Gegenwart.
Geschichte und Glauben.
C.H. Beck Verlag, 1996, S. 10 f.)

Wir teilen zwar diese Skepsis, meinen aber zugleich, daß der sachliche, wissenschaftliche Beitrag der Religionswissenschaften, der Religionsgeschichte, der Religionsphilosophie und Religionssoziologie usf. unverzichtbar wichtig ist - gerade angesichts der religiösen Ansprüche und Behauptungen der Scientology-Organisation.

Wir setzen uns deshalb auch unter religionswissenschaftlichen Gesichtspunkten weiter mit Scientology auseinander und bringen in diesem Heft Auszüge aus einer Arbeit von Helle Meldgaard zu den oft beschworenen "Religiösen Wurzeln" von Scientology.

Pfr. Eduard Trenkel, 46,
ist der Beauftragte der Ev. Kirche von Kurhessen-Waldeck für Sekten- und Weltanschauungsfragen.
Er amtiert außerdem als Geschäftsführer der KLB.


Kommentar: Ohne Skrupel

von Thomas Gandow

Reisende Kult-Unterstützer treten als "Religionswissenschaftler" auf

Als immer offenere Kult-Lobbyisten betätigen sich Massimo Introvigne, ein Turiner Rechtsanwalt mit exzellenter Kenntnis des Satanismus und Gordon Melton, ein amerikanischer methodistischer Theologe, hervorgetreten vor allem mit Listen und Kompilationen. Beide unterhalten kleine private Institute (CESNUR und ISAR), über deren Finanzierung wenig bekannt ist und die international als Lobby-Einrichtungen hervortreten.

Beide reisen weit, um für Kult-Organisationen aufzutreten. So engagierte sich Introvigne als Entlastungszeuge für Scientology beim Scientology-Prozeß in Lyon/Frankreich; Gordon Melton trat beim Kinder-Gottes-Prozess in London für den des Kindesmißbrauchs überführten Extrem-Kult auf und reiste auf Kosten der AUM Shinri-Kyo im Mai 1995 nach Japan, um die AUM Shinri-Kyo nach ihrem Giftgasanschlag in der Tokioter U-Bahn gegen "ungerechtfertigte" Verfolgung und "religiöse Unterdrückung" durch die Polizei zu unterstützen (vgl. BERLINER DIALOG 1-96, S. 25, 3-95, S. 28).

Deutsche Enquête-Kommission absichtlich lahmgelegt?

Wie die renommierte Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) trotz dieser öffentlich seit langem bekannten Fakten dazu kommt, den für das Gebiet Scientology oder auch "New Religious Movements" fachlich bisher nicht ausgewiesenen Prof. Dr. Hubert Seiwert, Leipzig, in einem abfälligen Artikel über die Arbeit der Enquête-Kommission der französischen Nationalversammlung den Lesern der FAZ Melton und Introvigne als "anerkannte Spezialisten auf dem Gebiet der Sektenforschung" vorzustellen ist ein Rätsel. Unter der Überschrift: "Wie weit reicht die Religionsfreiheit?" schwärmt Seiwert am 10. September 1996 in der FAZ über Melton und Introvigne und ihre Co-Autoren: "Die wissenschaftliche Kompetenz der Autoren ist über jeden Zweifel erhaben".

Seiwerts Zeilen in der FAZ haben die Zuneigung von "political correctnes-FreundInnen" in der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/ Die Grünen ausgelöst. Sie haben durchgesetzt, daß der ausgesprochene "Nicht-Sektengegner' " Hubert Seiwert, dessen vorletzter größerer Zeitungsartikel immerhin auch schon in dem Schweizer Scientology-Blättchen "Inquisition heute" erschien, von Seiten der Grünen-Bundestagsfraktion in die Enquête-Kommission des deutschen Parlaments entsandt wird.

Mit den Gutachten und der Bemühung von SO-Lobbyisten in der deutschen Medien- und Presselandschaft, die Diskussion um die totalitäre Scientology-Organisation in eine Debatte über Religionsfreiheit umzubiegen, versucht die SO, von ihren wirtschaftlichen Betätigungen und politischen Bestrebungen abzulenken, um unter dem schützenden Schirm der Religionsfreiheit agieren zu können. Wie sagte es so schön schon SO-Gründer Hubbard?

"Wir wollen nicht, daß in der Presse über Scientology anderswo berichtet wird als auf den religiösen Seiten."


Zu den wahren Wurzeln von Scientology

von Helle Meldgaard

Scientology tritt nach außen wie eine Kombination einer christlichen Kirche mit einer multinationalen Firma auf, behauptet, Buddhismus in seiner endgültigen Form zu sein, ist aber vom inneren Gehalt her von Natur aus okkult. Diese tatsächlichen Wurzeln von Scientology werden nicht offengelegt, sondern sind als ein Code gegenwärtig, der erst dechiffriert werden muß.(1)

Die Pyramide der Religionen

Scientology hat das Konzept eines pyramidenförmigen Aufbaus der Religionen. Dieser Gedanke ist nicht neu. Viele Bewegungen haben den Anspruch erhoben, die Vollendung oder der Höhepunkt der menschlichen Suche nach Wahrheit zu sein. Im vorigen Jahrhundert fand sich diese Idee in erster Linie in der Lehre der Theosophie. Scientology unterscheidet sich jedoch von dem Konzept der theosophisch-okkulten Bewegungen. Offensichtlich stellen sich Scientologen nicht vor, daß sie Kontakt zu irgendwelchen Meistern einer göttlichen Hierarchie hätten. Der einzige "Meister", auf den sie sich beziehen, ist Hubbard persönlich.

Ihr Pyramidenmodell kommt zum Beispiel in der für die Darstellung der "religiösen" Seite von Scientology geschaffenen Zeitschrift "Advance!" zum Ausdruck und wird bildlich dargestellt in dem Buch "What is Scientology?" S. XVIII - CIX (1978).

