BARE-FACED MESSIAH
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Kapitel 13

Apostel des Eigennutzes

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'Ein historischer Meilenstein im persönlichen Leben von L. Ron Hubbard und in der Geschichte von Dianetics und Scientology wurde im Februar 1954 mit der Gründung der ersten Kirche von Scientology in die Tat umgesetzt. Dies geschah in Übereinstimmung mit der aus den frühesten Tagen der Forschung stammenden religiösen Natur der Lehre. Es war offensichtlich, daß er die ganze Zeit religiöses Gebiet erforscht hatte.' (Mission Into Time, 1973)

(Scientologys Zusammenfassung der Jahre 1953-59.)

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Hubbard hatte die Umwandlung von Scientology in eine Religion in aller Heimlichkeit während mehr als zwölf Monaten nach seiner Rückkehr aus Europa im Herbst 1953 geplant. Es machte finanziell Sinn, da es wesentliche Steuererleichterungen für Kirchen gab und es war von praktischer Bedeutung, weil er davon überzeugt war, daß Scientology als Religion weniger anfällig für Angriffe von Feinden sein würde, von denen er überzeugt war, daß sie fortwährend versuchten ihn zu umzingeln

Ausserdem florierten Religionen in Amerika nach dem Krieg. Alle Kirchen wiesen zunehmende Mitgliederzahlen aus, es gab ein neues Interesse an der Erweckungsbewegung, beispielsweise verkörpert durch Billy Grahams spektakuläre Kreuzzüge, und sogar Theologen förderten das Konzept einer Kirche, die fester Bestandteil der zeitgenössischen Kultur sein sollte, was sich an der Beliebtheit von Liedern wie 'I Believe' und epischen Filmen wie 'Die Zehn Gebote' zeigte. Auch Politiker sprachen von 'Frömmigkeit auf dem Potomac' und der zum Präsident gewählte Dwight D. Eisenhower erklärte Ende 1952: 'Unsere Regierung macht keinen Sinn, es sei denn, sie ist auf einem tief empfundenen religiösen Glauben gegründet und es interessiert mich nicht, welcher es ist!'. Im Jahr 1954 kurbelte der Kongress die neue Frömmigkeit dadurch an, dass er dem Treueschwur der USA die Phrase 'unter Gott' hinzufügte.

Hubbard erkannte diese religiöse Welle sehr schnell und sprang umgehend auf diesen Zug auf. Im Dezember 1953 gründete er in Camden, New Jersey, drei neue Kirchen - die Church of American Science, die Church of Scientology und die Church of Spiritual Engineering. Am 18. Februar 1954 wurde die Church of Scientology of California gegründet. Ihre Ziele waren, unter anderem, 'die Ziele, die Absichten, die Grundsätze und das Glaubensbekenntnis der Church of American Science anzunehmen und zu übernehmen, wie sie von L. Ron Hubbard begründet wurden'.

Eine weitere Church of Scientology wurde in Washington DC gegründet und das ganze Jahr 1954 hindurch drängte Hubbard die Inhaber von Franchisen überall in den Vereinigten Staaten dazu, ihre Unternehmen in unabhängige Kirchen umzuwandeln. Leitende Angestellte der Hubbard Association of Scientologists International nannten sich von nun an 'Geistlicher' und einige der Überschwänglichsten begannen sogar Kragen wie Geistliche zu tragen und ergänzten ihre Namen mit 'Reverend'.

Anfangs 1955 verlegte Hubbard sein Hauptquartier von Phoenix nach Washington DC und gab damit seiner Überzeugung Ausdruck, daß die verfassungsmäßigen Rechte der Kirche unter der Rechtssprechung von Bundesgerichten sicherer waren als vor Gerichten der Einzelstaaten. Mit ihm reiste ein richtiger Familienclan nach Washington, bestehend aus u.a. seiner hochschwangeren Ehefrau mit ihren beiden Kleinkindern und seinem Sohn Nibs mit seiner Frau Henrietta, die ebenfalls schwanger war. Am Sonntag den 13. Februar brachte Mary Sue eine Tochter zur Welt, Mary Suzette Rochelle Hubbard, ihrem dritten Kind in etwas weniger als drei Ehejahren.

Die Hubbards zogen in ein zweistöckiges Haus in Silver Spring, dem grünen Vorort von Maryland, gerade ausserhalb des Ballungsgebiets von Washington DC, und von dort aus nahm Ron seine Korrespondenz mit der Communist Activities Division des FBI wieder auf. Am 11. Juli 1955 schrieb er einen fahrigen dreiseitigen Brief über Kommunisten und gefährliche Buchhalter, die mit abtrünnigen IRS Agenten konspirierten um ihn zu zerstören, so sinnlos, daß der Empfänger beim FBI die Anmerkung 'scheint geisteskrank' auf den Brief kritzelte. [1] Danach nahm das FBI Mitteilungen von Hubbard nicht mehr zur Kenntnis 'wegen fehlendem Zusammenhang, ihrer sinnlosen Natur und ihres Mangels an jeglicher Relevanz für die Interessen des FBI'. [2] Ohne Zweifel ein wenig zum Ärger des Büros liess sich Hubbard jedoch nicht im Geringsten vom Schreiben abbringen.

Zwei Wochen später schrieb er wieder, auf elegantem frisch gedrucktem Briefpapier mit 'L. Ron Hubbard D.D., Ph.D.' im Briefkopf, um mitzuteilen, daß er eine Einladung erhalten hatte nach Russland zu gehen. Diese kam von einer 'absolut zuverlässigen Quelle', die vorschlug, da er im Begriff war vom IRS ruiniert zu werden, könne er ebensogut das Angebot annehmen. 'Es scheint so, als ob ich als Berater oder Experte nach Russland gehen, dort meine eigenen Labors haben und sehr hohe Vergütungen erhalte könnte. Und es ist alles so leicht, weil bereits sicher gestellt wurde, daß ich meinen Reisepass für Russland erweitern lassen könnte und alles, was ich zu tun habe war, nach Paris zu gehen wo mich ein russisches Flugzeug abholen würde, und das wäre es'. Er wollte den Namen seines Kontaktmanness nicht enthüllen, fügte er hinzu, 'weil er auf dem [Capitol] Hügel ein wenig zu hoch steht'.

