Scheitern der "Religiösen Rechten"

New York, NY Gemäss mehreren Spitzenführern der Religiösen Rechten scheiterte die Bewegung in ihrer Mission, die amerikanische Kultur mit konservativem Christentum zu durchdringen. Bereits früher in diesem Jahr verkündete Paul Weyrich, ein prominenter und langjähriger Aktivist der Religiösen Rechten, mit einem umstrittenen Brief an die Mitführer der Religiösen Rechten den Tod der Bewegung. Von Weyrich stammte der Name "Moralische Mehrheit" für die einst von Rev. Jerry Falwell geführte Organisation.

Am Sonntag den 16. Mai 1999 interviewte Leslie Stahl in der CBS Sendung "60 Minutes" ehemalige und gegenwärtige Mitglieder der Religiösen Rechten, eingeschlossen Paul Weyrich. Auf ihre Frage "Sie meinen, dass wir den Kulturkampf verloren haben?" antwortete Weyrich mit "Ja". Er fügte bei "Es ist sehr klar, dass eine Moralische Mehrheit nicht mehr länger existiert - falls es sie überhaupt je gab".

Zwei ehemalige Leiter der Moralischen Mehrheit, Cal Thomas und Ed Dobson, erschienen auch in "60 Minutes". Thomas ist Kolumnist bei mehreren Zeitungen und Dobson ist Pfarrer in Grand Rapid, Michigan.

Nach Thomas ist die Religiöse Rechte nicht fähig, ihre Ziele zu erreichen. "Wir hatten Newt Gengrich und den Auftrag für Amerika, das Repräsentantenhaus war erstmals seit 40 Jahren von den Republikanern beherrscht - unter grösstenteils konservativer Kontrolle. Wenn wir es mit all dieser uns übertragenen politischen Macht nicht schafften, dann ist es ziemlich klar, für mich wenigstens, das es nicht machbar ist."

Leslie Stahl bemerkte, dass trotz all den Gruppen der Religiösen Rechten Abtreibung immer noch legal ist, organisiertes Schulgebet immer noch verboten ist, Homosexualität mehr denn je akzeptiert wird und dass die Nationale Stiftung für die Künste immer noch weiterlebt.

Thomas kommentierte: "Warum sollten die Leute einer Organisation oder Person Geld spenden, die nie Erfolg haben wird?"

Pat Robertson, der ein multimillionenschweres Imperium aufs Spiel setzt, lehnte es bis zu einem gewissen Grad ab, zu verzichten. "Wir können uns nicht zurückziehen; das ist ein Teil unseres Lebens. Wir können das nicht tun. Ich kann Defätismus nicht akzeptieren. Ich kann nicht aufgeben und zu meinen Grosskindern sagen - ich habe 13 Grosskinder - 'Opa zog sich aus dem Kampf zurück weil Paul Weyrich einen Brief schrieb'."

Stahl erwähnte den kürzlichen Start einer Kampagne durch Robertson für eine Stiftung von 21 Millionen Dollars zur Unterstützung der Beteiligung der "Christian Coalition" an den Wahlen von 2000.

Als Kommentar zu Robertsons Aufwand sagte Weyrich "Gut, lasst uns sehen, was sie uns nach den Wahlen 2000 dafür vorweisen können. Ich zweifle, dass sie Erfolg haben werden."

Trotz allem Draufgängertum gestand Robertson zu, "Wir werden auf keinen Fall eine Verfassungsänderung durchbringen, die Abtreibung verbietet. Gerade dies wird nicht geschehen."

Pastor Ed Dobson, der in seiner Kirche in Michigan keine Wahlpropaganda für die Christian Coalition zulässt, äusserte scharfe Kritik an der Christian Coalition.

"Wenn immer sie eine Bewegung als christlich identifizieren - Christian Coalition oder welchen Begriff sie immer zum christlich hinzufügen - und es ist eine vor allem politische Bewegung, dann identifizieren sie Jesus mit dieser Bewegung. Damit erwecken sie ausserhalb der Bewegung die Auffassung, dass ich um ein Christ zu sein, allen diesen politischen Einstellungen zustimmen muss."