In "Advance!" heißt es in der Einleitung zu einer Artikelserie über die Suche des Menschen nach Freiheit im Lauf der Geschichte:

"Die Geschichte der menschlichen Suche nach Freiheit durch Wissen ist die größte Abenteuergeschichte aller Zeiten und die bedeutendste. Diese 'Advance!'-Artikel sind nicht chronologisch geordnet. 'Advance!' bewegt sich ungezwungen und nach Belieben auf der Zeitspur (time track) hinauf und hinab. In einer Ausgabe speist Ihr mit Sokrates, in der nächsten mit Lao-Tse, in einer anderen mit Zoroaster; in wieder anderen Fällen werden Themen wie Gespenster und Wahrsagerei untersucht. Jeder Artikel aber endet in der Gegenwart und zeigt, daß Scientology der Gipfel der höchsten Hoffnungen unseres geistigen Erbes ist."
Alle möglichen (und unmöglichen) Verbindungen und Vorläufer-Traditionen werden in diesem Zusammenhang genannt.

Man sollte nun erwarten, daß die Traditionen und Ideen, die in dem oben erwähnten Selbstverständnis weiterentwickelt worden sein sollen, ausführlich in der scientologischen Literatur behandelt werden, da ja Scientology mit so großer Gewißheit den Anspruch erhebt, die Vollendung all solcher Religionen zu sein. (2)
Aber tatsächlich kommen die meisten Themen nur in diesem einen Zusammenhang der Herleitung vor und werden nicht weiter ausgeführt.

Aus den Vorstellungen vom Christentum und Buddhismus, wie sie in Scientology ausgedrückt werden, und die hier nicht weiter ausgeführt werden sollen, sprechen auch keine besonderen und originellen Erkenntnisse über Buddhismus und Christentum.
Interessant sind aberdie Parallelen zu Auffassungen über Christentum und Buddhismus, wie man sie in okkulten und theosophischen Lehren häufig findet, in Lehren, die ihre Tradition selbst ebenfalls als Fortsetzung der Tradition aller möglicher Weisheitslehren ansehen. Heutzutage sind diese Ansichten Gemeingut in der New-Age-Philosophie.

Gerade bei einer sonst umfangreichen Liste der für das religiöse Selbstverständnis von Scientology angeblich wichtigen Vorläufer-Religionen fällt aber auf, daß Scientology offensichtlich ganz und gar vermeidet, sich auf theosophische und okkulte Grundlagen zu beziehen wie zum Beispiel auf Aleister Crowley. Theosophie und Okkultismus scheinen absolut "out" zu sein!

Der Einfluß des westlichen Okkultismus in der Form Aleister Crowleys

Scientology ist nicht daran gelegen, als eine theosophisch-okkulte Bewegung eingestuft zu werden.

In der langen Liste der historischen Grundlagen von Scientology gibt es nicht den geringsten Hinweis auf irgendeinen direkten okkulten Einfluß. Aber in diesem Zusammenhang ist, "was nicht gesagt wird", ausschlaggebend!

Das Okkulte beschäftigt sich ja mit dem, "was verborgen ist", und ist gekennzeichnet durch eine geheime Einsicht und Wissen über sowohl praktische wie auch theoretische Bedingungen, in die man initiiert werden muß. Natürlich enthüllt man seine Abhängigkeit von dem, was gerade verborgen sein soll, nicht.

"Mein sehr guter Freund": Master Therion

In einer Reihe von Kassetten-Aufnahmen mit dem Namen "The Philadelphia Doctorate Course Lectures" von 1952 kann man Band 18 ("Conditions of Space, Time, Energy") entnehmen: (3)

"Nun könnte er einfach sagen, ich habe Aktion. Ein Zauberer, äh ... die magischen Kulte des 8., 9., 10., 11. und 12. Jahrhunderts im Mittleren Osten waren faszinierend. Das einzige moderne Werk, das irgend etwas damit zu tun hat, ist stellenweise ein bißchen wild, aber es ist an sich ein faszinierendes Werk, und dieses Werk wurde von Allister (sic!) Crowley geschrieben, dem verstorbenen Allister Crowley, meinem sehr guten Freund. Und äh ... er ... er hat das selbst wunderbar äh ... ein Stück Ästhetik rund um diese magischen Kulte. Äh
...
es ist sehr interessant zu lesen, eine Ausgabe eines Buches in die Hand zu bekommen, ziemlich selten, aber man kann es kriegen, 'The Master Therion', T-h-e-r-i-o-n, 'The Master Therion' von Allister Crowley. Er unterschreibt mit 'die Bestie', das Zeichen der Bestie ist sechs sechsundsechzig. Sehr, sehr irgendwie oder so, aber jedenfalls das
...
Crowley hat eine Menge von Informationen aus diesen alten magischen Kulten ausgegraben. Und äh ... er ... er, um die Wahrheit zu sagen, handhabt Ursache und Wirkung ganz gut. Ursache und Wirkung wird ... wird nach einem Ritual gehandhabt".

Dieser Text, der sehr enthüllend für Scientology ist, weil er von Hubbards Verbindung mit Crowley handelt, fiel in mindestens zwei Fällen der Zensur zum Opfer, ja man kann sagen, um die Verbindung zwischen Scientology und dem Okkultismus zu verheimlichen, hat Scientology den Text geradezu verfälscht.
Die zwei betreffenden Fundstellen sind:

1. "Advance!" Ausgabe 46, 1977, S. 4 und

2. "OT News" Nr. 3, Copyright 1983, S. 1.

(Meines Wissens habe ich diese Angelegenheit erstmalig veröffentlicht.)

In beiden Fällen lautet der Text jetzt folgendermaßen:

"Die magischen Kulte des 8., 9., 10., 11. Und 12. Jahrhunderts im Mittleren Osten waren faszinierend. (x) Diese alten magischen Kulte, um die Wahrheit zu sagen, handhabten Ursache und Wirkung ganz gut. Ursache und Wirkung wurden nach einem Ritual gehandhabt.(4)

Wenn man diesen Text mit der o.a. Transkription des Bandes vergleicht, sieht man sofort, daß der Teil, in dem Crowleys Name erscheint, sowohl in ,Advance!" als auch in ,OT News" aus dem sonst korrekt zitierten Text herausgenommen worden ist.