Hubbard schien den Lockungen von jenseits des Eisernen Vorhangs widerstanden zu haben, denn während der brütend heißen Sommermonate in Washington DC hielt er Vorträge an der 'Academy of Religious Arts and Sciences', einem Haus mit zehn Räumen an der 1845 R Street im Nordwesten der Stadt. Er hielt seine Einbahn-Kommunikation mit dem FBI immer noch aufrecht; am 7. September schrieb er beispielsweise, um sich über die Verfolgung von Scientologen zu beschweren, von denen er behauptete, daß einige von ihnen unter mysteriösen Umständen in den Wahnsinn getrieben wurden, möglicherweise unter Verwendung von LSD, 'der von der APA [American Psychological Association] bevorzugten Droge zur Erzeugung von Wahnsinn'. Ein anderer bemitleidenswerter Kerl, ein 'halbblinder tauber alter Mann' war in Phoenix wegen der Ausübung von Medizin ohne Genehmigung von einem Bezirksanwalt festgenommen worden mit der Aussage, 'dieser Sache mit Hubbard und Scientology mal auf den Grund zu gehen'.

Auf privater Ebene wies Hubbard darauf hin, daß es nicht ungewöhnlich war 'daß Richter und Anwälte gegen mich aufgehetzt würden, was für eine schreckliche Person ich sei und wie scheusslich Scientology ist ... jede Art diffamierender Gerüchte umgeben mich, sogar meine geistige Gesundheit wird infrage gestellt .. '

Dies war sicher eine Frage, die sich schon auf der ersten Seite der FBI-Akte stellte, obwohl Hubbard nichts davon wusste. Er fuhr fort: 'Ich versuche, einige Monographien über Angelegenheiten in meinem Wissensgebiet - Kernphysik und Psychologie - für die Regierung herauszugeben zum Themen wie der Linderung der Gefahren von Verbrennungen durch Strahlung. Zur Vervollständigung dieses Projekts bin ich in den Osten gekommen.' Er versprach auch, Informationen über die jüngsten Gehirnwäschetechniken in Russland weiterzuleiten.

Der Horror der 'Gehirnwäsche' war seit dem Ende des Korea-Kriegs beziehungsweise der Enthüllung, dass Gefangene der United Nations zu Propagandazwecken gehirngewaschen wurden in den Vereinigten Staaten ein emotional besetztes Gesprächsthema. Wie immer zum richtigen Zeitpunkt begann Hubbard sich an der Debatte zu beteiligen, diesmal durch Verteilen eines Handzettels mit dem Titel 'Brain-Washing: A Synthesis of the Russian Textbook on Psychopolitics', von welchem er behauptete, dass es ein Protokoll einer in der Sowjet Union gehaltenen Vorlesung des gefürchteten Lavrenty Pavlovich Beria war, dem Architekten von Stalins Säuberungsaktionen.

Diese Broschüre, die er zum richtigen Zeitpunkt mit der erklärenden Anmerkung an das FBI weiterleitete und 'ein kommunistisches Handbuch zu sein schien' wurde von der Scientology Kirche gedruckt. Die Central Research Section des FBIs untersuchte sie und folgerte, daß die Echtheit zweifelhaft war, da eine Dokumentation des Quellenmaterials fehlte, keine üblichen kommunistischen Wörter und Redewendungen verwendet wurden und keine Zitate von bekannten kommunistischen Arbeiten enthalten waren, wie zu erwarten gewesen wäre. Wäre die Central Research Section mit den Arbeiten von L. Ron Hubbard vertraut gewesen, hätten sie bestimmte Ähnlichkeiten am fabulierenden Stil erkennen können.

Das FBI bestätigte den Erhalt der Broschüre nicht, aber das hielt die Hubbard Dianetic Research Foundation in Silver Spring, Maryland, nicht davon ab, die Broschüre im ganzem Land an einflussreiche Personen und Organisationen zu schicken Im Begleitschreiben wurde behauptet, daß die 'Ermächtigung' zur Freigabe des Materials erteilt wurde, nachdem dem FBI ein Exemplar vorgelegt wurde.

Während Hubbard mit dem FBI kämpfte, festigte er auch seine Herrschaft über die Scientologybewegung, indem er seine Anhänger dazu drängte, gegen jeden Massnahmen zu ergreifen, der ausserhalb der Kontrolle der 'Kirche' versuchte Scientology auszuüben. Er verhöhnte Abrünnige als 'squirrels' und empfahl gnadenlose rechtliche Verfolgung, um sie aus dem Geschäft zu treiben. 'Das Gesetz kann sehr leicht verwendet werden um zu belästigen, und genügend Belästigung gegen jemand, der schon am absteigenden Ast sitzt, wobei man genau weiß, daß er nicht bevollmächtigt ist, wird im Allgemeinen genügen, sein berufliches Ende herbeizuführen', schrieb er in einem seiner unzähligen Bulletins, 'wenn möglich vernichten Sie ihn natürlich ganz.'

Im selben Bulletin bot er seine nützlichen Ratschläge irgendwelchen Scientologen an, die unglücklich genug waren verhaftet zu werden. Sie sollten sofort eine Zivilklage auf Schadenersatz von 100'000 Dollar wegen Belästigung einreichen von einem 'Mann Gottes, der seiner Beschäftigung nachging', dann 'machtvoll, raffiniert und feurig' in die Offensive gehen und verursachen, dass 'blaue Flammen auf dem Dach des Gerichtsgebäudes tanzen, bis jeder sich überreichlich entschuldigt hat'. Die einzige Art, irgendetwas zu verteidigen, schrieb Hubbard, ist der Angriff. 'Wenn Sie das jemals vergessen, werden Sie jeden Kampf verlieren an dem Sie je beteiligt sind' [3] Es war eine Philosophie, an der er sein Leben lang leidenschaftlich festhalten sollte.

