BERLINER DIALOG Heft 2-97

666

von Tomas Novotny

Wer Verstand hat, der überlege die Zahl

Eins der am weitesten bekanntgewordenen Symbole des Satanismus ist die berüchtigte Zahl 666. Dieser Artikel soll nicht nur ihre Herkunft und Bedeutung untersuchen, sondern damit auch zwei grundlegende Hypothesen über den Satanismus darlegen.

Satanismus als parasitäre Spiegelreligion

Meine erste Hypothese: Der bezeichnendste Zug des Satanismus besteht darin, daß er keineswegs eine unabhängige, aus sich selbst heraus existierende Religion ist, die neue Vorstellungen und Ideen hervorgebracht hätte. Im Gegenteil sehe ich den charakteristischen Hauptzug des Satanismus darin, daß er übernimmt und pervertiert, was er von anderen Religionen, hauptsächlich dem Christentum, lernen kann. So wird der Satanismus zu einer "Spiegelreligion", die nur als Parasit an christlicher Lehre und christlichem Leben entstehen und bestehen kann.

Dies wird z.B. deutliche an "satanistischen Liturgien", wo wir christlichen Gebeten begegnen, die von hinten nach vorn gesprochen werden, an dem umgekehrten christlichen Kreuz, an den christlichen ethischen Grundsätzen, die in gegenteiliger Bedeutung gelehrt werden usw. (1)

Daher ist auch nicht überraschend, daß auch das satanische Symbol 666 aus der Bibel stammt. In der Offenbarung des Johannes 13:18 lesen wir: "Hier ist die Weisheit. Wer Verstand hat, der überlege die Zahl des Tiers; denn es ist eines Menschen Zahl, und seine Zahl ist sechshundertsechsundsechzig."

Die Kommentatoren sind sich nicht völlig einig darüber, wer mit diesem Rätsel gemeint ist. Aber fast alle stimmen darin überein, daß die sogenannte Gematrie das Werkzeug ist, mit dessen Hilfe wir das Rätsel zu lösen versuchen sollten. (2)

Gematrie ist eine alte Methode, die Zahlenwerte von Buchstaben zum Aufspüren der verborgenen Bedeutung eines Wortes zu verwenden. Sie beruht darauf, daß sowohl das klassische Griechisch wie auch Hebräisch keine speziellen Zahlzeichen hatten, sondern statt dessen die Buchstaben als solche verwendeten. Daher steht der erste Buchstabe des Alphabets auch für 1, der zweite für 2 usw. (3)

Infolgedessen kann jedes Wort in diesen zwei Sprachen auch als eine Gruppe von Zahlzeichen gelesen werden. Wenn wir ihre Summe bilden, finden wir eine Zahl, die für das Wort steht. Im Falle von Namen kommen wir so zu der sogenannten "Menschen-Zahl".

Diese Zahlen wurden folgendermaßen in Fällen verwendet, wo die Namensnennung nicht angemessen oder gar gefährlich war.

Eine in Pompeji gefundene Inschrift mag als ein hübsches Beispiel dienen. Sie lautet: PHILO HES ARITHMOS F.M.E. (phi, my, epsilon = 545). "Ich liebe (diejenige,) deren Zahl 545 (gleichkommt)." So konnte die Geliebte herausfinden, daß die Inschrift ihr galt, aber für Fremde war es beinahe unmöglich herauszufinden, welcher der vielen griechischen Mädchennamen gemeint war. (4)

Man nimmt an, daß bei der biblischen "Menschen-Zahl" in Offenbarung 13:18 ähnlich vorgegangen wurde. Der Autor wollte wahrscheinlich nicht, daß der Name des Betroffenen Außenstehenden bekannt würde, also verschlüsselte er ihn. Gleichzeitig war es seinen MitChristen augenscheinlich möglich zu erkennen, wer das war.

Aber schon im zweiten Jahrhundert gab Irenaeus zu, er wisse nicht, wer der Mann sei, für den die Zahl steht. Er schlug drei Lösungen vor, von denen keine im Licht der heutigen Forschung vollständig befriedigt. (5)

Im Laufe der Geschichte wurden noch viele andere mehr oder weniger befriedigende Vorschläge gemacht. Unter anderen wurden der Papst, John Knox, Martin Luther und Napoleon mit dem Tier 666 in Verbindung gebracht. (6)

Im Zweiten Weltkrieg brachte jemand sogar die Idee auf, daß, wenn wir A als 100 lesen, B als 101 usw., die Gesamtsumme des Namens Hitler sich auch auf 666 beläuft. (7)

Aber von all diesen Vorschlägen erweist sich einer als der bei weitem wahrscheinlichste: Caesar Neron (also die griechische Form des Namens Nero). Wenn wir Caesar Neron mit hebräischen Buchstaben schreiben (qsr nrwn), ergibt sich auch die Zahl des Tieres 666.