Was liegt Scientology an der Fälschung von Texten?

Daß Scientology Hubbards Verbindung zu dem großen Okkultisten Crowley zu verbergen versucht, ist gar keine Neuigkeit. Zu Beginn der siebziger Jahre belästigte Scientology ständig Schriftsteller und Journalisten, die von Hubbards Verbindung zu Crowley sprachen. Viele wurden mit Prozessen überzogen, fast immer mit dem Ergebnis, daß die Betreffenden ihre Behauptungen widerriefen. Darüber hinaus unterzeichneten viele eine "eidesstattliche Erklärung", in der sie sich dafür entschuldigten, Scientology "in den Schmutz gezogen zu haben", indem sie Hubbard mit Crowley in Verbindung brachten.

Heute sind die Beweise für den Zusammenhang von Scientology mit der okkulten theosophischen Tradition und insbesondere mit Crowley so schlüssig, daß man nur schwer versteht, wie Scientology um eine Anerkennung dieser Verbindung herumkommen will. Untersucht man die Wurzeln von Scientology, fällt ins Auge, welche Anstrengungen unternommen werden, die Bewegung als Vollendung von allem Möglichen unter der Sonne erscheinen zu lassen, nur nicht von dem, was die Hauptsache ist, nämlich der okkult-theosophischen Tradition.

Helle Meldgaard

Der vorstehenden Beitrag ist ein stark gekürzter Auszug aus dem Aufsatz von Helle Meldgaard
"Scientology's Religious Roots in: studia missionalia,
Hrsg. Editrice Pontificia Universita' Gregoriana Rom, vol. 41-1992,
Religious Sects and Movements", S. 169 - 185.
Zu Grunde liegt eine wissenschaftliche Arbeit, die an der theologischen Fakultät der Universität Aarhus, Dänemark, 1991 zur Erlangung des Magistertitels eingereicht wurde und den Titel trägt: "En analyse og kritisk vurdering af Scientology's religiose f rudsætninger og sræpræg"
("Eine Analyse und kritische Bewertung der religiösen Wurzeln und Charakteristika von Scientology").

Anmerkungen

1 Für weitere Informationen über Hubbards Leben und die Praktiken und Ziele von Scientology siehe besonders drei Werke: Jon Atack: "A Piece of Blue Sky" (1990), Bent Corydon & L. Ron Hubbard, Jr.: "Messiah or Madman?" (1987) und Russel Miller: "The Barefaced Messiah" (1987).

2 "Advance!" Ausg. 21 S. 5 (1973)

3 Der Text wird zitiert nach dem von Scientology selbst hergestellten Transskript des Bandes, S. 17. Die später weiter verwandten Textteile sind kursiv gesetzt.

4 Ich habe die Stelle, an der die Auslassung vorgenommen wurde, mit (x) markiert.


Scientology-Kampagne (I)

Briefwechsel Heber Jentzsch - Wolfgang Ullmann

CHURCH OF SCIENTOLOGY INTERNATIONAL

Office of the President
Rev. Heber C. Jentzsch
6331 Hollywood Boulevard, Suite 1201, Los Angeles, CA 90028-6329

Phone: (213) 960-3500
Fax: (213) 960-3508/09

22. August 1996


Sehr geehrte Damen und Herren,

wahrscheinlich haben Sie in den letzten Wochen das Wort Scientology
des öfteren gelesen oder gehört. In den Medien ist viel geschrieben und 
gesagt worden, und ein Außenstehender könnte sich leicht fragen, was 
denn von dem Ganzen zu halten sei.

Meine Empfehlung ist immer das zu lesen,was die Leute zu sagen haben, 
die  Scientology persönlich studierten. Aus dem Grund übersende ich Ihnen 
anbei acht Gutachten über die Glaubensgrundsätze und Praktiken der 
Scientology-Religion, erstellt von namhaften Wissenschaftlern und 
Religionsexperten aus der ganzen Welt, die völlig unabhängig von 
einander Scientology einer gründlichen Untersuchung unterzogen.

Eines unserer wertvollsten Rechte ist das Recht der freien Meinungsbildung, 
und ich stelle Ihnen diese Studien zu genau diesem Zweck zur Verfügung. 
Ich lade Sie ein, sich aufgrund von diesen wissenschaftlich fundierten 
Schriften Ihre eigene Meinung zu bilden.

Ich würde mich freuen, Ihre Ansichten über diese Studien zu hören. Natürlich 
stehe ich auch zur Beantwortung jeglicher Fragen gerne bereit.


Mit freundlichen Grüßen

Reverend Heber Jentzsch

Präsident


P.S. Zusätzliche Exemplare können auf Anfrage
übersandt werden.

Anm. der Redaktion: Text des Schreibens, wie er
den deutschen Zusendungen beilag.


Brüssel, 16.09.1996


Sehr geehrter Herr Jentzsch,


ich danke Ihnen für die Übersendung einer Zusammenstellung von 
Ausarbeitungen, die mich informieren sollen über die Lehren und 
anderen Aktivitäten Ihrer Organisation. Ich stimme mit Ihnen darin 
überein, daß Wissen und Verständnis sowohl in der  Auseinandersetzung 
um religiöse Angelegenheiten wie auch in rechtlichen Fragen 
grundlegend sind.

Ich beabsichtige nicht, zu überprüfen, ob die Papiere, die Sie mir 
gesandt haben,  beanspruchen können, objektiv zu sein und ob sie 
verläßliche Informationen liefern. Ich habe sie in dem Bewußtsein gelesen, 
daß Ihr Brief eine generelle Beglaubigung der Informationen darstellt, 
die darin gegeben werden.