Ende September packten die Hubbards ihr Gepäch erneut, schlossen das Haus in Silver Spring und verliessen Vereinigten Staaten mit ihren drei kleinen Kindern für einen weiteren ausgedehnten Aufenthalt in London. Hubbard schloss einen Mietvertrag für eine grosse Wohnung im Brunswick House ab, einem grossen Wohnhaus in Palace Gardens Terrac, einige Gehminuten von Kensington Gardens. Er wurde vorübergehend die Adresse des Hubbard Communications Office, welches Verbindung mit entstehenden Scientology Gruppen in anderen Ländern unterhielt (Satellitenkirchen wurden bereits in Südafrika, Australien und Neuseeland gegründet).

Hubbard übernahm sofort die operative Leitung der Hubbard Association of Scientologists International, welche immer noch in ihren tristen Räumen an der 163 Holland Parkavenue wirkte, obwohl sie an Grösse beträchtlich zugenommen hatte. Es gab jetzt einen Vollzeitteam von zwanzig Auditoren, die meisten von ihnen jung, wie Cyril Vosper, der als neunzehnjähriger Biologiestudent erstmals über Dianetik las und mit zwanzig ein qualifizierter professioneller Auditor war.

"Ich hatte keinen Zweifel daran, daß Hubbards Ankunft in der Stadt ein historisches Ereignis war", erinnerte er sich. "Ich glaubte völlig an ihn, hielt ihn für ein Genie und war davon überzeugt, daß er über die Menschen und ihre Beschaffenheit viel mehr wußte als irgend jemand sonst. Der einzige Grund warum ich gewisse Schwierigkeiten hatte zu akzeptieren, daß er der größte Mensch auf der Welt war, daß er für englischen Augen nicht wie ein Messias aussah. Er pflegte sehr aufdringliche amerikanische Kleidung zu tragen, auffällig karierte Jacken und sehr dünne Krawatten und weiche Wildlederschuhe. Es entsprach nicht der Erscheinung, die wir erwarteten. Aber er hielt eine Anzahl von öffentlichen Vorträgen überall in der Stadt, wurde von den Medien interviewt und wurde recht gut aufgenommen. Die Zeitungen waren zu dieser Zeit ziemlich schmeichelhaft, sie betrachteten ihn als komischen Kauz, der gerade auf irgend eine gute Sache gestossen sein könnte."

"Ron übernahm jeden Nachmittag um fünf Uhr den Vorsitz an der Personalversammlung der HASI. Bei HASI nannten sich alle beim Vornamen, so nannte ihn jeder Ron, aber es gab keinen Zweifel daran, daß er die absolut oberste Instanz war. Er duldete keinen anderen Beitrag: all die Bücher wurden von ihm geschrieben, all die Policy Letters wurden von ihm geschrieben. Niemand sollte jemals irgendetwas bezweifeln, was er sagte oder schrieb. Ich hatte The History of Man gelesen und ich wusste als Biologiestudent, dass es eine Menge absoluter Unsinn war, aber ich erklärte mir das als eine Art allegorischer Arbeit. In jedem Fall hätte ich ihm nie sagen können, 'Höre mal, Ron, das ist einfach nicht wahr'. Niemand hätte das jemals getan."

"Eine der Sachen, die mich bei Ron beunruhigten, war, daß er unberechenbar war. Er konnte eine Minute sehr nachdenklich und freundlich sein, die Folgende jedoch gänzlich abstossend. Wir auditierten etwa 50 Stunden in der Woche und ich erinnere mich daran, wie an einem Nachmittag eine jugendliche Auditorin in Tränen ausbrach als sie Ron von einem besonders schwierigen Fall erzählte, den sie behandelte. Er legte seinen Arm um sie und sagte, 'Jenny, alles was wir für diese Preclear tun können ist besser als nichts zu tun. Sie braucht Hilfe und ein wenig Aufmerksamkeit, und das ist das, was Sie ihr geben. Machen Sie nur weiter mit dem, was Sie bereits tun und Sie werden es zum richtigen Zeitpunkt lösen. Sie können keine Wunder über Nacht erwarten'. Das beeindruckte mich als eine sehr humane und tröstende Sache, was er ihr sagte. Es war keine Frage, dass er im psychologischen Bereich etwas beitragen konnte. Ich meine, sich mit jemandem hinzusetzen und für ein Paar Stunden einfach zuzuhören, das tat ihnen gut."

"Aber dann habe ich auch gesehen, wie er sich in absurder Weise benahm. An einen Nachmittag während einem Vortrag hustete eine Frau im Publikum ziemlich heftig, er ging auf dem Podium nach vorne , mit rotem Kopf und sichtlich böse und schrie, 'Bringt diese Frau aus dem Saal'! Sie war eine seiner glühendsten Anhängerinnen, zudem war sie hoffnungslos krank - sie starb drei Wochen später an Lungekrebs". [4]

Abgesehen von gelegentlichen Wutausbrüchen fand Hubbard, daß die Dinge in London sehr gut liefen. 'Ich bin in eiligem Tempo damit beschäftigt', schrieb er an Marilyn Routsong, eine in Washington zurückgelassene Mitarbeiterin, die dort seine Interessen im Auge halten sollte, 'die Dinge hier wirklich ins Rollen zu bringen. Ich hoffe auf einige Filme, die uns bereits früher halfen; außerdem verhandle ich jetzt mit einem internationalen Radio'. Er beendete den Brief mit einem Leckerbissen an Information, die Fräulein Routsongs Nerven Kribbeln verursacht haben muss: 'Gerade hier habe ich tatsächlich eine Methode 'as-ising' der Atombombe. Ansonsten bin ich nicht ganz so weit weg wie Sie denken. Liebe, Ron.'

Im seltsamen Slang von Scientology war 'as-isness' ein Prozess, etwas zum Verschwinden zu bringen. Was Hubbard anscheinend sagen wollte war, daß er auf gutem Wege war, Kernwaffen vom Erdboden verschwinden zu lassen. Etwas muss jedoch falsch gelaufen sein, da er seine Ehrfurcht erheischende Phantasie bald auf das Problem des Umgangs mit Strahlung anwenden sollte.



