RON DER "KRIEGSHELD"
L. RON HUBBARD UND DIE U.S. NAVY, 1941-50

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Die Geheimdienst Verbindung?

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Behauptungen und Entgegnungen

4.3  Überprüfen der Beweise

Bestätigung ist eines der grössten Probleme, denen der Historiker gegenübersteht. Beweise verlieren sich in den Spuren der Zeit, verursachen zunehmend Schwierigkeiten je weiter man in der Zeit zurückschaut. Einige wenige Dokumente haben immense Zeitperioden überlebt und dienen heute als praktisch die einzigen dokumentarischen Aufzeichnungen der Ereignisse von denen sie berichten - zum Beispiel "de bellum gallicum" von Julius Caesar, oder "Der peloponnesische Krieg" von Thucidides. Solche Dokumente können beim Fehlen anderer Quellen von grossem Wert sein - so stammt beispielsweise die einzige detaillierte Beschreibung des vorrömischen Britannien von Caesar. Aber auf eine einzige Quelle angewiesen zu sein birgt auch Gefahren. Caesar spricht von den haarsträubenden Riten der keltischen Druiden, was jedoch heute als römische Propaganda betrachtet wird um das Einziehen von Steuern für die Pax Romana von den "barbarischen" Briten zu rechtfertigen. Der überragende Ruf von Caesar bedeutete jedoch, dass seine Behauptung während Jahrhunderten unbestritten blieb.

Das Meiste was wir über L. Ron Hubbards Laufbahn in der US Navy wissen stammt von den Aufzeichnungen seines ehemaligen Arbeitgebers. Scientology hat behauptet, dass diese Aufzeichnungen gefälscht sind. Falls dies wahr wäre, dann wäre die von vielen Leuten aufgebrachte Zeit und alles Geld zum Erlangen und Berichten über diese Aufzeichnungen vergeblich gewesen. Glücklicherweise ist die Situation nicht so trostlos, da es möglich ist, bedeutende Teile von Hubbards Marinekarriere durch Quellen ausserhalb der US Navy zu bestätigen, einschliesslich die eigenen Darstellungen von Scientology und L. Ron Hubbard.

Es gibt keinen Widerspruch, dass Hubbard tatsächlich in der Reserve der Marine Dienst leistete; alle Parteien sind sich darüber einig (eigentlich der einzige Aspekt seines Dienstes in der Marine, dem nicht widersprochen wird). Wir wissen aus seiner Korrespondenz mit Senator Warren G. Magnuson, dass er die Ernennung zum Leutnant j.g. beantragte und auch erhielt, anfänglich für Public Relations Aufgaben eingesetzt. Mit Hubbards unpublizierten "Autobiographical notes for Peter Tompkins" (6. Juni 1972) können wir bestätigen, dass er weiterhin für das Hydrographic Office arbeitete. Hubbard hielt in einem 1963 australischen Journalisten gewährten Interview, dessen Text nachträglich durch Scientology verbreitet wurde, fest, dass er 1941-42 in Brisbane in Australien stationiert war, angeblich als "die einzige Flugabwehrbatterie" des Landes. "Ron The Poet" (1996) bestätigt ebenfalls, dass er "die ersten Monate des Jahres 1942 als Senior Officer Present Ashore in Brisbane Australien verbrachte".

Es herrscht Übereinstimmung, dass er Ende 1942 an Bord des Kanonenbootes USS YP-422 Dienst leistete; dies wird von Scientology akzeptiert, wurde durch die US Navy fotografisch festgehalten und wurde durch ehemalige Mitglieder der Schiffsmannschaft bestätigt. 1 Hubbard behauptete in späteren Jahren, dass die Schiffsmannschaft aus Strafgefangene bestand, die er auf Vordermann zu bringen hatte. Nach seiner kurzen Gastspiel an Bord der YP-422 kam er ans Submarine Chaser Training Center in Miami, Florida, als Vorbereitung zur Übernahme eines eigenen U-Bootjäger Kommandos. Er bezieht sich 1964 in einem Vortrag "Study: Evaluation of Information" darauf, anmerkend, dass "es ein angenehmer, angenehm warmer Klassenraum war und ich wurde für eine sehr kurze Zeit hinunter in den Süden Floridas geschickt ... und, Jungs, ich war in der Lage zu etwas Schlaf zu kommen". Während dem Verfahren von Armstrong 1984 wurde die dortige Anwesenheit Hubbards durch einen seiner Klassenkameraden, Thomas S. Moulton, unter Eid bestätigt.

