Bericht der BZ


Berliner Zeitung
23.09.1996, 
von Frank Nordhausen und Liane v. Billerbeck

  Scientology führt Dossiers über Feinde
  Razzia in Athen förderte brisante Akten zutage 

  Neuer Skandal um den Sekten-Konzern Scientology: In Athen wurden
  jetzt Details aus brisanten Akten bekannt, die die Staatsanwaltschaft im
  Juli in einer Scientology-Filiale sichergestellt hatte. Sie deuten auf eine
  großangelegte Unterwanderungsaktion hin. Anfang Oktober beginnt der
  Prozeß gegen die verantwortlichen Scientology-Führer. Der Vorwurf:
  Scientology habe Kritiker bespitzelt, über mehr als 2 000 Personen des
  öffentlichen Lebens Dossiers angelegt und sogar militärische
  Geheimnisse ausgespäht. Am Anfang stand eine
  Unterschriftensammlung. Im vergangenen Oktober übergaben besorgte
  Eltern dem Athener Präfekten Dimitrios Efstathiadis mehr als 4 200
  Unterschriften; darin forderten sie, die Scientology-Filiale "Griechisches
  Zentrum für angewandte Philosophie" (KEPHE) sofort zu schließen. Die
  Eltern beklagten, ihre Kinder, die der Psycho-Kult rekrutiert hatte, seien
  ihnen absichtlich entfremdet und aufgefordert worden, kriminelle
  Handlungen zu begehen. Viele KEPHE-Rekruten hätten sogar ein Papier
  unterschreiben müssen, daß KEPHE keinerlei Verantwortung trage für
  den Fall, daß sie Selbstmord begingen.

  Systematisch bespitzelt 

  Die Aktion der Eltern brachte eine Lawine ins
  Rollen. Offenbar gut vorbereitet drangen am 4.Juli Polizei und
  Staatsanwaltschaft in die Scientologen-Räume ein. Die Beamten
  beschlagnahmten zahlreiche Ordner mit brisantem Material. Danach hat
  die Scientology-Organisation, die sich in der Öffentlichkeit als
  "Religionsgemeinschaft" darstellt, auch in Griechenland einen eigenen
  Geheimdienst unterhalten - das "Department für spezielle
  Angelegenheiten". Dieser Geheimdienst hat offenbar Politiker, Richter,
  Justizangestellte und Funktionäre der griechisch-orthodoxen Kirche
  systematisch bespitzelt und die Berichte dann an "noch nicht identifizierte
  ausländische Stellen" weitergereicht, so ein Report der Athener
  Justizbehörden. Im KEPHE-Büro fanden die Ermittler auch einen internen
  Bericht, wonach es Scientologen gelungen ist, Material des griechischen
  Geheimdienstes KIP in die Hände zu bekommen. Außerdem enthielten
  die Akten eine Liste des Europa-Büros der Scientology, in der
  griechische "Feinde" der Organisation aufgeführt wurden, darunter
  Minister, Erzbischöfe und Professoren.Über mehr als 2 000 Personen
  wurden Dossiers angelegt. Ganz oben auf der Liste steht der Name
  Antonios Alevizopoulos. Der Priester und Sektenexperte der
  griechisch-orthodoxen Kirche hatte schon 1995 auf einer Berliner Tagung
  vor den Unterwanderungsstrategien der Scientology in Griechenland
  gewarnt. Er hatte berichtet, daß er ständig von Detektiven und Agenten
  belästigt wurde. Im Frühjahr 1996 verstarb Alevizopoulos ganz plötzlich an
  einem Herzversagen. Die Aktenfunde in Athen belegen nach Ansicht von
  Experten einmal mehr internationale Infiltrationsbestrebungen der
  Scientology-Organisation.Ähnliche Vorgänge hatte es bereits 1987 in
  Spanien, 1991/92 in Frankreich und 1993 in Albanien gegeben. Es
  werden wohl nicht die letzten gewesen sein.