Die besten Freunde der Hubbards in London waren Ray Kemp, nun wieder zurück aus Phoenix, und seine hübsche Freundin Pam, beide arbeiteten beim HASI. Hubbard vollzog als Geistlicher der Church of American Science die Zeremonie, als sie im Februar 1956 im Vortragssaal vom HASI heirateten, Mary Sue war Pams Brautjungfer. "Ron und Mary Sue waren in der Nacht vor unserer Hochzeit mit uns beim Abendessen", sagte Pam, "und Ron erzählte uns, dass er die Zeremonie eigens für uns geschrieben hatte. Er war ein sehr guter Freund - er kümmerte sich sogar um unsere Flitterwochen, traf für uns Vereinbarungen für die Benutzung einer Wohnung in Tanger, die einem Freund von ihm gehörte und bezahlte unsere Flugkarten."

"Als wir zurückkamen, sahen wir sie sehr oft, zwei oder dreimal die Woche. Ron telefonierte jeweils und sagte 'ich komme herüber zum Abendessen und ich bringe ein Hähnchen mit'. Dann sassen wir für Stunden zusammen und spielten Cluedo, die Männer begannen Geschichten zu erzählen und es gab viel zu lachen. Wir hatten eine Menge Spass - es endete normalerweise damit, daß ich einschlief und auch Mary Sue zu Bett ging. Ihre Beziehung schien in Ordnung, aber sie erweckte nie den Eindruck, daß viel Liebe zwischen ihnen vorhanden war. Sie war nicht der liebevolle Typ, sie war eher effizient als liebevoll. Sie hatten als Ehemann und Ehefrau oft heftige familiäre Auseinandersetzungen."

[Hubbard & Kemp seated at a table]
Hubbard mit seinem Freund Ray Kemp auf seiner zweitägigen Reise nach Irland, auf der er hoffte, das 'irische Problem' zu lösen

"Wir wohnten in einer grossen alten Wohnung am Palace Court, Kensington, mit einem riesigen Wohnzimmer mit einem grossen Konzertflügel in der Ecke, und wir veranstalteten jede Nacht Parties. Ron war immer mit Leib und Seele dabei, ein grosser Spass. Er tanzte gerne, spielt die Gitarre oder Ukulele; er war ein echter Schauspieler. Er brachte mich dazu mit ihm zu singen und wir dachten uns rüde Lieder aus über ihn und Auditing, er krönte jeden Vers indem er vor Lachen brüllte und dachte, daß es extrem lustig war. Ich dachte, dass er als Person stets hellwach war. Er machte einen Kommentar über irgend etwas und er hatte stets Recht, und ich sah ihn an und dachte 'wie konnte er das wissen?'." [5]

Ende März 1956 begleitete Ray Kemp Hubbard auf einer Reise nach Dublin. "Er wollte sehen, ob er irgend etwas für Irland tun konnte", erklärte Kemp. "Er fühlte, dass Irlands Schwierigkeiten auf der Tatsache basierten, dass es ein wenig wie eine dritte Weltmacht war, aber nie in der Lage war, die Fähigkeiten seiner Leute anzuwenden. Wir waren zwei oder drei Tage dort und er verbrachte die ganze Zeit, indem er mit Leuten redete. Wir gingen eine Straße hinunter und plötzlich war er verschwunden. Ich blickte zurück und sah ihn in intensivem Gespräch mit jemandem, er fragte solche Dinge wie ob sie einen Job haben, was ihre Fertigkeiten sind. Ob Sie es glauben oder nicht, er hat dort tatsächlich unmittelbar einen kleinen Prozess an ihnen ausgeführt, sie fühlten sich besser und er ging weiter. Seine Idee war, in Dublin eine Personal Efficiency Foundation zu gründen, um die Leute zu lehren ihre vorhandenen unterschiedlichen Fähigkeiten anzuwenden, aber ich glaube nicht, dass je etwas daraus wurde."

Zurück in London arbeitete Hubbard daran, für seine eben flügge gewordene Kirche zu missionieren. Nie um Ideen verlegen, sagte er Kemp, daß er versuchen sollte, eine Anzeige in den Londoner Abendzeitungen zu platzieren mit einer Telefonnummer und dem Angebot 'ich rede mit jedem über alles mögliche'. Es zapfte die tiefe Quelle der Einsamkeit sofort an, die in jeder grossen Stadt existiert und eine aussergewöhnliche Reaktion hervorrief. "Wir wurden mit Anrufen überschwemmt", sagte Kemp. "Von potentiellen Selbstmördern bis zu einem Mädchen, das nicht entscheiden konnte, welchen von drei Männern sie heiraten sollte."

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Diese Kampagne war so erfolgreich, daß Hubbard daraufhin versuchte bestimmte, potentiell verwundbare Gruppen anzusprechen, angefangen mit den Opfern einer der meistgefürchteten Krankheiten der fünfziger Jahre. Die entsprechenden Spalten der Abendzeitungen brachten bald folgende anscheinend harmlose Anzeigen: 'Polioopfer. Eine 'research foundation', die Polio untersucht, ruft Freiwillige, die an den Folgen dieser Krankheit leiden dazu auf, sich für eine Untersuchung zu melden, . . . '. Es folgten bald ähnliche Anzeigen dieser 'research foundation', die auf Asthmatiker und Arthritiker zielten.

'Casualty Contact' war eine weitere widerliche Anwerbemethode, die Hubbard befürwortete. Er empfahl, dass anspruchvolle Auditoren, die nach neuen Preclears suchten, Berichte aus den Zeitungen über 'Leute, die auf die eine oder andere Weise im Leben verletzt wurden' ausschneiden sollten. 'Dabei machte es nichts, ob diese Verletzungen mentaler oder körperlicher Natur seien . . . ' Dann sollten sie so schnell wie möglich bei der leidtragenden oder verletzten Person anrufen und sich als 'ein Geistlicher, dessen Mitleid durch den Zeitungsbericht erregt wurde' vorstellen.