Deshalb erlauben Sie mir bitte, mich auf diese Schriften als verläßliche 
Quellen dafür zu beziehen, worum es bei Scientology geht. Offen gesagt, 
nach dem ich diese  Papiere gelesen habe, stelle ich fest, daß ich viel 
mehr gegen Scientology habe als vorher, als ich mich hauptsächlich nur 
auf die öffentliche Meinung in Deutschland und Erfahrungen in meinem 
eigenen sozialen Umfeld stützen mußte.

Hier sind meine Gründe für diese Position.
Da ich mit einigen theologischen Bemerkungen beginne, möchte ich 
zunächst von ganzem Herzen zugeben, daß ich dabei meine persönliche 
Position als ein Christ protestantischer Tradition darstelle, als ehemaliger 
Professor für Theologie im Gebiet der Kirchengeschichte. Ich habe in 
Deutschland und in den USA gelehrt und ich bin tief davon überzeugt, 
daß es viel hilfreicher ist, seine eigene persönliche Position vorzustellen 
als eine völlig zweideutige "Objektivität" zu beanspruchen, wie einige 
der mir zugesandten Schriften es tun, in dem sie Scientology mit 
irreführenden und oberflächlichen Vergleichen empfehlen.

Scientology ist eindeutig atheistisch; dies im Gegensatz zu den 
Versicherungen von Black über "Gott oder das höchste Wesen", Seite 7 
(ich beziehe mich auf die mir zugesandten Texte, in dem ich die Namen 
der Autoren und die Seitenzahl angebe). Die jüdisch-christliche Tradition 
(einschließlich des Islam) basiert ganz exklusiv auf dem fundamentalen 
ontologischen Unterschied zwischen Gott und den Geschöpfen. Dieser 
Unterschied ist die notwendige Bedingung für den Glauben, das Tun des 
Gerechten und das Gebet. Diese Unterscheidung fehlt in Scientology völlig. 
Diese grundlegende Unterscheidung wird durch das Konzept von theta-
Thetan und MEST (Matter Energy Space Time/Materie Energie Raum 
Zeit) ausgeschlossen, die nicht nur etwas anderes sind, sondern sich in 
absolutem Widerspruch befinden zu der biblischen Tradition von Gott als 
dem Schöpfer und seiner Schöpfung, die einzigartig ist und insofern ganz 
klar unterschieden ist von irgendeiner Art von Kreativität auf der Ebene 
der Geschöpfe.
Das scientologische Konzept des Thetan behauptet genau das Gegenteil:
"Vom Thetan wird gesagt, daß er unsterblich sei und fähig alles zu 
erreichen, einschließlich der Erschaffung von Materie, Energie, Raum 
und Zeit" (Black, Seite 6). Dasselbe wird ausgesagt durch das System der 
acht Dynamiken,die sich selbst steigern von der niedrigsten Ebene der 
Existenz zur Unendlichkeit oder zum Höchsten Wesen (ebenda).

Insofern muß ich jede Behauptung von Ähnlichkeiten zwischen 
Scientology und jüdisch-christlichen Traditionen zurückweisen. Dieser 
Punktverursacht eine Menge Bestürzung: daß Christen mit ansehen 
müssen,daß Ihre Scientology-Organisation das Wort "Kirche" für eine 
Organisation benutzt, die ganz und gar nichts gemein hat mit Kirche im 
christlichen Sinne des Wortes, nach dem die Kirche nur eine ist als Leib 
Christi und darum heilig, katholisch (allgemein) und apostolisch, wie das 
Nizänische Glaubensbekenntnis darlegt.

Die selben Schwierigkeiten haben wir Christen mit Scientology, weil 
Scientology das christliche Symbol des Heiligen Kreuzes benutzt, das 
in unserer Tradition ein Zeichen der Erinnerung an Christi Tod und 
Auferstehung und in ethischen Begriffen gesagt ein Symbol für 
Selbstverleugnung und Hingabe ist; nicht für "Überleben", sondern 
für Demut und Versöhnung mit Gott.

Es könnte nun sinnvoll erscheinen, Scientology mehr mit indischen
Traditionen verbunden zu sehen, wie es Wilson (Seite 35) vorschlägt. 
Ichbin zwar kein Experte für indische Religion und Philosophie, aber 
soweit ich weiß, gibt es eine tiefe Kluft zwischen Hinduismus und 
Buddhismus (einer der Gründe, warum der Buddhismus in Indien immer 
nur begrenzten Einfluß hatte). Es gibt eine sehr bekannte Diskussion 
unter Wissenschaftlern über die Frage, ob der Buddhismus eine Art von 
Atheismus darstellt und darum gar keine Religion ist. Ich will nicht in diese 
Debatte eintreten und überlasse sie Leuten mit mehr sprachlicher und 
philosophischer Kompetenz auf diesem Gebiet.
Aber eine Sache sehe ich sehr deutlich: Den Widerspruch zwischen der 
Grundtendenz des Buddhismus, Selbstbezogenheit im weitesten Sinne zu 
überwinden und dem ganz entgegengesetzten Ziel von Scientology, das
der Linie des Überlebens auf allen Ebenen folgt, um alles zu erreichen, 
so daß es dann nicht länger irgendeinen Unterschied zwischen dem 
allmächtigen Weseneines Schöpfers und dem allmächtigen Wesen des 
einzelnen "Thetan" gibt. In christlicher Sicht ist dies eine offenkundig 
blasphemische Behauptung!

Das führt mich zu dem Problem der Ethik.
Ich fühle mich schon herausgefordert durch das Wort "Überleben", von 
dem erklärt wird es sei synonym mit  "Rettung". Aber was bedeutet dies, 
Rettung durch Überleben? In meinem Verständnis und in meinen Ohren 
klingt diese Gleichsetzung wie: Der Scientologe ist der Gewinner des 
gesamten Spiels der Existenz, er überlebt und übertrifft den Rest der Welt, 
der in Ruinen versinkt. 
Und verzeihen Sie mir - wenn ich lese "Scientology sieht es als seine
Aufgabe, unseren ganzen Planeten zu säubern" (Heino, Seite 4) für mich
ist dies ein wirklich erschreckendes Konzept totalitärer Herrschaft durch 
Mentaltechnologie.