Es gibt auch keinen Widerspruch, dass Hubbard 1943 den U-Bootjäger USS PC-815 kommendierte. Scientology bezog sich bei verschiedenen Gelegenheiten darauf, zum Beispiel in "Ron The Poet" und dem internen Dokument "Correction of False Reports in 'Scientology Unmasked', Boston Sunday Herald vom 1. März 1998". Es ist auch das Thema eines Artikels im Oregon Journal vom 22. April 1943. Der berühmte "U-Bootkampf" ist Gegenstand der Akten, stark herangezogen in Moultons Zeugenaussage im Fall Armstrong und in verschiedenen in den letzten Jahren produzierten Berichten von Scientology (obgleich das Ergebnis des "Kampfes" klar strittig ist). Moulton verliess das Schiff zur Zeit des unglücklichen Zwischenfalls bei den Coronados Inseln, darum gibt es keine unabhängige Bestätigung von diesem Ereignis. Das Logbuch der PC-815 wurde jedoch im US National Archives in College Park Maryland aufbewahrt. Ich habe selbst Hubbards originale Logeinträge benutzt und untersucht, mit Bleistift auf recht dünnes Papier geschrieben. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass sie gefälscht wurden und die im Log aufgezeichneten Aktivitäten und Positionen stimmen genau mit den vor dem darauf folgenden Untersuchungsausschuss abgegebenen Aussagen überein. Kaum überraschend, das das Log das gleiche Dokument ist, das dem Umtersuchungsausschuss vorlag.

Unmittelbar nachdem er von seinem Kommando der PC-815 abgesetzt wurde, zeigen die Akten, dass sich Hubbard im San Diego Naval Hospital krank meldete. Seine eigenen Stellungnahmen (beispielsweise in seinen 'Autobiographical Notes' von 1972) bekräftigen seine Anwesenheit dort. Scientologys "L. Ron Hubbard: A Chronicle" (1990) bestätigen seîne daraufhin folgende Anwesenheit in einem Small Craft Training Center in San Pedro, Kalifornien. Viele offizielle Stellungnahmen von Scientology beziehen sich auf seinen Dienst an Bord des Angriffsfrachters USS Algol und seine Anwesenheit an der School of Military Government in Princeton, New Jersey, obwohl ausser in seinen offiziellen Dienstakten keine anderen externe Bestätigungen dieser Posten erscheinen. Wir haben die Bestätigung, dass er sich damals in der Umgebung von New York aufhielt, da sich die Schriftsteller Robert Heinlein und Jack Williamson unabhängig voneinander auf Hubbards Anwesenheit an Treffen in New York City im Winter 1944 beziehen. 2

Auf Hubbards abschliessender Aufenthalt als Patient im Oak Knoll Naval Hospital bezieht sich Scientology ganz allgemein; viele Scientology Zentren hängen anscheinend Kopien seines Werkes "My Philosophy" an den Wänden, auf denen er sich auf seine schrecklichen Kriegsverletzungen beruft. Sie werden als ein Beispiel der enormen möglichen Gewinne benutzt, die der Gebrauch von Hubbards mentalen Therapien hervorbringt und können zutreffend als eine Darstellung beschrieben werden, welche für die heutige Scientology Religion zentral ist.

Darum wird, kurz gesagt, die Echtheit von praktisch allen wichtigen Posten, die in Hubbards Dienstakten festgehalten sind, durch Scientology bestätigt oder akzeptiert. Es herrscht tatsächlich eine so grosse Übereinstimmung, dass es schwer zu verstehen ist, wie er Zeit gefunden haben könnte, sich mit all den anderen Unternehmen abzugeben, die er angeblich ausführte, solche wie verdeckte Geheimdienstaktionen in Holländisch Ostindien oder sein Kommando einer mysteriösen namenlosen Korvette auf dem Nordatlantik.