Bis zum Sommer 1956 florierte Scientology mächtig und ebenso endlich die Bruttoeinnahmen ihres Gründers Hubbard; die Einnahmen beliefen sich für das im Juni 1956 endende Finanzjahr auf 102'604 Dollar - ein beträchtliches Einkommen in jeder Beziehung. [6] Sein Gehalt von der Scientology Kirche waren nur 125 Dollar die Woche, aber er verdiente an den Provisionen für den Verkauf von Ausbildungskursen und E-Metern, zusätzlich zu beträchtlichen Lizenzgebühren für seine unzähligen Bücher. Mehr als sechzig Bücher von L. Ron Hubbard über Scientology waren zu jener Zeit in Druck und ungefähr alle zwei Monate erschien ein Neues, das normalerweise neue Prozesse und Verfahren enthielt, welche die gegenwärtig angewendeten ablösten.

Die Kirche konnte sich die Ausgaben leicht leisten, ihren Gründer über den Atlantik pendeln zu lassen. Und so machte Hubbard im Lauf des Jahres Jahr häufige Besuche in Washington und kassierte auf jeder Reise Vortragsgebühren. Im November zog die Academy of Religious Arts and Sciences (auch Academy of Scientology genannt) an die 1810-1812 19th Street um. Es waren dies benachbarte graue Stadthäuser mit zwei Treppenaufgängen mit Steinstufen, die bis zur Haustür führten. Die Strasse hatte eine Allee und war eine der ersten Adressen der Stadt. Die Hubbards mieteten für sich selbst (wenn sie in Washington waren) ein ansehnliches vierstöckiges Sandsteinhaus auf der anderen Straßenseite.

Im März 1957 übernahm die Kirche von Scientology einen 'anteilsmäßigen Entlohnungsplan', welches Hubbard fortan statt eines Gehalts einen bestimmten Prozentsatz vom Bruttoeinkommen der Kirche auszahlte. Die Auswirkung war dramatisch: bis zum Ende der fünfziger Jahre sollte der Gründer der Scientology Kirche im Jahr etwa 250'000 Dollar verdienen, mehr als der Präsident der Vereinigten Staaten.

Im April schien es, dass Hubbard seinen heldenhaften, eigenhändigen Versuch aufgegeben hatte, durch 'as-ising' der Atombombe die Welt von Kernwaffen zu befreien, denn in diesem Monat mietete er die Royal Empire Society Hall in London um den Vorsitz des 'London Congress on Nuclear Radiation and Health' zu übernehmen. Die an diesem aussergewöhnlichen Ereignis gehaltenen Vorträge wurden später zu einem noch aussergewöhnlicherem Buch zusammengefasst mit dem Titel 'All About Radiation', geschrieben von 'einem Kernphysiker' und 'einem Doktor der Medizin'.

Der Arzt blieb anonym, aber der 'Kernphysiker' war niemand anders als L. Ron Hubbard, der den Nutzen seiner Ratschläge mit dem üblichen mangelhaften Bezug auf die Gesetze der Wissenschaft anpries. Er behauptete zum Beispiel, dass eine 3 Meter dicke Mauer Gammastrahlung nicht abhalten könnte, während ein menschlicher Körper dies könnte, eine Behauptung, die später von einem bedeutenden Röntgenologen als 'vollständige und vollkommene Unkenntnis von Physik, Kernwissenschaft und Medizin aufzeigend' beschrieben wurde. [7] Im Einklang mit seiner Philosophie, dass die meisten Krankheiten durch den Verstand verursacht wurden, erklärte Hubbard, dass 'die Gefahr in der heutigen Welt nach meiner Meinung nicht die atomare Strahlung, die in der Atmosphäre vorhanden sein kann oder auch nicht, sondern die durch diese Frage verursachte Hysterie ist'. Strahlung, fügte er hinzu, sei 'mehr ein geistiges als ein physikalisches Problem'.

Glücklicherweise musste sich jedoch niemand vor Strahlung ängstigen, da Hubbard eine Vitaminmischung erfunden hatte, 'Dianazene' genannt (nach dem ersten Kind von Mary Sue?), welche Schutz gewährleistete: 'Dianazene wirkt gegen Strahlung - oder das was Strahlung zu sein scheint. Es schützt eine Person bis zu einem gewissen Grad vor Strahlung. Es bewirkt und entfernt auch entstehenden Krebs. Ich habe gesehen, wie es Hautkrebs entfernte. Ein Mann, der keine grosse Neigung für Hautkrebs aufwies (er hatte nur einige Muttermale) nahm Dianazene. Sein ganzer Kiefer verwandelte sich in eine rohe Masse von Krebs. Er nahm weiterhin Dianazene und der Krebs verschwand nach einiger Zeit. Ich beobachtete einen Fall von Krebs, der hätte ausbrechen können.'

Der Arzt, der unter dem Pseudonym Medicus schreibt, bestätigte in seinem Beitrag zum Buch, dass 'einige der jüngsten Tätigkeiten von L. Ron Hubbard und der Hubbard Scientology Organization darauf hinweisen, dass eine einfache Mischung von Vitaminen in ungewöhnlich hohen Dosen von Nutzen sein kann. Linderung der mittelbaren Auswirkungen und eine gesteigerte Toleranz gegen Strahlung waren die offensichtlichen Ergebnisse'.

Die Food and Drugs Administration in den Vereinigten Staaten war nach der Lektüre eines Exemplars von All About Radiation anderer Meinung. FDA Agenten durchsuchten die Distribution Center Inc, eine Firma von Scientology in Washington, beschlagnahmten 21'000 Dianazene Tabletten und vernichteten sie unter dem Vorwand, dass sie zu Unrecht als vorbeugende Behandlung für 'Erkrankung durch Strahlung' bezeichnet wurden.