Zusätzlich wird diese Annahme stark dadurch gestützt, daß eins der wichtigsten Bibelmanuskripte (C - Ephraemi aus dem 5. Jahrhundert) statt 666 die Zahl 616 angibt, weil nämlich diese Zahl der lateinischen Form des Namens Nero entspricht. So entsprechen die beiden Versionen der Zahl den beiden Versionen seines Namens, und das Tier stünde für einen der grausamsten Verfolger der Urkirche. (8)

Im Augenblick ist es jedoch nicht so wichtig für uns zu entscheiden, welche Lösung des Rätsels die richtige ist. Viel wichtiger ist die Tatsache, daß der Satanismus diese Zahl, die für einen Erzfeind der Christenheit steht, übernimmt und zu seinem eigenen Symbol macht. Also kann auch in diesem Fall der Satanismus nur aus der Gegenüberstellung mit etwas Positivem leben. Auch in diesem Fall übernimmt er ein christliches Ausdrucksmittel und dreht dessen Bedeutung um. Aus dem negativen, abscheulichen Symbol des übels macht er das Symbol seiner eigenen Religion. Mit einem Wort: Das zeigt sehr deutlich den satanistischen Lebensstil aus der Mülltonne des Christentums heraus.

Die Gematrie selbst wurde später umfassend weiterentwickelt in allen möglichen Arten von zahlenkundlicher Magie. Schon die alten griechischen Tempel wurden gemäß gewissen gematrischen Verhältnissen gebaut. Später wurden alle möglichen auf Gematrie beruhenden Spekulationen vorgelegt. Es wurden nicht nur Wörter mit der gleichen Gesamtsumme zusammengestellt und für philosophische Schlußfolgerungen benutzt (10), sondern auch z.B. Botschaften von Geistern durch den Vergleich der Zahlen ihrer Namen mit den Zahlen von Schlüsselwörtern ihrer Bortschaften überprüft. (11)

Paranoide Spekulationen

Meine zweite Hypothese über den Satanismus besagt, daß keine andere (religiöse) Bewegung von einem solchen Ausmaß an Fabulation, paranoischen Geschichten und Spekulationen umgeben ist wie der Satanismus. Deshalb müssen nicht nur Informationen über "Satanismus", die auf von Therapeuten angeblich "ins Bewußtsein zurückgerufenen"" Erinnerungen an "satanistischen Kindesmißbrauch" beruhen, sorgfältig geprüft werden, sondern auch alle Behauptungen über angebliche "Manifestationen satanistischer Macht" sollten mit allen möglichen wissenschaftlichen Mitteln kritisch bewertet werden.

Wieder können wir die Zahl 666 als Beispiel verwenden. In den letzten Jahren versuchen einige fundamentalistische und charismatische Gruppen, die Nähe der drohenden Herrschaft des Antichristen und die kommende Entrückung der Brautgemeinde durch die Tatsache zu beweisen, daß alle Produkte mit einem Strichcode markiert werden. (12)

Sie finden nämlich in dem Strichcode die Zahl 666 und bringen sie in Verbindung mit der oben zitierten Passage aus der Offenbarung.

Jede Gruppe von Strichen in dem Code steht für eine Zahl. Angeblich stehen zwei dünne Linien für die Zahl sechs. Zufällig wird der ganze Code durch drei Doppelstriche, die den beiden dünnen Linien darin ähnlich sind, unterteilt in Sektionen.

Daraus schlußfolgern solche religiösen Gruppen, daß die drei Doppelstriche in der Scannermarkierung eigentlich als die "Zahl des Tieres" gelesen werden müssen und die Verwendung der Strichcodes nicht zufällig, sondern die Erfüllung einer Passage aus der Offenbarung sei, die besagt, daß niemand werde kaufen oder verkaufen können, wenn er nicht das Zeichen habe, welches die Zahl des Tieres sei (Offenbarung 13:17).

Man könnte dies von vornherein als einen Ausdruck religiöser Spökenkiekerei abtun. Aber wir wollen überprüfen, ob solche eine Spekulation vielleicht doch möglich ist.

Dazu müssen wir zurückkommen auf die Art und Weise, wie die Griechen oder Hebräer ihre Zahlen schrieben.

Die Griechen und Hebräer verwendeten zwar wie wir ein Dezimalsystem, aber, anders als wir, verwendeten sie kein Zahlzeichen "0" (null). Daher gab es in diesem System, obgleich es ein Dezimalsystem war, keinen Stellenwert. Deshalb wurden mehr Zeichen benötigt als nur die neun Zahlenzeichen (plus null), die wir verwenden. Für die Zahlen bis zu unserer 999 brauchte man 27 verschiedene Zeichen: neun für die Einer (1-9); neun für die Zehner (10-90); und weitere neun für die Hunderter (100-900). (13) Weil sie also keine Null hatten, konnten sie nicht wie wir das gleiche Zeichen für Zehner und Hunderter verwenden und ihren Wert einfach durch eine Null dahinter oder die Veränderung der Stellung innerhalb der Zahl verändern. Das bedeutet, daß sie nicht das gleiche Zeichen für z.B. 3, 30 und 300 verwenden konnten. Infolgedessen konnten sie beim Schreiben der Zahl 666 keineswegs eine dreifache Sechs verwenden, sondern sie mußten drei verschiedene Buchstaben verwenden (Chi, XI, Sigma).

