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06.05.97
Bayern

Scientology-Ableger auf Spurensuche

Psychiatern Mord an Patienten unterstellt

Flugblätter mit Vorwürfen gegen Kliniken / Staatsanwalt untersucht ohne Resultat

Von Conny Neumann

Kaufbeuren - Mit einer bundesweiten Kampagne versucht eine von der Psychosekte Scientology gegründete Kommission, psychiatrischen Kliniken Morde an Patienten in die Schuhe zu schieben. Jüngstes Opfer ist das Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren. Über Flugblätter und Faxe streut der Scientology-Verein „Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte“ (KVPM), es werde von „unglaublichen Zuständen“ auf der Station A III in Kaufbeuren berichtet. Die Bevölkerung wird um Mithilfe bei der Aufklärung „eines mysteriösen Todesfalles“ in der Klinik gebeten.

Die Kemptener Staatsanwaltschaft habe bereits mit Ermittlungen begonnen, schreibt KVPM-Leiter Bernd Trepping unter der Schlagzeile „Psychiatrie tötet!“. Um den Fall zu vertuschen, habe die Kaufbeurer Klinikleitung die Station A III aufgelöst und alle Patienten in ein geschlossenes Nebengebäude gebracht, „in dem sie noch besser von der Außenwelt abgeschottet werden können“.

In einer Presseerklärung schildert die KVPM den Fall des Sportlers K., dessen Leben auf A III durch Psychopharmaka zerstört worden sei. Die Psychiater hätten K. mit Drogen vollgepumpt. K., der nach Erkenntnissen der Kommission Blut gespuckt und verzweifelt um Hilfe von einem Arzt gebeten haben soll, habe statt dessen am 1. Februar 1996 „von einem Aufgebot von Psychiatern und Pflegern“ Besuch bekommen. Am folgenden Morgen sei er tot aufgefunden worden. Noch dreister wird der SC-Verein im Anhang zum Fall K. Dort heißt es, das Kaufbeurer Krankenhaus sei geschichtlich vorbelastet, da Frauen und Männer im NS-Euthanasieprogramm ermordet worden seien. US-Truppen hätten festgestellt, daß die Krankentötung in Kaufbeuren nach Ende des Naziregimes weitergeführt wurde. Psychiater seien die Cheforganisatoren der Euthanasie gewesen. Sie hätten ihre menschenverachtende Überzeugung an die zukünftige Psychiatergeneration weitergegeben. Die Kommission empfiehlt dazu die Lektüre ihres Buches „Die Männer hinter Hitler“. Nach der Strafanzeige der KVPM strengte die Staatsanwaltschaft Kempten Ermittlungen zum Todesfall K. an. „Dabei ist nichts herausgekommen“, sagte Oberstaatsanwalt Willi Nagel.

Der Kaufbeurer Klinikleiter Michael von Kranach versicherte gegenüber der SZ, K. habe Selbstmord begangen. Der Todesfall sei damals von der Polizei gründlich untersucht worden. Die Anschuldigungen der Scientologen kennt Kranach seit einigen Wochen. Auch bei Münchner Kliniken werde gezielt und massiv versucht, Psychiater als Mörder hinzustellen, sagte der Chefarzt. Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie habe den betroffenen Ärzten jedoch geraten, keine Strafanzeige wegen Rufmords gegen die KVPM zu stellen. „Die Scientologen haben sehr viel Geld, der Rechtsstreit geht dann ewig hin und her, das wollte man sich wohl ersparen“, so Kranach. Nach dem jüngsten Flugblatt, das den Vergleich mit NS-Ärzten herstellt, soll es aber zu einer Krisensitzung mit dem Bezirk Schwaben als Träger der Klinik kommen. Dabei werde man über eine Strafanzeige diskutieren.

Bernd Trepping rechtfertigt seine Flugblattaktionen damit, daß die Polizei dringend der Hilfe der Kommission bedürfe. „Die Spuren der Straftaten in den Kliniken lassen sich leicht verwischen“, sagte Trepping zur SZ. Die KVPM dagegen decke weltweit die Fakten auf.

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