Im Juli 1957 sprach Hubbard am 'Freedom Congress' im Shoreham Hotel in Washington. Während des Vortrags führte er zum ersten Mal eine Taufzeremonie durch. Deren Funktion, erklärte er, war einfach dem Thetan zu helfen, sich in seinem neuen Körper zurechtzufinden. Die ganze Zeremonie war formlos, wie es in der 'Ceremonies of the Founding Church of Scientology' getitelten Broschüre klar gemacht wurde. Nachdem das Kind seinen Eltern und Paten vorgestellt wurde, ging die Zeremonie weiter mit: 'Hier sind wir. (Zum Kind): Wie geht es Dir? Gut. Dein Name ist nun --- . Hast Du verstanden? Gut. Hier bist Du. Brachte Dich das durcheinander? Nun, hast Du verstanden, dass Du ein Mitglied von HASI bist? Ziemlich gut, huh?'. Danach wurden die Eltern und Paten dem Kind vorgestellt und die Zeremonie endete damit: 'Jetzt bist Du angemessen getauft. Sorge Dich nicht deswegen, es hätte schlimmer kommen können. OK. Herzlichen Dank! Sie werden Dich ganz gut behandeln'.

Sein Image als Familienvater war eine Farce, er bekundete für seine eigenen Kinder wenig Interesse. Nibs war höchst selten in der Lage seinem Vater zu gefallen, seine Schwester Catherine, damals einundzwanzig, begann für die Organisation in Washington zu arbeiten, sah jedoch Hubbard äusserst selten. Sie heiratete 1956 einen Scientologen, der ihrem Vater gefallen hätte, doch mochte er den Mann nicht; die Ehe überstand seine Missbilligung nicht, und sie ließ sich 1957 scheiden. Hubbard unternahm nicht das Geringste um sich mit Alexis zu treffen.

Im selben Monat wie der Freedom Congress legte die Central Intelligence Agency eine Akte, Nr. 156409, über L. Ron Hubbard und seine Organisation an. CIA Agenten durchforsteten Polizei-, Einnahmen-, Kredit- und Eigentumsaufzeichnungen, um Hubbards komplizierte Firmenangelegenheiten zu untersuchen und zu entwirren. Es war eine Herkulesarbeit, denn die Scientology Kirche war ein verwirrendes Labyrinth von ad hoc Firmen. Das gedruckte Briefpapier der Academy of Scientology gab nur einen Hinweis auf ihre labyrinthische Struktur - auf der linken Seite des Blattes war eine Liste von nicht weniger als siebzehn zugehörige Organisationen, die sich von der American Society for Disaster Relief bis zur Society of Consulting Ministers erstreckte.

Agenten spürten einer beträchtlichen Anzahl von Vermögenswerten nach, die entweder Hubbard, seiner Ehefrau, seinem Sohn oder einer der beängstigend großen Anzahl von 'Kirchen' gehörten, denen sie verbunden waren, aber der Bericht blieb bald in einem Gewirr von Namen und Adressen stecken: 'Die Academy of Religious Arts and Sciences wird gegenwärtig als eine Schule für Geistliche benutzt; sie hat zurzeit etwa dreissig bis vierzig Studierende. Der ganze Kurs im Wert von 1500 bis 1800 Dollar besteht tatsächlich aus eigentlichen Studien im Klassenzimmer . . . das öffentliche Büro befindet sich an der 1810-12 19th Street N.W. Das ganze Gebäude ist von der Gesellschaft gemietet.'

'Das Hubbard Guidance Center, das sich an der 2315 15th Street, N.W. befindet, nimmt das ganze Gebäude ein, das aus drei Stockwerken besteht, und das von der SUBJECT Organisation gekauft wurde. Das Center hat auch landwirtschaftliche Liegenschaften irgendwo an der Colesville Road in Silver Spring, Maryland, mit einem kurzfristigen Mietvertrag gemietet. Das Center hatte früher eine Filiale an der 8609 Flower Avenue, Silver Spring, Maryland. Zusätzlich zum Silver Spring Unternehmen hat das Center eine aktive Vereinbarung mit der Founding Church of Scientology in New York, welche Unterricht im Studio 847, Carnegie Hall, 154 West 57th Street, New York City erteilt. Es gibt mehr als hundert Kirchen dieser Glaubensrichtung in den Vereinigten Staaten'.

Einem Agenten wurde die undankbare Aufgabe zugewiesen, alle von Hubbard herausgegebene Werke an der Library of Congress durchzulesen, um einen 'Einblick' in Scientology zu gewinnen. 'Hubbards Arbeiten', bemerkte er niedergeschlagen, 'enthalten viele Wörter, deren Bedeutung nicht erklärt werden, sodaß sie auch ein Laie verstehen könnte - und das vielleicht absichtlich.'

Die District of Columbia Income Tax Division berichtete, daß die 'Kirche' sich um eine Genehmigung beworben hatte, als Religion in Washington DC zu wirken, wahrscheinlich ein Versuch um den steuerfreien Status zu erlangen, und die Personal Property Division berichtete, daß sie Schwierigkeiten hatte die Kirche zu überzeugen, ihre schriftlichen Berichte so abzufassen, daß eine persönliche Vermögenssteuer erhoben werden konnte. Wiederholte Telefonanrufe hatten nichts als Ausreden gebracht, warum die Berichte nicht erstellt werden konnten.

Am Ende konnte die CIA Akte nichts anderes als eine Vielzahl von vagen Verdachtsmomenten festhalten; sie deckte sicher keine überzeugenden Beweise von Rechtsverletzungen auf und sie enthüllte erstaunlich wenig über die bemerkenswerte Karriere des Gründers der Founding Church of Scientology, 'Dr. Hubbard '. Sie bemerkte nur: 'Er erhielt im Jahr 1954 den Grad eines 'Doctor of Divinity' und war während seiner beruflichen Laufbahn stets Geistlicher'.

Der offensichtlich zunehmende Erfolg der Scientology seit 1957 veranlasste zweifellos die Bundesbehörden, Hubbard gründlicher im Auge zu behalten. Das Washington Field Office des FBI zum Beispiel führte eine umfangreiche Akte, die sowohl Filme und Tonaufnahmen als auch Photos umfasste und akribisch jedes Beispiel von Hubbards überreichlicher Respektlosigkeit gegenüber den Behörden festhielt.