"Und ich muss ein Republikaner sein", fügte Stahl hinzu.

"In diesem Fall, ja", sagte Dobson.

"Und das verletzt sie?"

"Ja, weil ich in unserer Gemeinde mit 12 schwarzen Pfarrern zusammenarbeite. Wir verbrachten gemeinsam hunderte von Stunden. Und sie sind alle Demokraten. Sie sind keine Republikaner."

"Und sie sind alle Christen", erwähnte Stahl.

"Sie sind wahre, engagierte, begeisterte Nachfolger von Jesus Christus. Jesus ist nicht einmal Amerikaner", erklärte Dobson.

"Auch kein Republikaner", sagte Stahl.

"Auch kein Republikaner."

Dobson erklärte, dass er glaube dass die Christen Kultur durch ihr Beispiel verändern sollten, nicht mit Politik. Seine Kirche versorgt in Grand Rapid, Michigan, Obdachlose mit Nahrung und führt ein Heim für schwangere Teenagers.

Seine Botschaft an die Christian Coalition ist: "Streicht den Namen 'Christian'. Hört auf, Pfarrer dazu zu drängen, von der Kanzel zu politisieren. Hört damit auf, Kirchen als Hauptorganisationen zum Erzielen eines politischen Wechsels zu missbrauchen."

Der Soziologe Alan Wolfe trat ebenfalls in der Sendung auf. Er befragte Amerikaner über Religion und Politik.

"Die Amerikaner lieben Gott und die Amerikaner hassen Politik", sagte Wolfe. "Darum ist die Idee, diese zu vermischen, die Religion zu verpolitisieren, geradezu verrückt. Das ist nichts was sie je tun wollen."

"Ich fand heraus, dass die Leute sehr stark an die Moral glauben", fügte Wolfe hinzu, "aber weil sie auch an die Freiheit glauben, wollen sie selbst das Sagen haben, welche moralischen Grundsätze für ihr Leben bestimmend sind. Das Volks mag die Einmischung in seine Angelegenheiten nicht."

Wolfe erklärte, dass er bei seinen vielen Befragungen von Amerikanern im ganzen Land nicht nur Feindseligkeit gegenüber Pat Robertson fand, sondern auch gegen Jesse Jackson, der wie Robertson Politik und Religion vermischt. Dieses Gemisch aus Politik und Religion ist der eigentliche Grund, warum die Religiöse Rechte an Boden verliert, sagte er.

Gary Bauer, ehemals beim 'Family Research Council', einem Zweig von 'Focus on the Family', ist ein republikanischer Präsidentschaftskandidat. Ebenfalls auftretend bei "60 Minutes", wischte er den Kommentar von Paul Weyrich weg als von einem kommend, der "müde" ist.

Weyrich konterte: "Falls er recht hat und ich falsch liege, dann wird er gewählt werden". Er erzählte, dass er Bauer sagte, "selbst wenn sie zum Präsidenten gewählt werden, könnten sie die kulturellen Belange nicht voranbringen. [Bauer] meinte, 'Das ist absoluter Nonsense, weil ich ein Führer wäre. Es ist eine Führungsfrage'".

"Nein, entgegnete ich, es ist keine Frage der Führung, weil sich die Kultur so weit verselbständigte, dass jeder Führer, der versuchen würde, Ideen in dieser Beziehung einzubringen, sich selbst in eine solche Kontroverse verwickeln würde, dass seine Verwaltung total gelähmt wäre."

Bauer antwortete. "Das ist defätistisch."

Am Ende der Sendung fragte Leslie Stahl Weyrich: "Ist es schmerzlich zuzugeben, unrecht zu haben?"

"Bestimmt, das ist nie leicht."

Er sagte, dass ihm seine Freunde erklärten, dass er politisch erledigt sei, aber er folgerte daraus: "Es ist dumm, sich selbst für etwas Nichterreichen zu Beglückwünschen."

© 1999 Institute for First Amendment Studies, Inc.