Vielleicht haben Sie die besten Absichten, aber als ein alter Mann, der 
schon zwei Formen von "Säuberung" erlebt hat, eine, die die Welt vom 
jüdischen Einfluß säubern wollte, die andere, die die Gesellschaft vom 
Kapitalismus säubern wollte - ist für mich das ganze Konzept der Säuberung 
ein tief erschreckendes, und dies noch mehr, weil ich im früheren 
Jugoslawien eine dritte Art von "Säuberung" beobachten mußte. Es könnte 
sein, daß Ihnen das als der typische Fall eines "Engramms" in meinem 
armen Verstandvorkommt. Ich gebe dies ohne jede Einschränkung zu, 
aber ich bin nichtbereit, von solchen "Engrammen" befreit zu werden, die 
zu den moralischen Grundlagen meines Lebens gehören.

In Ergänzung zu dieser, meiner fundamentalen Ablehnung der Ethik von
Scientology, habe ich auch noch eine Menge Vorbehalte bezüglich 
Hubbards Behauptungen von Trillionen von Jahren und der Tatsache, 
daß Ihre Mitglieder Verträge über diese unglaublichen Zeiträume 
abschließen. Selbstverständlich sind Sie frei, solche seltsamen 
Behauptungen aufzustellen und zu publizieren, aber was ist mit Ihren 
armen Zeitgenossen, wie ich einer bin: Warum sollen wir glauben, was 
niemand beweisen oder falsifizieren kann? Und schließlich - diese 
Situationverursacht eine Menge Mißtrauen, genauso wie die geheimen 
Dinge, die Sie auf Ihrem Flagship in der Karibik tun!

Ich muß zu einem Endergebnis kommen. Es tut mir leid, aber es ist ein 
negatives. Wilson führt aus (Seite 28): "Durch die Anwendung rationaler 
Methoden sucht Scientology, die religiöse Suche zu disziplinieren und zu 
ordnen." Genau dies ist der hervorstechende
Eindruck, den ich aus den Schriften habe,
die Sie mir zugesandt haben. Denn das Resultat dieser Bemühung ist es,
daß Religion in Technologie transformiert wird - ein Widerspruch in sich 
selbst, ein Widerspruch auf beiden Seiten, auf der Seite der Religion
ebenso wie auf der Seite der Technologie.

Religion in jedem ernsthaften Sinne des Wortes gründet auf Freiheit des 
Glaubens, des Gewissens und der Meinung. Religion ist diese dreifältige
Freiheit in Aktion. Darum ist sie unmöglich ohne Freiheit, Kreativität und 
Spontaneität.

Ich kann nicht sehen, wie man zu solcher Freiheit durch Auditing mit dem 
E-Meter kommen soll, beherrscht und geführt von Auditoren, die eine 
Technologie benutzen, die nur für diejenigen voll durchschaubar ist,
die sie anwenden, aber nicht für diejenigen, die dieser Behandlung 
unterworfen werden.
Können Sie mir erklären, was die intellektuelle Diktatur Hubbards zu tun
hat mit der Freiheit der Meinung und des Gewissens?
Ich konnte in den mir von Ihnen übersandten Papieren keinerlei Antwort
finden.

Aber die Vereinigung von Religion und Technologie schlägt auch nach den
Begriffen der Wissenschaft fehl. Diese E-Meter-Technologie ist altmodisch, 
überholt durch die modernen Entdeckungen in der Physik der Komplexität 
und der dissipativen Strukturen.

Das moderne Universum des wissenschaftlichen Denkens ist unvereinbar mit
dem erstaunlich simplen Konzept von Hubbards MEST. Nur ein Beispiel: 
Wenn es schon in der Physik eindeutige Grenzen der Vorhersagbarkeit gibt 
(wegen des Quanten-Effekts) - wie soll es dann möglich sein, daß 
soteriologische Ergebnisse voraussagbar werden sollen (Wilson, Seite 28)?

Ihr Brief erwähnt die Sorge um die Freiheit und den Schutz der Freiheit. 
Wie Sie bemerkt haben, stimme ich in dieser Sorge mit Ihnen überein. 
Aber was bedeutet dies für die Freiheit der Aktivitäten von Scientology?

Natürlich können Sie sich auf die fundamentalen Freiheitsrechte des
Glaubens, des Gewissens, der Meinung und der Vereinigung
berufen. Die derzeitige Debatte, ob Scientology eine Religion ist, eine
Kirche oder nicht, ist dafür aber m.E. absolut bedeutungslos.
Die Antwort hängt gänzlich von den Definitionen ab, die entweder
willkürlich, tautologisch oder doppeldeutig sind. Darum weise
ich ganz entschieden jede Vorstellung von juristischer Aktivität 
zugunsten oder gegen Scientology, die auf solchen Definitionen 
basiert, zurück. Gesetzgebung und juristische Aktivitäten müssen 
begründet sein auf, und strukturiert sein durch juristisch klare Konzepte 
und Begriffe.

Für mich ist die entscheidende Frage nicht "Ist Scientology eine 
Religion oder nicht?", sondern vielmehr die Frage: Steht Scientology 
in Übereinstimmung mit den grundsätzlichen und allgemeinen 
Überzeugungen über menschliche Würde und Menschenrechte 
oder nicht? Handelt Scientology in Übereinstimmung mit dem 
allgemeinen Gesetz und der privaten Handlungsfreiheit und
Meinungsfreiheit oder nicht?

Die zweite Frage muß auf einer "Fall zu Fall" Grundlage beantwortet 
werden. Wenn es Verletzungen irgend eines dieser Rechte
durch Mitglieder oder Organisationen von Scientology gibt, 
dann ist, wie in jedem anderen Fall, Anklage, gerichtliche Verfolgung
und ein entsprechendes Verfahren unvermeidbar.