Als die Academy of Scientology einem Labor in Washington mehr als dreitausend Meter Film zur Verarbeiten lieferte, leiteten empörte Techniker dies dem FBI zur Untersuchung weiter mit der Behauptung, daß der Sprecher des Films Antiamerikaner war. Der Film umfasste sechs einstündige Vorträge von Hubbard, in denen er einen Witz über die Regierung machte, die die Wasserstoffbombe entwickelte, um 'mehr Leute schneller zu töten'.

Er redete auch über seine Erfahrung 'im Umgang mit dem kriminellen Verstand' als 'er ein Polizist war'. 'Das FBI denkt, daß es so etwas wie den kriminellen Verstand gibt - das ist immer ein grosser Witz', sagte er. 'Es gibt einen kriminellen Verstand und einen nicht-kriminellen Verstand. Das FBI hat mir nie einen nicht-kriminellen Verstand gezeigt. Gewiss, es ist schrecklich, diese Dinge auszusprechen - einfach Kommentare über J. Edgar, der ein ganz gutmütiger Typ ist, dumm, aber furchtbar gutmütig". Das Washington Field Office, dem vielleicht Hubbards Sinn für Humor fehlte, nahm ernsthaft Notiz von dieser Analyse ihres Direktors und leitete gewissenhaft die Nachricht an ihn weiter, daß L. Ron Hubbard ihn für 'dumm' hielt. [8]

Vom Ausmass des Interesses der Bundesbehörde an seinen Aktivitäten weitgehend ahnungslos, blieb Hubbard nach dem Freedom Congress in Washington um an der Academy of Scientology regelmäßiger Vorträge zu halten. Mary Sue und die Kinder schlossen sich ihm von London kommend an und sie alle zogen in das noble Haus an der 19th Street. Obwohl sie bald wiederum schwanger war, wurde Mary Sue zum 'Academy Supervisor' ernannt und blieb eine mächtige Figur in der Organisation. Am 6. Juni 1958 gebar sie ihr viertes Kind - ein Sohn namens Arthur Ronald Conway Hubbard. Wie seine anderen Brüder und Schwestern betrat Arthur die Welt mit einer flockigen Garnitur aus hellrotem Haar.

Beinahe das ganze Jahr 1958 durch hielt Hubbard Vorträge an der Academy in Washington. In einem berühmten für die Nachwelt aufgenommen und gewinnbringend vermarkteten Vortrag erzählte er die farbenfrohe 'Geschichte von Dianetik und Scientology'; er verflocht die Zusammenfassung mit Anekdoten und Witzen, alle mit einem guten Gefühl für das richtige Timing gebracht und löste damit schallendes Gelächter eines empfänglichen Publikum aus. Es war im Grunde genommen die Geschichte seines eigenes Lebens, wie er sie in seinem Gedächtnis zusammengestellt hatte - ein dürftiges Gerüst an Tatsachen, das mit aussergewöhnlichen Abenteuern ergänzt wurde.

'Die Geschichte begann als ich 12 Jahre alt war', erzählte er, 'und ich einen der grossen Männer der Freudschen Analyse traf, Kommandant Thompson, ein grosser Mann und Forschungsreisender. Er war Kommandant in der US-Navy. Seine Feinde nannten ihn den verrückten Thompson und seine Freunde nannten ihn 'Snake (Schlange)' Thompson. Er war ein persönlicher Freund von Freud und hatte keine eigenen Kinder. Auf einem grossen Transporter auf einer langen Seefahrt begann er damit, mich in die Mangel zu nehmen. Er hatte eine Katze mit dem Namen Psycho mit einem krummen Schwanz. Die Katze sollte Kunststücke machen und das Erste was er tat war, mir bei zu bringen, wie man Katzen dressierte'.

Er fuhr in ähnlicher Laune mit der Geschichte fort. Während er sich noch als Teenager in Asien aufhielt entdeckte er, daß er in der Lage war, 'im Bereich des asiatischen Mystizismus tätig zu sein'; im College nahm er nie am Unterricht teil, brachte aber andere Studenten durch Überreden dazu, seine Mathematikarbeiten abzulegen, während er ihre Abhandlungen in Psychologie übernahm. Es war leicht, sagte er. Er las die Lehrbücher die Nacht davor und machte am nächsten Morgen die Prüfung. Während den Jahren der Prohibition trieb er sich mit Zeitungsreportern herum, trank von 'allerbesten Gangstern' erworbenen Bathtub Gin [schwarzgebrannter Gin von miserabler Qualität].

Im Jahr 1938, als er 'recht gründlich zwölf verschiedene eingeborere Kulturen studiert hatte, nicht einbezogen die Leute in der Bronx', erkannte er den Trieb zum Überleben als gemeinsamer Nenner aller Lebensformen. Am Ende des Kriegs im Krankenhaus, wo er sich 'von einer Anhäufung von zuviel Kriegs-Scotch und Überdosen von Blei erholte', setzte er seine Forschung fort. 'Ich fand heraus, dass ich durch Nachahmen eines Zeichens am Kragen zum MD wurde. Sie liessen niemanden in die medizinische Bibliothek ausser den Ärzten, aber als ich dann mit dem Zeichen am Kragen reinschaute und ein Marineangehöriger für ein Paar Dollar an Krücken vorbeikam und sagte: "Guten Morgen, Herr Doktor", ging es plötzlich. So war ich in der Lage, hineinzukommen und ein Jahr lang in der medizinischen Bibliothek zu studieren'.

Nach dem Verlassen des Krankenhauses kaufte er eine Jacht und unternahm eine Kreuzfahrt zu den Westindische Inseln, dann verwendete er die Auszahlung seinen Kriegslohns, um weitere Forschungen zu finanzieren, - 'ich ging hinunter mitten rein nach Hollywood, mietete ein Büro, wickelte ein Handtuch um meinen Kopf herum und wurde ein Meister, wurde ein Swami'.