Wir folgern daraus, daß jede auf einer dreifachen Sechs beruhende Spekulation nur die heutige Art der Schreibung widerspiegelt und nichts mit der eigentlichen biblischen Zahl zu tun hat. Deshalb müssen - trotz der Tatsache, daß nicht nur charismatische und satanische Gruppen, sondern auch einige angesehene Kommentatoren über die dreifache Zahl sechs nachdenken - alle diese Spekulationen im Lichte linguistischer, wissenschaftlicher Forschung als augenscheinlich falsch abgelehnt werden.

Auch die oben dargestellte Idee, die der Verwendung von Strichcodes unterlegt wird, ist viel weniger ansprechend, wenn sie ihren Symbolismus der dreifachen Sechs verliert - oder man müßte die "Beweise" noch viel weiter verdrehen, um sie beizubehalten.

Dr. Tomas Novotny, 46,
habilitierter Religionswissenschaftler, ist Dozent für AT und
Hebräisch an der Philosophischen Fakultät der Universität Ostrava.

Anmerkungen

(1)e.g.: Sellers Sean, Web of Darkness,
Victory House, Tulsa, Oklahoma, 1990,
(29, 54) und viele persönliche Mitteilungen.

(2)e.g.: Moffatt James,
The Expositor's Greek Testament,
Grand Rapids, Michigan, 1979, (V, 433-435)

Haag Herbert,
Bibellexikon,
St. Benno, Leipzig, 1969, (1919-1920)

(3)Freedman Michael:
Gematria: Magic
(Magick) <http://www.protree.com/Spirit/gematria.html>

(4)Kittel Gerhard,
Theological Dictionary of the New Testament,
Eerdmans, 1976, (I, 462)

(5) Ibid, (463)

(6)E.g.: Barclay William,
The Revelation of John,
The Westminster Press, Philadelphia, 1976, (II, 100)

(7)Ibid.

(8)Heussi Karl,
Kompendium der Kirchengeschichte,
Evangelische Verlagsanstalt, Berlin, 1965, (46)

(9)Opsopaus John,
Some Notes on the History of Isopsephia (Gematria)
<http://www.cs.utk.edu/-mclennan/BA/SNHIG.txt>

(10)E.g.: Freedman Michael: Gematria: Magic
(Magick) <http://www.protree.com/Spirit/gematria.html>

(11)Als Beispiel zum Thema der Verifikation von
Geister-Kommunikationen zitiere ich aus einem
anonymen Internet-Artikel
<http://nic.funet.fi/pub/doc/religion/occult/qabalah/misc/gematria>
mit dem Titel "Kabbalistsche Wortmanipulation":

"Stellen wir uns einmal vor, ich hörte alle
möglichen wundervollen Sachen von einem Geist, der
seinen Namen als 'Abs' angibt. Mit Hilfe der Gematrie
würde ich ein Wort schaffen mit dem Klang 'abs'.
Mögliche Wörter wären daher Alepha + Beth + Samekh =
1 + 2 + 60 = 63, Aleph + Beth + Shin = 1 + 2 + 300 =
303. Wenn ich nun Wörter mit dem Wert 63 nachschlage,
finde ich das hebräische Wort für 'Mist'. In ähnlicher
Weise finde ich für 303 'Verwesung'. Ich schließe daraus,
daß man dem Dämon 'Abs' nicht trauen sollte und man
Worte nicht nur cum grano salis, sondern mit einem
ganzen Eimer Salz aufnehmen soll. Beachten Sie bitte,
daß es im Hebräischen keine Vokale gibt, Buchstaben
wie z.B. Aleph und Ayin entsprechen nicht genau a und o.
Vokale werden durch Punkte unter den Buchstaben
geschrieben. Daher können wir, wen wir wollen, alle
Selbstlaute aus unserer Gematrie weglassen. Wenn ich
z.B. eine Nachricht über jemanden mit dem Namen
'Saddam Hussein' erhalte, die besagt, er sei der
Antichrist, dann müßte ich das glauben, denn:
'Saddam' = Samekh + Aleph + Daleth + Aleph + Mem =
60 + 1 + 4 + 1 + 600 = 666. Auch 'Hussein' = Heh +
Vau + Shin + Heh + Nun = 5 + 6 + 300 + 300 + 5
+ 50 = 666"

(12)Watkins Terry:
Warning: 666 is coming
<http://www.av1611.org/666.html>

(13)Pothier Edward L: Six Hundred Sixty-Sux But Not 666 <http://www.math.gate-ch.edu/~jkatz/Religions/Numerics/six.html>