Was die Grundrechte betrifft, die z.B. in der UNO-Deklaration oder 
der Europäischen Menschenrechts-Konvention festgelegt
sind, kann Scientology selbstverständlich, wie jede andere religiöse 
oder ideologische Organisation, Freiheit der Religion und Meinung 
für den Einzelnen unddie Organisation beanspruchen.

Aber: Freiheit der Meinung und Organisation werden begrenzt durch
öffentliche Ordnung und die Grundprinzipien der Moral
(wie z.B. körperliche und geistige Unversehrtheit, Zulässigkeit von
Verträgen usw.).
Das betrifft natürlich auch Scientology. Und hier sehe ich einige 
ernste Probleme in bezug auf mehr als eine Ihrer Aktivitäten. Was
ist z.B. mit Verträgen über Zeiträume, die jegliche konkrete
Verbindlichkeit und Verantwortung ausschließen? Was in bezug auf
Datenschutz in Hinblick auf die Praxis des Auditing auf verschiedenen 
Ebenen? Was ist mit dem offensichtlichen Mangel von Transparenz, 
besonders auf der höchsten Ebene Ihrer Organisation?

Es ist nicht nötig in Einzelheiten zu gehen. Sie kennen viel besser 
als ich die Fälle ehemaliger Mitglieder von Scientology, die sich
über diskriminierende Behandlung, der sie unterworfen waren, 
beklagen. Damit will ich folgendes betonen: Es ist keine angemessene 
Reaktion, wenn Scientology auf jegliche öffentliche Kritik oder Diskussion 
von Einzelfällen damit antwortet, daß man sich über die Unterdrückung 
der Religionsfreiheit beschwert. Ich bin zutiefst davon überzeugt, daß, 
wenn Scientology das oben genannte Verhalten nicht ändert, Scientology
in ernste Schwierigkeiten nicht nur in Deutschland, sondern sogar in den 
Vereinigten Staaten und anderswo kommen wird.

Ich will nicht abstreiten, daß es eine Menge Polemik in meinem Brief 
gibt, darum lassen Sie mich damit schließen, daß ich Sie bitte,
diese streitbaren Worte zu verstehen als den Versuch, so aufrichtig 
wie möglich zu sprechen, in der Hoffnung, daß diese Aufrichtigkeit für 
Sie nützlich sein kann, wenigstens darin, eine Möglichkeit des 
Verständnisses zu schaffen für eine Position, die so weit von
der Ihren entfernt ist.

Mit besten Wünschen!  Aufrichtig

Wolfgang Ullmann

Übersetzung des englischen Originals des Briefes,
der sich auch auf den englischen Text der zugesandten Schriften bezieht.
Übersetzung: Thomas Gandow


Scientology-Kampagne (II)

Die Hand, die ihn füttert

Der Pop-Künstler Gottfried Helnwein und sein merkwürdiges Verhältnis zu Scientology

von Frank Nordhausen und Liane von Billerbeck

Schwarze Hippiemähne, Stirnband und Sonnenbrille - das ist der exzentrische Gottfried Helnwein. Der einstige Schockmaler aus Wien ist inzwischen arriviert, hat große Ausstellungen und gestaltet Bühnenbilder. Doch seit etwa drei Monaten agieren Helnwein und seine Freunde vor allem in den Medien. Sie erzählen von einer fast unglaublichen Rufmordkampagne. Verschwörer wollen angeblich den Maler vernichten; deshalb würde er als "Oberpriester" der Scientology-Sekte verleumdet.
Die Folge: Galeristen zögen sich zurück, Ausstellungen würden abgesagt. Sind das Hirngespinste, ein neuer Gag des Provokateurs, oder hat er wirklich mächtige Feinde?

Der wahre Hintergrund der Affäre hat nichts mit Gerüchten zu tun, sondern mit einem Gerichtsurteil, das erst jetzt bekannt wurde. Doch über dessen Inhalt wollte der Künstler nicht so gerne reden, als er am 8. Oktober bei "Boulevard Bio" Platz nahm; Thema: "Geächtet und ausgegrenzt". Ohne Stirnband und ein bißchen nervös erzählte er lieber wieder die Geschichte seiner Verfolgung. Weil er in seiner Jugend neben Yoga und Zen-Buddhismus auch mal ein paar Scientology-Kurse besucht habe, werde er nun von "Sektenjägern" gehetzt, die keine Gelegenheit ausließen, ihn als Scientologen zu "enttarnen". Seine Burg in der Nähe von Köln, so behaupteten seine Gegner, sei "gar kein Atelier, sondern ein Tarn-Atelier", er würde Menschen per "Gehirnwäsche" und "Zwangshypnose" in die Sekte holen.

Unbekannte Einbrecher auf Burg Brohl?

Dem treuherzig nickenden Alfred Biolek versicherte Helnwein, Unbekannte hätten sogar bei ihm eingebrochen; später seien Sammler vor ihm gewarnt worden. Als Hintermänner der "Kampagne" vermutet er hysterische Pfarrer, die in ihren Kirchlein säßen und auf "späte Rache" für seine blasphemischen Bilder und seine Kritik am Katholizismus sännen. So entstehe ein Klima, "das mich lieber ins Ausland gehen läßt", sagte Helnwein.
Danach erschien die Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer und nannte den Künstler ein "edles Wild", das geschlachtet werde, weil seine Kunst so provokativ sei.

Helnweins Geschichten hatten zuvor schon Spiegel-TV und Herbert Riehl-Heyse in der Süddeutschen Zeitung kolportiert. Für Ursula Caberta, die Scientology-Beauftragte des Hamburger Senats, sind die Aussagen jedoch "absoluter Unsinn". Caberta, die zu der "Bio"-Sendung erst ein-, dann aber wieder ausgeladen wurde, sagt: "Helnwein wird nicht verfolgt. Wir stellen nur kritische Fragen." Anlässe dafür gab es zuhauf. Fast keine der Erzählungen des Malers hält einer kritischen Überprüfung stand.