Das vielleicht aufschlussreichste Detail, das Hubbard während des Vortrags über sich sagte, war ein Kommentar über eine der von Kommandant Thomson bevorzugten kleinen Aphorismen. Es schien, dass der Kommandant jeweils Ron zu sagen pflegte, 'wenn es für Sie nicht wahr ist, ist es nicht wahr'. Es stimme mit seiner eigener persönlicher Philosophie überein, erklärte Hubbard, 'weil, wenn es jemanden auf der Erde gibt, der dazu bestimmt ist das zu glauben was er glauben will, so bin ich es'. Nie sprach L. Ron Hubbard ein wahreres Wort.

Im Oktober flog Hubbard nach London zurück, um die Leitung des sechswöchigen 'Advanced Clinical Course' in den neuen smarten Räumen von HASI an der Fitzroy Street im West End zu übernehmen. Cyril Vosper war einer der Studenten im Kurs; er hoffte auf einen Bachelor oder das Doctorate of Scientology - und er bemerkte eine markante Änderung in Hubbards Erscheinung: 'Die auffällige amerikanische Kleidung war weg. Jetzt trug er graue Tweedanzüge und Seidenhemden. Er sah wie ein gut gekleideter Akademiker aus und es lag ein Gefühl von Geld und Klasse über der ganzen Sache'. [9]

Der Hauptteil des Kurses, erinnerte sich Vosper, wurde damit verbracht, daß die Studenten gegenseitig ihre früheren Leben erforschten. Wie Hubbard in seinen Vorträgen über frühere Leben auf anderen Planeten oft erwähnte, gab es Schnellschussgewehre, fliegende Untertassen, Mutterschiffe der galaktischen Föderationen, Beamen und ähnliches. Vosper berichtete, dass viele der aufregenden früheren Leben, die während des Kurses ans Licht kamen, wie 'Flash Gordon' Abenteuer klangen.

Nibs, der einer der Ausbilder war, erwies sich als enorm einfallsreich auf dem Gebiet der früheren Leben. 'Wenn ein Student Schwierigkeiten hatte, sein letztes Lebens in Erinnerung zu rufen', sagte Vosper, 'war Nibs hilfreich beim Vervollständigen. Die Studenten wussten, daß wenn sie kein früheres Leben mit voller Erinnerung, mit Schmerz, Emotion und vollständiger Wahrnehmung hervorbringen konnten, würden sie kaum für wirkliche Scientologen gehalten werden. So entstand eine beachtliche Rivalität darüber, wer wohl das beachtlichste oder aussergewöhnlichste frühere Leben ausgraben konnte. Jesus von Nazareth war sehr beliebt. Mindestens drei Londoner Scientologen behaupteten, Vorfälle entdeckt zu haben, in denen sie gekreuzigt wurden und von den Toten auferstanden, um die Welt zu retten. Queen Elizabeth I, Walter Raleigh und Beda der Ehrwürdige waren auch beliebt. Lustigerweise traf ich keinen, der behauptete, irgendetwas von Attila, den Hunnen, Dschingis Khan oder Pontius Pilatus zu wissen.'

[Ron & Mary Sue with their four small children]
Hubbard als freundlicher Familienvater. Von links Suzette (4), seine Frau Mary Sue, Quentin (5),Arthur(1) und Diana (7). Alle hatten auf unterschiedliche Art leiden. (Photo Source Ltd)

Hubbard kehrte an Weihnachten nach Washington zurück, doch bereits nach Neujahr begann er Pläne zu machen, mit seiner Familie nach London zurückzukehren. Pam und Ray Kemp schrieben ihm, daß sie umzogen und daß somit ihr Haus im Norden von London, an der Finchley Road in Golders Green, verfügbar wäre, falls Ron eine Bleibe suchte. Die Hubbards - Ron, Mary Sue, die sechsjährige Diana, Quentin, fünf, Suzette, vier, und der acht Monate alte Arthur - kamen Ende Februar in London an und vereinbarten, das Haus der Kemps in Golders Green zu mieten.

'Meine Tochter Suzanne wurde an Rons Geburtstag geboren', sagte Pam Kemp. 'Ron kam mit einem schönen, hellorangen Angoraschal zu mir herüber. Er sagte, jedermann bringt Geschenke für das Baby, aber jeder vergisst, dass die Mutter die ganze Arbeit gemacht hat, darum brachte er ein Geschenk für die Mutter. Das war typisch für ihn.'

'Es war auch für ihn typisch, dass er weder die Miete noch den Obst- und Gemüsehändler bezahlte. Bevor sie einzogen, fragte uns der Obst- und Gemüsehändler auf der anderen Strassenseite, ob er den neuen Mietern vertrauen konnte und wir sagten "selbstverständlich". Ron liess eine riesige Rechnung auflaufen, die er nie bezahlte. Und er bezahlte uns nie irgendeine Miete. Wir fragten ihn immer wieder nach dem Geld. Er forderte uns auf, Mary Sue zu fragen, und sie sagte immer, daß sie kein Geld hatten.'

'Dann kam Ron eines Tages auf seinem Motorrad herüber, sehr aufgeregt und mit sich zufrieden. Er sagte, "ratet mal, was ich jetzt gemacht habe?"' [10]

Die Kemps waren von der Nachricht ihres Freundes verblüfft. Er gab bekannt, dass er den Besitz des Maharadscha von Jaipur in Sussex gekauft hatte.



[1]FBI memo, 11. Oktober 1957

[2]FBI memo, 27. Februar 1957

[3]HCO Technical Bulletin, Vol. II, 1955

[4]Interview mit Cyril Vosper, London, Dezember 1985

[5]Interview mit Pam Kemp, Palomar, CA, August 1986

[6]Founding Church of Scientology v. US Court of Claims No. 22-61

[7]Bericht der Untersuchungskommission zu Scientology, State of Victoria, Australien, 1965

[8]FBI Airtel, 7. August 1958

[9]Interview mit Vosper

[10]Interview mit Kemp