Tödliche «Reinigungskur»

Lyoner Staatsanwalt fordert Gefängnisstrafen für 23 Scientologen

In Lyon ist am Dienstag ein Prozess gegen 23 Mitglieder der Scientology-Kirche zu Ende gegangen. Für den örtlichen Präsidenten der Organisation fordete der Staatsanwalt drei Jahre Gefängnis bedingt. Die Urteile stehen noch aus.


von Werner Herzog, Paris
Zu dem Prozess ist es nach hartnäckiger, acht Jahre langer Arbeit des Anwalts Henri Llacer und des Untersuchungsrichters Georges Fenech gekommen. Die beiden rekonstruierten die Geschichte des Angestellten und Scientology-Anhängers Patrice Vic, der sich in der Verzweiflung mit einem Sprung aus einem Fenster seiner Wohnung das Leben nahm.
Vic hatte in einer Depression bei der Organisation Hilfe gesucht. Nach verhörartigen «Auditings», die mit einem Lügendetektor durchgeführt wurden, erhielt Vic eine «Reinigungskur» verschrieben, die unter anderem aus wiederholten und langen Sauna-Sitzungen bestand und umgerechnet 7500 Franken kostete. Vics Frau verweigerte den zur Bezahlung notwendigen Kredit. Nach Rechtsanwalt Llacer befahl Jean-Jaques Mazier, der lokale Verantwortliche der Organisation, dem Patienten, zwischen der Scientology-Kirche und der Familie zu wählen. In der Not beging Vic Selbstmord.
Der Staatsanwalt erachtete den Tatbestand der fahrlässigen Tötung als erfüllt und forderte für Mazier drei Jahre bedingte Haft. Für zwei Finanzverantwortliche forderte er wegen Mithilfe zu Betrug zwei Jahre bedingt und für 20 weitere Scientology-Mitglieder Geldbussen. Einige der 60 Zeugen des Prozesses sagten aus, sie hätten für ihre Behandlung übertriebene Geldsummen bezahlt, die bis zu 250 000 Franken reichten. Die Verteidiger plädierten für den Freispruch aller Angeklagten.
Rund 200 Scientology-Anhänger, von denen ein Teil aus der Schweiz angereist war, unterstützten während des Prozesses die Angeklagten. Mitglieder verteilten der Bevölkerung Broschüren und schenkten jedem Lyoner Stadtrat ein Buch über den Scientology-Begründer Ron Hubbard.
Tages Anzeiger, Zürich
vom 9.Oktober 1996