Wichtigster Werbeträger trauert um Hubbard

Gottfried Helnwein, der nie Scientologe gewesen sein will, war in Wahrheit zwanzig Jahre lang der wichtigste Werbeträger der Organisation in Deutschland. Immer wieder wurde er in Scientology-Publikationen abgebildet und zitiert. "Scientology hat bei mir eine Bewußtseinsexplosion ausgelöst", sagte er schon 1975 in der Sektenpostille "College". Als der Scientology-Guru L. Ron Hubbard 1986 starb, kondolierte der Maler mit anderen in einer ganzseitigen Anzeige in der FAZ:
"Hubbard hat nicht nur Künstler inspiriert, sondern auch das Leben vieler Menschen bereichert."

Helnwein-Bilder schmückten wiederholt die Titelbilder scientologischer Publikationen, beispielsweise der "Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte"; das amerikanische Sekten-Blatt "Source" listete ihn und seine Frau jahrelang als regelmäßige Kursteilnehmer auf. Auch das "Impact"-Magazin der "International Association of Scientologists" (IAS) führte den Maler und seine Familienangehörigen lange Zeit in der exklusiven "Patron"-Liste - ein "Patron" hat mindestens 40.000 Dollar für die "Kriegskasse" gespendet, mit der die Organisation ihre Kritiker und Feinde bekämpft. Noch 1993 bezeichnete ihn das scientologische Hochglanzblatt "Celebrity" als "Class-IV Auditor", also als trainierten Verhörspezialisten.

"Größter Durchbruch"

Angesichts solch enger Vebundenheit wundert es nicht, daß der Künstler 1990 in der Broschüre "L. Ron Hubbard - Der Autor und sein Werk" verkündete: "Scientology ist der größte Durchbruch in der Geschichte der Erforschung menschlichen Denkens und Verhaltens." Die Scientology-Zentrale in Los Angeles wirbt bis heute mit einem HelnweinZitat und seinem Konterfei auf einer großen Leuchtreklame. Und Helnweins Argumente, warum er seine Wahlheimat Deutschland jetzt verlassen wolle, passen genau in die aktuelle Propagandakampagne des Psycho-Kults. So sagte er kürzlich dem österreichischen Magazin "News": "Die haben in Deutschland Hunderttausende gefoltert und verbrannt, das haben sie auch mit den Juden gemacht.... Jetzt bekämpfen sie die Scientologen oder die Zeugen Jehovas, die schon in der Nazizeit vergast wurden." Wenn es jemals einen Scientology-Prominenten in Deutschland gab, dann den österreichischen Maler Gottfried Helnwein.

"Zack, werden sie wieder verteilt"

Auch ehemalige Sektenmitglieder aus Düsseldorf und Krefeld haben den Österreicher als guten SO-Kameraden in Erinnerung. Und eine österreichische ExScientologin berichtete jetzt im Internet, sie habe den Maler 1993 im FloridaHauptquartier "Flag" gesehen, in dessen Nähe er ein Haus besitzen soll. Doch merkwürdig: Seit etwa 1991 gibt der Künstler in der Öffentlichkeit das Stück: "Bin ich's oder bin ich's nicht?" Er behauptete plötzlich, und auch wieder bei Biolek, all die Veröffentlichungen seien "ohne sein Wissen" passiert; er habe der Scientology jetzt schriftlich untersagt, ihn weiterhin in ihren Publikationen zu zitieren. "Über zwanzig Jahre will er davon nichts gemerkt haben - wer soll das denn glauben?", wundert sich der Bonner Sektenexperte Ingo Heinemann. Eine Nachfrage bei Scientology förderte Erstaunliches zutage. Deren Sprecher Franz Riedl sagte uns: "Die Broschüren liegen bei uns in Stapeln herum, und zack, werden sie wieder verteilt." Wie das, wenn es gerichtlich untersagt wurde?

Gericht: "Gottfried Helnwein ist Scientologe"

Weil Helnwein jedoch nicht einen Beweis dafür bringen konnte, daß er die SO wirklich abgemahnt hatte, erlebte er im Juni vor Gericht sein Waterloo - und das ist wohl auch der Grund, warum er jetzt so stark in die Medien drängt. Helnwein war gegen die Scientology-Aussteigerin Jeanette Schweitzer vorgegangen, die ihn als Scientologen bezeichnet hatte. Doch das Oberlandesgericht Frankfurt am Main urteilte letztinstanzlich: "Diese Behauptung ist wahr, denn Gottfried Helnwein ist Scientologe. Er bekennt sich jedenfalls zu dieser Organisation. Dies ergibt sich aus zahlreichen Umständen."

Sponsoring für Scientology-Organisationen

Das Verfahren förderte auch ein internes Schreiben der Frankfurter Scientology von 1992 zutage, wonach der Maler "sich bereit erklärt" habe, die limitierte Auflage einer Lithographie "zum Zwecke der Unterstützung von Narconon und OSA" auf den Markt zu bringen - das eine ist eine Scientology-Tarnorganisation, das andere der sekteneigene Geheimdienst. Helnwein räumte vor Gericht ein, die Aktion (und damit Scientology) unterstützt zu haben - aber das Geld, so sagt er spitzfindig, sei nur für Narconon bestimmt gewesen. Es ging - bei Verkauf aller Bilder um fast 900.000 Mark.

Steuerfahnder auf Burg Brohl

Wofür andere Gelder bestimmt waren, versuchen zur Zeit die Steuerfahnder in Koblenz herauszufinden, die im Frühjahr das Maler-Domizil Burg Brohl durchsuchten und dabei - wie jetzt durchsickerte - auf brisante Dokumente gestoßen sein sollen. Der Schlüssel zur Affäre Helnwein?
Sicher ist: Wer bei Recherchen auf besserverdienende Scientologen stößt, stellt oft fest, daß sie auch Helnwein-Bilder kaufen. Zeugen beichten, daß der Künstler 1993/94 immer wieder in Leipzig auftauchte, um Hubbard-Anhänger zu besuchen, die dort neben Immobilien auch seine Bilder sammeln. Die Gemälde seien "das beste, was die Gegenwart zu bieten hat", urteilte der schwerreiche Scientologe Klaus Kempe aus Düsseldorf in seinem Buch "Selfmademen und Millionäre". Und der Münchner Scientologe Kurt Fliegerbauer, der in Zwickau bereits über 160 Mietshäuser gekauft hat, besitzt auch teure Helnwein-Werke. Scientologen sind offenbar gute Kunden: Man beißt eben nicht in die Hand, die einen füttert.