Schritt für Schritt, welche Beweise gibt es, um die vielen umstrittenen, von Scientology und Hubbard gemachten Behauptungen zu bestätigen? Die unmittelbare Antwort ist, dass es keine gibt, oder wenigstens wurden keine präsentiert (und es gibt keinen offensichtlichen Grund für Scientology, beim Beweis ihrer meist strittigen Behauptungen Zurückhaltung zu üben). Immer wieder ist die einzige Informationsquelle Hubbard selbst. Als Beispiel, es gibt keine dokumentierte Beweise irgend welcher Art um zu zeigen, dass er eine Korvette kommandierte, irgendwo, zu irgend einem Zeitpunkt, oder dass er mit dem Privatflugzeug des Navy Ministers aus dem Südpazifik heimgeflogen wurde. Die einzige Quelle solcher Behauptungen sind Hubbards eigene persönliche Darstellungen. Seine angebliche Geheimoperation in Ostindien kann nichteinmal direkt Hubbard zugeschrieben werden, die Scientology Kirche war sich darüber offenbar ungewiss, bis Thomas Moulton ihr erzählte was Hubbard ihm vor vierzig Jahren erzählt hatte. 3

Viele von Scientologys weiteren Behauptungen basieren eher klar auf Vermutungen und Andeutungen als auf irgend welchen konkreten Beweisen. Ein ausgewähltes Beispiel ist ihre Erklärung für die Ablehnung von Hubbards Behauptungen durch die Navy, 1943 zwei japanische U-Boote vor Oregon versenkt zu haben. Gemäss Scientology wurde die Affäre durch Viceadmiral Frank J. Fletcher "vertuscht", "da es sich als Grabesgeläut für seine Hoffnungen angehört hätte, ein ausschlaggebendes Kommando zurückzugewinnen". 4 Zur Unterstützung dieser Behauptung wird überhaupt kein Beweis vorgelegt und es ist schwer einzusehen, wie Scientology wissen hätte wissen können, was Fletchers Beweggründe waren.

Andere Behauptungen sind klar falsch oder wurden durch Hubbard selbst dementiert. Scientology behauptet ausdrücklich, dass die USS YP-422 ein U-Bootjäger war; auf der selben Seite jedoch zeigt sie eine offizielle Navy Foto des Schiffes welches ganz klar erkennen lässt, dass es ein bewaffneter Trawler war. 5 Hubbard behauptete, dass er 1945 "verkrüppelt und erblindet" war, doch bei verschiedenen Gelegenheiten behauptete er, dass er "nicht sehr krank" war und gesund genug, um drei betrunkenen Unteroffizieren mit einem Judokampf zur Aufgabe zu zwingen. 6

Die Scientology Kirche scheint bemerkenswert knapp an dokumentarischen Beweisen von Hubbards angeblichen Aktivitäten zu sein. Zum Beispiel war sie nicht in der Lage zu sagen wo, wann und warum Hubbard die für ihn geforderten "21 Medaillen und Bänder" erhielt; seine Auszeichnungen wurden nie vorgewiesen. Das einzige Dokument, welches Scientology zur Untermauerung der Medaillenforderung vorwies, ist nachweislich gefälscht.

Kurz, alle Beweise scheinen zu Gunsten der offiziellen Akten von Hubbards Dienstlaufbahn zu sprechen; es gibt nahezu keine Beweise zu Gunsten der wilden Behauptungen, die er und seine Organisation während Jahren gemacht haben. Damit soll nicht gesagt werden, dass solche Beweise nicht existieren. Falls dies jedoch der Fall wäre, ist es äusserst seltsam, dass Scientology diese die ganze Zeit nicht vorgewiesen haben sollte.


ANMERKUNGEN

1 'Scientology Unmasked', Boston Herald, 1. März 1998

2  Heinlein, Vorwort zu Godbody, Theodore Sturgeon, 1986; Williamson, Wonder's Child: My Life in Science Fiction, 1984

3  Ich konnte in den offiziellen Quellen von Scientology oder bei Hubbard selbst keine Referenzen zu diesen Behauptungen finden, die vor Moultons Zeugenaussage 1984 datiert sind.

4 "Correction of False Reports in 'Scientology Unmasked', Boston Sunday Herald 1. März 1998" - interne Anweisung der Scientology Kirche, März 1998.

5 See L. Ron Hubbard: The Humanitarian (1996) - http://humanitarian.lronhubbard.org/respect3.htm.

6 L. Ron Hubbard: The Philosopher (1996), http://www.ronthephilosopher.org/page40.htm; Bandaufnahme des Vortrags vom 23. Juli 1951, Transkript in Research & Discovery Series, Band 6, S.409; HCO Bulletin of November 15, 1957, in Technical Bulletins of Dianetics & Scientology, Band 3, S.146

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