Dieser Text erschien zuerst in einer gekürzten Fassung in der
BerlinerZeitung am 14. Oktober 1996

Liane von Billerbeck,
38, studierte Journalistik in Leipzig und war Kulturredakteurin bei der Neuen Berliner Illustrierten und beim extramagazin. Sie arbeitet jetzt als freie Journalistin, u. a. als Hörfunk- und Fernsehmoderatorin für den Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg.

Frank Nordhausen,
39, arbeitet nach dem Studium der Philosophie, Germanistik und Geschichte in Berlin als Journalist und forscht über den geheimnisvollen deutsch-mexikanischen Schriftsteller B. Traven.


Scientology-Kampagne (III)

Hamburger Expertin Caberta (SPD) verteidigt bayerisches Vorgehen gegen Scientology

Interview mit Ursula Caberta y Diaz

Abwehrmaßnahmen gegen die Scientology-Organisation hat der Freistaat Bayern beschlossen. Ab 1. November 1996 müssen Bewerber für den Öffentlichen Dienst in einem Fragebogen über ihre möglichen Beziehungen zur SO Auskunft geben. Beamtenanwärter könnten sonst in einen Loyalitätskonflikt zwischen demokratischemStaat und totalitärer SO und somit in Widerspruch zu ihren Dienstpflichten kommen. Disziplinarverfahren können eingeleitet werden, wenn ein Beschäftigter des Öffentlichen Dienstes seine Kontakte zur SO nicht einstellt. Staatliche Aufträge dürfen nur an Firmen vergeben werden, die versichern, nichts mit der SO zu tun zu haben und nicht die Technologie des Scientology-Gründers Hubbard anzuwenden. Dies soll vor allem Unternehmensberatungen, Personal- und Managementschulungen, Computer- und Softwareberatung sowie Fortbildungsveranstalter betreffen.

Scientology hat rechtliche Schritte gegen die bayrische Staatsregierung angekündigt und beim Hochkommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte bereits Protest erhoben.

In ihrer Polemik spricht die totalitäre SO von "Berufsverboten" und wirft dem Bayerischen Innenminister Günther Beckstein "totalitäre Intoleranz" vor. Die bayerischen Maßnahmen sind im Zuge der Scientology-Kampagne auch in die parteipolitische Auseinandersetzung geraten.

Nicht nur von Scientologen und ihren bestellten Verteidigern, sondern auch von Wohlmeinenden sind die Maßnahmen der Bayerischen Landesregierung kritisiert und zum Teil mit dem Radikalenerlaß der Regierung Willy Brandt (1972) verglichen worden. Das damals von der DKP geprägte Kampagnenwort "Berufsverbot" macht vor allem im Ausland die Runde. Ist Bayern zu weit gegangen? Liane von Billerbeck fragte dazu die Leiterin der "Arbeitsgruppe Scientology" beim Hamburger Senat, Frau Ursula Caberta (SPD):

Mach was anderes!

Liane von Billerbeck: 
In Bayern sollen Beschäftigte und Anwärter des Öffentlichen 
Dienstes ihr  Verhältnis zu Scientology offenlegen. Hat Bayern 
damit ein Problem?

Ursula Caberta: 
Offenbar ist das so. Aber die wollen das sehr differenziert 
handhaben. Es soll Gespräche geben, in denen sich diese 
Menschen erklären können. 
Diese Gespräche sollen auch Hilfen sein: Mach was anderes! 
Der  Beschluß ist ohne Grund diffamiert worden, weil man ihn 
für den bayrischen Holzhammer hielt.

LvB: In Bayern sollen jetzt auch keine Staatsaufträge mehr an
scientology-nahe Firmen vergeben werden.

U. Caberta: Das muß doch gemacht werden.Jahrelang wurde 
gesagt, Scientology sei eine politische Herausforderung, und 
die Politik müsse sich kümmern. Jetzt reagiert der Staat, und 
nun treten irgendwelche Leute auf, die meinen: Das ist aber 
zu heftig!

LvB: Die ehemalige Justizministerin Leutheuser-Schnarrenberger 
sagte, man hole quasi den Radikalenerlaß aus der Kiste.

U. Caberta: Das ist Unsinn. Von Scientology geht eine große 
Gefährdung der Menschen aus, die von deren Techniken 
manipuliert werden. Diese Gefahr läßt sich nicht wegwischen.

LvB: Was sagen Sie denn Ihrem Parteifreund Willfried Penner, 
der geäußert hat, es gebe keine gesicherten Erkenntnisse, daß 
Scientology verfassungsfeindlich sei?

U. Caberta: Lieber Willfried Penner, halt dich aus Diskussionen 
raus, von denen du nichts verstehst.

LvB: Welche Maßnahmen sollten nach Ihren
Erfahrungen jetzt bundesweit getroffen werden?

U. Caberta: Alles, was auf der Ministerpräsidentenkonferenz 
beschlossen wurde: Es muß überprüft werden, ob 
Gewerbeerlaubnisse  für Scientology-Vereine erteilt werden 
können. Man muß sich die  Arbeitsverhältnisse ansehen. 
Außerdem sollten Ermittlungsbehörden verstärkt geschult 
werden. In vielen Behörden ist unbekannt, daß  Scientologen 
häufig kriminell werden müssen, um an das Geld für 
ihre Kurse zu kommen.

Wir danken der Berliner Zeitung für die Abdruckerlaubnis.